Herausgegeben von Bernd Stiegler. Der Prozess gegen Fritz Angerstein, der in der hessischen Kleinstadt Haiger 1924 acht Menschen umgebracht hatte, gehört zu den aufsehenerregendsten seiner Zeit. Zahlreiche Prozessbeobachter wurden entsandt, um darüber zu berichten. Zu ihnen gehörte als Sonderberichterstatter der Frankfurter Zeitung auch Siegfried Kracauer, dessen Feuilletons ihn als einen der scharfsinnigsten Beobachter der Weimarer Republik ausweisen. Er widmete dem Sensationsprozess eine Serie von Artikeln, von denen einer den programmatischen Titel "Tat ohne Täter" trug. "Eine Tat ohne Täter", so schrieb Kracauer, "das ist das Aufreizende, nicht zu Fassende im Fall Angerstein. Unausdenkbar die Tat: eine Orgie der Axthiebe und Stichverletzungen. Wer aber ist der Täter, der zu ihr gehört? Angerstein? Der kleine, subalterne Mann mit den bescheidenen Manieren, der verzagten Stimme und der dumpfen Phantasie?" Die scheinbar motivlose Tat blieb ein Rätsel und das nicht nur für den Angeklagten, der, wie er zu Protokoll gab, sich selbst ein Rätsel sei, sondern auch für die Gutachter und Sachverständigen. Sie wurden zu Rate gezogen, weil die Unerklärlichkeit die eigentliche Provokation des Prozesses darstellte. Diese Ausgabe enthält neben der kompletten Folge der Prozessberichte aus der Frankfurter Zeitung zahlreiche weitere Text- und Bild-Dokumente sowie ein umfangreiches Nachwort.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2013
Instruktiv findet Rezensentin Katharina Teutsch diesen von Bernd Stiegler herausgegebenen Band über den Mordfall Fritz Angerstein. Der Band dokumentiert für sie eines der psychologisch rätselhaftesten Verbrechen der Weimarer Republik: der Unternehmer Angerstein hatte seine Familie und vier Hausangestellte auf bestialische Weise ermordert - ohne erkennbares Motiv. Auch der Einsatz sämtlicher kriminologischen Methoden der damaligen Zeit von der Psychiatrie bis zur Hirnvermessung konnte den Fall nicht klären. Den vorliegenden Band mit seiner kommentierten Sammlung von Prozessakten und Presseberichte zum Fall Angerstein wertet die Rezensentin als mentalitätsgeschichtlich besonders interessant, sieht sie in dem Mordfall doch einen "paradigmatischen Kriminalfall der Weimarer Republik".
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