Tief in den Archiven des Vatikans ist eine Akte über einen Vorfall verborgen, der den Vatikan wie kein anderer erschütterte: die Gerlach-Affäre. Sie erzählt nur einen kleinen Teil der Lebensgeschichte des Deutschen aus bürgerlichem Hause namens Rudolf von Gerlach, den der niederländische Geheimdienst "Deutschlands besten und gefährlichsten Spion" nannte. Sein abenteuerliches Leben faszinierte Geheimdienste und Journalisten. Einige behaupteten, er habe Papst Pius X. und seinen Staatssekretär vergiftet, damit sein Mentor auf den Papstthron gelangen konnte. Andere porträtierten ihn als heimlichen Liebhaber des Wiener Kardinals und von Papst Benedikt XV. selbst oder auch als eiskalten Spion des deutschen Kaisers. Selbst als Verbindungsmann für den britischen Geheimdienst MI6 wird er im "Dritten Reich" aktiv - wenig davon ist bislang bekannt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2025
Einem abenteuerlichen Leben widmet sich der Kirchenhistoriker Ulrich L. Lehner in seiner Biografie über den päpstlichen Kammerherrn und späteren Geheimagenten Rudolf von Gerlach, findet Rezensent René Schlott. Pabst Benedikt XV. entschied 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ausgerechnet den Deutschen Gerlach, mit 28 noch sehr jung, zum Privatsekretär zu ernennen, erklärt der Rezensent - eine Entscheidung die aufgrund der politischen Lage einen Skandal auslöste. Denn Gerlach bekam durch dieses Amt Zutritt zu den "engsten Machtzirkeln der katholischen Kirche und Einblick in höchste Entscheidungsprozesse". Als Deutschem schlug ihm zwar Misstrauen entgegen, lesen wir, gleichzeitig hofften viele Politiker auf ihn als Vermittler. Nach dem Kriegseintritt Italiens musste Gerlach jedoch in die Schweiz fliehen, blieb allerdings ein Vertrauter des Papstes. Später konnte Gerlach seine Kontakte nutzen, um zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs für den britischen Geheimdienst MI6 zu arbeiten. Schlott findet dieses Leben an sich spannend, allerdings ist ihm die Art, wie das Buch beworben wird, ein wenig zu reißerisch und allgemein findet er, dass der Autor die Bedeutung Gerlachs, trotz der turbulenten Biografie, ein wenig überschätzt.
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