Magazinrundschau - Archiv

The Abrahamic Metacritique - Substack, Hussein Aboubakr Mansour

1 Presseschau-Absatz

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - The Abrahamic Metacritique - Substack, Hussein Aboubakr Mansour

"Nazi", "Völkermord", "Siedlerkolonialismus". Die Begriffe sind zwar entleert, treffen auf die so bezeichneten Umstände längst nicht zu wie einst auf die historischen Ereignisse, die sie prägten. Aber die moralische Wucht, die sie ausstrahlen, ist auf jene übergegangen, die sie heute gebrauchen, um sich selbst eine moralische Lizenz zu erteilen. Wir leben in einer Epoche des moralischen Sadismus. Wer ein Nazi ist, der verdient alle Grausamkeiten. Pardon zu geben, wäre eine moralische Verirrung: So funktioniert laut dem Ideenhistoriker Hussein Aboubakr Mansour das Muster des Postkolonialismus - Mansour spricht in seinem Substack-Blog The Abrahamic Metacritique von "Fanonischer Rache" -, aber es lässt sich ebenso sehr auf den Islamismus oder die Maga-Rechte übertragen. Diese Muster der absoluten moralischen Lizenz entdeckt Mansour geradezu paradigmatisch in den Filmen Quentin Tarantinos: Zwar gab es auch in klassischen Tragödien Rechtfertigungen für grausame Strafe, aber meist wurden jene, die Rache übten, ihrer selbst nicht froh. "Die Befriedigung wurde durch die Konsequenzen getrübt. Tarantinos Filme beseitigen diese Komplikation." Es "erotisiert die Rache", so Mansour, "und erlaubt es dem Publikum, sich an pornografischer Gewalt zu ergötzen. Seine Filme bieten das ästhetische Regime für eine neue Art von Vergnügen: den langsamen, qualvollen Tod des Nazis, die langwierige Folter des Sklaventreibers, die kreative Brutalität gegenüber jenen, deren Benennung die Aufhebung aller Hemmungen rechtfertigt, ja sogar verlangt. Gewalt wird schön, sogar sexy, wenn sie mit ungezügelter Wut gegen die richtigen Ziele gerichtet ist. Das zugefügte Leiden wird für den Zuschauer zum Vergnügen. Folter verwandelt sich in Katharsis, wenn das Opfer richtig kategorisiert wird. Rache ist nicht länger die Fortsetzung des Kreislaufs des Blutes, sondern die therapeutische Vollendung, der moralische Höhepunkt, die befriedigende Auflösung, bei der du dich gut fühlst, während der Abspann über eine Leiche läuft."