"Irrläufer"? Gedichte? Ja. Und Anrufungen, Andachten, Bannsprüche, Ausblicke, Porträts, Sichtvermerke, Hymnen, Epitaphe, Eintragungen, Einflüsterungen, Erscheinungen, Flugschriften, Schmierblätter, zwischen deren Zeilen es schimmert, anklingt, schwebt. Gedichte also, Miniaturen, in denen ein rostiger Faßring genügt, um damit einen Mittelpunkt zu markieren: in denen die Stille einen Schatten wirft. Und in denen es einen schmalen Grat gibt zwischen Ver-rinnen und Ent-rinnen. Wie ein Mollakkord liegt das Schwäbische der Herkunft unterm Sayerschen Sprachton.
Verzaubert ist Benedict Erenz von der Magie der Erinnerung, die die Gedichte von Walle Sayer hervorbringen. Ausführlich zitiert er diese ihn an Kaschnitz und Rainer Brambach erinnernde "Miniaturen-Galerie" des "Schattenkundlers" und "Vergänglichkeitskenners" Sayer. Heimat entstehe in diesen Gedichten als Ort in der Vergangenheit und verlasse damit den beschränkten Kreis der Heimatdichtung in Richtung einer universelleren Vorstellung, so Erenz. Bewundernd entdeckt er bei Sayer die "Kunst, aus der Sprache Stille zu formen" und empfiehlt dem Leser abschließend nachdrücklich, sich die Zeit für diese Gedichte zu nehmen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.02.2001
Hans Christian Kosler redet nicht lange um den heißen Brei herum: Für ihn gehört Walle Sayer ohne Zweifel zu den "hoffnungsvollsten Stimmen seiner Generation". Thema ist vor allem das Leben in einem Schwarzwalddorf mit all seiner Enge, eine "karge, reduzierte Welt", die sich in Sayers Schreibstil wiederspiegele. Herausgekommen ist dabei nach Kosler nichts für das "Poesiealbum", sondern eine knappe, schroffe Lyrik, die nichts mit der idealisierenden Volkskalenderlyrik seines ebenfalls in Horb geborenen Dichterkollegen Berthold Auerbach zu tun habe. Aber trotz - oder gerade wegen - dieser Sprödigkeit werde in diesen Gedichten ein reizvoller "verhaltener Sehnsuchtston" spürbar.
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