
Jahrzehntelang haben
chinesische Wissenschaftler und Entrepreneure Autoren aus dem und über das
Silicon Valley gelesen: Steve Jobs, Jim Collins, Geoffrey Moore, Eric Ries, Elon Musk, Clay Shirky, Peter Thiel, Ben Horowitz, Ray Dalio, David Deutsch, James Gleick oder Kevin Kelly, erklärt Afra Wang in einem
faszinierenden Artikel über die chinesische Tech-Elite. Erstaunlicherweise geht für diese der amerikanische Kanon gut zusammen mit
Maos rotem Buch und den Werken von
Konfuzius und
Laotse, erklärt Wang: "Es versteht sich von selbst, dass Maos Transformation Chinas bis in die Tiefen der Kultur vorgedrungen ist. Für viele Gründer haben maoistische Texte einen
praktischen Nutzen. Dieser 'rote Kanon' liefert Blaupausen für die Mobilisierung von Basisorganisationen: Wie man schnell Tausende von Mitarbeitern an der Front - Lieferpersonal, Händler, Kundendienstmitarbeiter - in einem Umfeld rekrutiert, schult, motiviert und bindet, das durch Informationsundurchsichtigkeit, brutalen Wettbewerb und sich verschiebende regulatorische Grenzen gekennzeichnet ist. Er bietet eine
gemeinsame öffentliche Sprache, die die Kommunikationskosten senkt und gleichzeitig die Moral und die Klarheit der Ausrichtung aufrechterhält. Der rote Kanon und der Silicon-Valley-Kanon widersprechen sich nie - sie
koexistieren nahtlos innerhalb desselben Unternehmens.
Huawei, eines der weltweit erfolgreichsten globalisierten Unternehmen, wirkt gerade wegen dieses mühelosen Wechsels zwischen intellektuellen Rahmenwerken besonders patriotisch. Intern hat Huawei den
integrierten Produktentwicklungsprozess von IBM fast vollständig übernommen und sich westliche Managementpraktiken zu eigen gemacht. Von außen betrachtet würde man jedoch niemals erkennen, wie tief das Unternehmen die Orthodoxie des Silicon Valley verinnerlicht hat. Diese
doppelte Sprachkompetenz - die Sprache des revolutionären Kampfes für die interne Mobilisierung zu sprechen und gleichzeitig operative Exzellenz auf McKinsey-Niveau zu implementieren - stellt eine einzigartige chinesische Form der unternehmerischen Zweisprachigkeit dar. Der öffentliche Patriotismus des Unternehmens verschleiert seinen privaten Kosmopolitismus." Und
auch Literatur gehört zu diesem Universum, wie Asimov oder Tolkien zum Universum des Silicon Valleys. "'Jeder Mann muss
Jin Yong lesen', so Jack Ma. Yongs weitläufige
Kampfkunst-
Saga bot einen unverwechselbaren chinesischen romantischen Kosmos - das Jianghu, eine Welt ausgestoßener Kampfkünstler, die zugleich archaisch und modern ist, gesättigt mit Verpflichtungen, Verrat, dem Streben nach Transzendenz und der hartnäckigen Anziehungskraft menschlicher Gefühle. In fünfzehn Romanen, mit über tausend Charakteren und fast zehn Millionen Wörtern ermöglichte er Millionen chinesischer Leser ihre erste Begegnung mit der Reise eines Helden, mit Idealismus und den
bittersüßen Kompromissen zwischen Loyalität und Ehrgeiz. ... Jin Yongs Werk ist ein
moralisches Laboratorium für die moderne chinesische Identität - es lehrt die Leser, wie man ohne feste Regeln mit Macht umgeht, wie man sich in undurchsichtigen Hierarchien einen Ruf aufbaut und wie individuelle Meisterschaft mit kollektiver Zugehörigkeit koexistiert."