Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2019 - Literatur

Im Interview mit der SZ plaudert John le Carré über sein neues Buch "Federball" und den Brexit: "Was ich sagen will: Die Politik hat einen so absurden Fanatismusgrad erreicht, dass sich der Einzelne auf das konzentrieren muss, was ihm wichtig ist. Ich hatte viel Spaß beim Schreiben. Beim Lesen werden die Menschen lächeln." (Wieland Freund bespricht in der Welt le Carrés neuen Roman.)

In der FAS beklagt der Schriftsteller Thomas Melle die "Hetzjagd" auf Peter Handke in den sozialen Medien: "Man muss sich nicht auf Handkes Seite schlagen, um diese ungebremsten Effekte und Dynamiken zu kritisieren. Unverständlich ist einfach, wieso selbst die, die sich (und es ist so notwendig!) gegen den Hass, zumal den rechten, positionieren und für die Betroffenen und Diskriminierten einstehen, bisweilen dem Reiz des virtuellen Schauprozesses nachgeben und so selbst eine Unterform der symbolischen Gewalt ausüben, die ab einem bestimmten Punkt keine Dialektik mehr zu kennen scheint, keine Ambivalenzen und vor allem: kein Halten."

Björn Hayer berichtet auf Zeit online von der Verleihung des Friedenspreises an Sebastião Salgado. Im Tagesspiegel schreibt Kai Müller. In der Berliner Zeitung gratuliert Christian Thomas. In der NZZ fragt sich Roman Bucheli dagegen noch immer, wofür Salgado den Preis eigentlich bekommen hat. Die Welt hat Salgados Dankesrede publiziert.

Weiteres: Jens Uthoff lässt in der taz das Buchmessen-Wochenende Revue passieren. In der NZZ würdigt Roman Bucheli den Auftritt des Buchmessengastlandes Norwegen. Lara Sielmann plaudert für die FR mit Hanser-Lektorin Charlotte von Lenthe über ihre Arbeit. In der Berliner Zeitung erzählt Ingeborg Ruthe von der mobilen Müllwagen-Bibliothek in Ankara, die der Berliner Fotograf Jean Molitor entdeckt hat. In der NZZ denkt der Schriftsteller Martin R. Dean darüber nach, wie sehr sich das Reisen verändert hat. Kai Spanke (FAZ) hört den Botschaften zur Selbst- und Weltverbesserung an den Messeständen nach. Thomas Thiel (FAZ) besuchte in Essen Jill Lepores Antritt zur Deutschland-Lesereise für ihr Buch "Diese Wahrheiten". Lydia Koelle erinnert in der FAZ an Paul Celans einzige Israel-Reise im Herbst 1969.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2019 - Literatur

Dass auch Olga Tokarczuk einen Literaturnobelpreis gewonnen hat, geht im allgemeinen Handke-Getöse ziemlich unter. Im Freitag befasst sich Jan Opielka mit dem Werk der polnischen Schriftstellerin - und kommt dabei auch auf den leicht kuriosen Umstand zu sprechen, dass die engagiert linksliberal auftretende Autorin bis in höchste Ränge und Ämter der rechtsnationalistischen PiS-Partei ihre Leser hat. Ihr Leben und Werk entziehe sich "einer klaren politischen Zuordnung, wie auch Polen in keine politisch-kulturelle Ost-West-Landkarte passt. ... Ihre literarischen Arbeiten sind von einem bildstarken Mystizismus geprägt, sie greifen, jenseits des Rationalen, auf religiöse Traditionen, auf archetypische Muster zurück. Womöglich deshalb kann der konservative Kaczyński ihrem Werk einiges abgewinnen."

"Der Literaturnobelpreis dient nicht dazu, alljährlich über das Verhältnis von Literatur und Moral oder Politik zu diskutieren", mahnt Jürgen Kaube in der FAZ mit Blick auf die Handke-Debatte der letzten Tage: "Wie kommt man auf die Idee, Schriftsteller hätten angenehme Menschen mit durchgängig einwandfreien Ansichten und tadellosem Lebenslauf zu sein?" Die Empörung ist "ganz gewiss nicht" gerechtfertigt, meint Claus Peymann im Gespräch, das er der Rhein-Neckar-Zeitung gegeben hat. "Es muss ja möglich sein, dass ein Schriftsteller seine Meinung vertritt und den Untergang von Jugoslawien bedauert - auch wenn er das anhand bestimmter Personen festmacht. ... Dieser Konflikt ist total aufgeblasen."

Gespenstisch - der Sache nach nachvollziehbar, aber um den Kern des konkreten historischen Kontextes beraubt - findet Lothar Müller in der SZ diese Wiederkehr längst ausgefochtener Debatten aus den neunziger und nuller Jahren. In Erinnerung ruft er das damalige Debattenklima, vor dessen Hintergrund man Handkes damalige Äußerungen einsortieren müsse: "In nicht geringen Teilen der Öffentlichkeit erschien die serbische Führung um Slobodan Milošević als Wiedergänger der Nationalsozialisten. Dagegen vor allem lief Handke bisweilen blindwütig, aber oft auch sich selbst ins Wort fallend Sturm ... Handke ist kein Völkermord-Apologet. Aber jemand, der die staatlichen, systematischen Vernichtungsenergien beim Zerfall Jugoslawiens verkennt."

Die historische Erfahrung vermisst auch der aus Bosnien stammende Schriftsteller Tijan Sila, zieht aber in seiner wütenden Abrechnung mit Handke in der taz andere Schlüsse: "Zum Zeitpunkt des Erscheinens solcher Bücher wie 'Winterliche Reise' sah Handke sich nur mit höflichen Problematisierungen konfrontiert - heute ist es der Zorn bosnischer Diaspora. ... Die bittersüße Ironie der Tatsache, dass genau dieses vom Krieg erschaffene globale Kulturleben Bosniens Handke in solche Bedrängnis bringt, ist ein geringer Trost."

Weiteres: Die Literaturwissenschaftlerin Nahrain al-Mousawi befasst sich in der NZZ mit arabischer Science-Fiction. Die Literarische Welt wird heute auf mehreren Seiten bestimmt von Zadie Smiths kürzlich in der New York Review of Books veröffentlichtem Essay über die Freiheit der Fiktion und kulturelle Aneignung - ein Resümee finden Sie hier in unserer Magazinrundschau. In der taz sammeln Andreas Fanizadeh und Tania Martini Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse, wo auch erstmals das beste von einer KI verfasste Buch prämiert wurde, wie Jens-Christian Rabe in der SZ berichtet. Für die FR spricht Jannik Schäfer mit dem vielbeschäftigten Übersetzer Frank Heibert. Für das Buch Zwei der SZ hat Martin Zips den französischen Comiczeichner Didier Conrad besucht, der den neuen, Ende des Monats erscheinenden Asterix-Band gestaltet hat. Auf der FAZ-Seite "Literarisches Leben" erinnert Susanne Klingenstein an den Genozid an den ukrainischen Juden im Jahr 1919 und dessen Aufarbeitung in der jiddischen Literatur, insbesondere an den "emotional verstörenden Roman 'Chadoschim un teg'" von 1926, in dem Itsik Kipnis zu ergründen versucht, warum Menschen plötzlich zu den Waffen greifen, um ihre jüdischen Nachbarn zu ermorden. Dieser faktografische Roman "ist eine jüdische Innenansicht der Pogrome. Ein ukrainisches Pendant gibt es nicht."
   
Besprochen werden unter anderem Jan Peter Bremers "Der junge Doktorand" (taz), Marlon James' "Schwarzer Leopard, roter Wolf" (taz),Ahmed Saadawis "Frankenstein in Bagdad" (NZZ), Øyvind Torseters Comic-Erzählung "Hans sticht in See" (Tagesspiegel), Hans Blumenbergs Essay "Die nackte Wahrheit" (Literarische Welt),  Rüdiger Safranskis Biografie "Hölderlin: Komm! ins Offene, Freund!" (SZ) und ein in Frankreich erschienener Band mit bislang unveröffentlichten Textfragmenten von Marcel Proust (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2019 - Literatur

Mats Malm, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, hat in der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter die Entscheidung für Peter Handke verteidigt. Der Bayerische Rundfunk bringt viele übersetzte Zitate aus dem Text: Zwar habe der Schriftsteller "provokative, ungeeignete und unklare Kommentare in politischen Fragen gemacht", doch "die Akademie hat nichts in seinem schriftstellerischen Werk gefunden, das eine Attacke auf die Zivilgesellschaft darstellt oder den Respekt für die Gleichheit aller Menschen infrage stellt." Zudem "habe Handke niemals Blutvergießen im Jugoslawien-Krieg verherrlicht und auch das berüchtigte Massaker in Srebrenica vom Juli 1995 'klar verurteilt'. Dabei verwies Malm auf einen Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 1. Juni 2006, in dem Handke mit dem Satz zitiert wurde, Srebrenica sei 'das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde'."

Auch Henrik Petersen, Mitglied des Nobelpreiskomitees, hat die Entscheidung für Handke mit einem ausführlich erklärenden und Handke lesenden Text verteidigt. Spon hat den Text publiziert: Handke war nie ein Kriegstreiber, schreibt Petersen, aber er hat es Slowenien und der EU übel genommen, dass so schnell bereit waren, Jugoslawien aufzugeben. "Richten wir unseren lesenden Blick anschließend auf das Schlüsselwerk 'Die Wiederholung', erkennen wir, wie viel emotionales Kapital Handke in den Befreiungskrieg Jugoslawiens gegen die nationalsozialistischen Besatzungsmächte investiert hat. Das ist der persönliche Hintergrund, vor dem Handke erklärt hat, die Regionen hätten wie Geschwistervölker zusammenhalten müssen, Seite an Seite."

Michael Cerha liefert im Standard ein Stimmungsbild aus Handkes Heimatort Griffen in Kärnten.

Ansonsten hat sich die Frankfurter Buchmesse wieder nach verlässlichen Maßstäben eingependelt: In der SZ berichten Johan Schloemann und Lothar Müller vom traditionellen Frankfurter Suhrkamp-Empfang, wo Lutz Seiler aus seinem nächsten Roman "Stern III" las. Marie Schmidt hat eine Diskussion von Übersetzern verfolgt, die sich Gedanken darüber machen, in welchem Kontext ihrer Arbeit der Griff zum N-Wort statthaft ist. Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel bemerkt, dass an den Buchständen von China, Hongkong und Taiwan aktuelle politische Konflikte "totgeschwiegen" werden. Julia Bähr berichtet auf FAZ.net von einer Diskussion darüber, wie Frauen im Netz von Trollen belästigt werden. Für die taz schlendert Sophia Zessnik über das Messegelände und berichtet unter anderem von einer Diskussion zwischen Robert Habeck und dem Autor Jean-Baptiste Del Amo über dessen neuen Roman "Tierreich". Corinna von Bodisco vom Tagesspiegel beobachtet, dass die Bookstagram-Community auf Instagram immer größer und wichtiger wird - um das Phänomen dreht sich auch der neue Kulurpodcast von Dlf Kultur. Roman Bucheli vermisst vor lauter Umweltbewusstsein an den Messeständen das Buch als eigentliches Kerngeschäft der Verlage.

Weiteres: In Irland möchte man bis 2022 die Verlegung von James Joyce' Grab aus dem Schweizerischen Fluntern nach Dublin erwirken, berichtet Angela Schader in der NZZ. Katrin Hillgruber wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Literaturland Luxemburg.

Besprochen werden unter anderem Salman Rushdies "Quichotte" (NZZ), Sibylle Lewitscharoffs "Von oben" (ZeitOnline), Valeria Luisellis "Archiv der verlorenen Kinder" (Tagesspiegel), Mircea Cartarescus "Solenoid" (Berliner Zeitung), Tarjei Vesaas' "Das Eis-Schloss" (Tagesspiegel), Henning Ziebritzkis Gedichtband "Vogelwerk" (Tagesspiegel) und Martin Pollacks "Die Frau ohne Grab" (SZ).

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2019 - Literatur

"Die Stimmung hat sich nun eindeutig gegen Peter Handke gewendet", fasst Thomas Steinfeld in der SZ die Debatte um den Literaturnobelpreisträger und dessen Engagement für Serbien im Balkankonflikt zusammen. Allerdings sei der Ton mitunter arg schrill geraten, findet er: "Das Meinen zu Peter Handke scheint sich immer weiter von Textkenntnis zu entfernen, was sowohl für seine literarischen Werke (etwa 200 Titel) wie für die Sekundärliteratur gilt." Für den Freitag hat Mladen Gladic deswegen extra nochmal nachgeblättert, was Handke eigentlich geschrieben hat, und kommt zu dem Schluss: "Dass Handke die Möglichkeit der Massaker geleugnet hätte, wie Stanišić meint, ist von einer Lektüre des Textes aber nicht gedeckt. Mehr Zögern, ein Lesen und Nachlesen wären gut gewesen. Und ein solches Zögern, ein genaues Lesen dessen, was in diesen Texten gesagt und nicht gesagt wird, würde auch der Debatte, die jetzt wieder um Handkes Reiseberichte aus der Zeit der Jugoslawienkriege ausgebrochen ist, mehr als gut tun."

In der Zeit verteidigt Eva Menasse den Literaturnobelpreis für Peter Handke: "Wir haben es nicht mit einem in der Wolle gewirkten Nationalisten, Mörderversteher und Faktenverdreher zu tun, der auch noch mit einem Preis belohnt worden ist, sondern mit einem zum 'Tatzeitpunkt' 1996 berühmten Literaten auf politischen Abwegen. Dieser Unterschied ist bedeutsam. Die Literaturgeschichte ist voll von solchen."

Slavoj Zizek sieht das - ebenfalls in der Zeit - ganz anders. Und er hat eine interessante Erklärung für Handkes Serbien-Sympathien: "Der Nobelpreis für Handke ist ein weiteres Zeichen für das, was Robert Pfaller die 'Interpassivität' der westlichen Linken nennt: Sie wollen gerne authentisch sein, aber durch einen anderen, der das authentische Leben an ihrer Stelle lebt. Handke hat lange Jahre interpassiv sein authentisches Leben gelebt, frei von der Korruption des westlichen Konsumkapitalismus, und zwar durch Slowenen, seine Mutter war Slowenin. Für ihn war Slowenien ein Land, in dem die Worte noch direkt in Verbindung standen mit den Dingen. In den Läden hieß Milch einfach 'Milch', keine kommerzialisierten Markennamen störten das Bild. Die slowenische Unabhängigkeit und die Bereitschaft des Landes, der Europäischen Union beizutreten, haben in ihm dann eine gewalttätige Aggression entfacht: Er hat die Slowenen nur noch als Sklaven des österreichischen und deutschen Kapitals betrachtet, die ihr Erbe an den Westen verscherbeln. Und all das, weil seine Interpassivität gestört wurde, weil Slowenen sich nicht mehr so verhalten haben, dass er sich durch sie authentisch geben konnte. Kein Wunder also, dass Handke sich Serbien zugewandt hat, als letzter Bastion des Authentischen in Europa."

"Freilich ist der Handke moralisch gesehen ein Würschtl", kommentiert die Schriftstellerin Angela Lehner im Tagesspiegel. Nicht der Schriftsteller ist für sie aber der Skandal, sondern die Entscheidung der Schwedischen Akademie, mehr noch aber das Versagen der Zivilgesellschaft aktuell im Blick auf die Kurden: "Gerne jammern wir über die Verbrechen unserer Großeltern-Generation. Aber was sind wir denn im Jahre 2019 selbst für eine völkerrechtliche Gemeinschaft an Würschtln, dass wir uns lieber einer kulturellen Bauchnabelschau widmen als politisch brennenden Themen. Aber wir machen das ja, schreien wir jetzt auf! Wir sind doch ein kritisches Kollektiv! Wir echauffieren uns auf Social Media, wir gehen protestieren."

Außerdem: Nachdem Peter Handke ein Interview in seinem Heimatort Griffen abgebrochen hat, stellt Ronald Pohl für den Standard die schönsten Wutausbrüche des Nobelpreisträgers zusammen.

Iris Radisch schließlich würdigt die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, die in der Handke-Debatte ärgerlicherweise etwas unterzugehen droht, aber hoffentlich von einem größeren Publikum in Deutschland entdeckt wird: "In keinem der Bücher von Olga Tokarczuk gibt es eine wiedererkennbare Autorenstimme, und es gibt keinen Kommentarstil, der den beschriebenen Weltwinkel einfärbte, verschönerte, dramatisierte, ironisierte oder sonst wie manipulierte. Ihr Stilideal ist das der Engel, der Sterbenden oder der vormodernen Skribenten, die sich 'ohne Reflexion, ohne Urteil, ohne Gefühl' an die Niederschrift des zu Berichtenden machen - eine 'neutrale Schreibweise', eine écriture blanche, wie sie auch den Pariser Autoren des Nouveau Roman und ihrem Chefinterpreten Roland Barthes vorschwebte."

Für die SZ wirft Florian Hassel einen Blick ins benachbarte Polen, wo in Branche und Öffentlichkeit ordentlich die Sektkorken knallen. Und: Finanzminister Jerzy Kwieciński hat nun bekundet, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, dass Tokarczuks Preisgeld steuerfrei machen würde: "Eine solche Entscheidung durch einen Minister der nationalpopulistischen Regierung wäre besonders apart. Schließlich haben Anhänger der Regierungspartei die für Demokratie und Umweltschutz, ethnische Minderheiten und Schwule und Lesben auftretende Tokarczuk in der Vergangenheit gern als 'Anti-Polin' oder Verräterin diffamiert und gar ihre Ausweisung gefordert."

Vom Auftakt der Frankfurter Buchmesse berichten Jens Uthoff (taz), Felix Stephan (SZ) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel), der, gemessen an den hitzigen Debatten der letzten Tage, "ein einziges Fest der Freude und der Harmonie und der Zuversicht" erlebte. Richard Kämmerlings von der Welt beobachtet eine verunsicherte Branche im Selbstbeweihräucherungsmodus. Neben den warmen Worten und Ansprachen gab es auch Eindringlicheres zu berichten, schreibt Elena Witzeck auf FAZ.net: Die Schriftstellerinnen Chuah Guat Eng (Malaysia) und Hon Lai-Chu (Hongkong) sowie der Schriftsteller Ho Anh Thai (Vietnam) sind aus ihrer Heimat zu einem Podiumsgespräch angereist: "Sie schreiben über das Unrecht, das in ihren Ländern an der Tagesordnung ist, über politische Willkür und Diskriminierung." Hon Lai-Chu etwa berichtet, "wie sehr die Regenschirmbewegung die Identität der Stadtbewohner verändert hat. Sie schreibt Gedichte über ihre beunruhigenden Beobachtungen dieser Tage: die Polizeipräsenz, den Verlust der Privatsphäre, die steigende Zahl der bei den Protesten Verletzten, die Berichte von Missbrauch und Gewalt in Gefängnissen. 'Ich erkenne meine Heimat kaum wieder', sagt Lai-Chu, und dass sie sich manchmal schuldig fühle, weil sie 'nur' schreibe."

Weiteres: Der Autor Malte Herwig erklärt in der NZZ, warum er seit Jahren im großen Stil die Bücher in seinem Privatbesetz einscannt und sich der Originale entledigt. Auf ZeitOnline fragt sich Johannes Franzen, wie man Bücher über persönliche Erfahrungen rezensieren kann.

Besprochen werden unter anderem Olga Tokarczuks Epos "Die Jakobsbücher" (Tagesspiegel), Eugen Ruges "Metropol" (online nachgereicht von der FAZ), Per Pettersons "Männer in meiner Lage" (online nachgereicht von der FAZ), Johan Schloemanns "I have a dream. Die Kunst der freien Rede. Von Cicero bis Barack Obama" (NZZ), Johannes Willms' Biografie über Charles de Gaulle (NZZ) und ein postumer Gedichtband von Christine Nöstlinger (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2019 - Literatur

"Als Bob Dylan der Völkermord-Apologeten" bezeichnet der Schriftsteller Aleksandar Hemon Peter Handke in der New York Times. "Die Entscheidung für Handke impliziert ein Konzept von Literatur, die sicher fernab ist vom Ungemach der Geschichte und Tatsächlichkeiten des menschlichen Lebens und Sterbens. Krieg und Völkermord, Milosevic und Srebrenica, der Wert der Worten und Taten eines Schriftstellers in diesem Moment in der Geschichte - all dies mag für den ungebildeten Plebs, der Mord und Vertreibung ausgesetzt war, von Interesse sein, aber ja wohl nicht für diejenigen, die den 'sprachlichen Einfallsreichtum' zu schätzen wissen, 'der die Randgebiete und Besonderheiten der menschlichen Erfahrungen durchmisst.' Für solche kommen Völkermorde und gehen auch wieder, aber die Literatur bleibt für immer."

Ansonsten haben in der Handke-Debatte heute vor allem die Fürsprecher des Schriftstellers das Sagen: Für Andreas Rosenfelder (Welt) ist in der Diskussion zu viel Meinung, aber zu wenig Faktenwissen - weshalb er in Handkes umstrittener "Winterreise" nachschlägt und feststellt: "Handke selbst fragt, strenger als Saša Stanišić und New York Times, 'ob ein derartiges Aufschreiben nicht obszön ist, sogar verpönt, verboten gehört' ... Die von Stanišić heraufbeschworene Wirklichkeit wird bei Handke nicht etwa geleugnet, sie liegt in Steinwurfsweite gleich neben seiner Welt. Diese ist zwar, so Handke, die des 'Poetischen', aber sie tut nie so, als wäre sie etwas anderes." Kindisch findet Magnus Klaue in der Jungle World die Diskussion: "Wer einmal etwas Böses geschrieben hat, ist nämlich für immer böse und darf im Sandkasten der Weltfriedensgemeinschaft höchstens in der Ecke spielen." Für ihn ist der Literaturnobelpreis zwischenzeitig "zur Parade geschwätziger Ideologieproduzenten" geworden. "Dass nun Peter Handke die Auszeichnung erhalten hat, kann ebenfalls als Unterbrechung der Regel verbucht werden, schon deshalb, weil allen, die sich heimlich Robert Habeck als Preisträger gewünscht hatten, nun wieder einfällt, wie uneuropäisch und ergo menschenfeindlich Handke sich zum Jugoslawien-Krieg geäußert hat. Doch man muss gar nicht seine politische Meinung teilen, um in ihm einen würdigen Preisträger zu sehen. Es genügt zu wissen, dass alle ihn auslachen, weil er Pilze sammelt."

Handkes französischer Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt hatte seinerzeit ebenfalls erhebliche Probleme mit Handkes Äußerungen zum Balkankonflikt, erzählt er Jürg Altwegg in der FAZ. "'Ich habe ihm damals gesagt, Peter, du hast dich poetisch in der Politik verirrt. Ich glaube, er weiß es jetzt auch, aber es ist schwierig, mit ihm darüber zu sprechen. Wenn ich es versuche, sagt er immer: Hör bloß auf!' Die Neuauflage der Anfeindungen hält Goldschmidt für überflüssig. 'Sie kommen von Leuten, die nach Mao auch noch Chávez angebetet haben. Wie viele Linksintellektuelle haben sich politisch geirrt. Die Polemik muss umgehend aufhören.'"

Elena Witzeck berichtet in der FAZ von der Eröffnungs-Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse mit Olga Tokarczuk, der zweiten frisch gekürten Literaturnobelpreisträgerin in diesem Jahr. Mitgeschrieben bei der Veranstaltung hat auch Judith Sevinç Basad für die NZZ. Dabei ging es neben Handke und warmen Worten über die Kraft der Literatur auch um die Wahlen in Polen: "Vom jüngsten Wahlsieg der nationalkonservativen PiS in Polen ist Tokarczuk 'nicht begeistert'. Sie freue sich aber über den Einzug der linksorientierten Lewica ins Parlament, weil diese für Veränderungen sorgen werde. Zwar gebe es in Polen keine Zensur in der Literatur. Die rechtsorientierte Regierung versuche jedoch, Kultureinrichtungen wie Theater und Museen zu kontrollieren, weil diese Institutionen staatlich verwaltet würden. Das betreffe weniger die Schriftsteller, weil sie für ihre Kritik nur 'Bleistift und Computer' benötigten und die Verlage in privater Hand seien. Dennoch stellt Tokarczuk eine Art von Selbstzensur unter Literaten fest, weil die Autoren politische Konsequenzen befürchteten." Die gesamte Konferenz gibt es auf Youtube:



Außerdem schreiben die Feuilletons Nachrufe auf Harold Bloom. International bekannt wurde der kontroverse US-Literaturwissenschaftler vor allem durch sein energisches Eintreten für den Kanon der westlichen Literatur, als sich in den 90ern die Curricula der Universitäten zusehends in Richtung Postkolonialismus und Dekonstruktion öffneten. "Einen wie ihn hatte die Welt noch nicht gesehen", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. "Bloom war der einzige wirkliche Literaturpapst inmitten von Möchtegern-Stellvertretern Gottes, Bischöfen und Aushilfsministranten, und er inszenierte sich mit entsprechendem Pomp. Er verkörperte eine romantische Kunstreligion, an deren Reinheit er gegen alle hermeneutischen Störenfriede bis zur Lächerlichkeit festhielt." Auch im Zeitalter der Diversität kann uns Blooms Insistenz auf den Kanon der westlichen Literatur etwas sagen, meint Andreas Platthaus auf FAZ.net: "Erst in der Rückversicherung aufs Kanonisierte wird das Neue in seiner - positiv wie negativ - verändernden Kraft greifbar und verständlich." Auch SZ-Kritiker Thomas Steinfeld deutet Blooms Kanonbildung integrativ: Dieses Projekt "war im Kern amerikanisch: geschrieben für ein Publikum, das durch die Perspektivierung der Literatur nach Geschlecht, Rasse und Klassenzugehörigkeit zunehmend disparater wurde und immer noch wird. Dieser Zersplitterung wollte er, der bis kurz vor seinem Tod Seminare an der Universität Yale gab, etwas Starkes, Verbindendes und Verbindliches entgegensetzen." Thomas Leuchtenmüller schreibt in der NZZ eher skeptisch: Bloom hätte noch viel mehr erreichen können, wenn er nur "kleinere Angriffsflächen geboten hätte. Da waren jedoch der Elitismus und der Eklektizismus eines Theoretikers, der sich selber eine 'Ein-Mann-Sekte' nannte und trotz minuziösen Traktaten keine umfassende literarische Analysemethode konstruierte; vielmehr spekulierte, psychologisierte und mythologisierte er ohne Maß".

Skepsis über die Auszeichnung von Saša Stanišić mit dem Deutschen Buchpreis  (hier unser Resümee) äußert Fokke Joel in der taz: Hier hätten sich wohl die Buchhändler in der Jury durchgesetzt: "'Herkunft' ist, wenn man so will, ein sozialdemokratisches Buch. Raphaela Edelbauers 'Das Flüssige Land', deren Roman von der trügerischen Idylle, der verdrängten Vergangenheit und den subtilen Netzen der Macht in der österreichischen Provinz handelt, war der Jury dann wohl doch zu sperrig. Wie auch der heimliche Favorit des Feuilletons, 'Winterbienen' von Norbert Scheuer, der darin seine Eifel-Geschichte um die Kleinstadt Kall auf grandiose Weise fortgeführt hat."

Weiteres: In einem Essay auf ZeitOnline umkreist Daniel Schreiber das Ich in der Gegenwartsliteratur. Thomas David spricht in der NZZ mit dem norwegischen Schriftsteller Jon Fosse.  Gerrit Bartels ist für den Tagesspiegel nach Oslo zum Autorenpaar Erika Fatland und Erik Fosnes Hansen gereist. SZ-Autor Alex Rühle ist mit dem norwegischen Schriftsteller Tomas Espedal unterwegs. In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Richard Kämmerlings daran, wie Friedrich Hebbel 1839 zu Fuß von München nach Hamburg ging.

Besprochen werden Valeria Luisellis "Archiv der verlorenen Kinder" (Freitag), Christopher Isherwoods "Die Welt am Abend" (Sissy), der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger (NZZ), Zeina Abiracheds und Mathias Énards Comic "Zuflucht nehmen" (Tagesspiegel), Alexander Osangs "Die Leben der Elena Silber" (Freitag), Vitali Konstantinovs Comicadaption von E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" (Tagesspiegel), Hendrik Otrembas "Kachelbads Erbe" (Titel-Magazin) und Norbert Gstreins "Als ich jung war" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2019 - Literatur

Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Saša Stanišić für sein Buch "Herkunft". In der Kritik stößt das das ringsum auf Begeisterung. "Eine der besten Entscheidungen, die in der letzten Zeit im Literaturbetrieb getroffen wurde", freut sich Mara Delius in der Welt. "Einerseits, weil die Auszeichnung für das beste Buch des Jahres an einen Autor geht, der einen klugen, sprachgenauen, vielschichtigen Roman geschrieben hat. Andererseits, weil der Autor zeigt, wie unangepasst die jüngere deutsche Literatur ist, wenn sie, wie in diesem Fall, von jemandem geschrieben ist, der Deutsch erst als zweite Sprache gelernt hat".

Unangepasst zeigte sich der Schriftsteller vor allem in den letzten Tagen, in denen er sich auf Twitter massiv gegen den Literaturnobelpreis für Peter Handke ausgesprochen hatte. So nutzte er auch seine Dankesrede für klare Statements. "Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt", sagt er. Und: "Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat." Hier in Text und Video die Rede in voller Länge:



"Es dürfte die einerseits politischste, andererseits bewegendste Rede gewesen sein", die je im Rahmen dieses Preises gehalten wurde, hält Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest. Ausgezeichnet wird hier "ein Verfolgter jener, die Handke verteidigt, ein Vertriebener und Entwurzelter, ein Objekt der Geschichte und nun der Ehren", kommentiert Johannes Schneider auf ZeitOnline. "Dieser Preis geht auch an das Subjekt einer aktuellen Debatte, einem Aufklärer im besten Sinn." Bettina Steiner von der Presse sieht in der Auszeichnung alles in allem allerdings kein politisches Statement: "Vermutlich stand sie schon lange vorher fest. 'Herkunft' ist schlicht das poetischste, eindringlichste, zugleich intimste wie politischste deutschsprachige Buch dieses Jahres."

Für FAZ-Kritiker Andreas Platthaus stellen sich nach dieser Rede einige Fragen nach der Bewertung von Literatur nach Maßgabe der Wirklichkeit. "Für Stanišić ist die Wahrhaftigkeit eines schriftstellerischen Werks nicht von der der Person eines Autors zu trennen. Die Nobelpreisjury hat anders argumentiert; für sie zählte nur das belletristische Werk. Mit den Rechtfertigungsaufsätzen Handkes für die serbische Seite in den Jugoslawienkriegen sieht Stanišić aber auch die fiktionale Literatur des neuen Literaturnobelpreisträgers vergiftet. Aus dieser Feststellung könnte sich eine grundlegende Debatte entwickeln. Schon damit hat Stanišić dem Deutschen Buchpreis einen großen Dienst erwiesen - und wohl auch der Literatur als solcher." Dlf Kultur hat den frisch gekürten Preisträger im Gespräch.

Auf Politico kritisiert Edi Rama, der Premierminister Albaniens, die Entscheidung der Stockholmer Akademie, Handke mit dem Nobelpreis auszuzeichnen: "Indem er die harten Fakten ignoriert, liefert Handke eine implizite Amnestie und Entschuldigung für Miloševićs genozidale Versuche. Auch versucht er sich daran, die Geschichte umzuschreiben. Serbiens hegemonialen Bestrebungen und staatlich durchgeführten Völkermord zu ignorieren, gestattet ihm, Slowenien und Kroatien als die Initiatoren des Zusammenbruchs Jugoslawiens zu zeichnen und die Verdienste des Friedens in Jugoslawien nach Dayton Milošević zuzuschreiben."

Der berühmte Kritiker und Literaturwissenschaftler Harold Bloom ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Sein Buch "The Western Canon" sorgte in den frühen Neunzigern auch in Deutschland für erregte Debatten, die heute, im Licht der obsiegenden Identitätsdiskurse, interessant nachzulesen wären. Dinitia Smith würdigt Bloom ausführlich in der New York Times: "Professor Bloom selbst sagte, dass 'die kanonische Qualität aus Befremdlichkeit kommt, aus dem Idiosynkratischen, der Originalität'. Der Schriftsteller Adam Begley bemerkte: 'Der Kanon, glaubt Bloom, beantwortet eine unvermeidliche Frage: Was sollen wir in der kurzen Zeit, die wir haben, lesen? ''Sie müssen wählen', schreibt Bloom selbst in 'The Western Canon'. 'Entweder gibt es ästhetische Werte oder nur die Fremdbestimmung durch Rasse, Klasse und Geschlecht.'"

Die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis eröffnet traditionell die Frankfurter Buchmesse, bei der in diesem Jahr Norwegen das Gastland ist. In Norwegen spricht man seit einiger Zeit von einem "goldenen Zeitalter" der Literatur, erzählt Matthias Hannemann in der FAZ nach einer Literaturreise. Mit über 200 Übersetzungen in diesem und dem kommenden Jahr kann sich davon auch das deutsche Publikum einen Begriff machen (hier unser Schwerpunkt in den Buchnotizen). "Erleichtert wurde der Wagemut der deutschen Verlage durch die Existenz der staatlichen norwegischen Literaturagentur Norla. Sie übernimmt bis zur Hälfte der Übersetzungskosten und ist für Norwegens Literaten ebenso ein Segen wie die staatlichen Stipendien oder die 'Einkaufsregelung für Literatur', durch die in jedem Jahr eine beachtliche Zahl von neuen Büchern eingekauft wird (bei der Belletristik für Erwachsene sind es aktuell 703 Exemplare aus Papier sowie siebzig 'E-bøker'), um sie in den Bibliotheken des Landes zu verteilen." Gloria Reményi führt in der taz durch das norwegische Programm der Buchmesse. Außerdem haben sich die Feuilletons mit norwegischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern getroffen: Mit Dag Solstad (Freitag), Tomas Espedal (taz) und Maja Lunde (taz).

Weiteres: Für die Zeit hat sich Carolin Würfel mit der Schriftstellerin Cemile Sahin getroffen. Leon Holly berichtet im Tagesspiegel von seiner Begegnung mit dem irakischen, in Berlin lebenden Schriftsteller Feryad Fazil Omar. In der FAZ gratuliert Sandra Kegel dem Schriftsteller Michael Köhlmeier zum 70. Geburtstag, aus welchem Anlass sich sich auch der Standard ihm getroffen hat. Außerdem melden die Agenturen, dass der Booker-Literaturpreis in diesem Jahr an Margaret Atwood und Bernardine Evaristo geht.

Besprochen werden die drei Übersetzungen von Walt Whitmans erst 2017 entdecktem Roman "Jack Eagle" (NZZ), Salman Rushdies "Quichotte" (FR), Martin Ernstsens Comicadaption von Knut Hamsuns Roman "Hunger (Standard), Jackie Thomaes "Brüder" (NZZ) und Heinrich Deterings Gedichtband "Untertauchen" (FAZ). Außerdem bringen die SZ und die taz heute ihre Beilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten werden. Besprochen werden darin unter anderem  Eugen Ruges "Metropol" (taz), Amitav Ghoshs "Die Inseln" (taz) und Olga Tokarczuks "Die Jakobsbücher" (SZ).

Und ein Hinweis in eigener Sache: Mit Eichendorff21 geht der Perlentaucher nun auch unter die Buchhändler - was Sie dort erwartet und warum wir glauben, zum Perlentaucher unter den Buchläden zu werden, erklärt ihnen Thierry Chervel hier.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2019 - Literatur

Die Debatte um Peter Handkes Literaturnobelpreis hält an (unser erstes Resümee). Stein des Anstoßes bleibt Handkes Engagement für Milosevic. Der serbokroatische Schriftsteller Bora Ćosić vergleicht Handke in der NZZ mit Knut Hamsun, der 1920 den Literaturnobelpreis erhielt, später dann aber offen mit den Nazis sympathisierte. Wie Hamsun habe sich Handke eines "Verbrechen des Denkens" schuldig gemacht - aber Ćosić bleibt ironisch: "Ein halbes Jahrhundert nach Hamsun stand er auf der Seite eines verbrecherischen Staates, vergötterte seinen Führer, eignete sich dessen Ideen an. Er nahm nicht an kriminellen Handlungen teil, schoss nicht aus Kanonen auf Sarajevo, prahlte nicht mit dem abgeschnittenen Ohr eines Kroaten. Er zog angesichts dieser Ereignisse lediglich den Kopf ein, weil er sie für gerecht hielt. Er verneigte sich auch am Grab des verstorbenen Tyrannen wie ein wahrhaft Gläubiger. Wobei er der größte lebende Dichter seines kleinen Landes blieb."

Für Jagoda Marinić ist diese Auszeichnung "ein Schlag ins Gesicht, nicht nur für die Betroffenen der Massaker in Bosnien", schreibt die Schriftstellerin in der taz. "Es ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die an Menschenrechte und Fakten glauben. Es geht beim Nobelpreis nicht nur darum, ob Handke Prosa schreiben kann, die preiswürdig ist. Es geht darum, ob sein Werk als Ganzes den Nobelpreis verdient" und "mit dem Jugoslawienkrieg trat auch in seine Texte die Geschichtsleugnung und Unbelehrbarkeit, für die er als Person umstritten ist."

Ed Vulliamy hatte in den neunziger Jahren vom Balkan berichtet. Im Guardian zeigt er sich fassungslos: "Mit seinem Buch 'Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina' und seiner Rede bei Miloševićs Beerdigung brachte Handke nicht nur seine Meinung zum Ausdruck, sondern er unternahm hohe Anstrengungen, einem Massenmörder und in diesem Kontext Lügen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Er bot an, für Milošević in Den Haag auszusagen. Wäre es so weit gekommen, hätten wir uns wohl getroffen - auf gegnerischen Seiten."

Das Feuilleton der FAZ drückt sich vornehm vor der Debatte. Einen Kommentar zum Thema findet man auf der Meinungsseite der gestrigen FAS: Diese Auszeichnung ist ein Fehler und die Abwiegelungen in deutscher Politik und im Feuilleton sind "schlicht", meint Michael Martens. "Für die Opfer jener Politik, die Handke poetisiert hat, birgt die Stockholmer Entscheidung eine andere Botschaft. Für Hinterbliebene des Massakers von Srebrenica zum Beispiel, bei dem 1995 etwa 7.000 Muslime ermordet wurden." Die SZ meldet unterdessen, dass die schwedische Literaturwissenschaftlerin und frühere Akademiepräsidenten Sara Danius gestorben ist.

Peter Maas spannt in The Intercept einen Bogen des serbischen Nationalismus zur heutigen gespenstischen Wiederkehr des Nationalismus: "Stockholm mag weit weg liegen von Bosnien, aber nicht so weit von Norwegen, wo der Terrorist Anders Breivik 2011 77 Menschen umbrachte, viele davon Kinder in einem Ferienlager. Breivik war vom Balkan besessen und pries die serbischen Nationalisten, Miloševics Marionetten. Die Serben, die durch Bosnien wüteten, zu verteidigen, ist in unserer heutigen Kultur kein harmloser Akt der Ignoranz, mit dem zu hantieren ein Preise vergebendes Kommittee keine Verantwortung hätte. Solche völkermord-freundlichen Meinungen nähren eine Welle der Gewalt, die uns konkret betrifft."

Der Standard, der sich kurz nach der Bekanntgabe besonders mit relativierenden Positionen hervorgetan hat, lässt nun Adelheid Wölfl kritische Stimmen zu dieser Auszeichnung sammeln. Außerdem twittert der Schriftsteller Saša Stanišić weiterhin fast ausschließlich zum Thema.

Heute wird zudem der Deutsche Buchpreis verliehen. Ein vor kurzem in der Presse veröffentlichter Bericht der Jurorin und Petra Hartlieb, die sich vor allem über mangelnde Verkaufbarkeit mancher nominierter Titel beschwert hatte (unser Resümee), "ist dem Renommee des Deutschen Buchpreises (...) nicht förderlich", kommentiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Dass der Preis sich bis dahin von dem Eindruck, es handle sich um eine verkaufsförderliche Werbemaßnahme des Börsenvereins, emanzipiert hatte, lag vor allem an den "weitgehend klugen Entscheidungen" bisheriger Jurys, meint Carsten Otte in der taz. "Die Frage ist nur, ob die Aufmerksamkeit schwindet, wenn der Preis irgendwann so wahrgenommen wird, wie die Buchhändlerin Hartlieb es sich wünscht: 'Der Roman, der hier gekürt werden wird und danach hoffentlich in großen Mengen über den Ladentisch geht, soll für viele Leute lesbar sein und sie vielleicht sogar dazu animieren, öfter zum Buch zu greifen.' Das ist natürlich Unsinn, weil nicht einmal der Börsenverein von seiner Jury verlangt, die Titel müssten leicht zu lesen und gut verkäuflich sein. Dennoch distanziert sich der Preisstifter auch auf Nachfrage keineswegs von solchen Äußerungen." Die Welt hat ihr Gespräch mit den Debüt-Autorinnen und -Autoren aus der Shortlist des Buchpreises online gestellt.

Schwenk nach Norwegen, dem diesjähigen Gastland der Frankfurter Buchmesse. Die FAZ hat Matthias Hannemanns Gespräch mit dem norwegischen Literaturkritiker Bernhard Ellefsen online nachgereicht. Den Begriff "Wirklichkeitsliteratur", mit dem die Bücher seines Landes derzeit oft beschrieben werden, mag er nicht sonderlich - auch wenn er einräumt, dass der autobiografische Roman derzeit einen "literarischen Raum" darstellt, "zu dem die Türen weit offen stehen." Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit wird die Frankfurter Buchmesse besuchen, schreibt Aldo Keel in der NZZ. Mit der Literatur Norwegens befasst sich Peter Urban-Halle im Feature für Dlf Kultur. Außerdem bringt der Sender eine Lange Nacht, in der sechs Autorinnen und Autoren aus Norwegen ihre Bücher vorstellen.

Weiteres: Für den Standard hat Bert Rebhandl ein großes Gespräch mit dem rumänischen Schriftsteller Mircea Cartarescu geführt. Alex Rühle denkt in der SZ über Nature Writing nach - passend dazu hat sich Catrin Lorch mit dem Schriftsteller Robert Macfarlane unterhalten. In seiner "Lahme Literaten"-Kolumne in der Jungle World nimmt sich Magnus Klaue diesmal den schreibenden Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach vor. Nachrufe auf Sara Danius, die von 2015 bis 2017 als Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie vorstand, schreiben Matthias Hannemann (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ).

Besprochen werden Nora Bossongs "Schutzzone" (Freitag), Norbert Scheuers Tagebuch-Roman "Winterbienen" (Zeit, NZZ), Miku Sophie Kühmels "Kintsugi" (Zeit, Dlf Kultur),Lisa McInerneys Krimi "Blutwunder" (Presse), Lene Albrechts Debütroman "Wir, im Fenster" (Freitag), neu übersetzte Bücher der norwegischen Schriftstellerin Agnar Mykle (Freitag), Ulrike Draesners "Kanalschwimmer" (Freitag), Dietmar Daths neuer Science-Fiction-Roman "Neptunation" (Freitag), Tonio Schachingers für den Deutschen Buchpreis nominierter Fußballroman "Nicht wie ihr" (taz), neue Übersetzungen von Romanen des norwegischen Schriftstellers Dag Solstad (taz) und Alain Mabanckous "Petit Piment" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2019 - Literatur

Dass Peter Handke in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden soll, hat nach der gestrigen ersten literaturkritischen Begeisterung nun doch noch für die erwartbare gesellschaftspolitische Empörung gesorgt: Handkes Parteinahme in den Neunzigern für die serbischen Nationalisten und seine Treue zu Miloševic fliegen ihm nun um die Ohren. Der Tagesspiegel sammelt erste entsetze und gallige Wortmeldungen, für die FAZ hat Michael Martens in die frühere Konfliktregion geblickt: "Das Spektrum der Reaktionen lässt sich so zusammenfassen: Empörung, Wut, Trauer oder Spott bei Kroaten, Albanern, Bosniaken sowie liberalen Serben, Begeisterung und Bestätigung bei serbischen Nationalisten sowie den Kriegstreibern von gestern. Um Handkes Literatur geht es dabei allenfalls am Rande, aber das ist auch nicht zu erwarten angesichts der vielen zynischen und menschenverachtenden Aussagen, die der neue Nobelpreisträger für Literatur im Laufe der Jahrzehnte über den Zerfall Jugoslawiens gemacht und geschrieben hat."

Marie Schmidt und Thomas Urban halten in der SZ weitere Stimmen fest. "Der deutsche Schriftsteller Saša Stanišić, der als Kind mit seinen Eltern den Massakern von Višegrad entkommen ist, schreibt auf Twitter, der Nobelpreis an Handke sei 'ein weiteres Signal - Geschichte ist uns egal. Sollen andere Generationen verarbeiten. Wir belohnen Adjektive.' Und tatsächlich erklärte der Sekretär und Sprecher der Schwedischen Akademie auf Nachfragen, es sei nicht der Auftrag seiner Institution, literarische Qualität gegen politische Überlegungen abzuwägen." Überhaupt ist es sehr lohnenswert, Saša Stanišićs Twitter-Feed der letzten zwei Tage durchzulesen.

Christoph Schröder stellt sich auf ZeitOnline nun "die Bill-Cosby-Frage, die Michael-Jackson-Frage, die Roman-Polanski-Frage. Oder, um in der Literaturgeschichte zu bleiben, die Frage, ob beispielsweise Antisemiten wie Louis-Ferdinand Céline oder Ezra Pound in rein ästhetischen Kategorien gelesen und bewertet werden können." Ob Handke den Preis verdient habe oder nicht, sei nicht der Punkt, doch erstaunlich sei, "dass die Apologeten von Handkes nicht diskutablen moralischen Verfehlungen so zahlreich waren und es geblieben sind. Es scheint, als könne es opportuner und verzeihbarer sein, am Grab eines Diktators und Massenmörders zu weinen, als einen schlechten sexistischen Witz zu machen."

Felix Stephan erinnert in der SZ daran, dass dem literarischen Werk und seiner Ehrung konkrete Menschenschicksale gegenüber stehen: "Wie sollen die Bosniaken, deren Nachbarn und Verwandte in Srebrenica oder Višegrad den serbischen Genoziden zu Tausenden zum Opfer gefallen sind, die Entscheidung der Schwedischen Akademie anders verstehen, als: Eure tausend Tode, eure Vertreibung, euer Leben im Exil ist uns letztlich nicht ganz so wichtig wie die Autonomie der Prosa Peter Handkes?" Und er stellt die Frage: "Hätte Handke den Preis auch bekommen, wenn der Genozid an den Schweden begangen worden wäre?"

Dass Handke den Preis erst jetzt erhält, dürfte tatsächlich mit seinen Positionen im Balkankonflikt zu tun haben, meint die Literaturwissenschaftlerin Pia Janke im Standard-Gespräch. Ihrer Ansicht nach handelt es sich jedoch um "ein Missverständnis. Im Grunde genommen ging es ihm um sein großes Thema, nämlich wie mit Sprache, durch Medien, Wirklichkeit geprägt und manipuliert wird. Darum, welche Bilder von diesem Krieg erzeugt und transportiert wurden. Er ist nach Serbien gefahren, um das in den Blick zu bekommen, was die medialen Bilder ausgeblendet haben." In eine ähnliche Richtung zielt Michael Wurmitzer im Standard: Handkes Berichte seiner Balkanreise erklärten sich aus seinem literarischen Gestus, meint er: "Diese Art der Wahrnehmung aus erster Hand, erstem Auge und erstem Ohr sind unabdingbar für die Literatur von Peter Handke. Er versucht stets, sich dem Vorgefertigten zu entziehen. Seine Verweigerungshaltung gegenüber gängigen Urteilen über die Welt kommt aus seinem Zweifel gegenüber dem, was alle sagen. Abgegriffene Worte sind Handke ein Graus. Wer wie Handke an der allgemein verwendeten Sprache zweifelt, muss notgedrungen an der Welt zweifeln, die abzubilden sie vorgibt. Was Handke als Geschichtsrelativismus oder Leugnung vorgewofen wird, kann als Konsequenz dieser seiner Scheu gegen dominierende Redeweisen gelten, das legen zahlreiche Auskünfte des Autors nahe."

Bislang weitgehend unbeachtet geblieben in der Aufbereitung ist eine Wortmeldung der Schauspielerin Marie Colbin aus dem Jahr 1999, an die die Übersetzerin Alida Bremer in der Deutschen Welle unter anderem erinnert: Handkes ehemalige Lebensgefährtin schrieb damals, "er habe sie geschlagen: 'Ich höre noch meinen Kopf auf den Steinboden knallen. Ich spüre noch den Bergschuh im Unterleib und auch die Faust im Gesicht', schrieb sie in einem offenen Brief an ihn, in dem sie ihm vorwarf, seine Solidarität mit Serbien sei eigentlich aus seiner Selbstverliebtheit entstanden, der Krieg nutze ihm nun, um sein Ego zu erhöhen."

Und Andreas Breitenstein erinnert in der NZZ ans die Satzung des Preises. Er soll an jenen Schriftsteller gehen, "der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat" - aus dieser moralischen Sicht sei der der Preis für Handke nicht zu rechtfertigen.

Andere Themen: Die NZZ bringt einen Schwerpunkt zu Norwegen, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse. Aldo Keel liefert Basiswissen von A bis Z. Der Übersetzer Peter Urban-Halle hält fest, dass es in der norwegischen Literatur vorrangig um Ich-Erkundung geht, aber "manche Autoren stehen auf der Schwelle zwischen Ich-Sezierung und Welterkundung, was vielleicht gar nicht so weit voneinander entfernt ist." Der norwegische Schriftsteller Mathias Faldbakken trauert augenzwinkernd um den Verlust des alten Norwegens, in dem man noch selbst Holz hakte statt mit dem SUV die Landschaft zu erkunden: "Dieses Urnorwegen - das uns gebildete Leute garantiert als 'mythisches' Norwegen präsentieren, ein phantastisches, phantasmagorisches und nicht zuletzt romantisches Norwegen - steht für eine Zeit, da ein Norweger sich nicht scheute, selber Hand anzulegen, da Fleiß und Geschick lebensnotwendig waren. Unten, in Neapel, konnte man gewiss den Lazzarone geben, in der Sonne hocken und Schinken oder Makkaroni vertilgen, aber hier im Norden duldete das Klima keinen Jux. Schluderei oder halbherziger Einsatz kamen einen teuer zu stehen. Faulheit war keine Alternative."

Weiteres: Peter Körte gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Richard Price zum 70. Geburtstag. Im Print der Literarischen Welt spricht Mara Delius mit Salman Rushdie, der soeben mit dem Welt-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Außerdem erscheint die FAZ heute mit ihrer Buchmessenbeilage.

Besprochen werden Isidora Sekulićs "Briefe aus Norwegen" (taz), Kathy Pages "All unsere Jahre" (Tagesspiegel), Raphaela Edelbauers "Das flüssige Land" (taz), Mircea Cartarescus "Solenoid" (FR), Meg Wolitzers "Die Zehnjahrespause" (Freitag), Steffen Kopetzkys "Propaganda" (Freitag), Ulrich Tukurs Romandebüt "Der Ursprung der Welt" (ZeitOnline), Tonio Schachingers für den Deutschen Buchpreis nominierter Fußballroman "Nicht wie ihr" (Freitag), Norbert Scheuers "Winterbienen" (NZZ), die deutsche Erstveröffentlichung von Danilo Kiš'Roman "Psalm 44" aus dem Jahr 1962 (FAZ) und Volker Weidermanns "Das Duell" über das Verhältnis zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki ("Literarische Welt").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2019 - Literatur

Die Schwedische Akademie hat entschieden: Der nachgereichte Literaturnobelpreis 2018 geht an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, der für 2019 an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke - erste Links, darunter ein tolles TV-Porträt Handkes von Georg Stefan Troller, haben wir gestern bereits hier zusammengestellt.

Die Feuilletons brillieren durch Überschriften-Attributierung: Mit Olga Tokarczuk gewinnt die "metaphysische Lieblingspolin" (SZ), die "Meisterin der Ambivalenz" (Berliner Zeitung), eine "Stimme gegen den Nationalismus" (Standard), eine "Grenzüberschreiterin" (taz), nicht zuletzt eine "Raumzeitreisende" (ZeitOnline). Sie steht für "Phantasie und Provokation" (FAZ) - kurz: allgemeine Zustimmung. Für NZZ-Kritiker Ulrich M. Schmid zeigt sich Polen erneut als "literarische Supermacht. ... In ihren kunstvoll komponierten Erzähltexten schafft Olga Tokarczuk eine neue Sprache für die Herausforderungen einer geschichtsbelasteten prekären Gegenwart." Sie "lotet in ihrem bereits jetzt konventionelle Maßstäbe sprengenden Werk die Grenzen zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und Aufklärung aus", erfahren wir von Katrin Hillgruber im Tagesspiegel. Ähnlich wie Handke verteidigt sie "Mitteleuropa als ein Gebiet des kulturellen Eigensinns, das in der dichotomen Logik des Kalten Krieges - bist Du West oder Ost? - partout nicht aufgehen will und das es geduldig zu entdecken und zu bewahren gilt", erklärt Elke Schmitt auf SpOn. Doch ihr "Schreiben zielt dabei über das Historische und Vordergründig-Völkerverständigende hinaus", fügt dem Richard Kämmerlings in der Welt hinzu.

In Polen eckt sie derweil an, erklärt Gerhard Gnauck in der FAZ, sie zählt zu den "schärfsten Kritikern im Land. Nach Erscheinen der 'Jakobsbücher' sagte sie, die Polen als Nation, als 'Kolonisatoren (ihrer östlichen Nachbarvölker), Sklavenhalter und Mörder von Juden' hätten 'furchtbare Dinge' getan. Darauf brach eine Welle des Hasses über sie herein, handfeste Drohungen eingeschlossen." Weshalb sich auch Thomas Urban in der SZ fragt: "Wollte die Stockholmer Akademie ein politisches Zeichen setzen?" Wobei er auch einräumt: Wohl eher nicht, "ihr Name stand schon lange auf der Favoritenliste der Buchmacher." NZZ-Kritikerin Roswitha Schieb lobt die Preisträgerin als umweltbewegte Schriftstellerin.

Peter Handke wiederum ist "ein literarischer Seher unter Blinden" (NZZ), "der Wundersame" (taz), ein "sturer Naturbursche" (Tagesspiegel), "ein Sprachspieler, Virtuose und Aufrührer" (Berliner Zeitung), "Popstar, Prophet, Provokateur" (FAZ), aber auch der "bessere Feind" (SpOn) und nicht zuletzt ein "zorniger Prophet der kleinen Dinge" (Standard). Literarisch gesehen ist diese Auszeichnung überfällig, denn "Handke ist einer der bedeutendsten Schriftsteller seit dem Zweiten Weltkrieg, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt", schreibt Thomas Steinfeld in der SZ: "Stets ist er bereit, das bereits Vorgegebene, Fertige und von Vorurteilen Belastete in allem zu finden, was man eigentlich für echt und wahr halten möchte." Absolut d'accord mit der Entscheidung geht auch Ulrich Rüdenauer auf ZeitOnline, "denn dieses Œuvre schillert in seiner poetischen Kraft, in dem fast klassischen Ausdruckswillen, in seiner epischen Anmutung und der Unbedingtheit, in der es sich dem Schwebenden, dem Nebensächlichen, den Schwellenzuständen zuwendet." Einst trat er an als spröder Sprachkritiker, doch allmählich verwandelte er sich "in einen Erzähler, wie ihn die deutsche Literatur bis dato noch nicht gesehen hatte", schreibt Ronald Pohl im Standard: Handke wurde zum "Ding- und Wortwanderer, der in schweren Schuhen, aber himmelhoch erhobenen Herzens Europas Schicksalslandschaften ablief. Der das behutsam Wahrgenommene, das leibhaftig Gesehene und für wichtig Erachtete mit feinem, weichem Bleistift verzeichnete." Und Handke wäre nicht Handke, wenn sein gestern einberufener Pressetermin nicht mindestens skurril wäre: Im Wald, gereicht wurden Äpfel, wie beim Standard zu sehen und nachzulesen ist: "Seine Freude sei groß, betreffe aber nicht nur ihn persönlich, so Handke: 'Ich bin ein Anhänger der Weltliteratur, nicht der internationalen Literatur. Der Preis ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit und ein ewiges Dilemma. Aber mir kommt vor, ich bin doch ein Leser oder vielleicht sogar ein Schreiber von dem, was Goethe Weltliteratur genannt hat. Wenn dann das Nobelkomitee so entscheidet, dann sind sie auf keinem ganz schlechten Weg, dass die Weltliteratur was bedeutet.""

"Mutig" sei diese Entscheidung, kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ. Denn wo Handke, da Serbien-Kontroverse, wie auch Philipp Haibach in der Welt erinnert: Seine "gelinde gesagt, wirre Äußerungen zum Balkan-Konflikt, seine vehemente, befremdliche Unterstützung Serbiens, seine harsche Verurteilung der Nato für ihre Luftschläge und dann noch viele Jahre später, 2006, seine Rede bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic?" Die ignorierte man besser, meint Haibach, denn "Handke schrieb ja auch über Casanova, begab sich im Jahr 2008 mit 'Die morawische Nacht' auf eine Reise im Nirgendwo oder entdeckte Toiletten in der realen Welt in 'Versuch über den stillen Ort' als den idealen Rückzugsort." Nicht ganz so gnädig sieht das PEN America - der Verband hat gestern tiefen Unmut über die Auszeichnung für Handke geäußert: "Wir sind verblüfft, dass die Wahl auf einen Schriftsteller gefallen ist, der mit seiner öffentlichen Stimme die historische Wahrheit untergraben und den Tätern des Völkermords, wie dem ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic und dem bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic, öffentliche Unterstützung gewährt hat. PEN America hat sich seit der Verabschiedung der PEN-Charta von 1948 verpflichtet, gegen verlogene Veröffentlichungen, absichtliche Lügen und Verzerrung von Fakten zu kämpfen." Der Guardian sammelt kritische Stimmen, darunter Slavoj Žižek, der Handke als "Apologeten von Kriegsverbrechen" bezeichnet.

Schwenk auf die Meta-Ebene: Wie sich die Schwedische Akademie in diesem Jahr verhalten würde, stand nach dem Krisenjahr 2018 unter besonderer Beobachtung. Im Vorfeld wurde gemutmaßt, man wolle ein Zeichen für Diversität und politische Korrektheit setzen. Die nun vorliegende Entscheidung spricht gegen diese Vermutungen.  Die Akademie "setzt damit eine Traditionslinie der ernsthaften Literatur fort, die sie vor dem Skandal zugunsten einer Verpoppung - Kazuo Ishiguro, Bob Dylan - verlassen hatte", meint Mara Delius in der Welt, die sich zwar sicher ist, dass man Diversität und literarischen hoch stehenden Anspruch sicher auch hätte verbinden können. Doch "vielleicht muss man noch warten, bis eine Akademie zwei Frauen auf einmal für ihre Kunst auszeichnet, ohne dass es dann heißt, es sei aus Proporzgründen geschehen. Bis dahin kann man sich freuen, dass hier eine Entscheidung nicht nur für die Literatur getroffen wurde, sondern auch gegen ihre Vereinnahmung von außerliterarischen Kriterien." Das muss auch Gerrit Bartels im Tagesspiegel konstatieren: "Das Nobelpreiskomitee hat tatsächlich höchst autark entschieden, sich um politische Korrektheit nicht geschert, sondern ausschließlich für die Literatur argumentiert hat. Ein Autor, eine Autorin, das ist geschlechtergerecht, aber sonst?" Die Presse zitiert unter anderem Denis Scheck: "Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten, eine Niederlage erlitten."

Was für ein Signal geht mit dieser Entscheidung an die globale Weltliteratur, fragt sich Angela Schader in der NZZ - offenbar "'Sorry. Stilhöhe nicht erreicht.' Das wäre ein Armutszeugnis angesichts der Kandidatinnen und Kandidaten, denen im Vorfeld der Preisvergabe besondere Chancen eingeräumt wurden." Reinhard Wolff zitiert in der taz die Kritikerin Jenny Aschenbrenner: "Wieder zwei Europäer, obwohl dieser Erdteil in der Geschichte des Nobelpreises sowieso überrepräsentiert ist? Man übergeht damit einen regelrechten Tsunami an extrem wichtiger Literatur, die postkoloniale Erfahrungen verarbeitet, etwa repräsentiert durch Maryse Condé oder Jamaica Kincaid, die ja auch als Favoriten gehandelt worden waren."

Besprochen werden Philipp Schönthalers "Der Weg aller Wellen" (Freitag), Reinhard Kleists Comicbiografie über den Boxer Emile Griffith (Tagesspiegel) und die in Frankreich erschienenen, bis dahin unveröffentlichten Textfragmente aus Marcel Prousts Werk (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2019 - Literatur

Mit "Quichotte" wollte Salman Rushdie raus aus New York, dem Zentrum seiner vorangegangenen Romane, erklärt er im großen Zeit-Interview, in dem es von Trump und Fatwa über Hemingway bis zu tragischen Familiengeschichten um alles mögliche geht - aber eben auch um den neuen Roman: "Ich habe ein Buch über das Ende jener Welt geschrieben, in der ich mein ganzes Leben lang gelebt habe; der Welt, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann. Diese Welt war sieben Jahrzehnte lang stabil. Jetzt ist unser Bild dieser Welt zu Scherben zerschlagen, und wir wissen nicht, was kommt. ... Wenn wir den Klimawandel zu meinem Szenario addieren: Ja, natürlich kann es dann auch das Ende der Welt sein. Was früher in 50 Jahren geschah, passiert heute in fünf Minuten. Vielleicht können wir uns aber auch durch ein Portal retten und in eine andere, rettende Dimension der Erde treten."

Heute um 13 Uhr verkündet die nach einer turbulenten Krise, die Reinhard Wolff in der taz zusammenfasst, in beträchtlichen Teilen neu zusammengesetzte Schwedische Akademie erstmals seit 2017 wieder einen Literaturnobelpreis - beziehungsweise derer zwei, um das Fiasko im letzten Jahr, als keine Auszeichnung bekannt gegeben werden konnte, auszugleichen. "Das Dilemma, die doppelte Preisvergabe nach Proporzregeln der politischen Korrektheit zu betrachten, in denen es neben den besonderen Formen der Sprachschöpfung vor allem auch um ethnische Herkunft und Geschlecht gehen wird, ist kaum zu umschiffen", ist sich Harry Nutt in der FR sicher. Denn: Die Akademie stehe nunmehr unter ganz besonderer Beobachtung. "Paradox genug, denn bisher bestand die besondere Würde des Literaturnobelpreises ja nicht zuletzt in der durch Autonomie und Tradition beglaubigten Unantastbarkeit der Akademiemitglieder."

"Unfreiwillig blamabel" findet NZZ-Kritiker Rainer Moritz, wie die Buchhändlerin Petra Hartlieb (online nicht zugänglich) in der Presse von ihrem beschwerlichen Alltag als Jurorin des Deutschen Buchpreises berichtet: "'Ich kann das nicht lesen, ich kann das nicht verstehen, ich kann das vermutlich nicht verkaufen' - so der Aufschrei der Gepeinigten, die E-Mail-Trost allein vom zweiten Buchhändler in der Jury erhält: 'Wir müssen das verhindern.' Es ist ein fundamentaler Irrtum anzunehmen, dass Literatur vor allem der Zerstreuung zu dienen habe und leicht zugänglich sein müsse."

Claudia Mäder liest für die NZZ die bisher unveröffentlichten Proust-Texte, die nun in Frankreich erschienen sind. Warum der Autor die Texte seinerzeit nie veröffentlicht hat? "Einige von ihnen kreisen stark um Fragen der homosexuellen Liebe, und möglicherweise, so wird gemutmaßt, hat Proust sein Buch letztlich nicht auf dieses Thema ausrichten wollen. Vielleicht, so eine andere These, war Proust aber auch einfach noch nicht zufrieden mit der Form dieser Texte. Etliche sind Fragment geblieben, bloß zwei sind ganz vollendet, einige brechen mitten in angefangenen Sätzen ab."

Weiteres: Im Standard porträtiert Michael Wurmitzer die für den Deutschen und den Österreichischen Buchpreis nominierte Schriftstellerin Raphaela Edelbauer. Andreas Breitenstein hat für die NZZ die Literaturszene im norwegischen Bergen besucht. Sieglinde Geisel unterzieht Nora Bossongs Roman "Schutzzone" dem Page-99-Test von Tell Review.

Besprochen werden unter anderem Pascale Kramers "Eine Familie" (NZZ), Shelagh Delaneys "A Taste of Honey" (Freitag), der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Joseph Wulf (FR), Anna Enquists "Denn es will Abend werden" (SZ) und Eugen Ruges "Metropol" (FAZ).