Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Eine scheinbar ganz gewöhnliche Familie: Vater, Mutter, zwei Söhne, zwei Töchter. Der Vater Damián ist Anwalt, sozial engagiert, verehrt Gandhi und verachtet Redensarten. Als Mann klarer Vorstellungen erzieht er seine Frau Laura und die Kinder Damián, Rosa, Martina und Aqui zu Disziplin und Sparsamkeit, Rücksichtnahme und lückenloser Offenheit. Die Konsequenz: Alle anderen versuchen auf je ihre Weise, sich der ungelüfteten Atmosphäre von Kontrolle und angespannter Stille zu entziehen. Sie proben stumm den Aufstand, suchen Auswege, entwickeln Geheimcodes oder unterlaufen die starren Regeln durch Übererfüllung.
"Aus dem Archipel Familie gibt es kein Entkommen", liest Rezensent Yannic Walter bei Sara Mesa, die wiederum schon von Friedrich Engels weiß, dass sich in der Familie die patriarchale, autoritäre, bisweilen diktatorische Gesellschaft und ihre Umgangsformen im Kleinen spiegeln. Die Spanierin erzähle perspektivenreich von einer Familie mit insgesamt vier Kindern, der Vater sei Anwalt, sie leben in einer bescheidenen, aber ganz netten Wohnung. Doch sobald er nach Hause kommt, erklärt Walter, fordert Vater Damián Gehorsam und Unterwerfung: Geheimnisse oder gar einen eigenen Schlüssel zur Wohnung zu haben, wird für die Kinder und insbesondere die beiden Töchter unvorstellbar - patriarchales Kontrollbedürfnis sind Dreh- und Angelpunkt von Damiáns Handeln. Mesa erzählt mit Vor- und Rückblicken, die nicht unbedingt wie ein klassischer Roman zusammengesetzt sind, sondern eher wie eine Kurzgeschichtensammlung, die im Mosaik-Modus ein sehr präzises "Röntgenbild einer Familie" entstehen lässt, schließt der angetane Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 16.04.2025
Sehr knapp, aber äußerst angetan bespricht Rezensentin Victoria Eglau diesen Roman der spanischen Schriftstellerin Sara Mesa. Trotz des Titels handelt es sich keineswegs um einen klassischen Familienroman, warnt die Kritikerin vor. Vielmehr porträtiert Mesa eine Familie, die vom tyrannischen Vater zum steten Zusammensein in klaustrophobischer Enge gezwungen wird, lässt uns Eglau wissen. In Fragmenten, dabei zwischen Zeiten und Perspektiven switchend, erzählt die Autorin von den verschiedenen Formen des Umgangs der einzelnen Familienmitglieder mit dem Kontrollwahn des Vaters. Dass es Mesa gelingt, die beklemmende Geschichte spannend, lebhaft und leichthändig zu vermitteln, kann die Rezensentin nur bewundern.
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