Der Schatten einer offenen Tür
Roman

Diogenes Verlag, Zürich 2024
ISBN
9783257071597
Gebunden, 272 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Die gottverlassene Provinzstadt Ostrog wird von einer Suizidserie von Jugendlichen im Waisenhaus erschüttert. Kommissar Alexander Koslow aus Moskau soll die Ermittlungen in die Hand nehmen, doch die örtliche Polizei hat ihre eigenen Theorien. Als Petja, ein Sonderling mit einem Herz für die Natur, verhaftet wird, glaubt Koslow nicht an dessen Schuld. Aber warum geriet Petja damals derart außer sich, als der Bürgermeister von Ostrog den Heimkindern einen Griechenland-Urlaub spendieren wollte?
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 18.12.2024
Dieser Roman von Sasha Filipenko, der sich nach und nach zu einer Kriminalgeschichte entwickelt, geht auf einen realen Fall im nordostsibirischen Tschukotien zurück, erklärt Rezensent Uli Hufen. Die Geschichte erzählt von einer mysteriösen Reihe an Suiziden unter Jugendlichen, die nach einem Ausflug ans Meer die Rückkehr in ihre triste, brutale Alltagsrealität nicht mehr aushalten. Sasha Filipenko verarbeitet hier die realen Zeugnisse von Heimbewohnern, Lehrern und Polizisten - nichtsdestotrotz bleibt seine Geschichte ihren Figuren seltsam fern, bedauert der Rezensent. Dass der Autor dachte, den Stoff als Krimi erzählen zu müssen, schadet dem Unterfangen, sich den jugendlichen Opfern und ihrem Alltag anzunähern, so der Kritiker. Stattdessen verliert sich die Geschichte in Ermittlerklischees und Popkulturreferenzen - von Authentizität ist da für Hufen nichts zu spüren. Auch wenn hier eine gute Absicht zu Grund liegt, fällt der Roman beim Kritiker krachend durch.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 30.11.2024
Weniger das Was als das Wie überzeugt Rezensentin Katharina Granzin an diesem Buch. Genauer gesagt ist es der düstere Humor, der ihr zusagt, und der auch dringend nötig ist, schließlich ist diese Geschichte über den Kriminalbeamten Koslow, der in einem russischen Provinznest fernab von Moskau eine Selbstmordserie in einem Kinderheim aufklären soll, reichlich trostlos geraten. Auch privat läuft es bei Koslow nicht rund, nachdem er von seiner Frau verlassen wurde, fährt die Rezensentin fort, eine weitere wichtige Rolle in der Handlung spielt derweil der vermeintliche Dorftrottel Petja, der in Wirklichkeit vieles in seiner Umgebung durchschaut und als einzige Figur hier nicht eigennützig handelt. Mit grobem Strich gezeichnet sind die Figuren, so die Rezensentin: Es gibt eine Spannung zwischen der Komik und den finsteren Lebensbedingungen der Menschen. Granzin vergleicht das Buch mit absurdem Theater und weist abschließend darauf hin, dass sich das, was sich hier flüssig wegliest, durchaus nah an den realen Verhältnissen angesiedelt sein dürfte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2024
Die "Knappheit der Ressource Humanität" ist es, was diesen Roman des belarussischen, nun im Schweizer Exil lebenden Autors Sasha Filipenko grundiert, konstatiert Kritikerin Kerstin Holm: In einem Heim in einer fiktiven, trostlosen russischen Stadt nehmen sich drei der Kinder das Leben, ein Polizist von außerhalb soll ermitteln. In raschen Szenenwechseln zeigt sich Holm, wie tief verstrickt Polizei, Pädagogen und Oligarchen in Korruption und Intrigen sind und wie die Härte dieser Gesellschaft vor allem die schutzlosen Kinder trifft. An die homerische "Odyssee" fühlt sie sich da nicht nur wegen der Einteilung in 24 Gesänge erinnert. Auch der Ermittler, der helfen soll, schwankt zwischen Entsetzen über die Zustände und der Unfähigkeit, nachhaltig etwas zu ändern - für die Rezensentin ein Roman, der auch in der krassen Konfrontation mit dem Glück überzeugt, die das Unglück erst so richtig schrecklich scheinen lässt und damit auch als Parabel auf das Russland nach 2022 lesbar ist.