Ob Privatisierung öffentlicher Dienste oder Einführung von Studiengebühren, ob Hartz IV und Sozialkürzungen oder globale Militärinterventionen und Vorgaben zur Aufrüstung: Die gesellschaftspolitische Agenda der Bundesrepublik wird von der Bertelsmann-Stiftung entworfen. Diese 'gemeinnützige' und steuerbegünstigte 'Reformwerkstatt', die zugleich das größte Aktienpaket am Bertelsmann-Konzern als dem weltweit viertgrößten Medienunternehmen hält, stellt die erfolgreichste Public-Private-Partnership dar - nicht nur auf Firmenprofit, sondern auch auf gesellschaftliche Steuerung ausgerichtet. Werner Biermann und Arno Klönne beschreiben, wie die Bertelsmann-Stiftung Lösungen für Probleme findet, die sie selbst definiert, und wie sie bei deren Umsetzung geschäftstüchtig tätig wird - vom Kindergarten bis zur Hochschule, von der Kommune bis zur Geopolitik. Sie analysieren den ökonomisch-politischen Hintergrund der Bertelsmann-Konzepte und deren Zielhorizont: Gesellschaft, geführt wie ein Unternehmen, postdemokratisch.
Nicht wirklich erwärmen kann sich Rezensentin Ulrike Winkelmann für Werner Biermanns und Arno Klönnes Auseinandersetzung mit dem Bertelsmann-Konzern. Dass Bertelsmann mit seiner Lobbyarbeit in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten ist, kann sie nur begrüßen. Auch hält sie weitere Aufklärung für nötig. Aber vorliegendes Bändchen bringt in ihren Augen nichts Neues. Sie hält den Autoren vor, sich darauf zu beschränken, die jüngeren kritischen Publikationen zu Bertelsmann auszuwerten und zu zitieren. Diese "Zitatensammlung" sieht sie von Biermann und Klönne durch die nicht gerade originelle Analyse ergänzt, die Arbeit der Bertelsmann Stiftung diene der Verteidigung der Kapitalinteressen. Winkelmann dazu: "Wer hätte das gedacht."
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.12.2007
Godehard Weyerer hat neuere Bücher über den Bertelsmann-Konzern gelesen, die sich in ihrer Einschätzung der Verlagsgruppe als neoliberaler Stimmungsmacher einig sind. In klaren Worten streichen Werner Biermann und Arno Klönne in ihrem Buch "Agenda Bertelsmann" die ihrer Ansicht nach unmissverständliche Stoßrichtung der Bemühungen Bertelsmannscher Publikationsorgane und nicht zuletzt ihrer 1977 ins Leben gerufenen Stiftung heraus, die darauf abzielen, einen Wertewandel in Deutschland weg von der Sozialen Marktwirtschaft und der Chancengleichheit hin zu vor allem auf ökonomische Grundlagen basierende Politik zu unterstützen, fasst Weyerer zusammen. In vielen Bereichen, wie der Bildungs- und der Außenpolitik sehen die Autoren bei Bertelsmann ein gnadenloses "Kosten-Nutzen-Denken" am Werk, das sie in ihrem Buch an den Pranger stellen, stellt der Rezensent interessiert fest.
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