Ulf Erdmann Ziegler

Es gibt kein Zurück

Roman
Cover: Es gibt kein Zurück
Wallstein Verlag, Göttingen 2025
ISBN 9783835358607
Gebunden, 216 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

A.W. Mumme, ein bekannter Radio-Essayist, bekommt Post von der Rentenversicherung und beginnt, mit sich zu hadern: Sind 1.183 Euro Rente das, was ihm von einem langen Arbeitsleben übrig bleibt? Da kommt die Idee einer literarischen Agentin, er solle eine populäre Autobiografie verfassen, gerade zur rechten Zeit. Von einem prächtigen Vorschuss leistet sich Mumme ein "Retromotorrad". Damit begibt er sich auf eine Reise von Berlin über Leipzig und Paris bis an die Côte d'Azur, wo, in einer Stunde innerer Lähmung, sein Begriff von einem Sinn - des Lebens und in der Gesellschaft - zerbricht. Es gibt kein Zurück.In den Bildern der Reise spiegelt sich Mummes Leben: als wurzelloses Kind einer Hippie-Mutter; als junger Mann in einer düsteren Stadt intellektueller Moden namens West-Berlin; als glamouröser Medienmann an der Seite einer nicht minder glamourösen Frau; als Freund eines Dandy-Künstlers - eine jahrzehntelange Freundschaft, die die politischen Strapazen einer Pandemie nicht übersteht. Das Gespenst, das Mumme wirklich umtreibt, ist das Hasswort vom "alten weißen Mann", der er auf keinen Fall sein will - dessen Kürzel, AWM, jedoch zeitgleich das Anagramm seines Namens ist.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.06.2025

Rezensent Stephan Wackwitz scheint mitzufühlen mit dem Protagonisten aus Ulf Erdmann Zieglers neuem Roman: der alternde Schriftsteller Aldus Wieland Mumme - der Kritiker vermutet in den Anfangsbuchstaben den Alten Weißen Mann - bricht, bevor er seine Biografie schreiben will, nochmal Roadmovie-mäßig mit dem Motorrad auf nach Südfrankreich, begleitet von beratenden Telefongesprächen mit der viel jüngeren Praktikantin aus seiner Agentur und von eigenen "Reflexionen und Reminiszenzen" - bis es am französischen Mittelmeer zum spontanen Akt der Verzweiflung kommt. Das sieht man nicht kommen, und wie Ziegler diese unscheinbare "Gleitbewegung" von der heiteren, sonnigen Novelle ins "finster Tragische" entfaltet, mit scharfen, wie auf Hochglanz polierten Formulierungen, findet der Kritiker wieder einmal sehr virtuos und beeindruckend. Nur, dass aufgrund des Formats die eigentlich schweren Themen, die die Figur so beschäftigen, eher knapp gehalten werden müssen, könne man vielleicht kritisch sehen. Für Wackwitz aber trotzdem ein sehr gelungener Roman über das Altern in der Gegenwart.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2025

Sehr wohl fühlt sich Rezensent Jan Brachmann in Ulf Erdmann Zieglers Buch. Die Hauptfigur heißt Aldus Wieland Mumme, die Initialien verweisen bereits darauf, dass es sich um einen alten, weißen Mann handelt, ahnt Brachmann. Konkreter ist Mumme Radioessayist, der sich nun in den Kopf gesetzt hat, eine Autobiografie zu schreiben und zu diesem Zweck Telefonate mit einer jungen Literaturagentur-Mitarbeiterin namens Sine führt. Viel mehr verrät der Kritiker nicht: Mumme scheint ein geruhsames Leben mit Frau und Hund zu führen, das im Zuge des Schreibens aus der Fassung gerät. Der Kritiker erkennt eine Nähe zwischen Ziegler und seinem Protagonisten, was biografische Details betrifft, wobei teils auch der Journalist Gerhard Mumme Modell gestanden haben dürfte. Außerdem schwingt in Zieglers Buch das Erschrecken über Michael Rutschkys Tagebücher mit. Eine spielerische Übung in Autofiktion ist das also, meint der Rezensent. Dass die Sprache des Romans ganz einfach erscheint, weil Ziegler alles "Gedrechselte" vermeiden will, gefällt Brachmann ebenfalls gut: Still wie Bilder von Edward Hopper ist diese Sprache, findet er.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.04.2025

Ulf Ziegler hat eine ganze Menge gewichtiger Themen in sein schmales Buch gepackt, staunt Rezensent Christoph Schröder. Es geht um den kurz vor der Rente stehenden Diplomsoziologen Aldus Wieland Mumme, der am Ende einer sehr erfolgreichen Radiokarriere steht. Vom Vorschuss für eine geplante Autobiografie kauft er sich ein Motorrad und fährt nach Südfrankreich. "Schillernd und schwer durchschaubar" ist dieser Protagonist, der erst jetzt bemerkt, dass sein Namenskürzel AWM auch die Abkürzung von "Alter weißer Mann" ist, lesen wir. Es geht also um eine Lebenskrise, auch einen "Abgesang auf eine intellektuell fundierte Medienkultur" sieht der Kritiker hier. Klischees weiß der Autor dabei gekonnt zu umgehen, stattdessen findet Schröder interessante Figuren und witzige Dialoge: Zum Beispiel mit Mummes Praktikantin Sine, die ob ihres Scharfsinns zu einer echten "Herausforderung" für diesen wird. Stilistisch "bestechend" ist das Ganze obendrein. Das Ende wirkt dann um so "erschreckender", merkt der gänzlich überzeugte Kritiker an, ohne zu viel verraten zu wollen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 14.03.2025

Rezensent Wolfgang Schneider gibt zu, dass Ulf Erdmann Zieglers neuer Roman "seine Momente" hat: Ortsbeschreibungen, Zeitbilder, essayistische Passagen. Davon abgesehen aber nervt ihn das Buch mit gespreizten Formulierungen, einer ächzenden Dramaturgie vor allem zu Beginn und einem melodramatischen, außerdem unmotiviert erscheinenden Ende. Die nicht unoriginelle Geschichte um einen in der finalen Lebenskrise befindlichen, kurz vor der Zwangspensionierung stehenden Berliner Radiomoderator, der noch einmal aus- und aufbricht, driftet laut Schneider leider ab ins "Pathetisch-Existentielle".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.03.2025

Nicht allzu viel anfangen kann Rezensent Tobias Lehmkuhl mit diesem Buch eines ehemaligen Radioautors über einen ehemaligen Radioautor. Kaum verklausuliert geht es um den Deutschlandfunk, der hier Bundesradio heißt, bei dem war Aldus Wieland Mumme, die Hauptfigur des Buches von Ulf Erdmann Ziegler, einst tätig, jetzt bezieht er Rente, die allerdings bescheiden ausfällt, erzählt uns Lehmkuhl. Mumme erhält dann einen Vorschuss für ein Buch und gerät bei dieser Gelegenheit an eine junge Verlagsmitarbeiterin, außerdem kauft er sich, was er immer schon wollte, ein Motorrad; viel mehr passiert allerdings nicht, so Lehmkuhl. Dieser Roman ist ziemlich essayistisch-introspektiv geraten, findet der Rezensent, was insofern passt, als auch Mumme auf Essays, und zwar auf kritische, spezialisiert war. Aber bis auf Plattitüden über alte Männer, deren Zeit vorbei ist, hat dieses Buch leider nicht viel zu bieten, meint der enttäuschte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.03.2025

Rezensent Jürgen Verdofsky interpretiert Ulf Erdmann Zieglers neuen Roman und gibt uns den Inhalt auf launige Weise wieder. Brauchen wir das? Eigentlich nicht. Originell ist der Roman selbst, oder auch nicht. Verdofsky jedenfalls hat seine Zweifel. Muss die Geschichte über den Flaneur mit dem schrecklichen Namen Aldus Wieland Mumme, dessen Sonderlings-Biografie der Roman ausbreitet, wirklich so gedankenschwer daherkommen? Eigentlich nicht. Verdofsky immerhin ist beeindruckt von Zieglers "Stilisierungshöhe", von seiner "bemühten" Erzählweise weniger.

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