Herausgegegeben und aus dem Russischen von Peter Urban. In seinem Manifest "Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack" forderte Velimir Chlebnikov 1912, "die alten Großen" - Puschkin, Dostojewski, Tolstoi usw. - "vom Dampfer der Gegenwart zu stoßen". Der Begründer des russischen Futurismus, Generationengenosse von Franz Kafka und James Joyce, von Kurt Schwitters und Raoul Hausmann, träumte von einer radikalen poetischen Erneuerung der Sprache. Er war Wegbereiter der konkreten Poesie und des Surrealismus. In seinen Gedichten kombiniert er die "Sternensprache" mit der Alltagssprache, den "Zaum" (eine Sprache der Laute und der Zufallsschöpfungen) mit der "Zahlenrede". Der Reprint erscheint zum 100. Todestag des Autors und zum 50. Geburtstag der legendären Gesamtausgabe, die Peter Urban 1972 im Rowohlt Verlag als exzeptionelles übersetzerisches Kollektivunternehmen realisiert hat. Mitwirkende waren u.a. H.C. Artmann, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Franz Mon, Oskar Pastior und Gerhard Rühm. Ein anarchisches Experiment, in dessen Bahnen sich die translinguale Poesie heute bewegt.
In einem langen Radioessay setzt sich Tobias Lehmkuhl mit Velimir Chlebnikows, seinem Werk und der Frage auseinander, warum der Dichter es bei uns so schwer hat. An der Qualität seiner Texte kann es nicht liegen, versichert Lehmkuhl glaubhaft, wenn er die vorliegende, mit einem kenntnisreichen Nachwort von Marie Luise Knott bereicherte, ihn auch äußerlich ansprechende Neuausgabe als Ereignis preist. Mit den von Peter Urban seinerzeit angeregten Übersetzungen von Artmann und Enzensberger bis Rühm und Mayröcker bietet der Band laut Rezensent das Werk eines höchst unterhaltsamen Sprachartisten, Gedichte, Tagebuchauszüge, Briefe und Prosa.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2022
Rezensentin Noemi Smolik freut sich, dass der Suhrkamp Verlag die bereits vor 50 Jahren erschienene und weitgehend unbeachtete Chlebnikow-Werkausgabe von Peter Urban nun noch einmal neu auflegt. Denn der immer noch weitgehend unbekannte Dichter sei nicht nur für den viel bekannteren Vladimir Majakowski absolut prägend gewesen, betont Smolik: Als Mitbegründer der Moskauer Bewegung um 1910, die sich anders als die St. Petersburger Bildungselite nicht auf Fortschritt und Stadt, sondern auf die bäuerliche Herkunft berief, orientierte er sich stark an mündlicher Überlieferung und dem Klang von Volksliedern und -legenden, nach deren Vorbild er experimentelle Klanggedichte schuf - im russischen "sprachliche Höhenflüge", deren deutsche Übersetzung nur scheitern konnte, meint Smolik. Auch über die Schrecken des bolschewistischen Terrors geben manche Gedichte der Ausgabe Aufschluss, deren literarische Verarbeitung den Dichter schließlich in die Flucht und den frühen Tod trieb, so die Kritikerin. Was Smolik allerdings kritisiert, ist eine "zu literarisch" gedachte Zusammenstellung - Chlebnokows Einfluss auf die bildende Kunst werde so nicht deutlich.
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