In den Jahren 1927 bis 1932, in der Zeit von Weltwirtschaftskrise und aufkommendem Nationalsozialismus, zieht sich Wilhelm Lehmann in die karge Schwansener Landschaft im Nordosten Schleswig-Holsteins zurück, um zu wandern, riechen, schmecken, sehen, fühlen. Voller Ehrfurcht und Poesie, doch immer genau in ihren Beobachtungen sind seine Aufzeichnungen dieser Erfahrung des Naturschönen, deren Sprache eher an britischen denn an deutschen Autoren geschult ist, eher an Wordsworth denn an Hölderlin erinnert. Ihre Chronologie folgt dem Zyklus der Jahreszeiten, ihr Gegenstand ist das Wunder des Werdens, Reifens und Vergehens, das sich in der Melodie des Zaunkönigs ebenso offenbart wie im Hundegebell. Eine Raupe kurz vor ihrer Verpuppung erscheint dieser Beobachtung ebenso staunens- und berichtenswert wie ergraute Disteln, ein neugeborenes Lamm, die Windstille eines Sommertags.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.08.2022
Rezensent Paul Jandl erlaubt sich den Eskapismus hinein in Wilhelm Lehmanns Naturbeschwörungen, die "provokant" wenig mit den aktuellen Weltgeschehnissen zu tun hätten. Durch den ersten Weltkrieg traumatisiert und abgeschreckt vom Fortschrittsglauben flüchtete der deutsche Schriftsteller einst selbst in eine wenig bevölkerte Gegend Schleswig-Holsteins, weiß der Kritiker, um sich ganz der Naturbeobachtung hinzugeben. Faszinierend findet der Kritiker die damals zwischen 1927 und 1932 entstandenen Aufzeichnungen, die er irgendwo zwischen Naturmythologie, expressionistischem Realismus und konkreter Poesie verortet - so klar festlegen lässt sich das anscheinend nicht, immer beeindruckend findet er aber die "wollüstige Bereitschaft zu forcierten Bildern", die nicht zuletzt Peter Handke inspiriert habe. Eine "leuchtende" Passage aus Lehmanns weitgehend vergessenem Werk, die mit "leisem Furor" eine Warnung vor dem "Unheil der Rationalität" ausspreche, schließt Jandl anerkennend.
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