aus dem Russischen von Annelore Nitschke. Nach dreißig Jahren Gefängnis und Lager kehrt Iwan Grigorjewitsch in die Freiheit zurück. Er zieht nach Moskau, dann weiter nach Leningrad, findet Arbeit und eine Frau. Wieder gehen die Jahre dahin - und Iwan versucht zu verstehen, nach welchen Gesetzen das Leben funktioniert. Von der russischen Revolution bis hin zur Tauwetterperiode spannt Wassili Grossman den Bogen um Fragen nach Staat und Individuum, Verbrechen und Strafe, Schuld und Unschuld. Im Mittelpunkt steht dabei sein gütiger Blick auf die Fehlbarkeit des Menschen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.03.2011
Dies ist die letzte größere Prosaarbeit von Wassili Grossman, nach mehreren Umarbeitungen in dieser Fassung im Jahr 1963 vollendet - in deutscher Erstübersetzung erst 1985 erschienen (das Original in der Sowjetunion, mit viel Skandal, vier Jahre später). "Erzählung" stehe als Genrebezeichnung darüber - als solche jedoch kann der Band den Rezensenten Uwe Stolzmann nicht wirklich überzeugen. Das sei aber ziemlich egal, denn die Geschichte des Iwan Grigojewitsch, der nach Stalins Tod aus dem Lager zurückkehrt, überzeuge in vielen anderen Hinsichten umso mehr. Auseinander falle das Buch nämlich in eine Reihe faszinierende "Prosaskizzen" und "Essays", es geht um den Hungertod in der Ukraine, um die Frauenlager - und das alles sei so schockierend wie lesenswert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2010
Als erschütternd und literarisch höchst beeindruckend preist Sabine Berking die schmale Erzählung des 1961 gestorbenen Wassili Grossman. Sie erzählt von dem durch dreißig Jahre Gulag-Haft verstörten Iwan Grigorjewitsch, der in die sowjetische Freiheit der Chruschtschow-Zeit entlassen wird, fasst die Rezensentin zusammen. Für sie stellt dieser Band nicht nur ein beklemmendes und schonungsloses "Kompendium der stalinistischen Gräuel" dar, er besticht in ihren Augen auch durch seine literarischen Qualitäten. Noch bei seinem ersten Erscheinen 1989 kam die Publikation des Textes einem "Sakrileg" gleich, weil sie Lenin als "Revolutionsheiligen" und sein Revolutionsmodell gleich mit demontierte, teilt Berking mit. Nicht zuletzt die gelungene Neuübersetzung durch Annelore Nitschke lässt diese Erzählung aber jenseits aller "politischen Brisanz" auch durch ihre "literarische Kraft" hervortreten, lobt die Rezensentin nachdrücklich.
Wenn man sich für eine literarische Figur entscheiden müsse, die emblematisch für das 20. Jahrhunderts stehen könne, Marie Schmidt würde Wassili Grossmans Protagonisten Wanja aus dieser Erzählung wählen: Eine Art geschichtsphilosophisches Vermächtnis dieses sowjetischen Autors, das nach seiner Erstveröffentlichung - 25 Jahre nach Grossmans Tod - 1989 in der UdSSR einen Literaturskandal ausgelöst habe. Denn darin werde das Bild der russischen Seele als "tausendjährige Sklavin" entworfen, die Lenins Machtbewusstsein und Stalins totalitärem Staat den Boden bereitet habe. Der emblematische Protagonist Wanja kehrt nach jahrzehntelanger Gulaghaft nach Hause zurück, wo ihn die Daheimgebliebenen um seine Unschuld beneiden und daher feindselig auf ihn reagieren. Alle Figuren der Erzählung reflektierten den Terror der Jahre 1937/38, wie Schmidt schreibt, ihr Schuldig werden, ihr Leiden. Doch über diese historische Komponente hinaus sieht die Kritikerin in diesem Text auch eine wichtige Nachricht des 20. an das 21. Jahrhundert: Urteile nicht mit dem Hochmut der Nachgeborenen. Du kannst nicht wissen, wie du selbst gehandelt hättest.
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