Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2019 - Literatur

In einem epischen Tagesspiegel-Gespräch spricht die französische Comicautorin und ehemalige Charlie-Hebdo-Mitarbeiterin Catherine Meurisse, wie sie mit ihren Comics - gerade ist ihr Kindheits-Memoir "Weites Land" erschienen - selbsttherapeutisch ihr Trauma behandelt: "Es war eine Flucht und gleichzeitig auch eine Reparatur. In 'Die Leichtigkeit' versuchte ich meine durch das Charlie-Erlebnis angegriffene Konstitution zu reparieren ... Im neuen Buch wollte ich mich der Natur ganz widmen, den schönen Erinnerungen an meine Kindheit, die wirklich sehr glücklich war. Ich wollte mich dem Leben zuwenden, meine Geschichte sollte also viel Blattgrün enthalten. Ich strebte an, das Gegenteil von der erfahrenen Gewalt zu erreichen, eine Sanftheit, sowohl im Thema und auch stilistisch. Das war ein Weg für mich, mich selbst wiederzufinden."

Im literarischen Wochenendessay der FAZ denkt Katharina Teutsch darüber nach, wie sich seit Virigina Woolfs Essay "Ein Zimmer für sich allein" das Schreiben von Frauen über Frauen verändert hat. Für die Gegenwart attestiert sie mitunter die Übernahme des männlichen Blicks als Empowerment-Strategie. Immerhin also: "Die Produktionsbedingungen für Frauen haben sich seit Woolfs Essay radikal verbessert. Die sozialen Konventionen, auch solche, denen Frauen sich freiwillig unterwerfen, halten da nicht immer mit. Die Frage, warum die unfassbar komischen historischen Romane voller schwuler Eigenbrötler der überaus 'androgynen' Autorin Christine Wunnicke kaum gelesen werden und die von dem doch alles in allem sehr männlichen Autor Daniel Kehlmann millionenfach, bleibt eine offene und vermutlich nicht ganz leicht zu beantwortende Frage. Dass Frauen ebenso häufig wie Männer schreiben, zeigt jedenfalls die Bilanz der Künstlersozialkasse. Dass Frauen so gerne über sich selbst schreiben und momentan eben ihre Potenz intellektuell fruchtbar machen, ist wohl als evolutionärer Schritt hin zu einer literarischen Androgynität zu begreifen."

Alem Grabovac schwärmt in der Welt aufs Literarischste von seinem Kindheitshelden Diego Maradona, den er 1989 in München spielen sah und schier nicht glauben konnte, was sich da vor seinen Augen abspielte: "Der Ball schwebte im Maradonismus. Maradona war der Ball, und der Ball war Maradona. ... Das Stadion verstummte in Ehrfurcht. Es war die Uraufführung von John Cages 4'33 in der Welt des Fußballs. Die Zuschauer hörten in der Stille den Urklang des Spiels. Es war ein singulärer Klang der Schönheit, der direkt in die Seele flatterte und dort die unerträgliche Leichtigkeit des Seins zum Erklingen brachte."

Weitere Artikel: Auf Seite Drei der SZ überlegt  Hilmar Klute, wie sich Theodor Fontane im Jubiläumsjahr auch für heutige Lesergenerationen als zeitgemäß aufschließen lässt. "Irrungen, Wirrungen" erzähle vom Preußen des 19. Jahrhunderts immerhin schon mal "truffauthaft leicht und tragisch zugleich". Björn Kuhligk begibt sich derweil für die taz auf Fontanes Spuren in Berlin, die allerdings weitgehend unter Neubauten begraben sind.

Besprochen werden unter anderem Sibylle Bergs "GRM. Brainfuck" (Zeit, Literarische Welt), Gabriele Tergits "Effingers" (Berliner Zeitung), Isabelle Lehns "Frühlingserwachen" (taz), Szczepan Twardochs "Wale und Nachtfalter" (Dlf Kultur), die Gesamtedition von Samuel Becketts Briefen (NZZ), Jiří Weils "Mendelssohn auf dem Dach" (taz), Durs Grünbeins "Aus der Traum (Kartei)" (SZ), die Ausstellung "Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur" im Literaturmuseum in Wien (Standard), Isaac Bashevis Singers "Jarmy und Kelia" (Literarische Welt), Agnès Poiriers "An den Ufern der Seine - Die magischen Jahre von Paris 1940-1950" (Literarische Welt) und Bret Easton Ellis' Autobiografie "Weiß" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2019 - Literatur

In der NZZ bedankt sich Paul Jandl für die Erfindung des Konjunktivs, der uns Hoffnung in die Herzen trägt: "Der Konjunktiv treibt uns in Lottoannahmestellen und zu Partnerbörsen. Er sagt uns: Da könnte was gehen! Die philosophisch Missmutigen allerdings finden den Konjunktiv dann wieder gar nicht so toll. Der Schriftsteller Arno Schmidt hält den Konjunktiv sogar für 'ein linguistisches Misstrauensvotum gegen Gott'. Spitzfindige Begründung: 'Wenn alles unverbesserlich gut wäre, bedürfte es gar keines Konjunktivs.' Nicht einmal in diesem Satz kann Arno Schmidt also auf den Konjunktiv verzichten."

In der heute von unter 24-Jährigen konzipierten und bestückten taz spricht Theresa Bolte mit der Jugendbuchautorin Moira Frank über die Darstellung von LGBT-Menschen in Jugendbüchern. Sehr dankbar nimmt sie zur Kenntnis, dass hier allmählich eine Öffnung stattfindet: "Es gab schon immer LGBT-Jugendliche. Die saßen früher noch tiefer im Schrank und waren allen noch ein bisschen egaler als heute. ... Ein unbeschwerter Sommer, verliebt in ein anderes Mädchen sein? Für mich undenkbar. In Aufklärungsbüchern wurden lesbische Gefühle als 'Phase' beiseitegeschoben, in Romanen gab es keine Lesben weit und breit außer Wilma in den 'Wilden Hühnern'. LGBT-Figuren hätten mich nicht vor allen negativen Erfahrungen gerettet, aber sie hätten mir geholfen, mich als normal, gesund und zu Glück, Liebe und Stabilität fähig zu sehen."

Weitere Artikel: Jan-Heiner Türck befasst sich in der NZZ mit christlichen Deutungen des Odysseus-Mythos. Katrin Hillgruber berichtet im Tagesspiegel vom Literaturfestival in Ascona.

Besprochen werden Bret Easton Ellis' Autobiografie "Weiß" (Zeit), Dagmar Herzogs Essayband "Lust und Verwundbarkeit" (NZZ) und Gary Shteyngarts "Willkommen in Lake Success" (FAZ). Außerdem liegt der SZ heute ihre Krimibeilage "Schwarze Serie" bei, die wir in den kommenden Tagen auswerten werden.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2019 - Literatur

Constanze Letsch berichtet in der NZZ von der bestürzenden Lage der türkischen Bibliotheken: "Hunderte öffentliche Büchereien wurden in den letzten zehn Jahren geschlossen oder einem langsamen Tod überlassen. Laut den Zahlen des TKD gibt es zurzeit nur 1146 öffentliche Bibliotheken im Land, fast ein Sechstel dieser Einrichtungen sind vorübergehend geschlossen. Damit kommt auf 70 000 Einwohner eine einzige öffentliche Bücherei - ein Zehntel des EU-Durchschnitts."

In der FAZ schreibt Dietmar Dath zum Tod des Schriftstellers Gene Wolfe, "eines der sehr wenigen Science-Fiction-Autoren, auf deren Werk man zeigen kann, wo darüber geredet wird, ob dieses Genre Kunst sein kann". Insbesondere in der Reihe "Books of the New Sun" aus den frühen 80ern zeige sich Wolfes literarisches Genie: Die Tetralogie "ist ein in Myriaden Details feinst ausgesponnener Wandteppich aus literarischen Anspielungen, psychologischen Beobachtungen, historischen und theologischen Spekulationen, eine textgewordene Soteriologie der Phantastik."

Besprochen werden unter anderem Sibylle Bergs "GRM. Brainfuck" (Berliner Zeitung), neue Veröffentlichungen der Lyrikerin Monika Rinck (ZeitOnline), Saša Stanišićs "Herkunft" (Standard), Florjan Lipušs "Schotter" (NZZ), James Sallis' "Willnot" (Presse), die Ausstellung "Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur" im Literaturmuseum  in Wien (Presse), Colin Dexters Krimi "Zuletzt gesehen in Kidlington" (Freitag), A. G. Lombardos Krimi "Graffiti Palast" (Freitag), Gunther Geltingers "Benzin" (SZ), der von Mawil gezeichnete Hommage-Comic "Lucky Luke sattelt um" (FAZ) und Anselm Oelzes "Wallace" (FAZ).

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2019 - Literatur

In einem schönen, knappen aber dichten Essay in der NZZ erklärt Gabriel Zimmer, warum Spitzensportler, Dichter und andere Wortkünstler durchaus wesensverwandt sind: "Muhammad Ali und Sokrates beherrschten beide den Tanz des Schmetterlings und der Biene. Zwei Menschen aus Fleisch, Blut und Geist, und doch beide seltsam entrückt aus dieser Welt, weil zum Symbol geworden, zur Momentaufnahme, die etwas Einmaliges einfängt. Wahre Schönheit liegt im Insekt. ... Wir sprechen von der Tagesform eines Spielers, von der Formvollendung eines Gedichts - man merkt darin schon, dass es um nichts Starres geht. Nicht nur um die Anordnung von Inhalt, sondern um dessen Lebendigkeit. Eine Mischung aus Regelbefolgung und Regelbruch, darin entfaltet sich das Spiel aus Körper oder Sprache."

Weitere Artikel: Für die NZZ hat Tobias Sedlmaier das Literaturfestival in Ascona besucht. In seiner "Lahme Literaten"-Kolumne in der Jungle World knöpft sich Magnus Klaue diesmal Reinhard Jirgl vor. Tor.com meldet den Tod des hierzulande fast nur Insidern bekannten, in den USA aber als anspruchsvoller Literat gefeierten Science-Fiction- und Fantasy-Autors Gene Wolfe, den der New Yorker vor wenigen Jahren in einem Porträt als "das schwierige Genie der Science-Fiction" würdigte.

Besprochen werden unter anderem Oleg Senzows "Leben - Geschichten" (Standard), Jonathan Robijns Krimi "Kongo Blues" (Freitag), Tana Frenchs Krimi "Der dunkle Garten" (Freitag), Nell Zinks "Virginia" (Standard), Ulrike Draesners "Eine Frau wird älter" (SZ), Karel Čapeks Glossensammlung "Seltsames England" (NZZ) und Louise Erdrichs "Der Gott am Ende der Straße" (FAZ).

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Stichwörter: Sport, Wolfe, Gene

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2019 - Literatur

Ines Geipel spricht in der Berliner Zeitung über ihr Buch "Umkämpfte Zone", in dem sich die in der DDR aufgewachsene Schriftstellerin eine Antwort zu geben versucht, was im heutigen Osten der Republik seit 2015 und dem anhaltenden Erfolg der AfD aufgebrochen ist: Der Osten "muss mit einer Erfahrungswucht klarkommen, die kaum zu bewältigen ist. Das haben wir doch alle unterschätzt: was mehr als 50 Jahre Diktaturerfahrung bedeuten, was diese Doppeldiktatur bedeutet. Das hat eine Dimension, die wir 1989 noch nicht so im Blick hatten. Weil sie ja nicht nur Menschen traumatisiert, sondern auch ihre Kultur. Vertreibungen, Flucht, Zuchthäuser, Mauertote. Es ist sehr viel Gewalt in dieser Geschichte, eben auch strukturelle Gewalt ... - und darunter liegt dann noch jener andere Teil Diktaturgeschichte, der Nationalsozialismus."

In der Jungle World spricht der französische Autor Jayrôme C. Robinet über die Erfahrungen nach seiner Geschlechtsangleichung, die aus einer französischen Brünette einen jungen Mann mit Migrationshintergrund und den damit einhergehenden Verdächtigungen gemacht hat: "Das ist eine allgemein männliche Erfahrung. Wir gelten als potentielle Vergewaltiger oder Gewalttäter. Ich habe nun zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, wie stark das Patriarchat auch Männer unter Druck setzt und bestimmte Dinge projiziert. Es schreibt uns Eigenschaften zu und erschafft so Wirklichkeiten."

Magnus Klaue verortet in der FAZ den einstigen, aber mittlerweile von den deutschen Gerichten und Jugendschutzbehörden wieder freigegebenen Skandalroman "Josefine Mutzenbacher" vor dem historischen Kontext seiner Entstehungszeit und erklärt, warum die Lesart der Zensoren, die das Buch wegen Kinderpornografie auf den Index gesetzt hatten, dem Werk nicht gerecht wird: "Die Kindfrau fungierte als Chiffre für die fortbestehende Unmündigkeit junger Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft, die sie, ästhetisch verklärt, als entrückte Zauberwesen erscheinen ließ. Das der Figur zugeschriebene Handeln brachte eine gegenläufige Erfahrung zum Ausdruck: die wachsende geschlechtliche Autonomie von Mädchen, die sich der Neutralisierung zum Kind entzogen."

Weitere Artikel: Im Freitag empfiehlt Ute Cohen feministische Krimis von Christine Lehmann, Katja Bohnet und Camilla Läckberg. Besprochen werden Sheila Hetis "Mutterschaft" (taz), Samuel Becketts Briefe 1966-1989 (online nachgereicht von der Zeit), Nathaniel Richs "Losing Earth" (Standard), Han Kans "Deine kalten Hände" (online nachgereicht von der FAZ), Oleg Senzows "Leben" (Berliner Zeitung), der von Federico Italiano und Jan Wagner herausgegebene Band "Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas" (Tagesspiegel), Preti Tanejas "Wir, die wir jung sind" (SZ) Michael Connellys Bosch-Krimi "Die Verlorene" (Freitag), Marie Darrieussecqss "Unser Leben in den Wäldern" (online nachgereicht von der FAZ), Judith W. Taschlers "Das Geburtstagsfest" (Presse) und neue Hörbücher, darunter eine Hörspiel-Edition mit Romanen von Theodor Fontane (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Konstantin Kavafis' "Troer":

"Unsre Bemühungen, die von Schicksalsduldern,
Unsre Bemühungen sind wie jene der Troer.
Stückchen richten wir grade, Stückchen
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2019 - Literatur

Im literarischen Wochenendessay der FAZ legt uns Thomas David Richard Wrights am Montag erscheinenden und erstmals komplett auf Deutsch vorliegenden Roman "Sohn dieses Landes" euphorisch ans Herz: Die Geschichte von Bigger Thomas, eines Schwarzen, der im Chicago der 30er nach einer Verkettung von Zufällen auf dem elektrischen Stuhl landet, "ist ein Epos von fast homerischem Zorn, der Roman einer selbstzerstörerischen, im Inferno eines kulturellen Albtraums vollzogenen Entfesselung." Dieses Buch offenbare "den aggressiven Zorn und den unkontrollierbaren Schmerz, das in panischer Verzweiflung pulsierende Herz eines im Schwarz-Weiß des amerikanischen Rassenkonflikts brutalisierten Menschen."

Ohne Haschrausch in überschaubaren Dosen läuft bei Wolf Wondratschek am Schreibtisch wenig, gesteht er im großen Gespräch mit der Literarischen Welt. "Alexander Kluge hat das sehr schön gesagt: 'Schöpfertum ist eigentlich die Trance organisieren.' ... Mein Feindbild damals hieß Hans Magnus Enzensberger - der hatte noch nie ein gutes Gedicht geschrieben, meiner Meinung nach. Das war ein Intellektueller und so wollte ich nicht werden. Also rein mit dem Haschisch. Durch Haschisch legen wir bestimmte Stellen im Gehirn lahm, diesen ewigen Neinsager im Kopf: 'Nein, es ist nicht gut, das kannst du nicht machen, nein, nein, nein!' Den Neinsager muss man betäuben. Wenn du high bist, dann hast du Mut. Dann geht eben die Feder nicht zu Boden. Sondern bleibt irgendwie immer in der Luft."

Weitere Artikel: Gary Shteyngart "ist gerade dabei, von einem der lustigsten Schriftsteller seiner Generation zu einem der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation zu werden", schreibt Christian Zaschke auf der Seite Drei der SZ und fokussiert dabei vor allem auf Shteyngart als grenz-neurotischen Armbanduhren-Sammler - eine Leidenschaft, über die er sich bereits im New Yorker ausführlich geäußert hat. Auf Yale Review schildert Terena Elizabeth Bell auf sehr vergnügliche Weise, was es heißt, in New York neben Philipp Roth zu wohnen. Für den Freitag hat sich Marcus Müntefering mit dem Schriftsteller James Sallis zum Gespräch getroffen. Eine computergestützte quantitative Studie, die den "Beowulf" auf metrische Konstanzen und wiederkehrende Buchstabenkombinationen abgescannt hat, nährt die These, dass hinter dem Epos tatsächlich ein einziger Autor steckt, meldet Tilman Spreckelsen in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Sibylle Bergs "GRM. Brainfuck" (Standard, FAZ), Siri Hustvedts "Damals" (Zeit), Helene Bukowskis Debüt "Milchzähne" (taz), Georges Simenons "Maigret im Haus der Unruhe", der als erstre vollwertiger Maigret-Roman gilt und hier zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde (Tagesspiegel), neue Bücher über Else Lasker-Schüler (Tagesspiegel), Domenico Daras "Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall" (taz), Pferdebücher von Juli Zeh und Jenny Friedrich-Freksa (SZ) und Johan Harstads "Max, Mischa & die Tet-Offensive" (Literarische Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2019 - Literatur

Die Schriftstellerin Lydia Mischkulnig malt sich in der NZZ ihren persönlichen Albtraum aus, dass künftig alle irgendwie Literatur aus der ersten Person Singular schreiben könnten - von Bots geschult, von literarischen Plattformen mit Aussicht auf eine Veröffentlichung angelockt. "Das Veröffentlichen von Betroffenheitsliteratur wird uns nicht erspart bleiben, ungefilterte Privaterfahrungen im Sud aus Meinungen. Es wird eine neue Literaturkultur entstehen. ... Hier wird das Ich gefeiert. Und alle anderen Ichs aus der teilnehmenden Community können als Iche mitreden. Man kann sich anmelden, und schon ist man als Ratgeber und Kritiker oder Autor in einer Community, die Text produziert und konsumiert. Das Ich will likes, Anerkennung für seine Publizitätswünsche. Der voyeuristische Heißhunger auf die sogenannte Wirklichkeit wird gestillt, denn nur aus ihr wird berichtet."

Weitere Artikel: Gerrit Bartels berichtet im Tagesspiegel von den Auflageproblemen, die ein kleiner Verlag - in diesem Fall der Verbrecher Verlag mit Anke Stellings "Schäfchen im Trockenen" - nach einer großen Auszeichnung kriegen kann. In der NZZ meditiert Thomas Ribi über das Verhältnis zwischen Dichtern, Wahrheit, Fiktion und Fake News.

Besprochen werden unter anderem Sibylle Bergs "GRM. Brainfuck" (Tagesspiegel, Dlf Kultur hat mit der Autorin gesprochen), neue Buchveröffentlichungen von Siri Hustvedt (Berliner Zeitung, Stefan Michalzik hat für die FR einen Lesung besucht), Gioacchino Criacos Krimi "Die Söhne der Winde" (Freitag), Claudia Rikls Krimi "Der stumme Bruder" (Freitag), Elke Erbs "Gedichtverdacht" (NZZ) und Éric Vuillards "14. Juli" (SZ).
Stichwörter: Mischkulnig, Lydia

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2019 - Literatur

Auf der Flucht vor dem iranischen Regime wurde der iranisch-kurdische Dichter und Journalist Behrouz Boochani 2013 von den australischen Behörden interniert. Über seine Erfahrungen im Lager schrieb er per SMS an seinen Übersetzer das Buch "No Friends But The Mountains", das in Australien mit höchsten Preisen ausgezeichnet wurde. Im Lager sitzt er noch immer. "Die Geschichte dieses Internierungslagers ist voller Gewalt und Folter", sagt Boochani im per Skype geführten Spex-Interview. "Bis jetzt sind hier zwölf Menschen gestorben, die meisten wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung. Ich glaube, wenn das australische Volk die Wahrheit wüsste, würde es diese Art von Politik nicht zulassen. ...  Ich habe versucht, eine neue Terminologie zu finden. 'Systematische Folter' ist ein weiterer Schlüsselbegriff meines Buches. Es ist wichtig, dass wir nicht der 'offiziellen' Sprache folgen, denn die Regierung kann sich hinter diesen Konzepten und Wörtern verstecken. Und oftmals passen sich die Medien dieser Sprache an und reproduzieren sie."

Besprochen werden Hussein Jinahs Essay "Als Weltbürger zu Hause in Sachsen" (taz), Marko Dinićs Debüt "Die guten Tage" (Standard), Lawrence Ferlinghettis "Little Boy" (online nachgereicht von der FAZ), Lola Randls "Der große Garten" (SZ) und William Boyds "Blinde Liebe" (FAZ).

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2019 - Literatur

Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Jürg Altwegg (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Claudio Magris zum Achtzigsten.

Besprochen werden unter anderem Nikolaus Harnoncourts "Meine Familie" (NZZ), Christoph Heins "Gegenlauschangriff" (Standard), Albrecht Selges "Fliegen" (NZZ), Horst Bredekamps "Aby Warburg, der Indianer" (SZ), Hans Christoph Buchs "Tunnel über der Spree. Traumpfade der Literatur" (Tagesspiegel), Nathaniel Richs "Losing Earth" (Welt, Dlf Kultur), die Ausstellung "Wettlauf zum Mond - die fantastische Welt der Science-Fiction" im Karikaturenmuseum in Krems (SZ) und Ulrich Siegs Biografie über Elisabeth Förster-Nietzsche (FAZ).

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2019 - Literatur

Mit "Die zweite Welt" ist der Journalistin und Schriftstellerin Christine Lehmann ein echtes Bravourstück gelungen, schreibt Thekla Dannenberg im Perlentaucher: Der an einem einzigen Tag - dem Frauentag - spielende Krimi ist eine "Literatur gewordene Timeline. Ein sensationeller Roman zur Lage der Frauen und dem Stand der feministischen Debatte im Jahr 2019. ... Lehmanns Romane bersten vor Aktualität und Dringlichkeit und sind natürlich auch bestens informiert über die moderne Techniken des Polit-Engineerings: Astroturfing, Nipster-Mode, illegale Parteienfinanzierung oder verdeckte PR-Kampagnen. Der Roman wirkt wie ein Antidot zur 'Vergiftung der Vernunft'. Und er ist ein Aufbegehren gegen den Raub der Worte, den Lehmann ihre Heldin an einer Stelle beklagen lässt: 'Öffnung der Gesellschaft, Bereicherung und Vielfalt sind gestrichen aus den politischen Reden. Mit den Wörtern verschwinden die Gedanken. Unsere Gefühle von Großmut und Freundschaft verlieren ihr Fundament.'"

Besprochen werden außerdem Miriam Toews' "Women Talking" (taz), die Wiederveröffentlichung von Peter Wydens "Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte" (Freitag), Viet Thanh Nguyens Erzählband "Die Geflüchteten" (NZZ), Kenah Cusanits Debüt "Babel" (Jungle World), Elisabeth Plessens "Die Unerwünschte" (Tagesspiegel), Max Porters "Lanny" (SZ) und Aka Mortschiladses "Obolé" (FAZ).

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