Magazinrundschau
Ein moralisches Laboratorium
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.11.2025. Asterisk beschreibt die erstaunliche geistige Beweglichkeit chinesischer Tech-Entrepreneure. Überhaupt keine Bewunderung hat Eurozine für die gewaltsame Russifizierung ukrainischer Kultur. New Lines lernt einiges über Giftgaseinsätze in Syrien aus den laxen Memoiren des russischen Generals Alexander Zorin. Die London Review berichtet von Scam-Camps in Südostasien, in denen Horden von Arbeitssklaven abgerichtet werden, Chinesen und Westler abzuzocken. Die New York Times erkennt die konkrete Absicht hinter Donald Trumps Vagheitsdoktrin.
Asterisk (USA), 04.11.2025
Eurozine (Österreich), 03.11.2025
"Seit 2022 hat Russland mehr als 1.550 Kulturdenkmäler und 2.380 kulturelle Einrichtungen, darunter Bibliotheken, Museen und Theater, in der gesamten Ukraine beschädigt oder zerstört", ruft Yegor Mostovshikov in Erinnerung. Und so geht es weiter: "Die russischen Behörden rekonstruieren zerstörte Museen und integrieren sie in die umfassendere Russifizierungsstrategie. In den ersten Kriegstagen in Mariupol entführten und folterten Russen Museumsmitarbeiter, bis einige von ihnen kollaborierten. Heute haben die Behörden für die meisten Museen der Region neue Direktoren ernannt, die seither Partnerschaften mit verschiedenen Institutionen in ganz Russland geschlossen, an russischen Veranstaltungen teilgenommen, russische Auszeichnungen erhalten und im staatlichen Fernsehen gesprochen haben. Das zerstörte Heimatmuseum beispielsweise wurde wiederaufgebaut und beherbergt nun Exponate der russischen Nationalgarde. In den ersten anderthalb Jahren der Besatzung hatten die Behörden bereits mehr als 50 Ausstellungen in den besetzten Gebieten realisiert. Der Staat hat in den besetzten Gebieten auch neue Museen eingerichtet, die den russischen Kosaken, russischen Ikonen, den sowjetischen Donbass-Bergleuten und dem Widerstand im Zweiten Weltkrieg gewidmet sind."New Lines Magazine (USA), 03.11.2025
In einer sehr ausführlichen Reportage vertieft sich Michael Weiss in die Memoiren von General Alexander Zorin, einem hohen Beamten des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Zorin war Russlands Gesandter in Syrien und spielte eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen zwischen dem Regime von Präsident Bashar al-Assad und den Oppositions- und Rebellenfraktionen des Landes, erklärt Weiss. Zorins Buch mit dem Titel "Der Verhandler" zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: den Größenwahn seines Verfassers, der sich selbst als eine Art Action-Held darstellt - und einen laxen Umgang mit Fakten. Durch seine Nachlässigkeit mit der Wahrheit enthüllt Zorin aber mehr als er möchte, findet Weiss heraus. Vor allem interessant ist Zorins Umgang mit dem Chlorgasangriff in der syrischen Stadt Duma im Jahr 2018. Während die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) eindeutig feststellte, dass das syrische Regime für den Einsatz der Waffen verantwortlich war, leugneten die Russen nicht nur Assads Beteiligung, sondern behaupteten schlichtweg, der Angriff habe nie stattgefunden, sondern sei eine Inszenierung der gegnerischen Rebellengruppen gewesen. Zorin schreibt nun an einer Stelle des Buches, "dass seine Zimmer frühmorgens gereinigt wurden, ein Vorgang, der 'grausam und gnadenlos war, wie der Bürgerkrieg in Syrien. Er basierte auf der Hauptwaffe der syrischen Terroristen, des Assad-Regimes und der Militärreiniger - Bleichmittel. Glauben Sie dem Mann, der die Leichen nach den Chlorgasangriffen in Duma sortierte: Der Eimer des Reinigungssoldaten im Schlafsaal und ein Zylinder mit einer giftigen Substanz aus Ghouta, der zur Untersuchung an das OVCW-Labor in Den Haag geschickt wurde, enthielten eindeutig denselben Stoff.' Chlorgas, das als Flüssigkeit in einem unter Druck stehenden Zylinder gelagert wird, ist kein Chlorbleichmittel, wie man es beispielsweise in Haushaltsreinigern findet. Abgesehen von Zorins mangelhaften Chemiekenntnissen: Wie kann 'Bleichmittel' die 'Hauptwaffe' des Assad-Regimes sein, wenn dieses laut russischer Regierung nie Chlor als chemische Waffe eingesetzt hat?"Victoria Mortimer beobachtet mit Sorge den Boom des chinesischen Fast-Fashion-Unternehmens Shein in Argentinien. Die ultra-billigen Kleider des Unternehmens finden auch deshalb so viel Anklang, weil Kleidung in Argentinien aufgrund hoher Steuersätze überdurchschnittlich teuer ist. Der Fast-Fashion-Riese produziert in unglaublicher Geschwindigkeit, erklärt Mortimer, täglich (!) erscheinen zwischen 6.000 und 10.000 neue Produkte. Das ist sogar im Vergleich mit Moderiesen wie H&M und Zara enorm, erklärt die Autorin. Möglich gemacht wird das durch extrem schlechte Qualität und ausbeuterische Arbeitsbedingungen. In Argentinien leiden derweil die lokalen Marken: "Im Zuge der Reformen hin zu einer freien Marktwirtschaft schaffte die Regierung Milei Zölle und Einfuhrbeschränkungen ab, um die Inflation einzudämmen und eine der abgeschottetsten Volkswirtschaften der Welt zu transformieren. Die Importe stiegen im Februar 2025 um mehr als 40 Prozent auf fast sechs Milliarden US-Dollar - die chinesischen Importe haben sich dabei mehr als verdoppelt -, da die Argentinier zunehmend auf ausländische Waren zurückgriffen. Dieser Importanstieg dürfte laut Aussagen von Fabrikbesitzern gegenüber dem Wall Street Journal die heimischen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe gefährden. Insbesondere in der Modebranche berichtete Pro Tejer, dass die Bekleidungsimporte zwischen 2024 und 2025 um 86 Prozent gestiegen sind - und von den bisher in diesem Jahr importierten rund 20.000 Tonnen Textilien stammen 73 Prozent aus China."
London Review of Books (UK), 06.11.2025
Alexander Clapp berichtet über die Cybercrime-Industrie, die vor allem in Südostasien blüht. Das Geschäftsmodell der dortigen Scam-Camps: digitale Nomaden, die mit falschen Versprechungen angelockt wurden und jetzt wie Sklaven gehalten werden, nehmen mit wohlhabenden Chinesen und Westlern Kontakt auf und geben sich als potentielle romantische Partner aus. Der Gewinn wird über Krypto-Investments abgeschöpft, in die die gescammten "Schweine" von den scammenden "Schlachtern" hinein manipuliert werden. "Scam Camps werden strikt hierarchisch geführt. Ein Abteilungsleiter beaufsichtigt etwa ein Dutzend leitende Manager, die dafür verantwortlich sind, Betrugsmethoden zu lehren und neue Opfer zu finden. Teamleiter sorgen für Disziplin. Auf der untersten Stufe stehen die Betrüger selbst, die in jedem dieser Lager meist in großer Zahl - oft Hunderte - arbeiten. Sie werden nach Nationalität getrennt und in Gruppen von etwa sieben Personen eingeteilt, um sie leichter kontrollieren zu können. Die meisten Schlachter lernen ihre Vorgehensweisen aus Handbüchern. 'Du musst dafür sorgen, dass die Kunden glücklich sind und sich wohl fühlen', heißt es in einem dieser Manuals. Das Ziel sei es, 'Abhängigkeit zu schaffen', 'Fürsorge zu zeigen' und 'ihn sich in dich verlieben zu lassen'. Die Betrüger werden angewiesen, nicht zu viele Emojis zu verwenden - sie würden keine Antwort provozieren - und stattdessen die Probleme ihres Gegenübers zu erkennen und 'Unterstützung zu bieten'. Wer die Texte nicht auswendig lernt oder sich nicht an die Vorgaben hält, wird gezwungen, die Inhalte zehn- oder zwanzigmal per Hand abzuschreiben. Wer zu langsam antwortet, muss manchmal stundenlang in der Sonne stehen. Im Februar berichtete einer von über hundert Äthiopiern, die aus einem Lager an der Grenze zwischen Myanmar und Thailand gerettet wurden, gegenüber dem Guardian, dass diejenigen, die ihre täglichen Quoten nicht erfüllten, mit Elektroschockstäben gefoltert werden. In der kambodschanischen Provinz Kampot wurden die Leichen gefolterter Betrüger in Müllcontainern gefunden, in Decken eingewickelt."Tony Wood beschäftigt sich entlang dreier Bücher zum Thema mit der Frage, wie der Erfolg der radikalen Rechten in vielen lateinamerikanischen Ländern in den letzten Jahren zu erklären ist. Tatsächlich erscheint der Siegeszug von Javier Milei, Nayib Bukele und anderen wie ein Backlash auf die sogenannte pink wave, die linken Parteien in der Region in den Nuller- und Zehnerjahren dieses Jahrtausends den Weg an die Macht geebnet hatte. Im Anschluss an Thesen des Historikers Ernesto Bohoslavsky schreibt Wood: "Während die wirtschaftlichen Herausforderungen, die die pink tide mit sich brachte, beträchtlich waren, war es laut Bohoslavsky vor allem die politische Herausforderung, die die Reaktion der Rechten prägte. In den 2000er Jahren stellten Regierungen in der gesamten Region das zentrale neoliberale Prinzip infrage, wonach Märkte die Verteilung von Gütern bestimmen sollten. Gleichzeitig führten sie progressive Reformen ein oder planten solche - etwa was die Legalisierung von Abtreibung, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, Bildungsreformen und die Stärkung der Rechte indigener Völker angeht. In manchen Ländern - etwa in Argentinien, Brasilien und Chile - verfolgten linke Regierungen zudem eine Erinnerungspolitik, die Wahrheitskommissionen einsetzte und Untersuchungen zu den Verbrechen der Militärdiktaturen einleitete. Als Reaktion darauf strebt die heutige Rechte nicht nur danach, die Vormachtstellung des Marktes wiederherzustellen, sondern auch patriarchale Normen und 'traditionelle' Geschlechterrollen zu festigen sowie die 'antikommunistischen' Erfolge der Diktaturen zu verteidigen. Sie fordert eine sogenannte 'vollständige Erinnerung', die auch die Perspektive der Militärregime einschließt."
HVG (Ungarn), 30.10.2025
Veronika Munk, Direktorin für Innovation und neue Märkte des slowakischen Verlagshauses Dennik N, kommentiert die in vielen Medien auf Social Media zunehmend veröffentlichten, KI-generierten Bilder, auf denen u.a. die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski oder der ungarische Oppositionsführer Péter Magyar gelinde gesagt in ungünstigen Positionen dargestellt werden. "Neben dem schnellen, impulsiven Konsum von Social Media verbreiten sich manipulierte Inhalte wie ein Virus, während die Widerlegung nur selten ebenso viele Menschen erreicht. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Lüge mit Bildern arbeitet, die Widerlegung hingegen gelesen werden muss. So sickert die künstliche Realität in das öffentliche Leben ein - wo die Wahrheit nicht mehr von Fakten, sondern von Algorithmen abhängt. Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass die massenhafte Verbreitung dieser gefälschten Fotos in dem Augenblick einsetzte, in dem Google und Meta begonnen haben, politische Werbung zu verbieten. Bezahlte Reichweite kann nur durch noch ungeniertere Provokationen ersetzt werden. (…) Eines ist sicher: Wir müssen uns in der Wahlkampagne auf künstliche Intelligenz gefasst machen, wenn wir unseren Augen trauen wollen. Die öffentliche Meinung gleitet heute leicht in Demütigung und Satire in Manipulation ab. Die Frage ist nun nicht mehr, ob wir in der Lage sind, realistische Videos zu generieren, sondern ob wir in der Lage sind, zwischen Fakten und Scheinrealität zu unterscheiden: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen - diese Versicherung war gestern noch eine Garantie. Heute wird genau das gegen uns verwendet."New York Times (USA), 02.11.2025
Es gibt in der Rechtstheorie etwas, das nennt sich die "Vagheitsdoktrin". Sie besagt, dass Rechtsstaaten präzise Gesetze erlassen, alle autokratischen oder diktatorischen Regimes dagegen vorsätzlich ungenaue Gesetze, die ein Regime der Angst schaffen. Das ist genau Donald Trumps Rechtspraxis, erläutert Matthew Purdy im New York Times Magazine. Zum Beispiel hat er "damit gedroht, Anwaltskanzleien finanziell zu bestrafen, die seiner Meinung nach gegen das 'nationale Interesse' handeln - ein undefinierter Maßstab, den er teilweise auf ihre Verbindung zu Streitigkeiten, die ihm nicht gefallen, und zu Anwälten, die er als Feinde betrachtet, stützt. In gewisser Weise schafft Trump ein ganz eigenes System von Regeln und Strafen. Und wenn diese Regeln vage definiert sind - anders als beispielsweise Geschwindigkeitsbegrenzungen oder sogar komplexe Finanzvorschriften -, gibt es keine Garantie dafür, dass sich jemand sicher außerhalb der Zone der Regelverstöße bewegen kann. Daher ist nicht abzusehen, wer als Nächstes außerhalb der Grenzen erwischt wird und welche Strafe verhängt werden könnte." Gerichte weisen solche Rechtspraktiken übrigens oft zurück, aber das macht nichts, denn im Alltag erzeugen sie ausreichend Ängste, etwa wenn es an Schulen um die Themen Gender oder Gleichstellung geht. Purdy zitiert einen Lehrer aus New Hampshire, der heutzutage Angst hat, Toni Morrisons "Menschenkind", Joseph Conrads "Herz der Finsternis" und sogar Jane Austens "Solz und Voruteil durchzunehmen und der klagt, dass "ein Angstschauer durch die Klassenräume zieht". Nun empfiehlt dieses Vorbild demokratischen Muts diese Bücher nur noch zur Lektüre, macht sie aber nicht mehr zum Lehrstoff.
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