Bücher der Saison

Krimis

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
18.11.2024. Davide Longo mordet langsam im Piemont, Sebastian Barry in Irland, Sasha Filipenko in einem russischen Waisenhaus. Mit dem Express nonstop in die Hölle geht es mit Pascal Garnier. Und mit Ross Thomas in einen amerikanischen Wahlkampf.
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Ein toter Filmproduzent in einem piemonteser Bergdorf, ein verschwundener Filmstar, politische Intrigen und ein Ermittlertrio, dass sich eher durch Melancholie als durch Effizienz auszeichnet - das sind die Zutaten zu Davide Longos Krimi "Am Samstag wird abgerechnet" (bestellen). Krimileser mit Geduld und Sinn für Komplexes kommen hier auf ihre Kosten, zumal auch die Figuren von Longo eindrücklich porträtiert werden, lobt in der FAZ Hannes Hintermeier. SZ-Kritiker Fritz Göttler fühlt sich an die großen Stummfilme eines Fritz Lang erinnert, mit "größenwahnsinnigen Verbrechern" und "geschlossenen Schauplätzen", wie einer Heilanstalt oder dem Landhaus eines schwulen Regisseurs. Im Dlf lässt Thomas Wörtche an seiner Meinung keine Zweifel aufkommen: Dieser Roman ist ein "literarisches Meisterstück", verkündet er fröhlich. Die Kommissare mögen depressiv sein, wenn nicht "fast bizarr", doch Longos pfiffige Metaphern geben dem Text ein Menge Witz, versichert der Kritiker.

Auch Sebastian Barrys "Jenseits aller Zeit" (bestellen), dessen Held der irische pensionierte Kriminalbeamte Tom Kettle ist, hat ausgesprochen literarische Qualitäten, schwärmt Adam Soboczynski in der Zeit. Spannend findet er vor allem, wie Barry die Geschichte Irlands mit dem Mordfall und den Verbrechen der Katholischen Kirche in Irland verbindet. Man kann Kettle nicht blind vertrauen, warnt Thomas Wörtche im Culturemag und spricht von "Kräuselungen der Wirklichkeit" in dessen Erinnerungen. Betört ist Wörtche dennoch, nämlich von "Barrys Prosa, die zwischen Donnerpredigt, feingepinselter Naturschilderung, präziser Psychologie und Soziologie der Figuren, derber Körperlichkeit und schonungslos drastischer Brutalität oszilliert". Für den Kritiker "ein literarisches Meisterwerk". So urteilt auch Annemarie Stoltenberg im NDR und empfiehlt diesen Krimi speziell für Wintertage: "Sebastian Barry schafft eine Atmosphäre wie an einem wärmenden Kaminfeuer." Hochaktuell ist Sasha Filipenkos "Der Schatten einer offenen Tür" (bestellen), der von einer Suizidserie unter Jugendlichen in einem russischen Provinzwaisenhaus erzählt: In raschen Szenenwechseln lernt FAZ-Rezensentin Kerstin Holm, wie tief verstrickt Polizei, Pädagogen und Oligarchen in Korruption und Intrigen sind. Das ist durchaus lesbar als Parabel auf Russland nach 2022, meint sie. Im NDR bewundert Annemarie Stoltenberg, den "pechschwarz-galligen Humor" des belorussischen Autors.

Wer es lieber schnell und schmutzig mag, dem empfiehlt Wörtche im Dlf Kultur Pascal Garniers "Zu nah am Abgrund" (bestellen), ein Super-Expresszug "nonstop in die Hölle und zurück". Hauptperson ist eine gründlich gelangweilte 64-jährige Witwe in der französischen Provinz, die sich in einen sehr viel jüngeren Mann verliebt und "wahrlich akrobatische Akte kognitiver Dissonanz" vollbringt, um nicht sehen zu müssen, dass der Geliebte ein Mörder ist. Ein einziger Anlass genügt, ihre eigenen Killerinstinkte zu wecken. Wörtche ist hin und weg von Garniers "salzsäurescharfen Beobachtungen" der französischen Bourgeoisie und einer Erzählkunst, die den Minimalismus eines Simenon noch übertrifft. Eine alte Frau, die sich von niemandem etwas sagen lässt, ist auch die Hauptfigur in Thomas Knüwers "Das Haus in dem Gudelia stirbt" (bestellen). Vor vierzig Jahren wurde ihr Sohn ermordet. Jetzt überschwemmt eine große Sturmflut das Dorf, in dem Gudelia, eine der störrischsten "alten Damen der Weltliteratur", lebt und droht, ihre Geheimnisse hochzuspülen. Tobias Gohlis (dlf kultur) hat es beim Lesen glatt "den Atem verschlagen". Sonja Hartl (SWR) wird zwar zwar schnell klar, was Gudelia versteckt, "das gesamte Ausmaß überrascht" sie dann aber doch.

Gut besprochen wurden außerdem "Finsteres Herz" (bestellen) dem zweiten Roman von Holger Karsten Schmidt mit seinem Ermittlerduo in Mecklenburg-Vorpommern. Diesmal geht es um ein entführtes bulgarisches Waisenmädchen. So finster die Geschichte um Menschenhandel beginnt, so spannend geht sie weiter, schreibt im dlf kultur Tobias Gohlis, dem noch die Hand kribbelt vor Aufregung, wozu auch das raffinierte Spiel des Autors mit verschiedenen Zeit- und Ermittlungsebenen beiträgt. Norbert Horst, selbst Kriminalhauptkommissar in NRW, lässt in "Lost Places" (bestellen) seine Kommissare drei Morde in Essen aufklären und glänzt laut taz-Kritikerin Katharina Granzin mit seiner anschaulichen Darstellung des Ermittleralltags. "Das Parfüm des Todes" (bestellen) der taiwanesischen Autorin Katniss Hsiao lehnt sich ein wenig an Patrick Süßkinds "Das Parfum" an, was den Zeit-Rezensenten Daniel Haas jedoch nicht sehr stört. Das "Duft-Genie" ist hier eine Kommissarin, aber mehr als dieser Gimmick gefällt Haas, wie Hsiao in die psychologischen Tiefen einer vertrackten Familie eintaucht und emotionale Passagen mit deftiger Brutalität mischt.

Auch die Altmeister der Krimiliteratur zeigen in diesem Herbst, dass sie es noch drauf haben: Sara Paretzky lässt ihre grundsympathische, für die Ausgebeuteten dieser Welt kämpfende Privatdetektivin V.I. Warshawski in "Entsorgt" (bestellen) den Kampf gegen Immobilienhaie aufnehmen, Ross Thomas zeigt in seinem neu übersetzten, erstklassigen Politthriller "Die Narren sind auf unserer Seite" (bestellen) von 1970, dass kaum jemand das Phänomen Wahlkampf in den USA so witzig und präzise, so zynisch und lebendig beleuchtet hat wie er. Tana French schickt ihre Protagonisten in "Feuerjagd" (bestellen) in die irische Einöde und zeigt, wie man langsam kinsternde Atmo, stimmige Charaktere und Spannung aufbaut. Mick Herron greift in "Slough House" (bestellen) in bester Thriller-Manier die Giftanschläge des russischen Geheimdienstes auf Sergei Skribal und dessen Tochter im Jahr 2018 auf. Und Volker Kutscher beendet mit "Rath" (bestellen) zum Leidwesen der Rezensenten seine Reihe um den im Berlin der 1930er ermittelnden Kommissar Gereon Rath mit Cliffhangern und jeder Menge Suspense.

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