Ausgewählt und aus dem Ukrainischen übersetzt von Beatrix Kersten. Hryhir Tjutjunnyks Erzählungen eröffnen kleine Welten, in denen das Leben fragil erscheint vor der Übermacht der Umstände. Trotzdem sind seine Figuren von unhintergehbarer Würde und unvergesslicher Schönheit. Liebevoll und zugleich mit der lakonischen Distanz des Melancholikers schildert er das Los der einfachen Menschen im Donbass der Nachkriegszeit und eröffnet so Einblicke in die Tiefenstruktur einer Region, die heute wieder in aller Munde ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2025
Ein glückliches Leben hatte der ukrainische Autor Hryhir Tjutjunnyk wahrlich nicht. 1931 geboren war es vom Holodomor geprägt, vom zweiten Weltkrieg und vom Stalinismus. Vom offiziellen sowjetischen Literaturbetrieb missachtet und gedemütigt, verfiel Tjutjunnyk dem Alkohol nahm sich 1980 das Leben - Angaben, die der Kritiker Jörg Plath dem "informativen Nachwort" der Herausgeberin und Übersetzerin Beatrix Kersten entnimmmt. Die Geschichten selbst sind "zart", erzählen von Dörflern und der Heimat, doch immer wieder gibt es etwas Verstörendes, ein plötzliches Schweigen, so Plath. Gott ist schon lange tot und die Russifizierung der Ukraine schreitet unaufhaltsam voran - Plath spürt die "leise Trauer" um das Verlorene.
Der Ukrainer Hryhir Tjutjunnyk ist Zeit seines Lebens nicht im sowjetischen Literatur-Mainstream angekommen, weiß Kritikerin Katharina Granzin, zu weit waren seine naturbetonten Erzählungen vom sozialistischen Realismus entfernt, sodass sie auch erst über vierzig Jahre nach seinem Tod auf Deutsch erscheinen. Zwischen Kindern, die neugierig und träumerisch durch den Wald spazieren und alten, isolierten Männern spielt immer der Trost der Natur die wichtigste Rolle in den Texten, deren einfühlsame Sprache Beatrix Kersten kongenial übersetzt hat, verrät Granzin. Sie verliert sich gerne in den Geschichten, in denen "noch die kleinsten Einzelheiten belebend" wirken, wie sie resümiert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.06.2024
Die hier versammelten Erzählungen von Hryhir Tjutjunnyk sind nun erstmals dem deutschen Publikum zugänglich und Rezensent Ulrich M. Schmid freut sich sehr darüber. Der Anfang der Dreißiger Jahre geborene ukrainische Autor verwandelt darin, so Schmid, die traumatischen Umstände seines von der Geschichte der Sowjetukraine geprägten Lebens - die Hungersnot von 1932/33 und die Ermordung des Vaters im Kontext des Stalin-Terrors - in die "ewige Gegenwart des einfachen Lebens". Tjutjunnyks literarischer Impressionismus verweigert sich dabei, lobt der Rezensent, dem ästhetischen Regelwerk des sozialistischen Realismus. Ohne "effekthascherische Pointen" und mit persönlicher Note erzähle der Autor von gewöhnlichen Menschen wie der dreifachen Witwe Marfa oder dem im Sommer in einer kleinen Hütte am Fluss lebenden Fischer Danylo. Ein bedeutender Erzählungsband, dessen sorgfältige Zusammenstellung und Übersetzung ins Deutsche durch Beatrix Kersten Schmid vom Rezensenten sehr begrüßt wird.
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