Königtümer gelten als überkommene, allenfalls noch folkloristisch und touristisch bedeutsame Regierungsformen. Doch die Bindungs- und Herrschaftskraft von Königen sind immer noch erstaunlich, was sich besonders in Krisenzeiten erweist.Diese Essays von David Graeber und seinem akademischen Lehrer Marshall Sahlins untersuchen unter Sichtung weltweiter Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart die historische und anthropologische Wirkmacht der Monarchien. Sie zeigen, dass sich im Königtum nicht nur menschliche Grundfragen des Verhältnisses zu Göttlichkeit, Fremdheit und Gruppenzugehörigkeit spiegeln. In ihm verbirgt sich auch eine Ordnungsform, die sich in den demokratischen Staaten noch erhalten hat und unser Denken fundamental bestimmt. Die scharfe Analyse einer faszinierenden und allgegenwärtigen politischen Figur - und wie wir uns von ihr lossagen könnten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.12.2022
Rezensent Ulrich van Loyen verfolgt gespannt, was David Graeber und Marshall Sahlins in ihrem Buch über Könige über die "Grundsubstanz" von Macht und Herrschaft zu sagen haben. So gehen die Ausführungen des kapitalismuskritischen Aktivisten Graeber und des Ethnoarchäologen Sahlin in Anlehnung an Arthur Maurice Hocart von der Annahme aus, dass das Königtum eine "abgeleitete göttliche Funktion" sei, wie der Kritiker erklärt, und drehen sich vor allem um die Frage, ob menschliche Gesellschaften überhaupt anders als irgendwie beherrscht zu denken seien. Spannend findet der Kritiker vor allem, wie die Autoren darlegen, dass im Königtum aber auch ein Befreiungspotenzial steckt, nämlich in der "Einhegung", also Vergegenständlichung und Domestizierung der göttlichen Kräfte, wie van Loyen erklärt. Ein Vorzug der englischen Originalausgabe im Vergleich zur deutschen scheint ihm zu sein, dass die englische zusätzlich zu den Aufsätzen auch noch ethnografisches Beweismaterial aufführt, was die Argumentation noch verständlicher werden lasse.
Rezensent Michael Wolf ist vor allem interessiert an den politischen Implikationen von Marshall Sahlins und David Graebers ethnologischen Ausführungen zum Thema Souveränität. Denn die Hauptthese des Bestsellerautors und linken "Stichwortgebers" Graeber und seines ehemaligen Doktorvaters Sahlin findet der Kritiker auffällig, widerspricht sie doch mittlerweile weitverbreiteten Annahmen: So seien politische Hierarchien wie Monarchien historisch als Imitation religiöser Hierarchien anzusehen - und nicht andersherum, wie es seit Durkheim und Marx eigentlich allgemein anerkannt sei, so der Kritiker. Wie Graeber und Sahlin dies in ihren stark gekürzten Essays, in voller Länge 2017 erschienen, ausführen, dicht und auf Grundlage einer "beeindruckenden Materialfülle", liest der Kritiker mit großem Gewinn. Die "Radikalität" der Schlussfolgerung jedoch, die die Autoren nahelegen, nämlich dass sich in dieser Logik auch heutige Hierarchien nicht mehr auf "rationale oder humane Ideen" berufen können, bedarf der weiteren Ausführung, findet Wolf.
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