T.C. Boyle

Dr. Sex

Roman
Cover: Dr. Sex
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN 9783446205666
Gebunden, 470 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Dr. Kinsey, Verfasser der berühmt-berüchtigten Kinsey-Reports über das sexuelle Verhalten von Mann und Frau, ist der Protagonist von T.C. Boyles Roman "Dr. Sex". Auch fünfzig Jahre nach dem Skandal ist das Thema Sex noch immer nicht aus der Mode. Es ist das Jahr 1939, und auf dem Campus der Universität Indiana ist eine Revolution ausgebrochen. Alfred Kinsey, Zoologe, beschäftigt sich mit dem sexuellen Verhalten von Männern und Frauen - rein empirisch natürlich. John Milk, Student und ehrgeiziger Provinzler, gerät in seinen Bann und in seinen engsten Forscherkreis. T. C. Boyle erzählt die Geschichte eines genialen, fanatischen Helden und porträtiert dabei die prüde und heuchlerische Gesellschaft des Amerikas der vierziger und fünfziger Jahre.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.05.2005

Zurückhaltend äußert sich Irene Binal zu T.C. Boyles neuem Roman über den Sexualforscher Alfred C. Kinsey. "Dr. Sex", so der laut Binal schlecht gewählte Titel der deutschen Übersetzung, rekonstruiere das Wirken Kinseys in den Vierzigern und Fünfzigern aus der Perspektive seines fiktiven Assistenten John Milk. Die Rezensentin beschreibt Milk einerseits als Verehrer Kinseys, der aber auch skeptisch ist angesichts der Konsequenzen, die sich aus Kinseys Propagierung des schrankenlosen Sex ergeben. So frage er sich beispielsweise, wie er den Ehebruch seiner Frau Iris - über den sich sein Mentor begeistert zeigt - als Schritt in Richtung sexuelle Befreiung mit seiner Eifersucht in Einklang bringen soll. Leider habe T.C. Boyle es vermasselt, diese "innere Zerissenheit" der Hauptfigur spannungsreich darzustellen, meint Binal. Milk erscheine selbst während seiner größten Krisen "recht indifferent". Generell wundert sich die Rezensentin über den für Boyles Verhältnisse ruhigen und konventionellen Stil und die "Ambivalenz" des Werkes, das häufig an "seiner Trägheit krankt". Und Sex-Szenen gebe es trotz des sexy Themas allenfalls am Rande. Dennoch räumt Binal ein, Boyle sei die "freie und komplexe Zeichnung eines Menschen" gelungen, "dessen wahre Motive wohl nicht ganz so altruistisch waren, wie er der Welt weismachen wollte."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2005

Recht vernichtend fällt Kolja Mensings Urteil über T.C. Boyles jüngsten Roman "Dr. Sex" aus. Denn die spannendsten Passagen, die Boyles literarische Biografie des berühmt-berüchtigten sexuellen Aufklärers Alfred Kinsey laut Rezensent zu bieten hat, sind jene, die tatsächlich stattgefunden haben, wie etwa die erste Vorlesung zum Thema "Ehe und Familie", mit der Kinsey sein Auditorium zutiefst schockierte. Auch in der Tatsache, dass Boyle eine Fragestellung verfolgt, die Kinsey selbst "offenbar vollkommen gleichgültig" war, nämlich die "Frage nach dem Zusammenhang von Sexualität und Liebe", sieht der Rezensent einen Defekt des Buches. Zur Erörterung dieser Frage schleuse Boyle den "(zunächst) verklemmten und leicht romantisch veranlagten Literaturstudenten" John Milk in Kinseys Forschungslabor ein und inszeniere eine sich mehr und mehr zuspitzende Ehekrise zwischen Milk, der zunehmend von Kinseys "biologistischen Überzeugungen" angesteckt wird, und dessen Frau Iris, die an einer "zaghaft enthemmten bürgerlichen Liebe" festhält. Diese Ehekrise empfindet Mensing nicht nur als langweilig, sondern auch als simplen "Trick, um eine flott geschriebene Biografie wie einen echten Roman wirken zu lassen". Sein Fazit lehnt sich an Kinseys quantitative Methode an und vergibt "auf einer Skala von 0 für 'schlechtes Buch' bis 6 für 'richtig gutes Buch'" die doch recht klägliche Note 2.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

Es geht dem "ebenso klugen wie coolen" T.C. Boyle in seinem "großartigen" Roman nicht um die Biografie von Alfred C. Kinsey, stellt Walter van Rossum fest, sondern um den Prozess der Entstehung eines neuen Wissens von der Sexualität. Boyle lässt den fiktiven Assistenten John Milk erzählen, wie er nicht nur für Kinsey arbeitete, sondern wie er ihn verehrte und sich am Schluss aus dem Bannkreis des ebenso charismatischen wie manischen Wissenschaftlers zu lösen versuchte. Dem Sujet angemessen versteht es Boyle, das ganze Buch lang einen "kostbaren Erregungszustand" zu halten und den Leser gleichzeitig zum "erstaunten Zeugen dieser Erregung" zu machen, berichtet der Rezensent. Im ja ursprünglich sinnesbetonten Genre des Erzählens schaffe es Boyle, auf der "Klaviatur der Sinne" Botschaften von "erstaunlicher Komplexität" zu vermitteln. Boyle will den am Ende immer besessener agierenden Kinsey nicht zur moralischen Beurteilung freigeben, sondern zeige, wie ein Mann "auf hohem Niveau seine Lebensschlacht verliert". Einzig und allein der völlig unpassende "hemdsärmlige" deutsche Titel stört van Rossum.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.03.2005

In Europa werden Buch und Film über den Sexualforscher Kinsey kaum die gleiche Empörung hervorrufen wie in Amerika, ist sich Julia Encke sicher. Das eine hat aber mit dem anderen nicht viel zu tun, weiß sie auch: anders als Bill Condon in seinem Film "Kinsey" setze T.C. Boyle dem Wissenschaftler kein romantisches Denkmal. Eher portraitiere er ihn als egomanen Wissenschaftler, der vom Zweiten Weltkrieg oder der Atombombe keinerlei Notiz genommen hat. "Dr. Sex" wird aus der Warte eines (von Boyle erfundenen) Assistenten geschildert, berichtet die Rezensentin, der sich zwischen den Anforderungen seines Jobs und der ablehnenden Haltung seiner Frau zerrieben sehe. Job und Privatleben seien für John Milk nicht klar zu trennen, erläutert Encke, da Kinsey den völligen Einsatz seiner Mitarbeiter fordere, nicht nur zeitlich, sondern auch als Experimentiersubjekte. Was den Autor interessiere, sei der "bittere Beigeschmack der Befreiung", erklärt Encke, weshalb Boyle die ambivalenten Seiten dieses schonungslosen Sexaufklärers herausarbeite und dabei ein "aufregend quälendes Porträt" von Kinsey zustande gebracht habe.
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