Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2021 - Literatur

In der Dante-Reihe der FAZ weiß Hannes Hintermeier, dass Dante von Papstrücktritten wenig hielt. Außerdem denkt Jan-Heiner Tück denkt in der NZZ über Dantes Interpretation des Odysseus nach.

Besprochen werden unter anderem Oscar Lévys und Frederik Peeters Comic "Sandburg", der dem Filmemacher M. Night Shyamalan als Vorlage seines aktuellen Horrorfilms "Old" diente (Tagesspiegel), Sigrid Nunez' "Was fehlt dir" (Tagesspiegel), Alida Bremers "Träume und Kulissen" (FR), Miriam Mandelkows Neuübersetzung von James Baldwins "Ein anderes Land" (SZ) und der neunte Band der Werkausgabe Jean Genet mit Essays und Interviews (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2021 - Literatur

Ralph Trommer schwärmt in der taz von der Edition "Bilderbogen" der Büchergilde Gutenberg, die das Format des Bilderbogens - wenn man so will: eine Art Vorläufer des Comics - wieder aufleben lässt: Kein gebundenes Buch erhält man hier, sondern eine Mappe mit auffaltbaren, sinnlich gestalteten Bögen. Unter anderem gibt es eine "Trouvaille" wie eine Bildgeschichte von Picasso. "Sehr zeitgemäß wiederum und voller origineller Details ist der Bogen No. 3 'Wie wollen wir wohnen?', in dem der Illustrator Thomas M. Müller den Aufriss eines mehrgeschossigen Gebäudes als Wimmelbild in klarem Comicstil zeichnet. Wie durch lauter Schlüssellöcher hindurch sehen wir verschiedensten Existenzformen beim Wohnen zu. In satirischer, manchmal surrealer Überspitzung gelingt es, normale Mieter und deren Kompromisse beim Wohnen angesichts hoher Mieten darzustellen, neben designverliebten Snobs und raffgierigen Investoren, die sich Häuser krallen, aus denen Goldmünzen prasseln. Neumodische Phänomene wie das 'Smart Home' dürfen nicht fehlen. Müllers verspielte, von feinem, hintersinnigem Humor geprägten bunten Lebensausschnitte versprühen gute Laune."

Außerdem: In der FAZ-Reihe über Dante denkt Winfried Wehle über Dantes Verhältnis zur Einbildungskraft nach. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ dem Verleger Klaus G. Saur zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Lothar Müllers Buch über Adrien Proust (Tagesspiegel), ein Arte-Dokumentarfilm über die Schriftstellerin Colette (NZZ), Sigrid Nunez' "Was fehlt dir?" (SZ) und Daniela Kriens "Der Brand" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2021 - Literatur

In der NZZ beschreibt Wilhelm Droste die Situation in Ungarn, wo der Kulturkampf eine ganze Generation von Schriftstellern zu lähmen scheint: "Der Schriftsteller Péter Nádas, der ganz bewusst das Dorf Gombosszeg im Südwesten Ungarns zu seiner geistigen Hauptstadt der Einsiedelei gemacht hat, um sich nicht von den öden Auseinandersetzungen in Budapest aufreiben zu lassen, gab kürzlich in einem Interview seinen Kommentar zur gegenwärtigen Aussichtslosigkeit: 'Sicher wäre ein Regierungswechsel nicht schlecht, doch das allein bedeutet wirklich noch keine Lösung. Um ganz persönlich zu werden, ich kann heute mit gutem Gewissen keiner Person und keiner Partei meine Stimme geben. ... Ich sehe Personen, die in sich selbst unsicher sind, die ihre eigenen Themen nicht benennen können. Als wüssten sie nicht, dass ihre einzige Chance die Offenheit ist. An einer Hand kann ich die starken Charaktere aufzählen.' Nádas relativiert diesen Pessimismus, weil er die Krise nicht auf Ungarn allein beschränkt, sondern für global hält."

Dass der erste Versuch, Annie Ernaux in Deutschland zu etablieren, krachend gescheitert ist, liegt auch daran, dass man die zuletzt auch hierzulande zu Ruhm gekommene Autorin damals, Ende der Achtziger, als erotische Frauenliteratur im Trivialsegment platzierte, erklärt die Ernaux-Übersetzerin Sonja Finck im FAZ-Gespräch. Da ist man wohl der vermeintlichen literarischen Schmucklosigkeit ihrer Texte im französischen Original aufgesessen: "Ernaux hat eine spröde, aber auch sehr rhythmische Schreibweise. Trotz der vermeintlichen Schlichtheit weiß man beim Lesen aber gleich: Das ist Literatur. Das liegt am Rhythmus, an der Schnörkellosigkeit, der Vermeidung von idiomatischen Wendungen und der Knappheit, den vielen Verkürzungen. Wenn man da im Deutschen syntaktisch zu dicht am Französischen bleibt, indem man zum Beispiel zu ausschweifend wird oder die Relativsätze nachbaut, die im Französischen dynamisch sind, im Deutschen aber sperrig klingen, funktioniert es nicht."

Weitere Artikel: Im Standard-Gespräch bekräftigt Moritz Baßler seine Kritik am "neuen Midcult", die in den letzten Wochen in den Feuilletons vehement diskutiert wurde (unsere Resümees): Die "Diskrepanz zwischen dem professionellen Blick auf Texte und dem Markt wird stärker." Die WamS hat Marie-Luise Goldmanns im Zuge der Flutkatastrophe in Westdeutschland verfasste Erinnerung an Theodor Storms "Schimmelreiter" online nachgereicht. Ausgehend von seiner eigenen, jüngst vom Technik-Upgrade auf drahtlose Kopfhörer wieder entflammten Leidenschaft für Hörbücher wirft Paul Ingendaay in der FAZ einen Blick ins boomende Streamingangebot.

Besprochen werden unter anderem Jonathan Lethems "Anatomie eines Spielers" (FR), Lukas Rietzschels "Raumfahrer" (ZeitOnline), Guillermo Martinez' Thriller "Der langsame Tod der Luciana B." (Tagesspiegel), Heinz Strunks "Es ist immer so schön mit Dir" (SZ) und Vitumil Zupans slowenischer Partisanenroman "Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)" (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2021 - Literatur

Im Standard erzählt die Schriftstellerin Daniela Emminger, die sich gerade eh in der Schweiz zum Schreiben befindet, wie ihr im Februar des Jahres ein Dürrenmatt-Buch in die Hände gefallen ist und wie sie sich seitdem im Dürrenmatt-Rausch befindet: "Je mehr ich Dürrenmatt lese, desto mehr werde ich zu seinen Figuren, zu seinen Orten, zu ihm selbst. ... Früher fand ich seinen Stil zu banal, zu direkt, zu moralinsauer, jetzt kommen mir sein epischer Theateransatz, seine Verfremdungen, seine tragisch-grotesken Elemente, mit denen sich Unvereinbares mühelos verbinden lässt, genau richtig vor. Was passt besser in diese (meine) Zeit, als die Mischform aus Tragödie und Komödie, die sich konsequent durch alle seine Werke zieht, oder in seinen eigenen Worten 'die einzig mögliche dramatische Form darstellt, heute das Tragische auszusagen.'"

Weitere Artikel: Die NZZ hat Daniel Ammanns Essay über Schach in Literatur und Film aus der Samstagsausgabe online nachgereicht. Hermann Unterstöger schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Latinisten Fidel Rädle.

Besprochen werden unter anderem Fatima Daas' "Die jüngste Tochter" (NZZ), Guy Delisles Comic "Lehrjahre" (Freitag), das vom SRF online gestellte Hörspiel "Il Ritorno in Patria" nach W.G. Sebald (FR), Taiyo Matsumotos Manga "GoGo Monster" (Intellectures), Silke Jellinghaus' Neuübersetzung von Olivia Mannings' "Die gefallene Stadt" (Tagesspiegel), Matthias Nawrats "Reise nach Maine" (NZZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Dolf Verroens "Traumopa" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Brose über Kurt Martis "gedicht für eine fliege":

"unzeitig
(draußen fällt Schnee)
ist in der stille
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2021 - Literatur

Insa Wilke arbeitet sich für die SZ durch das Schaffen von Juli Zeh und stößt dabei auf eine Autorin, die in ihren gesellschaftlichen Wortmeldungen eine Sachlichkeit in der Gestaltung demokratischer Prozesse anmahnt, die sie in ihren Romanen selber kaum einlöst: "Ihr Handeln als Autorin widerspricht den politischen Forderungen, die sie immer wieder formuliert. Während sie 'die' Medien als Heuchler angeprangert und ihnen pauschal Dramatisierung und Stimmungsmache unterstellt, setzt sie die eigenen Figuren aus medialen Diskurselementen zusammen und operiert in jedem neuen Buch mit dem größtmöglichen Schrecken. ... Ist es lauter, Politik und Journalismus nicht zuzugestehen, durch unlautere Mittel eine Wirkung zu erzielen, solche Mittel aber in seiner Literatur selbst einzusetzen? Apokalypse funktioniert eben auch in der Literatur, weil man seine Ängste so schön zwischen den Buchdeckeln ausleben kann."

Fremd bleiben vor der "Welt voller Zeug", in die wir geboren werden und an die wir uns im Laufe gewöhnen - das ist die hervorstechendste Qualität der Texte des frischgebackenen Büchnerpreisträgers Clemens J. Setz, schreibt sein Schriftstellerkollege Juan S. Guse in einer nachgereichten Glückwunschnotiz in der Literarischen Welt: Toll an Setz' Texten ist für ihn, "dass man eine Ahnung davon bekommt, was es bedeuten würde, nie diese Gewöhnung durchlaufen zu haben, sondern sich dauerhaft über den Menschen und alles Menschengemachte zu wundern, über jede Form der Interaktion, über jede mutmaßliche Normalität, die nicht abgeschafft wird, obwohl sie doch so offensichtlich falsch ist. ... Dieser entrückte Blick der Nicht-Gewöhnung, wo trennscharfe Beobachtung, Zartheit und Dummheit zusammenfallen wie auf einem Jahrmarkt" habe Guse immer am meisten fasziniert.

Oskar Loerkes Grab in Berlin mag nun zwar auch weiterhin ein Ehrengrab mit besonderer Pflege sein, ärgerlich findet FAZ-Feuilletonchef Jürgen Kaube die Argumentation des Berliner Senats dennoch, die ihren ursprünglichen Beschluss mit mangelndem Interesse der "allgemeinen Öffentlichkeit" begründete, daneben aber neue Ehrengräber ausrief, darunter etwa eines für den wohl wirklich nur Spezialisten bekannten Filmwissenschaftler Karsten Witte. "Lyrik ist unter allen Gattungen der Kunstproduktion diejenige, die bestenfalls auf eine sehr besondere Öffentlichkeit, aber kaum je auf eine allgemeine rechnen darf. ... Die Frage kann nicht sein, ob Oskar Loerke ein fortlebendes Andenken durch die Berliner Stadtbewohner erfährt. Die Frage kann nur sein, ob er ein solches Andenken verdient." So stellt sich Kaube auch die Frage, ob "die Kulturverwaltung ein Verhältnis zur Kultur hat. Liest sie? Traut sie sich Urteile zu, die sie nicht den Massenmedien entnimmt?"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel verschafft sich Gregor Dotzauer einen Überblick über die Reaktionen auf Moritz Baßlers "Midcult"-Essay (unsere Resümees), die an "Baßlers gedankliche Schärfe" allesamt nicht rankommen, "weil ihnen genau jener Sinn für die Ambivalenz der eigenen Position fehlt, die seine Polemik so stark macht." Im Literaturfeature von Dlf Kultur porträtiert Siegfried Ressel den Schriftsteller Aleksandar Tišma. In der Dante-Reihe der FAZ wirft Matthias Alexander einen Blick auf die Versuche von Diktatoren, die "Commedia" für die eigene Sache dienstbar zu machen, und Eckhart Grünewald erzählt von der Rezeptionsgeschichte des Werks. Insbesondere der deutschen Rezeptionsgeschichte Dantes widmet sich Karlheinz Stierle sehr ausfürlich im "Literarischen Leben" der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Yulia Marfutovas Debütroman "Der Himmel vor hundert Jahren" (taz), Georges-Arthur Goldschmidts "Der versperrte Weg" (FR), Lukas Rietzschels "Raumfahrer" (Welt), Gabriele von Arnims "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" (SZ) und Heinz Strunks "Es ist immer so schön mit Dir gewesen" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2021 - Literatur

Es klingt wie der Stoff für einen CIA-Thriller aus den Siebzigern: Frankreichs Militär hat eine Gruppe von Science-Fiction-Autoren zu einem "Red Team" zusammengeschweißt, das sich gemeinsam mit Designern, Künstlern und Wissenschaftlern Gedanken darüber machen soll, welchen Angriffs- und Bedrohungslagen das Land in Zukunft ausgesetzt sein könnte, berichtet Martina Meister in der Welt. Dabei gehe es "nicht nur um Ausrüstung oder Waffen, sondern vor allem um unvorstellbare, geopolitische, gesellschaftliche und ökologische Konstellationen." Eines der nun vom Militär freigegeben Szenarien nennt sich "mort culturelle" und handelt von einer Flutkatastrophe im Jahr 2045 in Kombination mit einem biologischem Angriff unter Bedingungen gesellschaftlicher Abschottung: "Die Menschen leben in Wirklichkeitsblasen, Safe Spheres genannt. Das muss man sich vorstellen wie Realität à la carte." Nun steht das Militär vor der Herausforderung, "200.000 womöglich infizierte Franzosen aus dem Katastrophengebiet zu evakuieren, die keine Information für verlässlich halten und alle etwas anderes glauben. ... Über Jahre wird die Armee damit beschäftigt sein, die sicheren Blasen zu 'desaktivieren', die 'Balkanisierung der Wirklichkeit' zu bekämpfen."

Jürgen Kiel denkt auf Tell über die Frage des literarischen Kanons nach, den es zwar immer weniger geben soll, der aber dennoch heiß umkämpft ist. "Man mag zu Recht einwenden, dass die traditionellen westlichen Bildungskanons einseitig, nämlich männlich und weiß geprägt waren. Dies verwundert nicht, da auch die Kultur des Westens männlich und weiß dominiert war. Letzteres ändert sich bekanntlich rapide, und die Auswirkungen auf die Vorstellung vom literarisch Wichtigen werden sich zeigen. Ein Trost hinsichtlich der Vergangenheit mag sein, dass die Dominanz weißer, männlicher Autoren naturgemäß bewirkte, dass auch zu den Aussortierten viele weiße, männliche Autoren gehören, darunter manche, von denen man zu ihren Lebzeiten nicht erwartet hätte, dass sie aus dem Kanon entfernt werden würden."

Außerdem: Nach Protesten des Schriftstellers Lutz Seiler (unser Resümee) und einer Mahnung durch PEN Deutschland (siehe FAZ) wird das Land Berlin das Grab des Dichters Oskar Loerke wohl doch für weitere zwanzig Jahre als Ehrengrab pflegen, meldet Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung. Iris Radisch bündelt in der Zeit die literarischen Debatten der letzten zwei Wochen rund um Moritz Baßler, Denis Scheck und Matthias Politycki. In den Actionszenen der Weltliteratur erinnert Detlev Schöttker an das demonstrative Nicht-Verhältnis, das Hannah Arendt zu Paul Celan unterhielt.

Besprochen werden unter anderem Heinz Strunks "Es ist immer so schön mit dir" (Freitag), Garry Dishers Krimi "Barrier Highway" (FR), Jörg-Uwe Albigs "Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus" (taz) und John Clares Lyrikband "A Language That Is Ever Green" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2021 - Literatur

Die Literaturkritik arbeitet sich weiter an Denis Schecks SWR-Reihe "Schecks Anti-Kanon" ab, insbesondere das Verdikt über Christa Wolfs Erzählung "Kassandra", in der die Autorin die Achtzigerjahre der DDR mit Motiven der griechischen Antike kreuzt, sorgt für erhebliche Irritation. "Gerade der zentrale Vorwurf Schecks, dass die Männerfiguren des Trojanischen Krieges nicht im Mittelpunkt der Erzählung stehen", verwundert Charlotte Szász im Freitag. "Auf Biegen und Brechen versucht Scheck durch seine 'Kritik' eine Lanze für die Männlichkeit zu brechen, bei einer Erzählung, von der es Abertausende männliche Versionen gibt. Und so ist die weibliche Perspektive wiederholt als Außenseiterin in die Literaturkritik eingegangen: 'Unmöglich war es doch, dass Menschen auf die Dauer einer, die ihr Recht beweist, nicht Glauben schenken sollten.' Leider, liebe Christa Wolf, ist es doch immer noch so."

Obgleich Scheck ein ums andere Mal immer wieder "Pathos" zeiht, ist sein eigenes Auftreten nichts anderes als pathetisch, meint Paul Jandl in der NZZ, "auch wenn es clownesk als Ironie verkauft werden soll. Denis Scheck ist ein Nachbild seines Vorbilds Marcel Reich-Ranicki. Mit ihm teilt er eine Vorliebe für helle Anzüge und böse Pointen. Wo aber das Original solche Dinge einfach aus dem Ärmel schütteln konnte, liest Scheck die Pointen ab und poliert sie beim Sprechen noch genüsslich nach. Viel Aufwand für das bisschen wohlfeiler Häme. ... Erstaunlich, dass sich das Fernsehen immer noch etwas Neues einfallen lässt, um richtig alt auszusehen. Die Literaturkritik im deutschen Fernsehen krankt an ihren beflissenen, ewiggleichen Ich-weiss-was-Darstellern."

Besprochen werden unter anderem Francis Neniks "E. oder die Insel" (ZeitOnline), Quentin Tarantinos Romandebüt nach seinem letzten Film "Once upon a Time in Hollywood" (online nachgereicht von der FAZ), Ferdinand Schmalz' Romandebüt "Mein Lieblingstier heißt Winter" (Standard), neue Veröffentlichungen mit Texten von Wolfgang Welt (SZ) und Jirí Hájíceks "Vignetten mit Segelschiff" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2021 - Literatur

Der Büchnerpreis geht in diesem Jahr an den österreichischen Schriftsteller Clemens J. Setz - eine hervorragende Entscheidung, meinen die Literaturkritiker, aber auch eine überraschende: Schließlich ist Setz noch keine 40 Jahre alt. Setz' Literatur schöpft aus dem "Interesse am Mikroskopischen, am Outrierten, am Abseitigen", kommentiert David Hugendick auf ZeitOnline. Er "schreibt Bücher, in denen die Grenzen literarischer Wahrnehmungskonventionen ausfransen und lustvoll überschritten werden; Geschichten, die eine Überfülle an Bildlichkeit und laufend einen originellen, eigenwilligen Überschuss produzieren, den man in der zur Ökonomie dressierten deutschen Kunsthandwerksliteratur fast wie von selbst als Dissidenz empfinden kann." Setz' Strategie lautet "Provokation durch Brillanz", meint Andreas Platthaus in der FAZ, der noch immer staunt, welchen Aufstieg Setz in den letzten 11,12 Jahren hingelegt hat - wie vor ihm sonst nur Peter Handke. Setz "will neue Grammatiken lesbar machen", schreibt Paul Jandl in der NZZ.

Marie Schmidt verneigt sich in der SZ vor Setz' mit enzyklopädischem Wissen vorgehende Weltbeschreibungsfreude, die auch vor dem Erfinden neuer Wörter nicht halt macht: Ein "Weltwahrnehmungserschaffer", dessen "Perspektive dermaßen die Auflösung aller Bilder erhöht, dass winzige Regelmäßigkeiten überscharf vor Augen treten. ... Bei allen vibrierenden Sensibilitäten, die Setz in Sprache nachbaut, den merkwürdigen Geisteszuständen seiner Figuren, geht es in seinen Büchern doch auch immer um eine Medientheorie im weiten Sinne. Die Frage nach den untergründigen Kanälen, dem, was die Menschen wirklich in Verbindung bringt (und trennt), seien es ein durch Vererbung mitgeteiltes psychisches Leiden, die Speichen eines Riesenrades oder die Art, wie einem die Aufzeichnung einer flüsternden Stimme jedes Härchen auf der Haut aufstellt." Auch Judith von Sternburg  beschreibt in der FR einen Sprachhexer, der zwar "für sein hohes und ausgiebig ausgeführtes, gelegentlich zelebriertes, gelegentlich auch penetrantes Sprachbewusstsein berühmt sein mag, aber dazu noch eine gute Übersicht über menschliche Dinge hat."

Setz, Jahrgang 1982, ist ein Typus zeitgenössischer Schriftsteller, der aus dem Internet und der Gamingkultur kam, und allemal ein würdiger Preisträger, hält Gregor Dotzauer im Tagesspiegel fest: Er "reißt die Schranken zwischen Hoch- und Populärkultur auf eine Weise ein, die nicht nur abwärtskompatibel ist, sondern auch seitwärts - und das multimedial. ... Setz ist kein überragender Stilist, aber ein großer Fantast. Er kreuzt den grellen Witz von Splattermotiven mit den Kriechströmen des Schauerromans."

Welt-Kritiker Marc Reichwein sieht in dieser Auszeichnung "auch eine Entscheidung für Humor, Eigensinn und Formenreichtum im Medium Sprache und ihren netzliterarischen Nachbardisziplinen. Der studierte Mathematiker und Germanist Setz kann vom gut gesetzten Emoji bis zum Gedicht und klassisch überladenen Großroman eigentlich alles, spinnt in literarischen oder popkulturellen Referenzen, beherrscht aber auch die schiere Poesie von freakigen Figuren".

Weitere Artikel: Im Freitag spricht Michael Hametner mit dem Schriftsteller Thomas Kunst, der nicht länger ein Geheimtipp sein will: "Aber da ich ein unangepasstes Rindvieh bin, wird sich daran in meinem letzten Lebensabschnitt wohl auch nichts mehr ändern." In der taz spricht Tocotronic-Drummer Arne Zank über seinen Comic "Die Vögel - fliegen hoch". Für die Dante-Reihe der FAZ wirft Angelika Overath einen Blick darauf, wie Dante Unaussprechliches beschreibt. Erhard Schütz räumt für den Freitag Sachbücher vom Nachttisch.

Besprochen werden unter anderem Tracey Thorns "Ein anderer Planet. Eine Jugend in Suburbia" (Freitag), Ute-Christine Krupps "Punktlandung" (Tagesspiegel), Shinichi Ishizukas Manga "Blue Giant Supreme" (Tagesspiegel), Carolina Setterwalls "Betreff: Falls ich sterbe" (SZ) und Anna Haags Tagebuch der Jahre 1940 bis 1945 (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2021 - Literatur

Berlin will das Grab des Dichters Oskar Loerke nicht mehr unter seinen Ehrengräben führen und pflegen - in der SZ protestiert der Schriftsteller Lutz Seiler heftig: "Ein fortlebendes Andenken sei nicht mehr erkennbar - wie wurde das denn gemessen? Und dann: Was ist das, die 'allgemeine Öffentlichkeit'? Hier beginnt das Erschrecken: Wäre es eventuell möglich, mit dieser nicht näher spezifizierten Öffentlichkeit als Maß und im Grunde unwiderlegbarem Argument auch das Erinnern an die Geschichte der Dichtung und das Wirken ihrer Autoren insgesamt abzuschaffen? ... Für Paul Celan war Loerkes 'Pansmusik' das schönste Gedicht in deutscher Sprache. Huldigungen kommen von Wilhelm Lehmann und Günter Eich, die später jeweils eigene Auswahlbände mit Loerkes Gedichten herausgeben". Und gern wäre Seiler zudem bereit, der Berliner Politik "einen Überblick über die Loerke-Rezeption in der Gegenwartsliteratur zu skizzieren".

Najem Walis neuer, in Deutschland noch unbesprochener Roman "Soad und das Militär" über die ungeklärten Umstände des Todes der ägyptischen Schauspielerin Soad Hosny ist im arabischen Sprachraum eine heikle Angelegenheit, berichtet Lena Bopp in der FAZ. Dem Verleger Satar Mohsen könnte es durchaus Probleme bringen, warnten ihn seine Kollegen. Die erste Auflage ist immerhin schon ausverkauft, "auch in Kairo, wo das Buch zwar nicht auf den Tischen in der Messehalle auslag, aber trotzdem den Weg zu seinen Lesern fand. Wie genau er das anstellte, will Satar Mohsen nicht preisgeben. ... Seit jeher spielen Verleger, Buchhändler und Autoren mit den Zensoren nicht nur in Ägypten ein Katz-und-Maus-Spiel. In manchen Ländern müssen Listen der Bücher vorgelegt werden, bevor die Verleger zu den dortigen Buchmessen anreisen, und manchen Titeln wird die Einfuhr verwehrt. Andere werden vorab zensiert, liegen dann aber als Raubkopien auf den Tischen. Oder einige werden erst vor Ort aus dem Verkehr gezogen, so etwa die Praxis in Kairo."

Der in der Eifel lebende und über sie schreibende Schriftsteller Norbert Scheuer versucht in der SZ, die Wetterkatastrophe der letzten Tage zu beschreiben: "Mein Roman 'Winterbienen' handelt von den letzten Kriegstagen in Kall. Ich habe bei der Recherche viele Bücher über diese Zeit gelesen, mit Zeitzeugen gesprochen, unzählige Fotografien von dem zerstörten Kall und andern Eifeldörfern angesehen. Kall sieht nun tatsächlich wie nach den Bombenangriffen der letzten Kriegstage aus. Im Kernort sind die Häuser fast alle unbewohnbar, die Straßen liegen voller Hausrat, riesige Müllberge, Kinderwagen, Kleiderbügel, ein rosafarbenes Plastikpiano, eine lebende, zitternde, nasse weiße Katze oben auf dem Sperrmüll. Die Buchhandlung Pavlik in der Bahnhofstraße existiert nicht mehr." Auf ihrer Website bittet sie um Spenden.

Weiteres: Denis Scheck hat sich mit seiner neuen SWR-Reihe "Schecks Anti-Kanon" im Allgemeinen, mit seiner harschen Kritik an Christa Wolf im Besonderen vergaloppiert, meint Michael Hametner im Freitag und fragt sich, was bei Scheck wohl im Argen liegen mag: "Dass er sich mit den öffentlich-rechtlichen Leitmedien im Rücken für unangreifbar hält?"

Besprochen werden unter anderem Heinz Strunks "Es ist immer so schön mit Dir" (Welt), Eloísa Díaz' Kriminalroman "1981" (online nachgereicht von der FAZ), Goran Vojnovićs "Tschefuren raus! oder Wie ich wieder mal zu Fuß in den zehnten Stock musste" (taz), Hans-Ulrich Treichels "Schöner denn je" (FR), Sergej Lebedews "Das perfekte Gift" (Standard), Adolf Muschgs "Aberleben" (NZZ), Audre Lordes Essayband "Sister Outsider" (SZ) und Anatoli Pristawkins "Schlief ein goldnes Wölkchen" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2021 - Literatur

Auch in ihrem neuen Roman "Levys Testament" arbeitet Ulrike Edschmid ihre Zeit im linksradikalen Westberlin auf. Anders als viele in ihrem Umfeld ist sie den Weg in die Militanz nicht gegangen, sagt sie im FAS-Gespräch. "Ich habe innerhalb eines halben Jahres drei Freunde durch einen gewaltsamen Tod verloren. Das sind Prägungen, die das, was man miteinander erlebt hat, sehr kostbar erscheinen lassen. An solchen Erlebnissen stellen sich auch die Fragen nach dem eigenen Leben auf eine ganz andere Weise. Wenn man mich fragt, wann ich am stärksten Zeitgenossin gewesen bin, dann waren es die siebziger und achtziger Jahre." Sie blickt aber auch "mit Entsetzen und Fremdheit" auf diese Zeit zurück: "Was für ein Wahnsinn das war. Andererseits wäre ich nie die geworden, die ich heute bin. Ich bin froh, dass ich das alles überstanden habe."

Weitere Artikel: "Es gibt eine postmigrantische jüdische Identität", sagt die beim Bachmannwettbewerb mit dem Deutschlandfunkpreis ausgezeichnete Newcomerin Dana Vowinckel im Tagesspiegel-Gespräch. Marielle Kreienborg spricht für die taz mit Claudia Durastanti über ihren Roman "Die Fremde", der von ihrer gehörlosen Mutter handelt. Tobias Rüther informiert sich für die FAS in den Science-Fiction-Geschichten von Stanisław Lem, ob uns eine neue Epoche der Raumfahrt bevor steht und was davon zu halten wäre. Walter Grünzweig plaudert im Standard mit dem Schriftsteller Veit Heinichen. Autor Mario Schlembach schreibt im Standard Tagebuch aus der Weststeiermark, wo ihn eine Kulturinitiative hingebracht hat.

Besprochen werden unter anderem die deutsche Erstübersetzung von Ann Petrys "Country Place" von 1947 (taz), Ralf Königs "Lucky Luke"-Hommage "Zarter Schmelz" (taz), Yvonne Zitzmanns "Tage des Vergessens" (Tagesspiegel), Leanne Shaptons "Gästebuch" (Standard), Frédéric Beigbeders "Der Mann, der vor Lachen weinte" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Gabriele von Arnims Lesung ihres Buches "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Maier über August Stöbers "Die Tonleiter":

"Mit dem holden Lieb selbander
Sang ich jüngst die Töneleiter,
Und wir stiegen miteinander
..."