Seit langem gilt der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby M. Warburg (1866-1929) als der - nach Nietzsche und neben Max Weber - bedeutendste Anreger sämtlicher Geisteswissenschaften, von der Historie bis zur Literaturwissenschaft und Philologie. Die Texte dieses Bandes rücken seine Forschungen und Schriften in ein neues Licht. Anknüpfend an Ernst H. Gombrichs "intellektuelle Biografie" des Gelehrten zeigen sie Warburg als einzigartiges Verdichtungs- und Ausstrahlungsphänomen: Kind seiner Zeit, ihrer Ideen und ihres Geschmacks, gelangt er doch zu Fragestellungen und Perspektiven von höchster Originalität und Aktualität. In Raulffs "Vier Versuchen" begegnet uns Aby Warburg als ein vielfältig von den Autoren und geistigen Strömungen seiner Zeit Angeregter, der seinerseits zum fruchtbaren Anreger wird, von dessen Intuitionen und Erkundungen wir bis heute zehren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2003
Wer sich etwa nicht sicher ist, was es mit Warburgs "Fixierung auf das 'Dynamogramm' im Energismus der Jugendstilornamentik" auf sich hatte, wird auch sonst seine Schwierigkeiten mit Achatz von Müllers Besprechung von Ulrich Raulffs "Versuchen" haben. Eines ist klar: Sie erscheinen dem Rezensenten als substanziell und "eindringlich". Raulff habe sich zum Ziel gesetzt, Warburg "in die Diskursordnung um 1900 einzuschreiben" und als einen darzustellen, der gegen die "Krisensymptome" seiner Zeit dachte und schrieb, um so das "Ungeheuer" Moderne zu bändigen und - gewandelt - "in die Freiheit" zu entlassen. Dazu hat er sich, "in Schlangenlinien der Schlangenspur Warburgs" folgend, offensichtlich so sehr in dessen Perspektive hineingedacht, dass Müller am Ende das Fehlen "notwendiger Distanz" beklagt. Ein "gelehrtes kleines Buch", findet Müller, doch es bleiben Fragen, zum Beispiel: "Was verbirgt seine zuweilen gespreizt wirkende Hermetik?" Das aber fragt man sich gelegentlich auch beim Zeitungslesen.
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