Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2024 - Literatur

Leonie C. Wagner blickt für die NZZ auf die überarbeitete Fassung von Michael Endes "Jim Knopf"-Büchern und erinnert daran, dass der Autor selbst einige Jahre nach der Erstveröffentlichung in seinem Text aus dem klischiert exotisierten China das Fantasieland Mandala gemacht hat. Mladen Gladic tauscht sich in der Welt mit dem Medienwissenschaftler Heiko Christians über Ernst Jünger aus, über den Christians vor kurzem ein Buch veröffentlicht hat. Lennart Laberenz porträtiert für die FAZ die finnische Autorin Terhi Kokkonen.

Besprochen werden unter anderem Jon Fosses "Ein neuer Name. Heptalogie VI-VII" (NZZ), Barbara Kingsolvers "Demon Copperhead" (FR), Franz Doblers "Ein Sohn von zwei Müttern" (FR), Yosano Akikos Lyrikband "Wirres Haar" (FAZ) und Nicole Hennebergs Biografie über die Schriftstellerin Gabriele Tergit (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2024 - Literatur

Bei der Neufassung von Michael Endes "Jim Knopf"-Romanen wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, findet Andreas Platthaus in der FAZ: Heute als rassistisch erkannte Begriffe zu ersetzen, sei "bequem, auch wenn dabei Endes eigene Kritik an deren Gebrauch gleich mit getilgt wurde (so spricht nur der negativ charakterisierte 'Untertan' Herr Ärmel den kleinen Jim direkt als 'Neger' an)." Dass die Illustrationen überarbeitet werden, findet Platthaus zwar nachvollziehbar, denn die Kleinen "schenken solchen Darstellungen Glauben. Dass indes im Text harmlose Unterschiede wegredigiert werden (Chinesen dürfen zum Beispiel keine Mandelaugen mehr haben; 'Schlitzaugen' hatten sie bei Ende eh nie), das vermindert die Toleranzbotschaft von 'Jim Knopf'. Michael Endes Text wie Jims Mund pauschal auf Linie zu bringen ist Abwehrzauber, keine Aufklärung."

Außerdem: In der Jungle World verteidigt Magnus Klaue die Schriftstellerin Esther Kinsky vor der Zuordnung zum Nature Writing. Die Lyrikerin Katharina Tiwald denkt in einem Standard-Essay über das Russland ihrer Studienzeit nach, das es so nicht mehr gibt. Marc Reichwein ärgert sich in der Welt darüber, dass das Gymnasium in Pullach sich dazu entschieden hat, Otfried Preußler aus seinem Namen zu streichen.

Besprochen werden unter anderem Sofi Oksanens "Putins Krieg gegen die Frauen" (Standard), Comics über den Krieg in der Ukraine von Igort und Nora Krug (Standard), Gerbrand Bakkers "Der Sohn des Friseurs" (NZZ), Roberto Savianos Buch über den Mafiajäger Giovanni Falcone (vom TA online nachgereicht für die SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter die deutsche Erstausgabe nach 60 Jahren von Tomi Ungerers "Herr Groß und Herr Klein" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Tobias Bulang über Michael Buselmeiers "Wie in Banden":

"In alten Zeiten schlief ein dunkles Lied
in meinem Hirn vor meiner Stirn ein Wald ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2024 - Literatur

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Stefano Vastano spricht für die taz mit Viktor Jerofejew über Putin, Russland, den Krieg und Jerofejews neuen Roman "Der große Gopnik", in dem der Exil-Russe seinen Präsidenten mächtig aufs Korn nimmt. Gopnik bedeutet auf Russisch "kleiner Ganove", erfahren wir. Es ist "ein Roman über die menschliche Unvollkommenheit. Putins wahnwitzige Idee ist, dass Russland durch die Bestrafung des ukrainischen 'Verräters' vollkommener wird. Unsere Unvollkommenheit hingegen besteht darin, dass wir uns trotz aller digitalen Technologien weniger gut kennen als im alten Griechenland. Kurz gesagt, wir leben nicht nur in einem Zeitalter der Kriege, Diktaturen und Covids, sondern werden auch von einer tödlichen Epidemie der Dummheit heimgesucht. Und was ist Putins Diktatur anderes als der Triumph der Dummheit und der radikalen menschlichen Unvollkommenheit?"

In der digitalen "Bilder und Zeiten"-Beilage der FAZ empfiehlt der Schriftsteller Artur Becker den deutschen Übersetzern die Lyrik des hierzulande kaum bekannten Polen Krzysztof Siwczyk. Dessen Gedichte und Essays erzählen insbesondere in jüngsten Jahren mit "realitätsbesessener Präzision schmerzvoll und eindringlich von unserem endlichen Dasein, dessen Freuden, Niederlagen und Lieben. ... Allerdings gibt es in dieser beunruhigenden Lyrik etwas, das deutlich zur Sprache kommt: die totale Entblößung des Individuums, der Verlust der Singularität, der Verlust des individuellen Charakters, des egomanischen Ichs. Stattdessen werden lauter Personen ohne Eigenschaften, lauter 'Niemande' beschrieben, deren Austauschbarkeit zur Norm geworden ist."

Außerdem: Thomas Combrink erinnert im "Literarischen Leben" der FAZ an das Buch "Reise in Polen", für das sich Alfred Döblin vor 100 Jahren auf die Spuren des jüdischen Lebens in Osteuropa begeben hatte. Ines Maria Eckermann streift für den Tagesspiegel durch die belgische Comicszene. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Abschiedsvorlesung der Romanistin Patricia Oster-Stierle über den Roman "L'homme que j'ai tué", mit dem Maurice Rostand 1921 für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich plädierte. Edo Reents (FAZ), Gustav Seibt (SZ) und Michael Hesse (FR) schreiben Nachrufe auf den Thomas-Mann-Forscher Hermann Kurzke. Gina Thomas schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Verleger Nicholas Jacobs. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Schriftsteller Leon de Winter zum 70. Geburtstag. Dlf Kultur durchstreift in einer "Langen Nacht" die Literatur der Niederlande.

Besprochen werden unter anderem Yevgenia Belorusets' "Über das moderne Leben der Tiere" (Standard), Montserrat Roigs "Die Frauen vom Café Núria" (taz), Danya Kukafkas "Notizen zu einer Hinrichtung" (FR), Ken Mertens "Ich glaube jetzt, dass das die Lösung ist" (Freitag), Ilona Hartmanns "Klarkommen" (taz), der von Charles Linsmayer herausgegebene Band "19/21 Synchron Global. Ein weltliterarisches Lesebuch von 1870 bis 2020" (NZZ), Joy Williams' "In der Gnade" (SZ) und Egon Bondys "In Straßenbahnen" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2024 - Literatur

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, neues (links) und altes Cover


In den Feuilletons wird eine neue Fassung von Michael Endes Jim-Knopf-Büchern diskutiert, die sprachlich an die Normen der Gegenwart angepasst wurde. Das betrifft, wie Matthias Heine in der Welt darlegt, keineswegs nur das N-Wort. Vielmehr wird das gesamte Buch historisch entkernt: "Noch mehr zur Ent-Historisierung eines Buches, das 1960 kaum verhüllt den gerade 15 Jahre zurückliegenden Nationalsozialismus und seine Rassenlehre spiegelte, trägt die Streichung des Begriffs 'reinrassig' in Bezug auf den Halbdrachen Nepomuk bei. Künftig soll das Wort zwar nicht vollständig verschwinden, aber doch seltener im Buch auftauchen, meist nur noch in wörtlicher Rede der Figuren. Dabei hat Ende hier sehr gezielt einen Begriff gebraucht, der in der NS-Rassenhierarchie über Tod und Leben entscheiden konnte. Der Halbdrache wird von den rassestolzen Ganzdrachen ausgeschlossen, weil seine Mutter ein Nilpferd war - so wie 'Mischlinge' im Nazi-Reich als minderwertig abgestempelt wurden." In der SZ berichtet Kathleen Hildebrand. Auf Zeit Online unterhält sich Katrin Hörnlein mit der verantwortlichen Verlegerin Bärbel Dorweiler.

Außerdem: Christian Thomas begibt sich in der FR auf eine Lesereise durch das ukranische Lwiw, ehemals Lemberg. Das Pullacher Otfried-Preußler-Gymnasium möchte sich umbenennen, berichtet Tilman Spreckelsen in der FAZ. Oliver Jungen gratuliert in der FAZ dem Züricher Mystikforscher Alois M. Haas zum 90. Geburtstag. Dito Pirmin Meier in der NZZ. Der Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2024 geht an Wolfgang Matz, meldet die FAZ. Dua Lipa ist nicht nur ein Popsuperstar, sondern auch eine ernsthafte Literaturkritikerin, freut sich Paul Jandl mit Blick auf Instagramkanal der Sängerin, der sich zu einem waschechten Buchclub entwickelt hat.

Besprochen werden unter anderem "Du bist mir Kunst" - Der Briefwechsel Alma Mahler - Walter Gropius 1910 bis 1914 (FAZ), Vittorio Magnago Lampugnanis "Gegen Wegwerfarchitektur" (FAZ) und Brubaker Bradleys "Gras unter meinen Füßen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2024 - Literatur

Curt Bloch, Het Onderwater Cabaret, Heftcover vom 16.09.1944; Jüdisches Museum Berlin, Sammlung Curt Bloch, Leihgabe der Charities Aid Foundation America

Das Jüdische Museum Berlin widmet dem "Het Onderwater-Cabaret", einer Sammlung von Heften, die der im zweiten Weltkrieg in Enschede untergetauchte deutsch-jüdische Autor und Dichter Curt Bloch im Untergrund verfasste, eine Ausstellung. Für FAZ-Autor Andreas Kilb liegt die "eigentliche Überraschung dieser seltsam beglückenden Ausstellung (...) in der glühenden Zuversicht, mit der Bloch an der Vorstellung festhält, seine Gedichte könnten irgendwann, wenn der tödliche Spuk vorbei ist, seine ehemaligen Landsleute erreichen und zur Vernunft bringen. Er will, schreibt er im Dezember 1944, 'erschaun, wie aus Ruinen / Ein neues Leben blüht, / Wie sie die Blutschuld sühnen' - und seine Verse sollen dabei 'eine erzieherische Rolle spielen', wie er Karola Wolf mitteilt, und 'bei dem geistigen Aufbau eines neuen Deutschland' mithelfen."

2000 Jahre alte Schriften werden derzeit wieder lesbar gemacht. Beim Ausbruch des Vesuvs wurden Papyrusrollen in einer Villa in Herculaneum konserviert, allerdings, wie Thomas Ribi in der NZZ erläutert, "zu Klumpen verbacken". Lange schien es unmöglich, den Inhalt des Fundes zu eruieren. Das ändert sich jetzt: "Vor wenigen Jahren gelang es, mit Röntgenstrahlen einzelne Textpassagen sichtbar zu machen, ohne die Rollen zu öffnen. Und in den vergangenen Monaten haben Forscher in den USA, in Deutschland und der Schweiz größere Teile einer Buchrolle lesbar gemacht. Mit einer Bilderkennungs-KI, die darauf trainiert wurde, auf dem verkohlten Grund kaum sichtbare Schriftzeichen auszumachen. Ein paar tausend Buchstaben sind es bis jetzt, die man lesen kann. Rund 5 Prozent des gesamten Umfangs, wie Wissenschafter schätzen. Ende dieses Jahres sollen 90 Prozent der Rolle zu lesen sein."

Weitere Artikel: Sigrid Löffler widmet sich in der SZ Franz Kafkas "Sinn für die Fremdbestimmtheit menschlicher Existenz". Thilo Rückeis freut sich im Tagesspiegel darüber, dass derzeit echte Literatur, unter anderem von Haruko Murakami, die Bestsellerlisten dominiert.

Besprochen werden Wilhelm Bartschs "Hohe See und niemands Land" (FAZ), Guy Helmingers "Das Geräusch des Stilllebens" (FAZ), Hannah Oppolzers "Verpasst" (FAZ), Kurt Drawers "Alles neigt sich zum Unverständlichen hin" (FR), Roberto Savianos "Falcone" (Zeit), Gerhard Henschels "Schelmenroman" (NZZ) und Iris Wolffs "Lichtungen" (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2024 - Literatur

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Angela Schader stellt in ihrer Perlentaucher-Kolumne "Vorworte" den neuen Roman von Teju Cole vor, "Tremor": Cole "ist jedenfalls kein Autor, der sich im freien Kreieren von Figuren, im Entwickeln und Verflechten von Schicksalen, der Konstruktion von Handlungs- und Spannungsbögen ergeht, wie sie generell mit dem Handwerk des Romanciers assoziiert werden; und auffallend ist auch die Art, wie er sich in seinen bisher drei Romanen an die Hauptfiguren herantastet. Da sind etwa die biografischen Marker, die sie miteinander und auch mit ihrem Schöpfer gemein haben: Wie Cole sind der namenlose Protagonist des 2007 erschienenen Erstlings 'Every Day Is for the Thief' (dt. 'Jeder Tag gehört dem Dieb'), der Ich-Erzähler Julius in 'Open City' und nun auch Tunde, mit 17 Jahren aus ihrer Heimat Nigeria in die USA emigriert, wobei sich dahinter allerdings unterschiedliche Familiengeschichten abzeichnen. Julius und Tunde teilen mit dem Autor zudem das breite Interessenspektrum, die Leidenschaft für Klassik, Jazz oder afrikanische Musik - und vor allem die teils fruchtbaren, teils schmerzhaften Reibungen, die ein Leben 'im Zentrum des weißen Wissens' mit sich bringt. Und Tunde unterrichtet, wie Cole selbst, an der Harvard University."

Judith von Sternburg liest in der FR "Bloodbath Nation", ein schmales Buch, in dem sich Paul Auster, äußerst kritisch, mit der Waffenkultur der USA beschäftigt. Das Thema ist für den Autor auch biographisch grundiert: "Er war selbst ein guter Schütze. Als Amerikaner kam er im Sommercamp und bei Freunden in die Situation zu schießen, er geht davon aus, dass er als begeisterter Baseballer im Vorteil war. Über sein erstes und einziges Erlebnis mit Tontauben schreibt er: 'Den ganzen Nachmittag habe ich kein einziges Mal danebengeschossen.' Warum hat er es gelassen? Er wundert sich selbst. In seiner Familie, schreibt er, habe es keine Waffen gegeben und kein Interesse daran. Erst als Erwachsener erfährt er, dass seine Großmutter väterlicherseits ihren Mann erschossen hat, dass sein Vater das als Kind miterlebt hat, dass eine Waffe sein Leben eigentlich ruiniert hat."

Besprochen werden unter anderem Konrad Rufus Müllers Fotoband "Konrad & Konrad" (FAZ), Irene Langemanns "Das Gedächtnis der Töchter" (FAZ), Ludwig Hohls "Die seltsame Wendung" (Zeit), Jonathan Lethems "Der Stillstand" (SZ) und Alia Trabucco Zeráns "Mein Name ist Estella (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2024 - Literatur

Judith Liere macht sich für die Zeit zu einer Lesung einer Erfolgsschriftstellerin auf, die niemand unter 30 kennt: Sarah Sprinz ist selbst erst 27 und schreibt im neuen Erfolgssegment "New Adult". Liebesromane sind das, und zumeist sind sie eher überraschungsfrei: "Ständig blitzen grüne oder graublaue Augen, ziehen sich Mägen vor Aufregung zusammen, fallen Haarsträhnen sexy in Gesichter, ist jemand 'verflucht attraktiv'. Wenn auf Seite 382 etwas Schlimmes passiert, hört man es spätestens seit Seite 104 deutlich trapsen. Und nicht immer hilft der Anspruch, bloß nichts zu schreiben, was irgendwen verletzen könnte, der Lesbarkeit. In Sexszenen kann es noch so wild und hart anfangen, zwischendrin fragen sich die Protagonisten garantiert noch mal: 'Bist du sicher?' - 'Ja. Und du?' - 'Ich bin auch sicher', bevor es richtig zur Sache geht." Andererseits: "Klischees und Floskeln stehen auch in vielen Krimis oder in Fantasyliteratur. Auch diese Genres gewinnen selten Literaturpreise. Aber sie gelten eher als Guilty Pleasure oder als ein wenig nerdig. Sie trifft deutlich weniger Häme, als Liebesromane für junge Frauen abbekommen."

Maria Lazar
Mehr als 70 Jahre nach ihrem Tod erlebt das Werk der jüdisch-österreichischen Schriftstellerin Maria Lazar eine Renaissance. Es ist, wie Thomas Mießgang in der Zeit schreibt, vor allem der DVB-Verlag, der sich um diese Wiederentdeckung verdient macht und teilweise Texte herausbringt, von deren Existenz bis vor kurzem niemand wusste. "Erst aus heutiger Perspektive kann man ermessen, was der literarischen Welt durch das Ausblenden der literarischen Schöpfungen von Maria Lazar jahrzehntelang entgangen ist: eine Sprachkunst, die in späteren Jahren immer politischer argumentierte und zwischen expressionistischem Furor und Bewusstseinsstrom, zwischen filmischer Schnitttechnik und epigrammatischer Verdichtung oszilliert. Maria Lazar war eine große Zeitdiagnostikerin, die den unaufhaltsamen Aufstieg des faschistischen Unheils in Romanen wie Leben verboten! mit einem gewissen Hang zur gehobenen Kolportage überaus suggestiv beschrieb."

Weitere Artikel: Welt-Redakteur Adriano Sack ist jetzt auch Romanautor. Sein Arbeitgeber druckt eine gekürzte Fassung des Beginns seines Debüts "Noto". Ebenfalls in der Welt hofft Hannah Bethke darum, dass auch in Zeiten der Klimakrise noch Bücher aus ordentlichem Papier erscheinen. Ulrich Seidler besucht für die Berliner Zeitung die Ausstellung "Bertolt Brechts Paper War", die in der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu sehen ist.

Besprochen werden unter anderem Judith Koelemeijers "Mit ganzem Herzen" (FAZ), Andreas Viestads "Ein Abendessen in Rom" (FAZ), Rüdiger Safranskis "Kafka" (FAZ), Han Kangs "Griechischstunden" (FR), Omri Boehm und Daniel Kehlmanns "Der bestirnte Himmel über mir - Ein Gespräch über Kant" (SZ), Julia Josts "Wo der spitzeste Zahn der Karwanken in den Himmel hinauf fletscht" (SZ), Carlo Leone Spillers "In Wahrheit war es schön" (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2024 - Literatur

Erich Kästner - Bild: Dutch National Archives - Foto: Basch/Opdracht Anefo - Lizenz: CC0 1.0 DEED

Markus Steinmayr widmet sich in der FAS Erich Kästner, der vor 125 Jahren geboren wurde. Er beschreibt den Autor vor allem als einen Gegenwartsbeobachter - und weist darauf hin, inwiefern sich dessen Werk von der autofiktions- und diskursfreudigen Gegenwart abhebt: "Es besteht aber ein gewichtiger Unterschied zwischen dieser Art Gesellschaftsschilderung aus der Zeit um 1930 und der von heute. Und dieser Unterschied macht etwas  an der heutigen Gegenwartsliteratur sichtbar: Sie bleibt in ihren Zirkeln und Bubbles. Kästners Fabian dagegen wanderte durch ganz unterschiedliche Milieus des großstädtischen Berlin -  Journalismus, Akademie, Sport, Politik, die Bohème -,  die scheinbar nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben, aber dann eben doch Parallelen aufweisen, weil sich der Eindruck einer Verunsicherung durch die ganze Gesellschaft zieht." Mehr zu Kästner von Sven Hanuschek auf Zeit Online.

Ebenfalls in der FAS beschäftigt sich Tobias Rüther mit dem "Mann, der Emil zeichnete": Walter Trier war Kästner-Illustrator, aber noch viel mehr. Rüther lenkt die Aufmerksamkeit auf den Kreuzberger Verlag, der sich seit Jahren um Triers Werk verdient macht: "Antje M. Warthorsts 'Bilderwelt des Walter Trier' (2021) zeigt das Spektrum von politischer Karikatur bis Werbegrafik. Gerade erst erschien das herrlich gestaltete Bändchen 'V for Victory' mit Karikaturen und Flugblättern aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch in dieser Propaganda, die Trier für die britische Regierung zeichnete, erkennt man die Physiognomien der Menschen, die schon Kästners Kinderbuchillustrationen bevölkerten."

Besprochen werden unter anderem Frank Böschs "Deals mit Diktatoren" (SZ), Elisabeth Bronfens "Händler der Geheimnisse" (SZ), Nicole Seiferts "Einige Herren sagen etwas dazu" (NZZ), Thomas Manns "Tristan" als Hörbuch (FAZ) und das Hörgeschichtsbuch "Jahrhundertstimmen" (FAZ).

In der Frankfurter Anthologie (FAZ) widmet sich Detlev Schöttker einem Vergessenen der deutschen Literaturgeschichte: Alfons Paquet:

"In Wiesbaden bin ich geboren,
In London pfiff mir der Wind um die Ohren ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2024 - Literatur

Charles M. Schulz Museum and Research Center in Santa Rosa California © BrokenSphere Lizenz: GNU Free Documentation License

In der FAZ besucht Andreas Platthaus am Martin-Luther-King-Day das Charles M. Schultz Museum in Santa Rosa, California. Mit seinen Peanuts hat Schultz Comicgeschichte geschrieben - unter anderem im Jahr 1968, als er, unter Eindruck der Bürgerrechtsbewegung und auf Bitten einer Leserbriefschreiberin, mit dem Jungen Franklin die erste schwarze Figur in seiner Comicwelt etablierte. "Mit den kleinen Panels der 'Peanuts' konnten große Botschaften verkündet werden. Gerade auch emanzipative. Erst die Botschaft von der Emanzipation der Kinder durch die höhere Vernunft der 'Peanuts'-Akteure in ihrer erwachsenenfreien Welt und dann die der Emanzipation der Schwarzen durch eine selbstverständlich in der Schar dieser Höhervernünftigen mitagierenden Figur wie Franklin."

Markus Bauer porträtiert gleichfalls in der FAZ eine Fastvergessene der Literaturgeschichte: Martha Bibesco wird für gewöhnlich auf ihre Bekanntschaft mit Marcel Proust sowie auf ihr dem berühmten Kollegen gewidmetes Buch "Au bal avec Proust" reduziert. Tatsächlich jedoch gehörte Bibesco, führt Bauer aus, zu den herausragendenen literarischen Beobachterinnen der High Society ihrer Zeit. An herausragenden Arbeiten mangelt es nicht in ihrem Werk, aber vielleicht hat sie "ihren literarischen Gipfel mit dem elegant und intelligent geschriebenen Roman 'Catherine-Paris' (1927) erreicht, der die Stadt Paris in immer wieder sich kaleidoskopisch verändernden Prismen der Vorkriegsatmosphäre und der Welt der europäischen Aristokratie feiert. Paris als Frau, als Bücherstadt, als Republik, als Inbegriff der Eleganz, als Hauptstadt Europas."

Außerdem: Der israelische Schriftsteller Moshe Sakal unternimmt in der FAZ auf drei Doppelseiten acht Spaziergänge. Detlev Schöttker porträtiert in der FAZ den deutschen Schriftsteller Alfons Paquet, dessen Werk sich zwischen Journalismus und Dichtkunst orientiert. Dmitrij Kapitelman sucht in der SZ den kleinsten gemeinsamen Nenner von Franz Kafka und dem Wu-Tang Clan. Besprochen werden unter anderem Franz Doblers "Ein Sohn von zwei Müttern" (taz), Ian Penmans "Fassbinder" (taz), Slata Roschals "Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten" (taz), Wolfgang Schieders "Ein faschistischer Diktator" (FR), Roberto Savianos "Falcone" (SZ), Mirna Funks "Von Juden lernen" (SZ), "Radio 'Krieg'" von Daryna Gladun (FAZ) und Peter Heathers "Christendom" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2024 - Literatur

Richard Ford © Rodrigo Fernández, Lizenz: CC BY-SA 4.0 DEED


Die Feuilletons gratulieren Richard Ford zum 80. Verena Lueken würdigt in der FAZ das Werk des amerikanischen Autors in seiner ganzen Breite, kommt aber natürlich auch auf Fords berühmteste Kreation zu sprechen: Frank Bascombe, dessen Lebensweg sich fünf Romane widmen. Bascombe ist "eine einzigartige Figur, ironiebegabt und philosophisch gestählt, eine Kunstfigur ohne Vorbild oder Bezug zu einer realexistierenden Person, weder Alter Ego des Autors, erst recht nicht beispielhaft für eine Generation. Und doch ein Mann seiner Zeit. Ein Mann des 20. Jahrhunderts, der ins 21. mitgenommen hat, was sich lohnte (Bücher, ein kühler Blick auf die Besonderheiten kapitalistischer Ordnungssysteme und immer ein Haus), und einiges zurückließ, an das er sich erinnert, ohne ihm nachzutrauern (aufregendere Arbeit, mehr Erfolg bei Frauen)." In der SZ porträtiert Nils Minkmar einen, der weiß, dass "Identitäten stets mobil sind und die Literatur ein offenes Medium bleiben sollte".

Ein Comeback der Monogamie macht Welt-Autorin Marie-Luise Goldmann in der Gegenwartsliteratur aus. Einschlägige Neuerscheinungen unter anderem von Han Kang und Maggie Müller lassen Goldmann allerdings eher skeptisch zurück: "Was ist es also, woran die Liebenden im 21. Jahrhundert scheitern? Was hält sie davon ab, ihr Happy-Ever-After auf Dauer zu stellen? Eine feindliche Konvention wie in 'Romeo und Julia' scheint weit und breit nicht in Sicht, auch keine unüberbrückbaren Klassendifferenzen oder eine tragische Katastrophe wie in 'Titanic'. Vielleicht ist die Frage ja wirklich falsch gestellt. Vielleicht müssten wir umgekehrt fragen, was überhaupt dafür spricht, sich auf eine Zweierkonstellation einzulassen. Wahrscheinlich ist es dieser Grundzweifel, dieser Verdacht auf Absurdität, der die zeitgenössischen Texte eint. Ebenso wie die Unmöglichkeit, sich dem Absurden vollständig zu entziehen."

In der Welt erinnert Lothar Struck an einen Autounfall Peter Handkes. Im Standard unterhält sich Karl Fluch mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Palfrader. Wolf Wondratschek begibt sich in der SZ auf die Spuren Franz Kafkas.

Besprochen werden unter anderem Mustafa Suleyman und Michael Bhaskars Sachbuch "The Coming Wave" (FAZ), Ilona Hartmanns "Klarkommen" (Welt), Michela Murgias "Drei Schalen" (FR) und der von Tania Martini und Klaus Bittermann herausgegebene Essayband "Nach dem 7. Oktober" (FR).