Siegfried Weischenberg

Schuld und Geheimnis

Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik
Cover: Schuld und Geheimnis
Herbert von Halem Verlag, Köln 2026
ISBN 9783869627489
Gebunden, 716 Seiten, 64,99 EUR

Klappentext

Die Geschichte der deutschsprachigen Publizistik war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Abenteuergeschichte mit vielen Geheimnissen. Sie wird in diesem Buch aus der Perspektive von 'Medienlegenden' erzählt, die in Memoiren ihr Leben in jener Zeit beschrieben haben. Viele von ihnen hatten jüdische Wurzeln; schon bald nach Hitlers Machtergreifung mussten sie emigrieren. Publizist:innen mit 'Arier-Nachweis' konnten hingegen während des 'Dritten Reichs' weiter publizistisch aktiv bleiben. Ihre Bekenntnisse und Geständnisse führen zu Erkenntnissen über die Themen 'Schuld' und 'Vergessen', die uns im Moment wieder besonders stark beschäftigen müssen. Intensiv 'beim Wort genommen' werden in dieser Studie insgesamt 36 deutsche Medienlegenden, darunter Alfred Kerr, Theodor Wolff, Curt Riess, Hans Habe und Georg Stefan Troller sowie Gabriele Tergit, Stéphane Roussel und Hilde Spiel - alle mit jüdischen Wurzeln. Zu den Deutschen, die Diener des Systems gewesen waren und nach dem Krieg, als sie (weiter) zur Medienprominenz gehörten, wenig selbstkritisch oder sogar lügnerisch mit ihrer Vergangenheit umgingen, zählen Friedrich Sieburg, Karl Korn, Walter Henkels, Henri Nannen, Fritz Sänger, Margret Boveri und Elisabeth Noelle. Auch die Nebenrollen sind in diesem Buch über 'Medienlegenden' prominent besetzt - mit Personen der Zeitgeschichte aus Politik, Kunst und Wissenschaft wie Rathenau und Stresemann, Brecht, Kafka, Schönberg und Furtwängler sowie Röntgen, Cassirer und Adorno.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2026

Rezensent Oliver Jungen lernt viel über die bundesdeutsche Medienwelt aus diesem Buch. Der Soziologe Siegfried Weischenberg untersucht in demselben um die 100 Autobiographien von Journalisten aus der Nachkriegszeit sowie der Zeit zwischen den Weltkriegen. Es geht ihm darum, herauszufinden, wie der Bruch in der deutschen Presselandschaft, der durch die Vertreibung und Tötung jüdischer Journalisten in der Nazizeit entstanden ist, sich im subjektiven Erleben der Beteiligten - der jüdischen wie der nichtjüdischen - artikuliert. Im Falle der nichtjüdischen fällt Weischenberger auf, wie häufig sie ihre eigene Biographie beschönigen und damit ein weiteres Mal Schuld auf sich laden. Als Beispiele nennt er Elisabeth Noelle und Karl Silex, die in der Nazizeit für Systemmedien gearbeitet hatten, hinterher jedoch von nichts eine Ahnung gehabt haben wollten. Gegenbeispiele gibt es auch, aber nicht viele, eines davon ist Helene Rahms, die ihre eigene Komplizenschaft eingesteht. Jungen liest das alles interessiert und er freut sich auch über jede Menge lebendige Anekdoten aus der publizistischen Vergangenheit; nur etwas mehr Gegenwartsbezug, zum Beispiel auch mit Blick auf den Hang des gegenwärtigen Pressewesens zur unverhältnismäßigen Israelkritik, hätte er für angebracht gehalten.

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