42
Roman

Aufbau Verlag, Berlin 2005
ISBN
9783351030421
Gebunden, 368 Seiten, 22,90
EUR
Klappentext
Nicht weit von Genf, der Stadt der Atomphysiker, Diplomaten und Uhrmacher, liegen die unterirdischen Anlagen des Kernforschungszentrums CERN. Als an einem sonnigen Augusttag eine Besuchergruppe wieder ans Tageslicht tritt, ist die gesamte Genfer Region, ja ganz Europa in einen Dornröschenschlaf gefallen. Die Besucher bewegen sich wie in einer "Fotografie der Welt". Steht die Zeit still? Was ist geschehen? Hat der Teilchenbeschleuniger eine Zeitkatastrophe verursacht? Die 70 "Chronifizierten" müssen mit einer traumatischen Situation von Einsamkeit, Macht und Ohnmacht zurechtkommen, Theorien entwickeln und Strategien des Zusammenlebens erproben. Obwohl für sie die persönliche Zeit weiterläuft, in der sogar Kinder geboren werden, sind sie scheinbar in alle Ewigkeit gefangen in der 42. Sekunde um 12:47 dieses Sommertags - bis nach fünf Jahren aus wahrhaft heiterem Himmel die Weltzeit plötzlich für 3 kostbare Sekunden weitertickt. Aus ihrer Lethargie gerissen, sammelt sich die inzwischen durch Krankheiten und mörderische Auseinandersetzungen dezimierte Gruppe zu einem "finalen Experiment".
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 05.11.2005
Tiefe Bewunderung spricht aus den Zeilen des Rezensenten Karsten Kredel. In seinem "sprachlich wie konzeptuell beeindruckenden" Roman setze Thomas Lehr ein buchstäbliches und allgemeines Stillstehen der Zeit in Szene, von dem nur siebzig Menschen verschont bleiben, die daraufhin als "Chronifizierte" in einer erstarrten Welt umherwandeln. Es sei erstaunlich, wie es Lehr gelinge, "Stillstand und Richtungslosigkeit" in Worte zu fassen. Auch dass Lehr dem Leser nicht nebenbei und "en passant" physikalische Lehrstunden erteilt, sondern die existenzielle Qualität der physikalischen Fragen spürbar macht, ist dem Rezensenten äußerst sympathisch. Weder Handlungsfülle noch "Empathie" halte Lehr in seinem Roman bereit, dafür aber etwas, was dem Rezensenten unendlich wertvoller erscheint, und das zugleich als Forderung an den Leser und als Geschenk an ihn daherkommt: "Konzentration". Indem er die einzelnen Erfahrungen der "Chronifizierten" in "extremer narrativer Zeitlupe" einkreise und sie so in das Bewusstsein des Lesers "einfräse", lasse Lehr fünf Jahre "Unzeit" zu einer "endlos gedehnten Sekunde" werden und entführe den ausdauernden Leser in ein "eloquentes literarisches Staunen, das konsequent Form und Inhalt in Übereinstimmung bringt". Thomas Lehr, so das begeisterte Fazit des Rezensenten, ist mit diesem Roman eine "meisterhafte Phänomenologie der märchenhaften Welt zwischen zwei Sekunden" gelungen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.10.2005
In allen früheren Büchern von Thomas Lehr habe das Thema Zeit bereits eine Rolle gespielt, meint Rezensent Guido Graf, und so habe "42" als gewissermaßen exklusiver Roman über die "Textur der Zeit" eine schon beträchtliche Vorgeschichte. Lehrs Protagonist Adrian Haffner gehört zu einer Besuchergruppe des Kernforschungszentrums CERN, referiert der Rezensent die Ausgangssituation des Romans, die als einzige ein verunglücktes Experiment unbeschadet überstanden haben. Alles andere stehe still, "eingefroren" in der Zeit, selbst die Vögel. Genau an dem Ort, wo Rousseau einst seinen Gesellschaftsvertrag entwarf, gelänge den 71 überlebenden "Chronifizierten" jedoch keineswegs ein neuer Anfang, sondern die letzten zwischenmenschlichen Regungen auf Erden kulminierten in einer um "Perversionen bemühten Orgie". Diese Menschen können sich dem Rezensenten zufolge noch bewegen, den "sozialen Tod" seien sie aber bereits lange zuvor gestorben. Hier liegt für Graf die "vielleicht" eigentliche Frage des Romans: "Was ist Einsamkeit?". Zuletzt gibt der Rezensent noch einen interessanten Hinweis zur zur Entstehungsgeschichte von "42". Der Autor habe das Wendejahr 1989/90 aus der "stillen Schweizer Ferne" beobachtet und die Grundkonstellation von tickender Weltzeit und "verkapselten Individuen" sei durchaus als "konkrete Anregung" zu verstehen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005
Hier ist er, der Roman, der beweist, dass moderne Naturwissenschaft und Literatur doch segensreiche Verbindungen eingehen können, jubelt die Rezensentin Beatrix Langner. Im Genfer Kernforschungszentrum Cern ereigne sich am 14. August 2000, 12 Uhr 47 Minuten 42 Sekunden ein Riss im Zeitkontinuum: Die Welt stellt still - es herrscht "Nullzeit". Nur für eine Gruppe von Personen, die sich zu besagtem Zeitpunkt in einem Aufzug des Cern befanden (darunter der Ich-Erzähler), geht die Zeit weiter. Wie die "Leibnizschen Monaden", so die Rezensentin, ziehen sie daraufhin durch die Welt und entwickeln recht zügig "kriminelle Energie", die Lehr mit "schändlicher, aber äußerst bildstarken Phantasie" inszeniert. Entzückt lobt die Rezensentin den Autor als Erben Döblins und Brochs, der physikalische und geisteswissenschaftliche Zeitdefinitionen gekonnt kollidieren lasse, was das für den Laien ohnehin schon große Lesevergnügen für den Eingeweihten noch steigere. Zwar könne man Lehrs "Meditation über das Sein, die Zeit und das Nichts" als eine Art Wahnwitz betrachten, doch "seine flapsige Arroganz, die expressionistische Gewalt seines Stils, der poetische Surrealismus seiner Erfindungen geben ihm Recht", schließt die Rezensentin beeindruckt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 13.10.2005
Anfänglich wird der Leser von Thomas Lehrs Thriller "42" etwas irritiert sein, prophezeit Helmut Böttiger, um dann "auf merkwürdige Weise ins Rotieren zu geraten". 70 Menschen, die gerade das Kernforschungszentrum CERN in Genf besuchen, geraten in eine Zeitlücke. Die Welt steht still, ist wie eingefroren. Nur für die CERN-Besucher geht alles weiter wie bisher, über Jahre hinweg, in denen die "Chronifizierten" untreue, zeitlich eingefrorene Partner in flagranti erwischen, sich gegenseitig verdächtigen, sich in feindliche Gruppierungen aufspalten und ihr Leben neu entwerfen: Die alte Welt bildet sich "kongenial" in der neuen ab, meint Böttiger. Der Naturwissenschaftler Lehr halte sich im Gegensatz zu seinen dem Genre des Fantastischen verpflichteten Kollegen wie Dan Brown an reale Voraussetzungen. Die "unvorhersehbar dynamisch" werdende Handlung kommt dem Rezensenten zwar schnell "märchenhaft" vor, bleibe aber gleichzeitig durch das Festhalten an naturwissenschaftlichen Gegebenheiten auf eine "verstörende, irreale Weise" nachvollziehbar und damit "realistisch". Seine nicht unerhebliche Spannung gewinnt der Roman dann mit "altbewährten Mustern", was dem Rezensenten aber bei so viel Neuem, das es zu verdauen gilt, doch sehr recht ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.10.2005
Eine Warnung an alle Science-Fiction-Leser gibt Rezensentin Meike Fessmann aus, denn der Roman "42" sei sprachlich möglicherweise so schwere Kost, dass selbst Eingeweihte zu knabbern hätten. Das ist kaum ein Lob für die Science-Fiction-Gemeinde, umso mehr jedoch für "42", und die Rezensentin schwingt sich gleich zu Beginn zu einem kühnen Vergleich mit literarischen Großtaten von Robert Musil, Hans Henny Jahnn und Mallarme auf. Mit "kontrolliertem Größenwahn" spiele Thomas Leer eine "unlösbare Denkaufgabe" durch. Wie beschreibt man eine Welt, in der die Zeit still steht und nur 70 Besucher des Kernforschungszentrums CERN noch in individuellen Zeitblasen weiterleben. Sex zum Beispiel, so die Rezensentin, gelinge seinem Helden, dem Wissenschaftsjournalisten Adrian Haffner, vermittels eines "raffinierten Systems" der temporären Chronosphären-Kopplung. Bei solchen und anderen Kämpfen mit der Relativitätstheorie beweise Thomas Leer "sprachgenau und unprätentiös" seine in vielen Romanen entwickelte Erzählkunst, wobei als Vorbild wieder einmal Nabokov in eine Miniaturhommage verewigt werde, als Schmetterlingsfänger. Am Ende, an dem es auch in einem zeitlosen Roman nicht fehlt, solle der Teilchenbeschleuniger des CERN sogar eine Zeitreise in die Vergangenheit ermöglichen, berichtet die Rezensentin, und der Autor versuche sich selbst noch an diesem "Witz" für Wissenschaftler. Auch dieses unmögliche Experiment sei für den Leser allemal "vergnüglich".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2005
Rezensent Richard Kämmerlings ist in höchstem Maße angetan von diesem Roman. Es geht, wie er in einer kurzen Handlungsskizze schreibt, um den Stillstand der Zeit, von dem nur siebzig Menschen in einer Zeitblase verschont worden seien. Weil alles um 12 Uhr 47 Minuten und 42 Sekunden versteinert ist, hat sich die Welt in einen Skulpturenpark verwandelt, in dem sich die siebzig "Chronifizierten" langsam einzurichten versuchen. Im Verlauf des Romans wird dieser Zeitstillstand mit luzider Findigkeit gestaltet, wie man Kämmerlings faszinierter Beschreibung entnehmen kann. Ihn begeistert die physikalisch durchdachte Ausgestaltung dieser neuen Welt mit ihren eigenen Gesetzen. Auch das soziale und staatstheoretische Experiment des Autors mit seinen siebzig "Chronifizierten" findet der Rezensent höchst interessant. Geschickt reichere es Lehr mit einzelnen Schicksalen an. Was für eine "verblüffende Vorstellungskraft", staunt der Rezensent.
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buecher.de