Die 17 Beiträge des Bandes beschreiben ganz neu das kulturelle Gesamtbild der 70er Jahre in seiner großen Breite und Komplexität. Ausgehend von Schlüsselbegriffen des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmens werden dabei erstmals prägnante Konturen dieses gesellschaftlichen Teilsystems und seiner Veränderungsprozesse sichtbar. Die Themen reichen von Literatur und Literaturbetrieb über die Sportkultur bis zur Pädagogik mit ihren alternativen Erziehungsstilen und Kinderläden, vom bundesdeutschen Rechtssystem über Werbung und Plakat bis zu Wohnen und Reisen, von der vielfältigen Musikkultur über die Entdeckung von Umwelt und Frieden als Wertkonstanten bis zur neuen Frauenbewegung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei wieder den Medien, insbesondere der Presse, der Fotografie, dem Film, dem Radio und den neuen Kindermedien. Geprägt von zunehmender Vielfalt und einem ernüchterten Pragmatismus verlor Kultur in dieser Dekade viel von ihrer gesellschaftsprägenden Kraft. Dabei korrespondierte ein allgemeiner Rückzug auf individuelle Sinninseln mit der verstärkten Instrumentalisierung von Kultur durch Wirtschaft.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005
Eine "auffallende Verwandtschaft" der siebziger Jahre mit der Gegenwart will Götz Leineweber bei seiner Lektüre dieses Bandes über die "Kultur der 70er Jahre" entdeckt haben. So findet er nicht nur ähnliche Schlagzeilen - "hohe Arbeitslosigkeit", "zu hohe Kosten im Gesundheitswesen", "Terrorismus" -, sondern auch ähnliche Strategien zur Bewältigung dieser Unannehmlichkeiten: Heute wie damals sei das Bedürfnis nach Zerstreuung, nach Unterhaltung, nach populärer Kultur gestiegen. Eben bei der Popkultur setze Werner Faulstichs Dekadenbetrachtung an, um sich dann weitere Aspekten der Kultur zu widmen: Religion Sport, Gesetzgebung, Werbung, Musik, Literatur, Medien und Pädagogik. "Die einzelnen Perspektiven, wie Stricknadeln durch das Wollknäuel der Kulturgeschichte gesteckt, kreuzen sich", erklärt Leineweber: "Und die Illusion induktiven Erkennens breitet sich warm im jungen Leser aus." Dass die ganze Aufsatzsammlung keine hochspannende Angelegenheit ist, soll nicht verschwiegen werden. Der Band langweilt den Leser nach Einschätzung des Rezensenten nämlich "nicht selten".
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