Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2020 - Literatur

"Die Geheimfavoritin hat gewonnen", jubelt Christoph Schröder im Tagesspiegel: Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an die Lyrikerin Elke Erb - und zwar unter allfälligem "stürmischem Nicken" des Literaturbetriebs, schreibt der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt im Freitag.

"Es öffnet sich derzeit etwas im Literaturbetrieb", kommentiert Dirk Knipphals in der taz die Entscheidung: erst der Leipziger Buchpreis für Lutz Seiler, die Eröffnungsrede von Sharon Dodua Otoo beim Bachmann-Wettbewerb, daselbst die Wiederentdeckung von Helga Schubert und jetzt diese Ehrung für Erb. Es zeige sich die "inzwischen offenbar vorhandene Sensibilität dafür, dass viele unterschiedliche Schreibweisen nötig sind, um eine interessante Literatur zu haben. Die Zeiten, in denen man literarischen Eigensinn und Massentauglichkeit, experimentelle Schreibweise und Themenvermittlung gegeneinander ausspielen kann, sind vorbei." Auch FAZler Jan Wiele ist dieser "interessante Dreiklang" im Hinblick auf ostdeutsche Literatur aufgefallen: Wohl nicht zufällig werde hier "auch symbolisch gezeigt, dass Schriftsteller mit ostdeutscher Biografie zum Mainstream einer gesamtdeutschen Literatur gehören."

Ins "Labyrinth ihrer Texte" begibt sich NZZ-Kritiker Paul Jandl nur zu gern: Erb schreibe an "gegen die Rationalität des Offenkundigen und gegen das, was auf sehr deutsche Weise für die Kardinaltugend der Lyrik gehalten wird: die Form. Erbs Gedichte erfüllen keine Normen der Form, sondern sie flirren und flackern. Es macht ihnen nichts, aus Dampf geboren zu sein. Wenn es sein muss, dann ist ihr Verdienst das Verdunsten." Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung habe sich mit dieser Auszeichnung für eine 82-jährige Lyrikerin "mutig verjüngt", meint Tobias Lehmkuhl in der SZ und löst das nur scheinbare Paradox rasch auf: Zu Erbs glühendsten Verehrerinnen zähle vor allem die junge Generation. Kein Wunder, denn ihre Gedichte "zeigen, welche Abzweigungen es gibt, welche Verästlungen entstehen können, wie sich Mensch und Welt zuweilen kubistisch ineinanderschieben. ... So abstrakt und konkret, so simpel und komplex zugleich hat in den letzten sechzig Jahren kein anderer Dichter geschrieben." Anschauungsmaterial gefällig? Der Merkur hat einige von Erbs Gedichten frei zugänglich gemacht.

Aber Moment mal - verjüngt? Bei der Schriftstellerin Nora Bossong - Teil der jüngeren Generation und sehr, sehr glücklich über diese Entscheidung, die sich sich vorab gewünscht hat - klingt es in der taz etwas anders: Diese Würdigung ist eine hervorragende Reaktion "auf einen Literaturbetrieb, der in den letzten Jahren allzu oft aus Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust dem ganz Jungen und möglichst Leichtgängigen panisch hinterhergehetzt ist, ohne zu merken, dass damit dem Bedeutungsverlust eher Vorschub geleistet wurde. Mit ihr wird auch die Lyrik selbst ausgezeichnet, eine bestimmte Art des sprachlichen Denkens, die immer auch ein Versuch der Welterkenntnis ist." Sehr gerne und wie stets in so einem Zusammenhang weisen wir darauf hin, dass der Perlentaucher seit geraumer Zeit eine mittlerweile reich gefüllte Lyrikkolumne von Marie Luise Knott führt.

Weitere Artikel: In der Belegschaft des Literaturarchivs in Marbach herrscht unter der noch relativ neuen Chefin Sandra Richter offenbar mächtig schlechte Stimmung, berichtet Rüdiger Soldt in der FAZ unter Berufung auf die Südwest-Presse. Christina Pausackl porträtiert für die Zeit die Schriftstellerin Monika Helfer, die lange auf ihren ersten Bestseller warten musste.

Besprochen werden unter anderem Natascha Gangls "Das Spiel von der Einverleibung. Frei nach Unica Zürn" (Standard), James Noëls "Was für ein Wunder" (taz), Uli Oesterles autobiografisch inspirierter Comic "Vatermilch" (Tagesspiegel), Richard Russos "Jenseits der Erwartungen" (SZ) und die Werkausgabe "Victor Otto Stomps als Schriftsteller" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2020 - Literatur

Susanna Petrin hat sich für die NZZ mit dem ägyptischen Comicautor Magdy El-Shafee getroffen, der gerade an einem Comic über den Urabi-Aufstand im Jahr 1880 arbeitet. In der Jungle World erinnert Christian Bomm an die Schriftstellerin Helen Keller, die vor 140 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Charlotte Woods "Ein Wochenende" (Dlf Kultur), neue Westerncomics (taz), Marie-Hélène Lafons "Die Annonce" (Dlf Kultur), der von Peter Engel und Günther Emig herausgegebene Band "Die untergründigen Jahre. Die kollektive Autobiographie 'alternativer' Autoren aus den 1970er Jahren und danach" (SZ) und Hari Kunzrus "Götter ohne Menschen" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2020 - Literatur

Nava Ebrahimis "Das Paradies meines Nachbarn" wurde sehr wohlwollend aufgenommen. Trotzdem zeigt sich darin ein Problem, wenn weiße Kritiker Werke besprechen, die ihren Stoff aus einem Schwarzen oder migrantischen Erfahrungsschatz schöpfen, meint Maryam Aras, Iran-Forscherin an der Uni Bonn, auf 54books: "Wenn ein etablierter weißer Kritiker schreibt, diese Literatur sei explizit keine 'Migrantenliteratur', sondern 'Weltliteratur', dann steckt darin neben einer großen Wertschätzung auch die implizite Zuordnung, an wen sich seiner Meinung nach diese Literatur richte." Ebrahimis Romane "gehören ganz besonders jenen Leser*innen, deren Lebenswelt sie wiedergeben, und die in der Lage sind, die Poetik der Autorin in all ihren Zwischentönen zu lesen. Genau das vermag weiße Literaturkritik kaum. Bei allem guten Willen wird postmigrantische Literatur von weißer Kritik in aller Regel nur auf explizit geschilderte Rassismus- oder Othering-Erfahrungen hin besprochen. Eine Rezeption von feinsinniger Binnensicht-Metaphorik, die gerade in Ebrahimis Romanen so auschlaggebend ist, findet selten statt. Wie auch?"

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline spricht Thorsten Nagelschmidt über seinen Berliner Nachtleben-Roman "Arbeit", für den er recherchiert hat, was genau ihn alles in den letzten Jahren an dieser Stadt so genervt hat. In der NZZ erzählt Roman Bucheli die Gründungsgeschichte des Suhrkamp-Verlags, jenem "Monument der Literatur und des Intellekts", das dieser Tage 70-jähriges Bestehen feiert. Im Standard verteidigt Katharina Tiwald Margaret Mitchells Roman "Vom Winde verweht" - gerade in neuer Übersetzung erschienen - vor allzu voreiliger Kritik: Für dessen Lektüre und Genuss "bräuchte man halt ein Mindestmaß an leserischer Intelligenz - statt einer haarsträubenden Verwechslung von Figurenrede mit Eins-zu-eins-Gehalt." Außerdem verkünden Dlf Kultur und die FAS die besten Krimis des Monats - neu ganz oben: Guillermo Martínez' "Der Fall Alice im Wunderland" und Hideo Yokoyamas "50".

Besprochen werden unter anderem Ann Petrys wiederentdeckter Harlem-Roman "Die Straße" von 1946 (Standard), Anna Kavans "Ice" (Jungle World), Richard Russos "Jenseits der Erwartungen" (Presse), Jhumpa Lahiris "Wo ich mich finde" (Berliner Zeitung), Victoria Mas' "Die Tanzenden" (Dlf Kultur), Jim Holts "Ausflüge an den Rand des Denkens" (SZ), neue amerikanische Romane, darunter Katya Apekinas "Je tiefer das Wasser" (Standard), und neue Krimis, darunter Zoe Becks Virenthriller "Paradise City" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ernest Wichner über Rolf Bosserts "Reise":

"Flüstere mir ins Aug
Deinen Blick auf die braune Seine.
..."
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Stichwörter: Literaturkritik, Rassismus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2020 - Literatur

In der SZ wünscht sich die ehemalige Verlegerin von Hoffmann und Campe, Birgit Schmitz, dass deutsche Verlage mehr Bücher nicht weißer Autoren verlegen und überhaupt mehr gegen Rassismus tun: "Für Verlage war in der Vergangenheit die Entscheidung eine schwarze britische Autorin zu verlegen, damit verbunden, die Absatzzahlen niedriger als im Vergleich zu einer weißen Autorin einzuschätzen, das bedeutete ein höheres finanzielles Risiko, was man wiederum zu mindern versucht, indem letztlich die schwarze Autorin einen niedrigeren Vorschuss erhält und weniger Aufwand an Pressearbeit und Werbung betrieben wird." Wirklich? Zadie Smith, Salman Rushdie, Naipaul, Monica Ali - alle finanzielle Flops in Deutschland? Schmitz, die Robin DiAngelos "White Fragility" (unser Resümee) herausbringt, weicht in ihrem Text auch der Frage aus, warum ausgerechnet weiße AutorInnen wie DiAngelo mit dem Thema Rassismus Kasse machen.

Janika Gelinek vom Literaturhaus Berlin zieht nach den letzten Coronamonaten Bilanz: Die Wochen in Digitalien waren durchaus erfolgreich, berichtet sie in der Literarischen Welt. "Wir hatten Publikum, unsichtbar zwar, aber messbar anwesend: in den Klickzahlen unter der Youtube-Premiere, im Facebook-Stream, manchmal 14, manchmal 70, der vierstündigen Revue von und über Alexander Kluge folgten live über 100 Menschen, bis heute wurde der Abend knapp 3000-mal angeklickt." Wenig für Youtube, "aber für unseren Saal jenseits der Möglichkeiten." Ein echter Leseabend vor Ort mit Menschen um einen herum ist zwar immer noch und weiterhin ihr liebstes Modell. Aber "wenn ich die Wahl habe, kann ich mich am selben Abend im Bademantel halbwach auf dem Sofa durch die virtuelle literarische Welt staunen. ... Hand aufs Herz: Das ist schön." Hier der Abend mit Alexander Kluge, auf dass die Zahlen nochmal steigen mögen:



Am Dienstag wird der Büchnerpreis verliehen, Dirk Knipphals nimmt aus diesem Anlass in der taz die Geschichte des Preises mal genauer unter die Lupe, identiiziert Strömungen, Cluster, Brüche wie um 1968, die im Nachhinein so bruchhaft gar nicht erschienen: Seit 2000 aber verfestige sich "der Eindruck der Suche", wenn auch "zögerlich, nachholend und nicht wie in den Sechzigern voranschreitend, als er den gesellschaftlichen Entwicklungen voraus war. ... Wenn der Büchnerpreis tatsächlich zeitgemäß bleiben soll, geht es eher darum, Autorenmodelle hervorzuheben und sichtbar zu machen, die in unsere diverser, auch selbstbewusster gewordene und literarisch nicht mehr so autoritätshörige Zeit passen."

Weitere Artikel: In einem wütenden Standard-Essay rechnet die seit vielen Jahren in Deutschland lebende US-Autorin Nell Zink gründlich mit ihrer alten Heimat ab: Nein, zurückkehren werde sie nicht und "in Wirklichkeit sollte man die USA nicht einmal besuchen!" Für die taz liest Ralf Sotschek die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift Feuerstuhl, die sich diesmal mit James Joyce befasst.

Besprochen werden unter anderem der vierte Band aus Armen Avanessians und Anke Hennigs "Spekulative Poetik"-Reihe (taz), Lana Lux' "Jägerin und Sammlerin" (taz), Mary Gaitskills Kurzgeschichtenband "Bad Behavior" (Dlf Kutlur), Maryse Condés "Das ungeschminkte Leben" (Literarische Welt) und Alexander Pechmanns Künstlernovelle "Die zehnte Muse" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2020 - Literatur

Im Literaturfeature von Dlf Kultur feiert Siegfried Ressel 70 Jahre Suhrkamp - und wirft dafür vor allem einen Blick auf die frühen Unseld-Jahre. Das neue CrimeMag ist erschienen - hier das Editorial mit Hinweisen zu allen Texten, Besprechungen, Interviews und Empfehlungen. Und ein neuer Büchertisch in unserem Online-Buchladen Eichendorff21: Wir haben die Nominierten des Max-und-Moritz-Preises des Comicsalons Erlangen für Sie zusammengestellt.

Besprochen werden unter anderem Alphonse Karrs "Reise um meinen Garten" (NZZ), Anna Kavans Science-Fiction-Roman "Eis" (Freitag), Andrzej Stasiuks "Beskiden-Chronik" (Dlf Kultur), Lukas Jüligers Comic "Unfollow" (Tagesspiegel), Sabine Scholls "O" (FR), der Erinnerungsband "Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land" des Schauspielers Erwin Berner (Berliner Zeitung) und Kerstin Hensels "Regenbeins Farben" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2020 - Literatur

Moritz von Uslar traut sich was. Er besucht für die Zeit Monika Maron in ihrem Sommerhaus in der Uckermark, die "Altlinke, einst Inbegriff der schwierigen DDR-Autorin und Ost-Intellektuellen", die heute "als Stimme der Neuen Rechten" gelte, als "eine 'politisch auffällige Autorin' (SZ), noch keine Geächtete, aber eine beinahe unmögliche Person". Und jetzt hat sie auch noch einen neuen Roman geschrieben, in dem sie die neuen Männer und das Gendern kritisiert. Ist das nicht unklug? Uslar versteht es nicht: "Über Flüchtlinge hat sie betrüblich schlichte Dinge zu sagen. Windräder? Die 20 Prozent für die AfD in ihrer Region seien auch das Resultat des Missstands, dass sonst keine Partei mit dem Ärger der Menschen etwas anzufangen wisse: 'Es gibt in diesem Land keine legitime Opposition.' Und noch mal zugespitzt: In diesem Land werde jede oppositionelle Meinung sofort delegitimiert. Du liebes bisschen, natürlich ist es nicht egal, wenn 20 Prozent der Uckermärker sich wegen Windrädern im demokratischen Spektrum nicht mehr aufgehoben fühlen. Aber wer will diese Frau Maron denn nun sein, eine vorpommersche Bürgerrechtlerin oder eine Schriftstellerin, die im ganzen Land gelesen wird?"

700 bis 800 Künstler zogen gestern in einem Schweigemarsch durch Wien, meldet der Standard. Damit wollten sie für ihr Recht auf Arbeit und soziale Absicherung auch in Coronazeiten demonstrieren. Im Interview wird der Autor Gerhard Ruiss noch konkreter: "Grundsätzlich wollen wir ohnehin Grundeinkommen für alle. Aber angesichts der prekären Situation, in der wir stehen, könnte man sagen: Warum nicht sofort für Künstlerinnen und Künstler? Wir haben keine Krankenversicherung, die vorsieht, dass wir Krankengeld bekommen, und wir haben auch keine Arbeitslosenversicherung. Wir stehen, wenn wir keine Arbeitsmöglichkeit haben, vor dem Nichts. In dieser Drastik haben das andere nicht. Man könnte das Grundeinkommen als Aufstockung einführen für alle, deren Einkommen unter der Armutsgrenze liegen."

Besprochen werden unter anderem Helen Wolffs "Hintergrund für Liebe" (Dlf Kultur), Nina Bunjevacs Comic "Bezimena" (taz), Alex Wheatles "Home Girl" (Tagesspiegel), Mariam Kühsel-Hussainis "Tschudi" (SZ), David Vanns "Momentum" (NZZ) und Andreas Heidtmanns "Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2020 - Literatur

Heute vor siebzig Jahren wurde der Suhrkamp Verlag gegründet - er mauserte sich rasch zu "dem bundesrepublikanischen Verlag" der nächsten zwanzig Jahre, erinnert Arno Widmann in der FR. Dialektisch begünstigt wurde die bis heute beschworene "Suhrkamp-Kultur" in Abgrenzung zu dem, was sich in der sowjetischen Zone und in der frühen DDR abzeichnete: "Die Geschichte des Aufbau-Verlages ist die Geschichte des Streits darum, was sie Leserinnen und Leser von der Welt erkennen ließen und was nicht." Demgegenüber "hatte schon Peter Suhrkamp 1951 Adornos 'Minima Moralia' ins Programm genommen. Damit war einer der Grundakkorde der 1973 von George Steiner so genannten 'Suhrkamp-Kultur' angeschlagen. Eine kritische Gesellschaftstheorie, die keiner Lehre folgte, die so weit ging, auch über die Aufklärung, die sie betrieb, aufklären zu wollen." In der SZ bespricht Lothar Müller Peter Suhrkamps Essayband "Über das Verhalten in Gefahr" mit Texten aus der Zeit der Verlagsgründung.

Weiteres: Maxim Biller hat seine Zeit-Kolumne, in der er seinem Ärger über Karl Heinz Bohrers FAZ-Text zum hundertsten Geburtstag Marcel Reich-Ranickis Luft macht (unser Resümee), auf Facebook online gestellt. Die Schriftstellerin Shida Bazyar berichtet im Freitext-Blog von Zeit Online von ihrer immer wieder auf Bewährungsproben gestellten Liebe zu Louisa May Alcotts Klassiker "Little Women". Peter von Becker befasst sich im Tagesspiegel damit, wie Schriftsteller ihre Heimatorte literarisch verarbeiten. Paul Ingendaay schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Feuilletonisten Dieter E. Zimmer.

Besprochen werden unter anderem Abubakar Adam Ibrahims' Debüt "Wo wir stolpern und wo wir fallen" (Tagesspiegel), Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos" (Standard), Albrecht Schönes "Erinnerungen" (Berliner Zeitung), Peter Suhrkamps Essayband "Über das Verhalten in der Gefahr" (SZ) und René Crevels nach 100 Jahren ins Deutsche übertragene Debütroman "Umwege" (FAZ).
Stichwörter: Suhrkamp Verlag

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2020 - Literatur

Insbesondere das literarische Hörspiel feiert derzeit eine Renaissance, freut sich Sandra Kegel in der FAZ - und dies in Coronazeiten noch einmal ganz besonders, da Rezeption und Distribution in Zeiten von ARD- und Dlf-Apps ohne und die Produktion immerhin nur mit geringen Einschränkungen möglich sind. Dabei entstehen neben Originalproduktionen auch großformatige Adaptionen wie zuletzt die von Thomas Pynchons "Enden der Parabel": "Das sind herausragende Ereignisse, in denen so berühmte wie oft ungelesene Romane als Hörspiel-Kunst der Transfer in die Eigenständigkeit des Akustischen gelingt. Für Ensembles mit bis zu fünfzig Schauspielern, was einer Theaterbesetzung bei den Salzburger Festspiele gleichkommt, samt Regisseur und Komponist sowie Musikern, Toningenieuren und Technikern lassen sich die Sender das auch einmal zweihunderttausend Euro kosten. Solche Adaptionen von Text in Ton sind zweifellos Kunstwerke aus eigenem Recht."

Besprochen werden unter anderem Peter Suhrkamps Essayverhalten "Über das Verhalten in Gefahr" und Siegfried Unselds "Reiseberichte", mit denen der Suhrkamp Verlag sein 70-jähriges Bestehen feiert (Tagesspiegel), Wallace Shawns "Nachtgedanken" (taz), Marco Balzanos "Ich bleibe hier" (FR), Sy Montgomerys "Das herzensgute Schwein" (Berliner Zeitung), Christoph Meckels Prosaband "Eine Tür aus Glas, weit offen" (SZ) und Lana Lux' Jägerin und Sammlerin" (FAZ).

Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Stichwörter: Hörspiel, Suhrkamp Verlag

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2020 - Literatur

Gerrit Bartels (Tagesspiegel) gratuliert Marlene Streeruwitz zum 70. Geburtstag, den die Schriftstellerin gestern feiern konnte. Dazu hat das Blog Nacht und Tag ein großes Gespräch mit ihr geführt. Unter anderem geht es um ihr nach einigen Theaterstücken und Hörspielen 1996 veröffentlichtes Romandebüt "Verführungen", das unter den damals herrschenden Feuilleton-Bedingungen und nicht zuletzt im Literarischen Quartett mit erheblichem Widerstand kämpfen musste: "Diese Päpste, die damals noch die Feuilleton-Herrscher waren, haben ja zugewiesen, was hohe Literatur ist. Und das Literarische Quartett war dann der böse Abschluss mit der Aussage: Es ist keine hohe Literatur. Das war ein Überlebenskampf, ob ich als Autorin danach überhaupt noch einen Atemzug tue. Damals, in diesen anderen Machtverhältnissen des Feuilletons, des patriarchalen Feuilletons, war das ein Krieg. Auf einem kleinen und unbedeutenden Feld, aber es war ein Krieg. Das kann ich heute so sehen. Damals war es erlitten. Ich stand plötzlich vor dem Nichts. Zumal das Theater sich neoliberal gedreht hatte und keine Texte dagegen mehr wollte, wie das überkommene Theater und das Neoliberale ineinander fielen."

Die Schriftstellerin Angelika Overath fragt sich in der FAZ nach der Schilderung vieler nostalgisch gülden schimmernder Kindheitserinnerungen, ob "wir ohne das Wort 'Mohr', ohne das Wort 'Neger', ohne das Wort 'Weib' über Diskriminierung und Schönheit und Identität sprechen können. Wörter changieren mit ihren Kontexten. In Wörtern steckt Geschichte, stecken Geschichten. Wörter haben spezifische Widerstände, an denen wir steigen wie ein Drache gegen den Wind."

Außerdem: Für die Berliner Zeitung liest Arno Widmann Jürgen Habermas' in der Suhrkamp-Anthologie "Warum lesen" veröffentlichten Essay "Warum nicht lesen?", in den man auf GoogleBooks reinlesen kann. In der FAZ erinnert Johannes Schütz an die vor zehn Jahren verstorbene Schriftstellerin Brigitte Schwaiger. Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Feuilletonisten Dieter E. Zimmer. Zudem veröffentlicht der Tagesspiegel seine Comicbestenliste - auf der Spitzenposition: Emilie Gleasons "Trubel mit Ted".

Besprochen werden unter anderem Zora Neale Hurstons "Barracoon" (Berliner Zeitung), Thomas Wolfes "Eine Deutschlandreise. Literarische Zeitbilder 1926-1936" (ZeitOnline), Eshkol Nevos "Die Wahrheit ist" (Freitag), neue Bücher von Hans Magnus Enzensberger (Standard), die Neuauflage von Eileen Changs Novelle "Die Klassenkameradinnen" (Tagesspiegel), Ludwig Fels' "Mondbeben" (Standard) und Marion Poschmanns Gedichtband "Nimbus" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Christian Gampert über Günter Kunerts "Der Reisende blickt zurück":

"verwundert über die zurückgelegte
Strecke, die ungezählten Meilen,
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2020 - Literatur

Johanna Steiner freut sich in der taz sehr darüber, dass die Schriftstellerin Helga Schubert nach ihrem Erfolg beim Bachmann-Wettbewerb nun - längst überfällig! - wiederentdeckt wird. Schubert, schreibt Steiner, ist eine Meisterin des Alltäglichen, die in ihren Texten immer wieder zu dem Fazit gelant, "dass das Leben mitunter richtig wehtun kann. Denn wo Leben ist, da ist auch Schmerz. Diesen Schmerz nimmt Schubert ernst, auch wenn er noch so banal erscheint. Die Tragik des Alltags spiegelt sich im Ungesagten, zwischen den Zeilen." Sie "schreibt kurze Sätze, die Aussagen hinstellen wie Felsen. ... Diese Sätze sind da und unverrückbar. Sie können nicht umfallen, nicht ins Unwesentliche kippen. Ihr Fundament ist breit. Wie Pyramiden."

Im FAZ-Essay begibt sich der Literaturwissenschaftler Mathias Mayer auf die Suche nach dem lyrischen Und, das nicht immer nur sequenziell oder additiv zu verstehen ist. Erstaunlich ist etwa "die Fülle von Und-Anfängen, wenn es gerade nicht um erzählbare Handlungen geht, sondern um Suggestionen und Evokationen, die aus dem unbegründeten 'Und' eine eigene Zone lyrischer Magie erwecken. Statt des banalen 'plus' ersteht ein lyrisches sur-plus, ein Überschuss an sprachlicher Energie."

In der FAZ schreibt Katharina Sykora darüber, wie Erika Mann im Zwischenexil der Familie in Pacific Palisades zur tonangebenden Figur wurde: "Eine innerfamiliäre Arbeitsteilung ist hier aufschlussreich. So war es die Rolle der ältesten Tochter, die Welt zu erkunden, von ihr zu berichten und sich eine Meinung zu bilden. Katia Mann hingegen war für die psychische Stabilisierung Thomas Manns und das Aufrechterhalten des Status quo im Hausstand zuständig - beides Voraussetzungen für dessen schriftstellerische Produktivität."

Weitere Artikel: "Fassungslos" zeigt sich die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn in der Literarischen Welt nach den Stuttgarter Krawallen: Zu beobachten sei "fast so etwas wie das Ende der Unschuld meiner Stadt." In der NZZ meditiert Renate Wiggershaus über das Schreiben Joseph Conrads. Wer mündig werden will, sollte sich dem autobiografischen Schreiben widmen, meint die Schriftstellerin Daniela Dröscher auf ZeitOnline. Im Feature des Dlf Kultur befasst sich Ralph Gerstenberg mit dem Klimawandel in der Literatur. Dlf Kultur bringt eine Lange Nacht von Nikolaus Scholz über den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Judith von Sternburg (FR) gratuliert der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz zum 70. Geburtstag. Außerdem stellt die SZ einen kleinen Kanon afroamerikanischer Literatur zusammen, darunter Yaa Gyasis "Heimkehren", James Baldwins "Von dieser Welt" und Chimamanda Ngozi Adichies "Americanah".

Besprochen werden unter anderem Deepa Anapparas "Die Detektive vom Bhoot-Basar" (taz), Maylis de Kerangals "Porträt eines jungen Kochs" (Tagesspiegel), Inès Bayards "Scham" (Freitag), Agatha Christies "Alibi - Ein Fall für Poirot" (FR), Tanya Tagags "Eisfuchs" (online nachgereicht von der FAZ), Upton Sinclairs "Dschungel" (Tagesspiegel), Éric Vuillards "Der Krieg der Armen" (FAZ) und Siegfried Unselds "Reiseberichte" (Literarische Welt).