Wolfgang Kemp

Irgendwie so total spannend

Unser schöner neuer Sprachgebrauch
Cover: Irgendwie so total spannend
zu Klampen Verlag, Springe 2025
ISBN 9783987374401
Gebunden, 144 Seiten, 14,99 EUR

Klappentext

Der öffentliche Sprachgebrauch schwankt permanent zwischen vagen und starken Aussagen, zwischen "irgendwie" und "absolut", "ein bisschen" und "total". Das locker Dahingesagte ist an das meinungsstarke Superlativische gekettet. "Umgehungsdeutsch" und "Ultradeutsch" haben sich längst in Podcasts und sozialen Medien, aber auch Gesprächsformaten in Funk und Fernsehen durchgesetzt. Das führt oft zu unfreiwilliger Komik, wie Wolfgang Kemp an vielen Beispielen zeigt. Mit den Widersprüchen im agilen Sprachwandel von unten korrespondiert allerdings das entschlossene Sprachdiktat von oben. Das "woke" sensibilisierte und gegenderte Deutsch ist als neues Kanzleideutsch aus den Verwaltungen hervorgegangen und wird unnachgiebig durchgesetzt. "Korrektdeutsch" findet zu Wortschöpfungen wie "Sprachaktteilnehmende" für Sprecher. Diesen Prozess beleuchtet der Autor und sorgt für ein: "irgendwie so total spannendes" Leseerlebnis.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.07.2025

Wir labern und labern. Die Welt ist bevölkert von Podcasts, da kann man nicht immer auf den Umgang mit der Sprache achten. Wie gerufen kommt da dem Rezensenten David Hugendick dieses Büchlein des Kunsthistorikers, der unsere Sprachmarotten aufgreift, ohne in den altväterlichen Duktus pedantischer Sprachbesserwisser zu geraten (Hugendick nennt sie "die Genitivwächter in Internetforen, die sich vor Häme den Cord von der Hose rubbeln, sobald jemand unbedacht zum Dativ greift"). Allein für die Sammlung unseres "Umgehungsdeutschs", das mit der Formel "genau" bekräftigt, was wir nicht verstanden haben, kann der Rezensent das Buch empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.06.2025

Rezensent Oliver Weber freut sich über Wolfgang Kemps Essay über das allgegenwärtige, vage Podcast-Deutsch, das sich zunehmend in Alltagsgesprächen, Medien und öffentlichen Reden ausbreitet. Kemp nennt es "Umgehungsdeutsch" - eine Sprache, die mit Füllwörtern wie "sozusagen" oder "irgendwie" jede klare Aussage umgeht, lesen wir. Statt argumentativer Präzision dominiert ein verschwommenes "Bauchgefühl", persönliche Eindrücke ersetzen analytische Begriffe. Gleichzeitig beobachtet Kemp eine Zunahme an emotionalen Superlativen: Man ist "total bei dir" oder stimmt "absolut" zu - eine Form sprachlicher Absicherung. Beides, so der Kunsthistoriker, verweist auf eine tieferliegende Veränderung unserer Kommunikationskultur. Die Befürchtung des Kritikers, hier könnte ein alter weißer Mann auf die Jugendsprache schimpfen, erfüllt sich nicht, erfahren wir. Trotz seines spöttischen Tons zeigt Kemp Interesse und Scharfsinn. Eine kluge, stellenweise poetische Diagnose unserer sprachlichen Gegenwart - auch wenn Kemp am Ende eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen schuldig bleibt, schließt Weber.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.2025

Nicht durchweg, aber im Großen und Ganzen ist Rezensent Wolfgang Krischke einverstanden mit Wolfgang Kemps sprachkritischen Einlassungen. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit dem exzessiven Gebrauch von Füllworten in politischen Podcasts. Das Phänomen selbst ist zwar, meint Krischke mit Blick auf Eckhard Henscheids "Trilogie des laufenden Schwachsinns", nicht neu, aber dennoch ist es instruktiv, wie Krischke die Verwendung von "so", "eher" und Ähnlichem in Onlinegesprächen untersucht. Konkret macht der Autor zwei Gruppen von Sprachunsinn ausfindig, die sogenannten "Weichmacher" ("irgendwie" usw) und das nur scheinbar diesen entgegengesetzte "Ultradeutsch" ("total" usw). Der Abgleich mit Fernsehgesprächsrunden der Vergangenheit zeigt, meint Krischke, dass man auch im Medium des gesprochenen Wortes anders, präziser formulieren kann. Auch der zweite Teil des Buches, der sich dem Gendern widmet, findet Krischkes Zuspruch, wenn der Autor eine Nähe zwischen geschlechtergerechter Sprache und Verwaltungsdeutsch feststellt, verkündet er zwar nichts Neues, richtig bleibt es gleichwohl. Weniger gut gefallen Kemp Passagen, die das Wortwirrwar poststruktureller Theorieproduktion zur Kenntlichkeit entstellen sollen, aber sich kaum weniger anstrengend lesen als die Originale. Insgesamt jedoch kann Kemp einiges anfangen mit dieser spannenden Streitschrift wider den zeitgenössischen Sprachschrott.

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