Vorwort von Rudolf Müller. Die moderne Zeit gilt als universal; die Industriegesellschaften scheinen den linearen und abstrakt-homogenen Zeitbegriff gemeinsam zu haben. Doch wie sieht die Zeitvorstellung in einem so fremden und zugleich modernen Land wie Japan aus, wo die nach westlichem Vorbild übernommene chronometrische Zeit vom Staat eingeführt wurde und den Alltag zu beherrschen scheint? Wie verstehen japanische Frauen und Männer ihre Arbeitszeit, Freizeit, Lebenszeit und Zukunft? Sonja Gabbani-Hedmans detaillierte Analyse lebensgeschichtlicher Erzählungen von Japanern aus der Großstadt Nagoya bringt sehr vielfältige Zeitvorstellungen zum Vorschein. Diese stellen die Universalität des linearen, abstrakt-homogenen Zeitbegriffs in Frage, der sich von der konkreten sozialen Lebenswirklichkeit der Menschen abgelöst hat. Der Blick auf Japan führt schließlich zur Reflexion über die Zeiterfahrungen in der eigenen Gesellschaft.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2006
Interessant scheint Rezensent Steffen Gnam diese Studie über "Zeitvorstellungen in Japan", die Sonja Gabbani-Hedmans vorgelegt hat. Er bescheinigt der Autorin, die Bedeutung der Einführung der präzisen Uhrzeit, des christlichen Kalendersystems und der Weltstandardzeit in Japan 1873 für die Modernisierung des Landes aufzuzeigen. Hinter der Oberfläche der Herrschaft des westlichen Zeitbegriffs haben sich indes folkloristische Zeitvorstellungen erhalten. In diesen Zusammenhang hebt Gnam die von Gabbani-Hedmans untersuchten lebensgeschichtlichen Erzählungen von älteren Bewohnern Nagoyas hervor, die von anderen Zeitkonzepten erzählen. Deutlich wird für Gnam, dass der Übergang von der agrarischen zur urbanen Gesellschaft in Japan einen Verlust von Zeitsouveränität nach sich zog. Besonders aufschlussreich findet er hier Gabbani-Hedmans Deutung der Standardbiografie des japanischen Angestellten als "biografische Illusion".
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