Ulla Hahn

Unscharfe Bilder

Roman
Cover: Unscharfe Bilder
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2003
ISBN 9783421057990
Gebunden, 279 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Ihr Vater ist für Katja immer ein Vorbild gewesen. Welches Entsetzen, als sie ihn in der Ausstellung "Verbrechen im Osten" auf einem Foto bei der Erschießung von Zivilisten zu erkennen glaubt. Sie bringt ihm den Katalog der Ausstellung, der dies Bild nicht enthält, mit ins Seniorenheim. Sie hofft, dass er bei der Betrachtung der Fotos von selbst auf sein Verbrechen zu sprechen kommt. Widerwillig beginnt der alte Mann zu erzählen. Aber in ihm leben ganz andere Bilder ... Katja wird von den Erzählungen mitgerissen. Aber sie vergisst jenes Bild nicht. Als sie ihren Vater schließlich damit konfrontiert, werden die unscharfen Bilder klar, die vermeintlich so scharfen vieldeutig.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003

Mit diesem "ambitionierten" Roman will die Autorin "hoch hinaus", bemerkt Martin Lüdke, den es deshalb nicht verwundert, dass das Unterfangen "in die Hose geht". Mit der Romanhandlung, in der eine Tochter den eigenen Vater auf einem Foto in der Wehrmachtsausstellung entdeckt haben will, das ihn bei der Erschießung von Geiseln zeigt, und den sie mit ihrer Entdeckung konfrontiert, will die Autorin nämlich demonstrieren, dass auch Täter ein "Recht auf Gerechtigkeit" haben, und "selbst Mörder noch gute Menschen sein" können, beschreibt der Rezensent die Intentionen Hahns. Er räumt ein, dass in den Passagen, in denen die Tochter den Vater dazu bringt, sich seiner verdrängten Kriegserlebnisse zu erinnern, der Roman dicht und anschaulich wird und - über die "dokumentarischen Genauigkeit" hinaus - an "Authentizität" gewinnt. Was die Konstruktion des Romans angeht, hört der Rezensent jedoch zu seinem Unwillen "das Konzeptpapier" rascheln. Denn in der fast ausschließlichen Beschränkung auf die beiden Figuren des Vaters und der Tochter entsteht für Lüdke die Atmosphäre eines "Strafprozesses", bei der sich Anklage und Verteidigung allzu ordentlich abwechseln. Ein Roman, so der Rezensent streng, "eignet sich nicht als Instrument der Beweisführung", und auch der Begriff der "Unschärfe", den Hahn nach einem Gedanken Wittgensteins in ihr Buch einbringt, führt nicht tieferen Erkenntnissen, sondern bringt die Autorin lediglich dazu, sich darin zu "verheddern", schreibt er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003

Klug konstruiert, notwendig und sehr ernst findet Rezensent Ernst Osterkamp diesen Roman über die Notwendigkeit des Erinnerns. Am Ende kann der Rezensent trotzdem nur noch entkräftet rufen: "Dies ist Kitsch, fürchterlicher Kitsch." Zu den Stärken des Romans zählt er zunächst Ulla Hahns Bewusstsein für die sprachliche Problematik des schmerzhaften Prozesses, als den sie Osterkamp zufolge die Erinnerung an den 2. Weltkrieg einer fünfzigjährigen Studienrätin und deren zweiundachtzigjährigen Vater gestaltet hat: wie sie ihn beispielsweise "ins Kollektivschicksal und ins Gemeinschaftserlebnis" ausweichen und die Schrecken des Krieges "durch expressionistische Stereotypen" entpersonalisieren lässt. Hier erscheint dem Rezensenten die Sprachgewalt des Oberstudienrates a.D. auch als Form von Stummheit, und er lobt das genaue Gespür der Autorin für eine ästhetische Verharmlosung des Grauens. Dennoch entgeht Ulla Hahns Roman nach Ansicht des Rezensenten selbst dieser Gefahr am Ende nicht und rutscht, wie man seinen Ausführungen entnehmen kann, schließlich nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich weit ins Abseits.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.09.2003

Hans-Herbert Räkel sieht sich von diesem Roman durchaus in den "Bann gezogen". Eine Frau vermeint auf einem Ausstellungsfoto, das einen Wehrmachtssoldaten bei der Erschießung eines russischen Gefangenen zeigt, ihren innig geliebten Vater zu erkennen, fasst der Rezensent den Grundkonflikt des Buches zusammen. In der folgenden Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter, die sich von vorsichtigen Andeutungen bis zur direkten Konfrontation mit der vermeintlichen Schuld des Vaters entwickeln, entsteht eine enorme "Spannung", der sich auch die Leser nicht entziehen können, so Räkel. Die Autorin habe sich vorgenommen, eine Frage zu untersuchen, die die Nachkriegsgeneration sehr bewegt hat, nämlich wie man "dagegen" und trotzdem "dabei" sein konnte, wie es viele für sich beanspruchten. Der Rezensent räumt ein, dass die Figur des Vaters "gut erfunden" ist, aber er bezweifelt, dass er besonders repräsentativ für seine Generation ist. Zudem findet Räkel die Lösung des Konflikts, nämlich das Schuldeingeständnis des Vaters - auch wenn er nicht der Mörder auf dem Foto ist, wie sich herausstellt - zwar für Tochter und Vater beglückend. Doch kann dieses "schmerzliche Idyll" nur individuell gelten und angesichts der Größe der Schuld kann das "Bekenntnis der Schuld" die Schuld nicht aufheben", so der Rezensent abschließend.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.09.2003

Ein bemühtes Buch, urteilt ein wohlwollender Hans Christian Kosler, der trotzdem zum Schluss zugeben muss, dass sich Hahn mit ihrer didaktischen Haltung in diesem Fall als Autorin selbst ausgetrickst hat, während sie zugleich ihrem großen übergeordneten Thema nicht ganz gerecht wird. Dieses Thema lautet: Wehrmachtsverbrechen in der Sowjetunion. Eine Tochter konfrontiert ihren Vater mit seinen Erinnerungen, und für beide geraten die gespeicherten Bilder vom Krieg in eine gewisse "Unschärferelation", erläutert der Rezensent unter Hinweis auf den Titel, der sich aus einem Wittgenstein-Zitat ableitet. Zwei Punkte merkt er kritisch an: Kosler verdächtigt den Roman, den Trend zu bedienen, der ein Volk von Tätern in ein Volk von Kriegsopfern verwandeln möchte. Außerdem fragt er sich, warum die Autorin überhaupt diese Mischung aus Erzählung und verarbeitetem dokumentarischen Material gewählt hat. Warum dann nicht gleich das Dokument für sich sprechen lassen, meint Kosler, wenn es das ist, was letztlich zähle?
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