Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2019 - Literatur

Zum Alexander-von-Humboldt-Jahr, das sich gerade seinem Höhepunkt nähert - am 14. September jährt sich der Geburtstag des Forschers zum 250. Mal -, gibt es überall viel Lametta. In der FR rät Arno Widmann demgegenüber dazu, sich aufs Wesentliche zu beschränken, nämlich auf die von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich betreute, zehnbändige "Berner Ausgabe" seiner "Sämtlichen Schriften", ein mit von Humboldts gesammelten wissenschaftlichen Artikeln reich bestücktes Füllhorn. Die ganze Welt von um 1800 ist hier auf tausenden Seiten zu entdecken: "Humboldt schreibt über Grubengase, Zitteraale, die Temperatur des Erdinnern, die Schwankungen der Goldproduktion mit Rücksicht auf staatswirtschaftliche Probleme, musikalische Felsen in Südamerika, Meereshöhen, die Emanzipation der Juden, Kometen" und noch vieles, vieles mehr. "Man sollte nicht erschrecken vor dem riesigen Angebot, sondern die Inhaltsverzeichnisse durchschlendern wie eine unbekannte Stadt. Was heißt hier Stadt!? Es ist eine Welt, ja das Universum. So wie er es kannte. Humboldt fuhr per Anhalter durch die Galaxis. Nur dass da draußen noch niemand war."

Weiteres: Eva-Christina Maier spricht für die taz mit der venezolanischen Journalistin und Exil-Schriftstellerin Karina Sainz Borgos über deren Roman "Nacht in Caracas", in dem sie die Zustände in ihrer Heimat anprangert (hier unser Resümee zweier weiterer Gespräche mit der Autorin). Mit einer netten Skurrilität wartet das taz-Interview auf, das Franziska Seyboldt mit Sabine Magnet geführt hat: Die Auftragsdichterin antwortet in Reimform. Im Literarischen Wochenendessay der FAZ zeichnet der Schriftsteller Michael Kleeberg Goethes Reisen zur Recherche für seinen West-Östlichen Divan nach. Außerdem bringt der Dlf Kultur eine Lange Nacht von Christian Blees über Robinson Crusoe.

Besprochen werden unter anderem Simone Lapperts "Der Sprung" (NZZ), Karen Köhlers "Miroloi" (taz), Elif Shafaks "Unerhörte Stimmen" (Zeit), Damir Karakašs "Erinnerung an den Wald" (taz), Jason Schwartz' "Johann der Posthume" (Tagesspiegel), Garry Dishers Krimi "Kaltes Licht" (online nachgereicht von der FAZ) und Pauline Delabroy-Allards "Es ist Sarah" (Literarische Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2019 - Literatur

Rise like lions after slumber
in unvanquishable number -
shake your chains to earth like dew
which in sleep had fallen on you -
Ye are many - they are few.

Der Literaturwissenschaftler Theo Stemmler schreibt in der FAZ über die Wirkmächtigkeit der letzten, vom Massaker von Peterloo am 16. August 1819 handelnden Strophe von Percy Shelleys Gedicht "Mask of Anarchy": "Diese Strophe, die dem Zuhörer die revolutionäre Botschaft in metrischer Bestimmtheit einhämmert, verschaffte der 'Mask of Anarchy' die Reputation, eines der wichtigsten politischen Gedichte in englischer Sprache zu sein. Bis heute werden diese fünf Verse immer wieder als Kampfruf bei politischen Demonstrationen verwendet. Besonders der letzte Vers, in dem 'ye' durch 'we' ausgetauscht wird, erzielt einen enormen Solidarisierungseffekt."

Weitere Artikel: Cornelia Geißler hat für die FR mit Sebastian Meschenmoser gesprochen, der die Illustrationen für eine Neuausgabe von Michael Endes "Unendliche Geschichte" angefertigt hat. Roman Bucheli erinnert in der NZZ an den vor zehn Jahren gestorbenen Schriftsteller Hugo Loetscher. Die Literarische Welt hat Bernd Eilerts kommentierte Liste mit den Büchern, die ihn am meisten geprägt haben, online nachgereicht. Besprochen werden unter anderem Karlheinz Brauns "Herzstücke" (Tagesspiegel) und der Band "Ernst Jünger: Gespräche im Weltstaat. Interviews und Dialoge 1929 - 1997" (SZ).

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Stichwörter: Shelley, Percey

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2019 - Literatur

Norwegen ist dies Jahr Gastland der Buchmesse. Für den Tagesspiegel ist Gerrit Bartels auf den Spuren der 1928 "für ihre mächtigen Schilderungen aus dem mittelalterlichen Leben des skandinavischen Nordens" mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Schriftstellerin Sigrid Undset nach Lillehammer gereist. In Deutschland ist die Autorin quasi vergessen, in Norwegen hadert man mit ihr, erfahren wir. Das könnte damit zu tun haben, "dass sie 1924 zum Katholizismus konvertierte, was damals im protestantischen Norwegen kaum jemand verstand (trotzdem hängt unübersehbar ein Porträt von Martin Luther in einem der Zimmer). Viel mehr aber dürfte ihrer aktiven Wiederentdeckung im Weg stehen, dass sie nicht gerade dazu taugt, eine feministische Ikone zu werden." Denn: "Die Frau gehört der Familie, um deren Zusammenhalt und die Sorge um die Kinder hat es ihr zu gehen, das war Undsets Credo. ... Was wiederum etwas verwundert, sind doch viele von Undsets Romanfiguren, gerade die ihrer Ehe- und Gegenwartsromane, sehr emanzipierte Frauen, so wie letztendlich auch Undset selbst."

Weitere Artikel: In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Wieland Freund (Welt) daran, wie Charles Dickens 1865 unbeschadet aus einem Zugunglück hervorging. Außerdem bringt die Welt einen Vorabdruck aus Rafael Seligmanns neuem Roman. Besprochen wird unter anderem Brigitte Kronauers "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" (FAZ).

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2019 - Literatur

SZ und FR haben zwei große Interviews mit der nach Spanien ausgewanderten, venezolanischen Journalistin Karina Sainz Borgo geführt, die mit "Nacht in Caracas" einen Roman über die anhaltende Krise in ihrem Heimatland geschrieben hat. Was sie über Venezuela zu sagen hat, ist sehr betrüblich: "Wenn du an einem sehr gewalttätigen Ort lebst, versuchst du, dich zu schützen", erklärt sie in der SZ. Die Leute blieben nachts einfach aus Angst zuhause: "Große Städte sind jetzt nachts wie Geisterstädte. ... Meine Protagonistin arbeitet mit Büchern. Die Leute, die ihre Wohnung besetzen und ihr alles wegnehmen, zerstören ihre Bücher, wie um zu zeigen: Nicht mal das lassen wir dir. 'Du willst deine Bücher zurück? Schau, was wir mit deinen Büchern machen.' Ich wollte zeigen, dass Kultur, Geschichte, Erinnerungen in einer Gesellschaft, in der es nur noch ums Überleben geht, nicht mehr wichtig sind."

Und in der FR erklärt sie zu ihrem über weite Strecken in "wir"-Form abgefassten Buch: "Mit diesen furchtbaren Vorgängen wollte ich etwas machen, das zugleich schön und poetisch ist. Es ging mir um die Sprache, um die Bilder. Es ist eine entsetzliche Situation an einem entsetzlichen Ort, aber es gibt diese plötzlichen Momente von Schönheit. ... Als ich das Buch Menschen vorgelesen habe, die mir nahe stehen und das Land kennen, sagten mir viele: Ja, das ist das, was ich selbst fühle und erlebe. Darum sagte ich mir: Das ist Literatur, das kann und darf Literatur. Auch das ist ja eine Art von Gewaltausübung, die in Venezuela praktiziert wird. Man sagt zu uns: Wenn du Venezuela verlässt, gehörst du nicht mehr zu uns und darfst dich nicht mehr darüber äußern, was im Land passiert."

Weitere Artikel: Helmuth Mojem vom Literaturarchiv Marbach liefert in der FAZ Hintergründe zu einem Papierschnipsel mit einem Satzfragment aus Schillers Hand, der kürzlich in den Archivbeständen gelandet ist: Es handelt sich um eine kleine Vorarbeit zu Schillers letztem Stück "Demetrius". Für Tell-Review unterzieht Frank Heibert Raimund Petschners "Kurze Entfernung aus dem Gespräch" einem Page-98-Test. Ronald Pohl erinnert im Standard an Elias Canetti, der heute vor 25 Jahren gestorben ist.

Besprochen werden Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" (FR), Stephan Phin Spielhoffs Debütroman "Der Himmel ist für Verräter" (taz), Halldór Laxness' "Fischkonzert" (Jungle World), Nathan Englanders "Dinner am Mittelpunkt der Erde" (NZZ), Peer Martins "Hope" (Berliner Zeitung), Dag Solstads "T. Singer" (SZ) und Walter Moers' "Der Bücherdrache" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2019 - Literatur

Anders als in Deutschland genießt die Literatur in Frankreich noch immer einen sehr hohen Stellenwert, der sich auch in einer hohen Zahl erworbener und gelesener Bücher bemessen lässt. Dennoch wird auch in Frankreich die Krise, wenn nicht das Ende der Literatur ausgerufen, schreibt der französische Literaturwissenschaftler Alain Viala in der FAZ: "Dieser Krisendiskurs ist Ausdruck von Verlusterfahrung und Empörung", erklärt Viala - und attestiert dem ganzen ein gutes Stück Klassendünkel: "Die Verlage publizieren eine Unzahl von Titeln. Fünfhundert neue französische Romane werden bei jedem literarischen Saisonstart auf den Markt geworfen. Dieses Streben nach schnellem Profit zieht einen beschleunigten Austausch der Buchsortimente nach sich: Je mehr Literatur es gibt, desto ungewisser ist ihr symbolischer Wert." Auch die hohe Zahl an Abiturabschlüssen tue ihr übriges: "Je 'normaler' das Abitur wurde, desto weniger attraktiv wurde die Literatur. Sie büßte an Bedeutung ein, weil sie nicht mehr das Mittel zur Distinktion ist. Das ist die Botschaft hinter der Krisendiagnose."

In der NZZ liefert der Schriftsteller Thomas Hürlimann eine kleine Zahlenmystik, die unsere ganze Kulturgeschichte abdeckt: "1. Pythagoras sah in der Zahl 4 'die Wurzel der heiligen Natur'. Er schloss dies aus der Tatsache, dass Zeit und Raum in vier Teile aufgeteilt sind. Das Jahr hat vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Der Himmel hat vier Richtungen: Süd, Nord, Ost, West. Damals kannte man vier Elemente: Erde, Feuer, Wasser, Luft. Man ordnete dem Menschen vier Temperamente zu: das sanguinische, das phlegmatische, das cholerische, das melancholische. In Indien gab es vier Kasten, im Buddhismus vier Wege, und noch immer orientieren wir uns am Quartal, wohnen wir in einem Viertel, trinken wir zum Zvieri ein Vierteli Roten..."

Weiteres: Vielleicht wäre die Zeit für Michael Rutschkys Art des Schreibens überhaupt erst jetzt, nach dem Tod des Essayisten, gekommen, mutmaßt Gerrit Bartels im Tagesspiegel, nachdem sich zuletzt die feuilletonistischen Nachlesen häuften. Für die Welt reist Jan Grossarth zu den Wurzeln seiner Vorfahren in der Vojvodina. Für die FR plaudert Andreas Sieler mit Jens Wawrczeck, der Hörbücher zu den Romanvorlagen für Alfred Hitchcocks Filme produziert.

Besprochen werden unter anderem Berit Glanz' Debütroman "Pixeltänzer" (Tagesspiegel), Walburga Hülks "Der Rausch der Jahre" über das Paris von Napoleon III. (Tagesspiegel), Ljudmila Petruschewskajas "Das Mädchen vom Hotel Metropol" (SZ) Joseph Incardonas Thriller "Asphaltdschungel" (Tagesspiegel) und Helene Bukowskis "Milchzähne" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2019 - Literatur

Der Tagesspiegel übernimmt eine leicht gekürzte Fassung von Angela Guttners ursprünglich im Comic-Studies Magazin Closure erschienenem Gespräch mit dem österreichischen Comicautor Nicolas Mahler, das sich sehr interessant um Fragen der kulturellen Anerkennung der lange Zeit verfemten Form dreht. Dass es einerseits kaum Förderung für Comiczeichner gibt, ist einerseits zwar bitter für Leute, die am Rand ihrer Existenz arbeiten, hat aber auch zumindest den Vorteil, dass "keiner dem anderen etwas wegnimmt, weil es halt nix zum Wegnehmen gibt". Umstritten in der Szene sind auch die Flirts mit der Hochkultur wie in den feuilletonistisch ertragreichen Literaturadaptionen: "Da heißt es, man schleimt und schleicht sich über diesen Umweg in den Kulturbetrieb ein. Vielleicht ist da ja auch was dran, ich weiß es nicht."

Weiteres: Im Standard erinnert Gerhard Strejcek daran, wie Hermann Hesse vor 100 Jahren als Autor des zunächst unter Pseudonym veröffentlichten Romans "Demian" aufflog. In seiner "Lahme Literaten"-Kolumne knöpft sich Magnus Klaue diesmal Raoul Schrott vor, dem er "ein Monopol auf dem Produktsegment Terra X für Altphilologen" attestiert. Dlf Kultur bringt ein Feature von André Hatting über den expressionistischen Lyriker August Stramm. Und der Standard reist mit zahlreichen Autoren - Tex Rubinowitz, Gertraud Klemm, Tanja Paar, Manfred Rebhandl und Christopher Wurmdobler - an den Strand.

Besprochen werden unter anderem Gunter Hofmanns Biografie über Marion Dönhoff (NZZ), Sally Rooneys "Gespräche mit Freunden" (Presse), Katerina Poladjans "Hier sind Löwen" (online nachgereicht von der FAZ), Martin Puchners "Die Macht der Schrift. Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte" (online nachgereicht von der FAZ) und die Neuauflage von Richard Wrights "Sohn dieses Landes" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt  Joachim Sartorius über Günter Herburgers "Belle de Jour"

"Die Peitschen der bürgerlichen Zucht,
die Leistungen der bürgerlichen Macht,
die Messen der bürgerlichen Sehnsucht,
..."
Stichwörter: Mahler, Nicolas, Comic

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2019 - Literatur

Tilman Krause ist für die Literarische Welt nach Paris zur frisch renovierten Maison de Balzac gereist. In der Literarischen Welt gratuliert Hannes Stein dem britischen Verlag Faber & Faber zum 90-jährigen Bestehen. Helmuth Kiesel erinnert im literarischen Wochenend-Essay der FAZ an Gustav Frenssens 1921 erschienenen Roman "Der Pastor von Poggsee", der in einen großes Abschlussplädoyer für etwas mündet, was man heute Verfassungspatriotismus nennt. Außerdem bringt Dlf Kultur eine Lange Nacht von Beate Ziegs über Bibliotheken.

Besprochen werden unter anderem Brigitte Kronauers "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" (NZZ, Freitag), Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" (taz), Catherine Laceys "Das Girlfriend-Experiment" (Dlf Kultur), Burkhard Spinnens "Rückwind" (Zeit), Katerina Poladjans "Hier sind Löwen" (FR), Davide Enias Essay "Schiffbruch vor Lampedusa" (Tagesspiegel), Karin Fellners Lyrikband "eins: zum andern" (online nachgereicht von der FAZ, Dlf Kultur), Berit Glanz' Debüt "Pixeltänzer" (taz), Tawni O'Dells Kriminalroman "Wenn Engel brennen" (FR), der achte Band aus François Bourgeons Historiencomic "Reisende im Wind" (taz), Norbert Gstreins "Als ich jung war" (Literarische Welt), eine Wiederveröffentlichung von Johann Karl Wezels "Herrmann und Ulrike" (FAZ) und neue belletristische wie soziologische Literatur über den DDR-Plattenbau in Marzahn und Rostock (Literarische Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2019 - Literatur

Im Tagesspiegel freut sich Corinna von Bodisco über die ziemlich großartige Twitter-Aktion #dichterdran, bei der Autorinnen so respektlos die körperliche Erscheinung von Literaturkritikern kommentieren, wie ihnen das selbst oft geschieht. Dabei gibt es für solche Formen des Sexismus eine einfache Lösung, meint von Bodisco: "Literaturkritiker, die sachlich und reflektiert über Werke von Autorinnen schreiben - und: mehr Literaturkritikerinnen." Der Standard bringt ein Best-Of der kreativen und amüsanten Aktion.

Weiteres: In der NZZ denkt Paul Jandl über das Virtuosentum in der Kunst nach. ZeitOnline bringt eine Übersetzung von Zadie Smiths zuerst beim PEN erschienenen Nachruf auf Toni Morrison (weitere Nachrufe hier und dort). Besprochen werden unter anderem Yves Bonnefoys Buch "Der rote Schal" (NZZ), Umberto Ecos Vortragssammlung "Auf den Schultern von Riesen" (Standard), Maike Albaths "Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens" (Standard), Gerhard Roths "Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier" (Zeit) und Rebecca Solnits "Wanderlust - Eine Geschichte des Gehens" (SZ).
Stichwörter: Sexismus, Literaturbetrieb

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2019 - Literatur

Schwarze Perspektiven hat man in den gestrigen Nachrufen auf Toni Morrison eher vermisst. Die taz liefert dafür heute einen sehr schönen, sehr persönlichen Nachruf der Schriftstellerin und Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo nach, für die die ersten Morrison-Lektüren einem Erweckungserlebnis gleich kamen: "Ich erinnere mich nicht, wer ich vorher war, aber danach war ich eine andere Person. ... Selbst Bücher wie Ralph Ellisons 'Invisible Man' (deutsch: 'Der unsichtbare Mann') oder Malorie Blackmans 'Noughts & Crosses' schienen sich dezidiert an weiße Leser*innen zu richten. Toni Morrison hingegen schrieb ohne Fußnote, Glossar, Klammern oder sonstige Erklärungen. Sie schrieb für Menschen wie mich: diejenigen, die in einer weißen Gesellschaft aufwuchsen und lernten, ihre eigene Schönheit zu verleugnen; oder diejenigen, die immer wieder daran zerbrechen, dass sie ihre eigenen Kinder nicht vor dem Rassismus schützen können, den sie selbst durchlebt haben." Der Freitag hat einen Nachruf von Richard Lea und Sian Cain nachgereicht.

Im Gespräch mit der Zeit hebt die Pariser Philosophin und Schriftstellerin Hélène Cixous die Bedeutung der écriture féminine hervor, die es schon gab, als in Frankreich noch kaum Schriftstellerinnen existierten: "Aber, und das ist etwas, das ich schon im 'Lachen der Medusa' schrieb, jede große Literatur hat Merkmale dieser Weiblichkeit, egal ob sie von einer Frau oder einem Mann oder von Gott unterschrieben ist. Das ist das Geheimnis des Schreibens. Meine persönliche Bibliothek ist voller lebender Toter, sie schreiben alle, sie erschaffen alle Figuren, die so kraftvoll menschlich sind. Sehen Sie sich zum Beispiel Dostojewski an: Im echten Leben war er ein Mann mit allen Schwächen des Mannes, der vollkommen von seiner Frau abhängig war, die sein Überleben gesichert hat. In seinem Schreiben wird dieser Mann Nastassja Filippowna - eine Frau unter Frauen, mit all dem Begehren und der Verzweiflung echter Frauen. Das ist das Wunder des Schreibens. Aber es gibt nur wenige Schreibende, die dieses Menschliche schaffen können, die diese vollständige Öffnung vollziehen können, der immer eine Weiblichkeit zugrunde liegt."

Alexander Föderl-Schmidt (SZ) und Jochen Stahnke (FAZ) bringen Hintergründe zur nach langem Rechtsstreit erfolgten Lieferung der letzten Kisten aus Max Brods Nachlass nach Israel. Kafkas Anteil an dem tausende Seiten umfassenden Konvolut ist im Verhältnis zwar gering, dennoch stehe er im Mittelpunkt der Präsentation, berichtet Stahnke: Immerhin auf drei handschriftliche Entwürfe, hunderte Briefe sowie bisher unveröffentlichte Zeichnungen des Schriftstellers stößt Archivar Stefan litt, der diese Zeichnungen für besonders bemerkenswert hält, schreibt Föderl-Schmidt: Sie "müssen nach 1920 entstanden sein, denn sie enthalten hebräische Schriftzeichen. Sieben Jahre vor seinem Tod hatte Kafka begonnen, Hebräisch zu lernen."

Weiteres: In der Zeit erzählt Stephan Wackwitz die wenig erbauliche Geschichte des Rutschky-Kreises - zu dem er selbst gehörte - rund um die Zeitschrift Merkur: "Spiegelübertragung, narzisstische Idealisierung, Begabungsförderung, zielgehemmte Erotik, Erwählung, Initiation, Wut, Strafe, Verstoßung: Es war der Versuch, eine alternative kulturelle Solidarität zu begründen. In grandiosen Tagträumen Rutschkys war sein Kreis die Kulturelite der wiedervereinigten deutschen Demokratie." Und Iris Radisch trifft für die Zeit den norwegischen Autor Dag Solstad in Oslo.

Besprochen werden unter anderem María Gainzas "Lidschlag" (SZ), Max Annas' "Morduntersuchungskommission" (FR), Gary Shteyngarts "Willkommen in Lake Success" (taz) und Andreas Maiers "Die Familie" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2019 - Literatur

Toni Morrison, Literaturnobelpreisträgerin und "eine der hörbarsten Stimmen des schwarzen Amerikas", wie Arno Widmann in der FR schreibt, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Sie "hat niemanden in ihrer langen Karriere preiswert bebotschaftet, sondern viele sehen gemacht", würdigt Paul Ingendaay sie in der FAZ. Sie gab "den Namen- und Stimmlosen eine Stimme", schreibt Jonathan Fischer in der SZ. Und sie griff dafür auch auf "Motive der schwarzen Folklore ebenso wie auf Elemente des magischen Realismus" zurück.

Auf Twitter zirkuliert ein Fernsehinterview mit Morrison (Interviewerin uns unbekannt), das vor Spannung zwischen den beiden Personen fast explodiert. Morrison beschuldigt die Interviewerin an einer Stelle, eine rassistische Frage gestellt zu haben:


Mit ihren präzisen historischen Arbeiten - einem "Monument aus Formulierungen, die kompakt wie Stahl und dennoch geschmeidig auf den Punkt kommen" - unternahm sie "Reisen gegen die Zeit", schreibt Angela Schader im großen NZZ-Nachruf. Morrison schuf damit "eine eigene, sowohl in den offiziellen Annalen wie auch im über die Jahrhunderte entstandenen Echoraum afroamerikanischer Kultur verankerte Geschichte." Dabei "wollte sie Figuren schaffen, die nicht gegenüber einer weißen Leserschaft gerechtfertigt oder erklärt werden mussten, wollte - zuallererst, wenn auch nicht exklusiv - ein afroamerikanisches Publikum ansprechen."

Sie sezierte den Rassismus, schreibt Ronald Pohl im Standard: Dessen Praktiken "hat sie mit der Akribie eines Michel Foucault anhand einschlägiger Zeugnisse die Praktiken rekonstruiert. Und nachgewiesen, dass der Rassismus noch das Selbstbild der Ausgebeuteten unwiderruflich zerstört." Morrison verband "Diskurse und Poesie" und die "Moderne mit dem mündlichen Erzählen", würdigt Gerrit Bartels die Verstorbene im Tagesspiegel. Weitere Nachrufe in taz, Presse, ZeitOnline und Welt. Außerdem: Das tiefe Archiv unserer Presseschauen über Toni Morrison.

Sehr lesenswert aus den Archiven sind im Übrigen dieses epische New-Yorker-Porträt aus dem Jahr 2003 und eines aus der New York Times von 2015. Außerdem verweist der New Yorker auf einige Texte, die Morrison dort veröffentlicht hat. Fernerhin gibt es dort ein Gespräch mit ihr zum Nachhören:



In einem langen Interview mit Judith von Sternburg in der FR spricht die neue Fischer-Verlegerin Siv Bublitz über die Lage am Buchmarkt. Sie versichert zwar, dass im deutschprachigen Raum insgesamt keineswegs zu viele Bücher produziert werden, dennoch tritt der Fischer Verlag auf die Bremse: "Bei S. Fischer hat es zum Beispiel zur Folge, dass wir die Zahl der Neuerscheinungen deutlich reduziert haben. Es ändert an den 70.000 Titeln nicht so viel, wenn wir jetzt statt ungefähr 500 noch etwas mehr als 300 Titel im Jahr machen. Für uns ändert es aber einiges. Wir können uns auf weniger Titel mit dem gleichen Sachverstand, der gleichen Professionalität und Leidenschaft konzentrieren."

Weitere Artikel: Im großen NZZ-Gespräch spricht Ian McEwan über seinen neuen Roman "Maschinen wie ich". Besprochen werden Norbert Gstreins "Als ich jung war" (taz), Jane Gardams "Bell und Harry" (Tagesspiegel), Sibylle Lewitscharoffs Essaysammlung "Geisterstunde" (SZ), Jewdokija Rostoptschinas "Die Menschenfeindin. Gesammelte Dichtungen" (FR), Matthias Heines Studie "Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis - und wo nicht" (Tagesspiegel) und Deborah Levys "Was das Leben kostet" (FAZ).