Gedichte werden nicht aus Ideen gemacht, sondern aus Worten, aus den Bausteinen, die die 26 Lettern des Alphabets bilden. Doch Buchstaben sind Nomaden. Sie entfalten - wie im Anagramm - ihr Eigenleben und suchen nach neuen Konstellationen. Seit jeher verspüren die Lettern eine starke Affinität zum Reich der Zahlen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 02.02.2005
Der Dichter Stephan Krass, den Karl-Heinz Ott lieber als Buchstaben-Experimentator bezeichnet, steht in der Tradition der Oulipo-Poeten, die ihr Schreiben technischen Zwängen unterwerfen und ihre Texte aus der Reibung von Sprache und Regel gewinnen. Krass, der bereits einen Anagrammband vorgelegt hat, hat für sein neues Buch eigens ein alphanumerisches Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe er Gedichte von Goethe, Eichendorff, Benn und Heine umdeuten, kommentieren, neu formulieren kann. Das Erstaunliche an diesem eher mechanischen Vorgehen ist, meint Ott, dass die Resultate alles andere als mechanistisch seien. Krass' Transkription eines Emily Dickinson-Gedichts sei die mathematische Operation in keiner Weise anzumerken, sie sei von geradezu anrührendem Gestus, bemerkt Ott, ein weiterer Beleg für ihn, dass Krass nicht bloß ein Wortmechaniker und Anagrammatiker ist, sondern außerdem ein "dadaistischer Aphoristiker" und "subtiler Spracharchitekt", ohne dessen Fähigkeiten alle Rechenkünste ins Leere liefen.
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