Keiner wird um etwas bitten
Neue Geschichten

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432389
Gebunden, 165 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot. "Seit Februar fahren keine Straßenbahnen mehr". Immer wieder gibt es Momente der Stille in der vom Krieg heimgesuchten Großstadt. Menschen treffen sich an Orten, die noch halbwegs intakt sind: auf dem Fußballplatz, in der Kirche, in einem lichtdurchfluteten Hochhausbüro. Zhadan-Leser treffen Figuren, die sie aus Mesopotamien oder Internat kennen: Leute, bei denen man nie genau wusste, was sie eigentlich tun, ob sie Musiker, arbeitslose Lehrer, Werbeleute, Automechaniker oder unabhängige Experten sind. Jetzt sind sie mit völlig anderen Dingen befasst: nach der Bombardierung eines Wohngebiets eine alte Frau evakuieren; einen Job für jemanden finden, der als Invalide von der Front zurückgekommen ist; an der Trauerfeier für einen getöteten Kollegen teilnehmen, der eine Einheit an der Front kommandiert hat. Zhadan findet einen Ausdruck für die Schutzlosigkeit und die radikale Veränderung des Lebens in einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, dass überall der "große Tod" mit herumsteht, wo man sich auch trifft.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 31.05.2025
Eine "monumentale Kraft" entfaltet die Prosa Zhadans gerade aufgrund ihrer Reduziertheit, findet Rezensent Christian Thomas nach der Lektüre von dessen Buch über Russlands Krieg in der Ukraine. Der Kritiker trifft gelegentlich auf alte Bekannte aus anderen Büchern des Autors, der hier wieder vor allem über seine Heimatstadt Charkiw erzählt. Gleichzeitig allerdings verändert der Krieg die Menschen, erfährt Thomas von Zhadan. Das Buch lässt bewusst Leerstellen, so taucht beispielsweise das Wort "Russe" niemals auf, erklärt der Kritiker, dem Geschwindigkeitsterror des Krieges setzt es Langsamkeit entgegen und arbeitet viel mit Gedankenstrichen - insgesamt beharrt es auf dem Wert des Unausgesprochenen. Die "radikal nüchterne Prosa" hat aber eine große Wirkung, findet Thomas, außerdem werden die Texte mit Skizzen ergänzt, die Zhadan selbst angefertigt hat. Juri Durkot und Sabine Stöhr haben es obendrein hervorragend übersetzt, lesen wir. Sogar ein bisschen Wärme scheint hier und da durch all die Härten, schließt Thomas seine positive Rezension.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 08.04.2025
Eine herausragende Veröffentlichung ist dieser Band mit Erzählungen Serhij Zhadans laut Rezensentin Stephanie von Oppen. Zhadan widmet sich darin Menschen, deren Leben vom Krieg Russlands gegen die Ukraine gekennzeichnet sind, die meisten Geschichten spielen in Charkiw. Anrührend sind sie allesamt, stellt Oppen klar, sie erzählen von dem Versuch, in schwierigster Lage, körperlichen Verletzungen und Traumatisierungen zum Trotz, den Alltag würdevoll zu gestalten. Blumen im Krankenhaus, ein Paar im Hotel, dass einfach nur schlafen will, ein Mann, der mit seinen verbliebenen Fingern Klavier spielt: Momentaufnahmen, in denen das Grauen des Kriegs nicht direkt gezeigt wird, aber immer anwesen ist: "das frisch gewaschene T-Shirt riecht immer noch nach Waffen", so Oppen. Das ist alles ziemlich eindrucksvoll und gerade für Menschen, die nicht in der Ukraine leben, eine wichtige Lektüre, schließt die Rezensentin, die außerdem die Arbeit der Übersetzer - Sabine Stöhr und Juri Durkot - lobt.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 27.03.2025
Serhij Zhadan erzählt in seinem eindrucksvollen neuen Buch laut Rezensent Jens Uthoff Geschichten aus einem vom Krieg gezeichneten Land. Eine dieser Geschichten, in denen ein Vater und ein Sohn sich über Maradonas Handspieltor bei der WM 1986 unterhalten, liest Uthoff als Allegorie auf die aktuelle Situation im Ukrainekrieg. Insgesamt bleibt der Krieg laut Kritiker selbst latent in diesen Texten, die als Momentaufnahmen daherkommen und sich in nüchternen Dialogszenen entfalten. Sehr anschaulich sind einige der Szenen, die Zhadan entwirft, meint der Rezensent, der noch auf zwei weitere Geschichten näher eingeht und außerdem anmerkt, dass der Krieg selbst die Sprache des Autors identifiziert,was sich vor allem in den Beschreibungen niederschlägt. Gerade die in den Texten vermittelte Allgegenwart des Krieges abseits der Front macht Uthoff deutlich, was Krieg für die Menschen, die ihn erleben, bedeutet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
Serhij Zhadans Erzählungsband lässt Rezensent Hubert Spiegel nicht gerade optimistisch zurück, aber dennoch mit einem Rest Hoffnung - auf ein Leben ohne Angst für jene, von denen der Autor hier erzählt. Die Wut und Vehemenz, mit der der ukrainische Autor in seinem letzten 2022 erschienenen Buch noch über das Leben im Kriegsgebiet schrieb, über die "Monster" aus Russland, die Notwendigkeit des bewaffneten Widerstandes - diese Wut kann sich in "Keiner wird um etwas bitten" niemand mehr leisten, beschreibt Spiegel. Zu viel Energie bedarf es, sie aufrecht zu erhalten und diese Energie wird gebraucht - zum Überleben in einem Zustand ständiger Bedrohung. Es ist dieser Zustand, den der Autor in seinen zwölf lose verbundenen Erzählungen vermittelt, so Spiegel - was die Bedrohung mit den Menschen macht, wie sie sie zermürbt, die "Müdigkeit, Einsamkeit, Leere", die sie zurück lässt. Zhadan schreibt davon mit dem Feingefühl eines Autors, der seinen Figuren in der Literatur das geben will, was ihnen in der Wirklichkeit verwehrt bleibt: "Schutz", so der bewegte Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 22.03.2025
Einen Alltag, an dessen Abnormalität sich niemand gewöhnen kann, schildert Serhij Zhadan in seinen zwölf Geschichten, so Rezensent Joseph Wälzholz, der schwer beeindruckt ist von Zhadans unermüdlichem und mutigem Engagement. Den Krieg, in dem er selbst kämpft, beschreibt der Autor nicht direkt, dafür die Personen, die von ihm betroffen sind: da gibt es einen Invaliden, der einen neuen Job braucht und zum Bewerbungsgespräch muss, Eltern, die der Hochzeit ihrer Kinder nicht beiwohnen können, weil sie in den besetzten Gebieten leben, oder Handykontakte, die gelöscht werden müssen, weil die Personen im Krieg gefallen sind. "Meisterhaft" findet Wälzholz, wie Zhadan die Emotionen zweier Frauen bei einer Beerdigung wiedergibt: die eine ist die Geliebte, die andere die Ehefrau des hier zu Grabe getragenen Kommandeurs. Und trotz allem blitzt immer wieder ein kleines Zeichen der Hoffnung auf, verrät der Kritiker: die Sonne leuchtet in all dem Schrecklichen immer wieder am Himmel, zumindest eine Konstante in dieser aus den Fugen geratenen Welt, schließt der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.03.2025
Eindrucksvolle, freilich schon auch oft sehr traurige Geschichten versammelt dieser Band laut Rezensent Jörg Plath. Der ukrainische Autor Serhij Zhadan beschäftigt sich in ihnen nicht direkt mit dem Krieg infolge des russischen Überfalls auf sein Heimatland, aber dafür mit dessen Folgen: Es geht um die Geliebte eines getöteten Soldaten, ein anderes Mal um eine Tote, die aus ihrer Wohnung evakuiert wird, in einer dritten Geschichte weckt ein altes Fußballspiel Kampfgeist. Dem Rezensenten gefällt Zhadans knappe und doch reflexive Sprache in diesem "auf kluge und unpathetische Weise menschenfreundlichen" Buch. Zwar ist die Einsamkeit hier allgegenwärtig, ihr entgegen steht aber zum Beispiel die ewige Schönheit der Natur: Und bei aller Finsternis gibt es Zhadan am Ende doch noch Grund zur Hoffnung, verrät der überzeugte Plath.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.03.2025
Rezensent Jörg Plath empfiehlt die Erzählungen des ukrainischen Autors Serhij Zhadan. Die Texte handeln von der Wirkung des Krieges auf die Menschen, nicht vom Krieg selbst, erklärt Plath. Eine Frau alte Frau stirbt und wird von Evakuierern gefunden, Soldaten feiern Hochzeit, Kinder werden mit Hilfsgütern versorgt. Hinter diesen "diskreten" in "karge" Sprache gefassten Geschichten, wirkt der Krieg, stellt Plath fest. In präzisen Rückblenden scheint auf, was möglich gewesen wäre, und die Hoffnung wird lebendig, so der Rezensent über ein "menschenfreundliches" Buch.