Gerrit Bartels erinnert in seiner Proust-Reihe im Tagesspiegel an die Chronistin MadamedeSévigné, deren Briefe in Prousts "Recherche" der Mutter und Großmutter des Erzählers als Lektüre dienen. Besprochen werden unter anderem DonaldWindhams "Verlorene Freunde" (Intellectures), OliverJahraus' "Verstrickte Philosophie. Heidegger und der Nationalsozialismus" (FAZ) und AndreaHammels "Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien" (NZZ).
Julia Hubernagel (taz) resümiert einen Vortrag der Lyrikerin und Essayistin Anne Carson, die beim Berliner Poesiefestivial über die Geschichte des "Skywritings" sprach. Lars von Törne schreibt im Tagesspiegel den Nachruf auf den im Alter von 79 Jahren verstorbenen französischen Comiczeichner Paul Derouet.
Besprochen werden unter anderem Herbert Butterfields "Die Whig-Interpretation der Geschichte" (FR), Bruno Preisendörfers "Schlagworte, die Geschichte machen" (Tsp), Stephen Greenblatts "Dunkle Renaissance" (Welt) und Kinderbücher in der FAZ, darunter Oren Lavies und Anke Kuhls "Konrad Kröterich und die Suche nach der allerleckersten Mahlzeit" und Cornelia Franz' Roman "Scheinland". Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sara Rahnenführer trifft für die taz die LyrikerinDagmar Nick, die nächsten Samstag ihren hundertsten Geburtstag feiert und Flucht und Konzentrationslager überlebt hat: "'Von deiner Schönheit/ schweigen. Den Spiegeln/ befehlen, dich festzuhalten,/ ehe du gehst.', heißt es in einem Gedicht. Jetzt treibt sie vor allem der Verlust der Autonomie und die Gebrechlichkeit um. In den vergangenen Jahren hatte sie mehrere Knochenbrüche. Einer am rechten Arm war für sie besonders schlimm. 'Ich konnte monatelang nicht schreiben.' Und dennoch: 'Es ist ein Wunder für mich, morgens beim Aufwachen zu merken, dass alles immer noch so ist wie gestern.' Das Sterben fürchtet sie nicht: 'Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe die Nazis überlebt.'"
Christiane Lutz besucht für die SZ die Thomas Bernhard Ausstellung "Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen" im Literaturmuseum in Wien. Die Ausstellung zeige dabei Bernhard als diskreten Schriftsteller und als Mensch. "Hier ist nichts anbiedernd oder aufdringlich privat, man wahrt professionelle Distanz, wie sie der Autor auch stets wahrte. Behutsam skizzieren die Kuratoren Bernhards schwieriges Aufwachsen nach - ohne Vater bei einem strengen Großvater. Das Thema Sexualität spart man aus, Erotik muss man in Bernhards Werk ohnehin sehr genau suchen. So auch beim privaten Bernhard. In einem ausgestellten Brief schreibt er seiner guten Freundin Annemarie Hammerstein-Siller 1963, bevor sie zusammen auf Reisen nach Polen gingen, zur Sicherheit: 'Was Wichtiges: du sollst - u. darfst! nicht in mich verliebt sein, auch nicht 'vielleicht schrecklich!' - das wäre falsch!'"
Weitere Artikel: Gustav Seibt (SZ) und Patrick Bahners (FAZ) gratulieren dem SchriftstellerHans Pleschinski zum 70. Geburtstag. Nikolai Ott trifft den Schriftsteller Leif Randt im Griechenland-Urlaub (FAZ). Gabriele Weingartner liefert für "Bilder und Zeiten" (FAZ) eine Erzählung über die Ehe Paula Modersohn-Beckers. Und Felix Philipp Ingold liest den russisch-jüdischen Philosophen Grigori Landau, einen Zeitgenossen Oswald Spenglers.
Besprochen werden unter anderem Michal Hvoreckys "Dissident" (FR), Karine Tuils "Die Liebeshungrigen" (SZ), Ben Lerners "Transkription" (taz) Svens Kuzmins "Rigaer Freiheit" (FAZ), Kiran Desais "Die Einsamkeit von Sonia und Sonny" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über Peter Maiwalds "Gregor Samsa sucht Gott":
"Wenn ich ihn find, der mich zu dem gemacht ein Käfer, ekelhaft, ein Menschgewürm..."
Bestellen Sie bei eichendorff21!NorbertGstrein erhält den Siegfried-Lenz-Preis, mit 50.000 Euro eine der höchstdotierten Literaturauszeichnungen des Landes. Eine gute Wahl, konstatiert Andreas Platthaus in der FAZ - zur Begründung der Jury hat er aber Anmerkungen: "Gstreins Prosa handelt vom Nicht-Auslotbaren, Nicht-Fixierbaren des Lebens - im Kontext der historischen Zerwürfnisse und Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts", heißt es seitens der Jury. Und dies laut Platthaus "in bester Literaturpreis-Begründungsprosa", die aber "ziemlich fiktional" geraten ist: "Lotet doch Gstrein im neuen Buch gerade aus, was Leben bedeutet, und fixiert jene Momente, die ein Überleben ermöglichen oder eben nicht. Aber was kann Gstrein für seine Deuter? Solange seine Qualitäten belohnt werden, kann es ihm egal sein, ob sie auch erkannt werden. Der Siegfried-Lenz-Preis wird ihm am 10. September im Hamburger Rathaus überreicht, und sein Kollege Daniel Kehlmann kann als Lobredner alles wiedergutmachen. Nur nicht das Preisgeld erhöhen. Wann wagt sich wieder mal ein Stifter über den Büchnerpreis hinaus?"
Besprochen werden UweJohnsons "Berliner Sachen" mit Aufsätzen (FR), HonorCargill-Martins Biografie über Messalina (FR), eine Thomas-Bernhard-Ausstellung im Wiener Literaturmuseum (Standard), RicardoRomeros "Ich bin der Winter" (FR), KiranDesais "Die Einsamkeit von Sonia und Sunny" (SZ), Michael Zichys "Anderen wichtig sein. Eine Philosophie des Lebenssinns" (NZZ) und SebastianHaffners "Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Durchaus skeptisch diskutiert wird, dass die Literaturnobelpreisträgerin OlgaTokarczuk beim Verfassen ihrer aktuellen Texte auch auf KI zurückgreift (unser Resümee). Jolinde Hüchtker sieht es in der Zeit eher gelassen: "Nun war es nie so, dass unsere Ideen isoliert im eigenen Kopf geboren wurden. Vor wenigen Jahren hätte Tokarczuk vermutlich bloß 'Hits 1970er' in die Suchleiste von Google eingegeben, und wir hätten das eine gewöhnliche Recherche genannt. Aber wo hört man auf zu recherchieren, und wo lagert man langsam das Denken aus? ... Als Suchmaschinen um die Jahrtausendwende populär wurden, gab es bereits den sogenannten Google-Effekt, der uns vergesslicher machte. Und seit es digitale Bestände gibt, wissen Studierende kaum noch, wie eine Bibliothek funktioniert." Jörg Häntzschel (SZ) betrachtet die Entwicklung noch skeptischer: "Spätestens seit jede Google-Suche KI-gestützte Antworten gibt, ist die KI in den allermeisten Texten präsent. Doch wie tief ihre Mitwirkung reichen darf, bis die Reputation der menschlichen Schreiber ruiniert ist, das wird zwischen Lesern, Autoren und Verlagen gerade ausgehandelt." Nur am Rande: Wer keine KI in seinen Suchergebnissen haben möchte, kann dies übrigens ausschließen - durch ein -ai am Ende der Suchbegriffe.
Übrigens, Einsatz von KI in der Literatur: Auf Social Media wurde zuletzt der mit Belegen unterfütterte Vorwurf laut, dass die beim Karibik-Regionalpreis der britischen Commonwealth Foundation ausgezeichnete und in Granta veröffentlichte Kurzgeschichte "The Serpent in the Grove" des bislang nur als Hobbyautor in Erscheinung getretenen JamirNazir von einer KI erstellt wurde. "Die Literaturwelt ist damit an einem Scheideweg angekommen", schreibt Len Sander in der NZZ. "Selbst Experten verfügen nicht über Werkzeuge, KI-Literatur verlässlich von Nicht-KI-Literatur zu unterscheiden." Doch "sollte Nazirs Kurzgeschichte nicht KI-generiert sein, würde der Fall ein noch viel größeres Problem enthüllen: dass der Sprachschatz von Autoren schon längst von den Marotten der KI-Modelleinfiziert worden ist. Ohnehin sind viele Beobachter der Überzeugung, dass KI-Vokabular unmittelbar in die Sprech- und Schreibweise seiner Nutzer zurückwirkt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Autor Najem Wali ist Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter von PEN. Im Interview mit Gitta Düperthal von Jungle Worlderklärt er, warum sich der PEN für Kamel Daoud einsetzt. Daoud, Autor des Romans "Houris", ist bekanntlich vom algerischen Regime zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er in dem Roman das "Schwarze Jahrzehnt" thematisiert, den Bürgerkrieg zwischen Islamisten und Regime in den neunziger Jahren mit 200.000 Toten. Das ist in Algerien gesetzlich verboten. Über die Vergleichbarkeit der Fälle Boualem Sansal und Daoud sagt Wali: "Daoud strebt nicht wie Sansal an, wieder in Algerien zu leben. Er weiß, dass nicht nur das Regime gefährlich ist, sondern durch politische und mediale Hetze die ganze Gesellschaft polarisiert wurde. Gefahr kann von allen Seiten drohen. Im Unterschied zu Sansal, der zunächst inhaftiert und im November 2025 durch den algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune begnadigt wurde, strebt Daoud auch keine Begnadigung an. Sein Ziel ist, dass die freie Meinungsäußerung nicht weiter eingeschränkt wird. Also will er einen Freispruch und die Abschaffung des Gesetzes." (Sansal hat übrigens auch keine Begnadigung angestrebt - sie wurde ihm gewährt.)
Weiteres: "Schon auch schade", findet es Gerrit Bartels im Tagesspiegel, dass DanielKehlmann und ShidaBayzar als deutschsprachige Nominierte beim International Booker Prize leer ausgegangen sind. Julia Hubernagel findet es in der taz etwas nervig, wie im Vorfeld der Verleihung von einem neuen deutschen Literaturwunder die Rede war. Besprochen werden unter anderem KarlOveKnausgårds "Arendal" (online nachgereicht aus der WamS), AndréBreinbauers Comic "Blutsauger" (taz), die Münchner Ausstellung des Archivs der Buchhändlerin RachelSalamander (SZ, mehr dazu hier), KjellWestös "Dämmerung" (NZZ), SherwoodAndersons "Winesburg, Ohio" (NZZ), ThomasHettches' "Liebe" (FAZ) und GarthGreenwells "Kleiner Regen" (Zeit).
Olga Tokarczuk wird im Herbst ihren letzten großen Roman veröffentlichen und sich künftig auf Kurzgeschichten verlegen, auch weil die Arbeit am Computer sie erschöpfe, fast niemand mehr lange Romane lese und der wirtschaftliche Ertrag in keinem Verhältnis zum Aufwand stehe. Die polnische Website My Company (die man sich zum Beispiel via Google zumindest brauchbar übersetzen lassen kann) berichtet von einer Podiumsdiskussion, bei der sie auch ein bemerkenswertes Detail fallen ließ: Die polnische Literaturnobelpreisträgerin sieht in KI ein vielversprechendes Tool für die Literatur und nutzt diese bereits. "Ich bin immer wieder tief beeindruckt, wie fantastisch sie meinen Horizont erweitert und mein kreatives Denken vertieft. Andererseits muss man damit sehr vorsichtig sein. Diese Gespräche sind fesselnd, und man kann den ursprünglichen Zweck des KI-Einsatzes aus den Augen verlieren, um beispielsweise außergewöhnliche Theorien zu erforschen oder gar zu entdecken."
"Oppositionell und dekolonialistisch gesinnte Schriftsteller aus Russland, die meisten von ihnen im Exil lebend, haben die Rechtsschutzorganisation 'PEN Sprachen Russlands' (PEN Languages of Russia) gegründet, um die nichtrussischen Sprachen und Literaturen Russlands stärker sichtbar zu machen", meldet Kerstin Holm in der FAZ: "Alle Mitglieder der Organisation betonen, dass die Dominanz der russischen Sprache in ihren jeweiligen Ländern der imperialenGeschichte geschuldet und durch Unterdrückung anderer Kulturen erkauft sei."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Der InternationalBookerPrize geht in diesem Jahr an YangShuang-zi für ihren Roman "Taiwan Travelogue" (Details in der dpa-Meldung). Vorab-Laudatios auf die beiden dafür ebenfalls nominierten deutschsprachigen Romane von DanielKehlmann und ShidaBazyar (mehr dazu) haben Adam Soboczynski und Volker Weidermann für Zeit Online dennoch verfasst. Auf der Re:Publica wurde unter anderem auch über Stand und Krise der Literaturkritik diskutiert, berichtet Berit Glanz auf 54books.
Besprochen werden unter anderem AntjeDamms Kinderbuch "Agathe" (FR), FelicitasHoppes Essay "Reisen" (NZZ) und SandroVeronesis "Schwarzer September" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Heute Abend wird der International Booker Prize bekannt gegeben. Egal, wer gewinnt, "aus deutscher Sicht markiert das Ereignis schon jetzt einen bemerkenswerten Wendepunkt", hält Felix Stephan in der SZ fest. Denn mit DanielKehlmanns"Lichtspiel" und ShidaBazyars"Nachts ist es still in Teheran" sind gleich zwei deutsche Romane nominiert, nachdem auch schon Jenny Erpenbeck vor zwei Jahren mit "Kairos" mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Auch abseits davon entdeckt der angloamerikanische Sprachraum nach einer langen Phase des Desinteresses die deutsche Gegenwartsliteratur wieder für sich. Diese "Entwicklung hat sehr unmittelbar mit der politischen Gegenwart zu tun, in der sich die deutsche Geschichte zwar noch nicht als Tragödie wiederholt, gewiss aber als Farce. Der amerikanische Germanist Stephen Brockmann (...) beobachtet, dass es in diesen Büchern auffällig oft um radikale Systemwechsel geht und die persönlichen und familiären Umbrüche, die mit dem Umstand einhergehen, dass auf einmal nichts mehr ist wie zuvor. In diesem Erfahrungsraum kennen sich die Deutschen geschichtsbedingt bestens aus. Sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien und den USA liegt die letzte Revolution um die zwei Jahrhunderte zurück. Das Gefühl, dass auf einmal nicht mehr stabil sei, was man immer für stabil gehalten hat, werde in der deutschen Literatur offenbar besser zum Ausdruck gebracht, so Brockmann."
Besprochen werden unter anderem die Münchner Ausstellung "Literatur & Haltung" mit Archivalia aus dem Bestand der Münchner Buchhändlerin RachelSalamander, die in den Achtzigern die erste Buchhandlung für Literatur zum Judentum in Deutschland nach 1945 gründete und dort zahlreiche Veranstaltungen durchführte (SZ), HeikeGeißlers "Michaela Kohlhaas" (FR), Petra Morsbachs "Orion" (NZZ) und JosefWinklers "Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Was ist Freiheit? "Sich auf eine Bank setzen und die Vögel singen hören", sagt Renata, kündigt und lebt fortan, wie es ihr gefällt, ihre ganze Habe in vier Pappkartons untergebracht. Ein wenig erinnert sie in ihrer vor den Kopf stoßenden Kompromisslosigkeit an die Vagabundin, die Sandrine Bonnaire knapp 20 Jahre später in Agnes Vardas Film "Vogelfrei" spielen sollte. Erfunden hat Renata 1967 die französische Autorin Catherine Guérard, die Angela Schader in ihrer Perlentaucher-Reihe "Vorwort" vorstellt: "Kippmomente finden sich häufig, und nicht immer sind sie so schnell und mühelos zu bewältigen. So hat diese Königin etwa ihren ganz eigenen Rosenkrieg auszufechten - mit einer Baccara, die Renata sich selbst geschenkt hat, um den Aufbruch in die Freiheit zu feiern. Sie hängt an der Blume, ihrer Schönheit und ihres Symbolwerts wegen, und gerade das lässt die Rose zur Last werden. Wie sie am Leben erhalten beim steten Unterwegssein, wie sie langfristig bewahren, als sie zu welken beginnt? Eine kleine Friktion genügt, und schon kommt das Gefühl hoch, 'dass nicht ich das Kommando habe in meinem Leben, sondern eine Blume, und da hat mich ein gewaltiger Zorn gepackt, dass meine Freiheit so verpfuscht wird'."
Außerdem: Nikolai Ott berichtet in der FAZ von der Buchmesse in Thessaloniki. Der österreichische SchriftstellerKurtPalmbetreibt im Standard Ahnenforschung und denkt über die Zufälligkeit heutiger nationaler Zugehörigkeit im Rückblick auf historische Bevölkerungsbewegungen nach.
Besprochen werden unter anderem LukasRietzschels "Sanditz" (Standard, NZZ), FelicitasProkopetz' "Schon schwankte die Welt" (Standard), eine Luxusausgabe von HalFosters "Tarzan"-Comicstrips (Welt) und neue Hörbücher, darunter AnnaThalbachs Lesung von JamesKrüss' "Das gereimte Jahr" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der LiteraturwissenschaftlerSteffen Martus wehrt sich in der FAZ gegen MaximBillers Vorwürfe, dass in seinem Buch "Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute"kaum jüdische Autoren vorkämen. Biller habe nicht nur das gemeinsame Gespräch falsch dargestellt, sondern auch Martus' Buch weder gelesen, noch das Konzept begriffen: Sein Buch perspektiviere die Geschichte der letzten 35 Jahre im Spiegel literarischer Debatten und mit Blick auf den "Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit". Entsprechend sei es ein "Buch, das Werke nicht wegen ihrer literarischen Qualität erwähnt, sondern dann, wenn sie strukturelle Veränderungen erhellen. ... Aufmerksamkeitskonkurrenzen spielen dabei eine zentrale Rolle. Wann etwa nimmt der Literaturbetrieb Herkunft wichtig, wann nicht und welche Folgen hat das für den literarischen Status von Autoren und Texten? ... Auf dieser Grundlage müsste man auch über 'jüdischeGegenwartsliteratur' nachdenken, statt einfach nur von einem wie selbstverständlich gegebenen Thema auszugehen. ... Welche Schriftsteller teilen Themen, Stilformen, Fragen, Erkenntnisse, Erzählweisen, Bedrohungen oder Zumutungen? Und würden dabei 'dieJuden' der deutschen Gegenwartsliteratur eine Gruppe bilden?"
Außerdem: Annabelle Hirsch spricht für die FAS mit der SchriftstellerinKarineTuil über deren neuen Roman "Die Liebeshungrigen". Im "Literarischen Leben" der FAZ erzählt Philipp Theisohn von seinem Besuch beim Verleger AxelMatthes, der am Montag seinen 90. Geburtstag feiert. ShenHaobo denkt in seiner Serie für "Bilder und Zeiten" der FAZ weiter über Dichten in China nach. Auch in "Bilder und Zeiten" erzählt der Literaturwissenschaftler Jan-Christoph Hauschild davon, wie HeinrichSpoerl im August 1931 am Ufer des Starnberger Sees die "Feuerzangenbowle" schrieb. Der bislang romanlose Schriftsteller AlexanderEstis gibt in der SZ 58 Tipps, wie es mit dem Traum vom eigenen Buch "garantiert nicht klappt". Jens Ulrich Eckhard porträtiert in der WamS den "schreibenden Förster" PeterWohlleben.
Besprochen werden unter anderem Maria-SibyllaLotters "Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild" und AliceHasters' "Anti Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten" (taz), KiranDesias "Die Einsamkeit von Sonia und Sunny" (Presse, SZ), JohannReißers "Pulver" (taz), Karl Ove Knausgårds "Arendal" (WamS), VolkerWeiß' "Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart" (FAS) und KathrinFischers "Achtsam geht die Welt zugrunde" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Urs Heftrich über AbbasKiarostamis "Die Schlange":
Ärgerlich findet es Gerrit Bartels im Tagesspiegel mit Blick auf die Aufregung um dessen Kritik an Steffen Martus (mehr dazu hier), dass Maxim Biller fast immer nur als Provokateur wahrgenommen wird und trotz seiner "großartigen Literatur" bislang "nicht einen wichtigen Literaturpreis zugesprochen bekommen hat". Besprochen werden unter anderem SebastianHaffners "Der Teufelspakt" (FR), KaeTempests "Ein Leben lang gesucht" (FR), LukasBärfuss' "Königin der Nacht" (NZZ) und neue Buchveröffentlichungen zum hundertsten Geburtstag von IngeborgBachmann (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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