Magazinrundschau

Radikal traditionell

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
18.11.2025. In New Lines erklärt der Politologe Mohamed Kheir Omer den schwelenden Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea. In HVG denkt Laszlo Darvasi über den Unterschied zwischen Fiktion und Autofiktion nach. Die London Review wiegt die Bösewichteigenschaften von Google und OpenAI gegeneinander ab. Der Guardian lernt die Rachegedanken in Syrien zu lesen. Hussein Aboubakr Mansour analysiert moralischen Sadismus am Beispiel der Filme Quentin Tarantinos. In Equator erklärt Amitav Ghosh, warum er dystopische Romane nie bis zum Schluss liest.

New Lines Magazine (USA), 17.11.2025

Der Politologe Mohamed Kheir Omer erklärt in einem recht wissenschaftlichen Artikel den schwelenden Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea. Im Zentrum steht der Hafen von Assab, der im äußersten Süden Eritreas liegt. Bis zur Unabhängigkeit Eritreas 1993 hatte Äthiopien einen Zugang zum Roten Meer. Seitdem kam es immer wieder zu bewaffneten Konflikten zwischen den beiden Ländern. Eigentlich erklärten der Ministerpräsident von Äthiopien Abiy Ahmed und Eritreas Präsident Isayas Afewerki 2018 das Ende der Streitigkeiten, erinnert Kheir Omer, aber in letzter Zeit bekräftigt Äthiopiens Präsident immer wieder Folgendes: das Schicksal seines Landes erfordere einen Zugang zum Meer: "Auf der Landkarte ist Assab ein Punkt; für beide Länder ist er essenziell. Für Äthiopien stellt der Hafen einen verlorenen Teil des Landes dar - den Beweis, dass der Status als Binnenland überwunden werden kann. Für Eritrea ist er die Festung der Souveränität." Einen Krieg können sich eigentlich beide Länder nicht leisten, erklärt Omer, deshalb bleibt die Situation in der Schwebe: "Für beide Anführer bleibt der Krieg paradox - zu kostspielig, um ihn zu führen, aber politisch zu vorteilhaft, um ihn aufzugeben. Das Ergebnis ist ein angespanntes Gleichgewicht des Drucks ohne Invasion, in dem beide Seiten die jeweils andere testen." Eine riskante Situation: "Wie Professor Kjetil Tronvoll, ein Experte für das Horn von Afrika, feststellte, glaubt Eritrea, dass ein weiterer Konflikt seine Existenz bedrohen würde. Gleichzeitig argumentiert Äthiopien laut Tronvoll genau gegenteilig - sein Überleben hänge davon ab, die Isolation als Binnenland zu überwinden. Wenn beide Seiten ihre Selbsterhaltung in entgegengesetzte Richtungen verfolgen, wird das Gebiet zwischen ihnen zu einem Minenfeld. Die Gefahr liegt nicht in der Planung, sondern im zufälligen Verlauf: eine Handvoll Auslöser, die zeitlich zusammentreffen und von keinem Machthaber mehr aufgehalten werden können, sobald sie einmal ausgelöst sind."
Stichwörter: Eritrea, Äthiopien

HVG (Ungarn), 13.11.2025

Der Schriftsteller László Darvasi erhielt als erster Schriftsteller für seine Trilogie "Die Neandertaler" den neugegründeten Esterházy Literatur-Preis. Im Interview mit Zsuzsua Mátraházi denkt Darvasi über die Entstehung der Fiktion nach und ihre Bedeutung heute: "Ich habe selten einen edleren Kampf gesehen als die Schaffung reiner Fiktion. Ich verstehe, warum die meisten heutigen ungarischen Schriftsteller damit beginnen, autobiografisch zu schreiben. Aus dem Aufblühen der Biografie entstehen interessante und schwerwiegende Geschichten, aber die Literatur verlangt noch mehr. Wir befinden uns in einer schrecklichen, wenn man so will, außergewöhnlichen historischen Situation, in der Worte und Ereignisse nicht leicht zueinander finden. Das Drama erscheint nicht als Drama, man kann an der Tragödie vorbeigehen. Es gibt mehrere Realitäten, die gültig erscheinen. Der junge Schriftsteller klammert sich an sich selbst, an sein persönliches Leben, gut. Ich glaube dennoch, dass eben die Vorstellungskraft ihn aufrechterhalten wird. (...) Vielleicht hat Géza Morcsányi, der Gründungsdirektor des modernen Magvető-Verlags recht, als er sagte, dass Lesen ein Luxus werden wird. Ein Privileg der intellektuellen Schicht. Wir leben in einer Welt, in der nicht nur die Geschichte in Frage gestellt wird, sondern auch unsere eigene Realität, denn unser Leben wird von Algorithmen, dem Internet und künstlicher Intelligenz beeinflusst. Lange und in aller Ruhe darüber zu sprechen, wie es beispielsweise im 20. Jahrhundert war, wie es mein Buch tut, ist eine ausgesprochen radikale Handlung. Radikal traditionell."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 20.11.2025

Donald MacKenzie erzählt die Geschichten zweier Unternehmen: Google und OpenAI. Wo Google seine außergewöhnliche Marktmacht im Suchmaschinenbereich durch innovatives web crawling und dafür verwendete dezentrale Datencenter erreichte, setzt OpenAI auf large language models (LLMs), deren außergewöhnliche Skalierbarkeit durch ein ursprünglich von Google-Mitarbeitern entwickeltes Tool ermöglicht wurde. Jetzt gefährden die LLMs mehr als eine Reihe von Wettbewerbsklagen, die Google am Hals hat, das Geschäftsmodell des Onlinegiganten. Eine Entwicklung, die MacKenzie nicht behagt: "Suchmaschinen können eine rassistische und sexistische Kultur widerspiegeln und verstärken," konzediert er zunächst. Aber dennoch "führte dich eine 'klassische' Suchmaschine wie Google in den 2000er- und 2010er-Jahren aus sich selbst heraus und regte dich vielleicht implizit dazu an, das, was du dort fandest, kritisch zu bewerten. Wer einen Chatbot benutzt, der von einem LLM betrieben wird, bleibt hingegen immer im selben Zirkel. Man kann ihn zwar in der Regel dazu bringen, etwas über seine Quellen zu sagen, aber das ist ein bisschen wie die 'weiterführende Lektüre' am Ende eines Lehrbuchkapitels: Man weiß, dass man das alles theoretisch lesen sollte, aber wahrscheinlich tut man es nicht. Es ist verführerisch einfach, einen Chatbot wie ein Orakel zu behandeln. Das ist sowohl wirtschaftlich als auch kognitiv gefährlich. Klassische Suche schafft wirtschaftliche Anreize dafür, neue Inhalte im Web bereitzustellen und bestehende Inhalte aktuell zu halten, weil sich Geld damit verdienen lässt, den Besuchern Werbung zu zeigen, die über eine Suchmaschine auf die Websites gelangen. Natürlich kann dieser Prozess auch Clickbait fördern, aber wenn die Suche verkümmert - was wird dann aus dem Web? Wie der Kommentator Eric Seufert treffend formuliert: Google war der 'unvollkommene Wohltäter' des offenen Webs."
Stichwörter: Google, OpenAI, LLMs

Aktualne (Tschechien), 17.11.2025

ČSD-Baureihe 556.0 vor einem Korridorgüterzug Liberec-Varnsdorf bei der Durchfahrt durch Hainewalde (1972). Foto: Rainerhaufe - Eigenes Werk, unter CC BY-SA 4.0-Lizenz


Jan Sutnar widmet sich in einem Artikel der tschechoslowakischen Eisenbahn zu Zeiten des Kommunismus. Die Bahnpolitik sei so absurd gewesen wie die ganze Zeit: Einerseits wurde nicht mehr in den Schienenverkehr investiert, andererseits brauchte man die Züge dringend, "um Kohle zu den Kraftwerken, Erz zu den Schmelzhütten und Genossen aus befreundeten Ländern zu offiziellen Besuchen zu transportieren". Schließlich war innerstaatlicher LKW-Verkehr praktisch inexistent und die Bahn das wichtigste Gütertransportmittel. Im Zuge der allgemeinen Fehlwirtschaft war "eine der verrücktesten Sparideen die sogenannte Schwerlastbewegung. Dabei zogen Lokomotiven ein Vielfaches der eigentlich zulässigen Lasten, um den Einsatz weiterer Maschinen zu ersparen. Und tatsächlich schafften es die legendären ČSD-Dampfloks mit Stoker-Feuerung, einen über viertausend Tonnen schweren Zug im Alleingang zu ziehen - was sogleich begeistert von der Propaganda verwertet wurde (…) Das Problem war nur, dass die langsam fahrende Fracht nirgendwo anhalten durfte, da sie sich sonst nicht wieder fortbewegen konnte - weshalb der gesamte übrige Verkehr, einschließlich des Personenverkehrs, auf der betreffenden Strecke zum Erliegen kam." Nachdem Präsident Zápotocký den Bahnmitarbeitern 1952 auch noch ihr Unkündigbarkeit entzog, verlor der Beruf schnell an Prestige, was einen gravierenden Personalmangel zu Folge hatte. "Das Problem wurde duch Überstunden behoben. Allerdings in einem Ausmaß, das wir uns bei der heutigen Bahn kaum noch vorstellen können. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein Mitarbeiter im Betrieb drei Schichten, also 36 Stunden am Stück, arbeitete." Die Kellner im Speisewagen hätten es dabei am besten gehabt, die kamen beim Grenzverkehr mit ausländischen Fahrgästen an begehrtes Devisen-Trinkgeld."
Archiv: Aktualne

Guardian (UK), 18.11.2025

Melvyn Ingleby berichtet aus Tadamon, einer Vorstadt von Damaskus, in der das Assad-Regime in den 2010ern Massaker an Zivilisten verübt hatte, denen wohl hunderte, wenn nicht tausende von Menschen zum Opfer fielen. Nach dem Sturz Assads blieb es in dem Ort zunächst weitgehend friedlich - und das, obwohl Mitglieder der paramilitärischen National Defense Force (NDF), die für Assad die Drecksarbeit erledigten, teils immer noch in der Nachbarschaft leben. Inzwischen jedoch wachsen die Spannungen: "Nicht alle in Tadamon sind geduldig. Viele Bewohner finden die offensichtliche Straffreiheit von Assads ehemaligen Schergen nur schwer zu ertragen. Vor allem richtet sich ihre Wut gegen einen Mann: Fadi Saqr." Dieser Fadi "Der Falke" Saqr war, da sind sich viele in Tadamon sicher, maßgeblich beteiligt an den Massakern. Aber: "Anstatt sich wegen seiner Rolle als NDF-Kommandeur vor Gericht verantworten zu müssen, arbeitet 'der Falke' nun mit der neuen Regierung zusammen. Im vergangenen Februar besuchte Saqr das Viertel unter Sicherheitsbegleitung, angeblich um der Regierung dabei zu helfen, mit anderen ehemaligen Regimeanhängern über die Abgabe von Waffen zu verhandeln. Am folgenden Tag gingen Hunderte von Menschen in Tadamon auf die Straße, um gegen Saqrs Auftauchen zu protestieren, und hängten eine Puppe von ihm an einen improvisierten Galgen." Überhaupt "hat sich die Sicherheitslage in Tadamon seit Saqrs Auftauchen verschlechtert, wie der lokale Sicherheitsbeauftragte Abdelrahman meint. Einige Wochen nach der Pressekonferenz wurde ein Mann, dem vorgeworfen wurde, als Saqrs Leibwächter gearbeitet zu haben, auf offener Straße erschossen, mehrere Rachemorde an mutmaßlichen ehemaligen NDF-Mitgliedern folgten. 'Wir haben es eilig und setzen die Regierung unter Druck, die Verbrecher zu bestrafen', so Abdelrahman weiter. Je länger die Straflosigkeit andauere, desto schwieriger werde es für ihn, die Einwohner davon abzuhalten, Rache zu nehmen. 'Ist wirklich zu erwarten, dass jemand, der den Mörder seines Bruders oder den Vergewaltiger seiner Schwester direkt vor sich sieht, nicht handelt? Er mag einmal, zweimal, mehrfach geduldig sein. Aber am Ende wird er handeln.'"
Archiv: Guardian
Stichwörter: Syrien, Tadamon, NDF

Elet es Irodalom (Ungarn), 14.11.2025

Im Interview mit Peter Demény spricht die Schauspielerin, Dramaturgin und Produzentin Orsolya Török-Illyés über die Beziehung zwischen Regisseuren und Schauspielern im Allgemeinen und ihre Beziehung zum Regisseur Szabolcs Török im Besonderen. "Die Symbiose (mit Szabolcs Török) beschäftigt mich noch immer. Von Anfang an habe ich Szabolcs beruflich über mich gestellt, ich bewunderte sein Talent und seine Kreativität, ich wollte ihn beeindrucken, mir war nur wichtig, ihm gerecht zu werden. Er verlangte in allen Phasen des Schaffensprozesses gemeinsames Nachdenken und kreative Unterstützung, hielt aber seine Grenzen streng ein und ließ mich nur so weit mitwirken, wie es für ihn nützlich war. Ich habe nie auf kreative Credits bestanden, aber aus der Perspektive von mehreren Jahren erscheint mir diese Arbeit eher als freiwillig übernommene Ausbeutung, die man schön als kreatives Duo und noch schöner als Beziehung zwischen Künstler und Muse bezeichnet. Unabhängig davon war die wichtigste berufliche Einstellung, die uns an der Universität eingeimpft wurde, die bedingungslose Demut. Gegenüber wem? Gegenüber was? Ja, freilich, gegenüber dem Regisseur. Er ist Gottvater. Er gibt den Rahmen vor, schimpft, wenn man schlecht ist, lobt, wenn man gut ist, man kann gegen ihn rebellieren, aber egal, wie sehr er einen auch demütigt und quält, wenn man Erfolg hat, ist er stolz auf einen und man kann gemeinsam feiern. Die Grundlage war, dass man fanatisch an den Regisseur glaubt, wenn er einen genug fanatisieren kann, und sich nicht um den Kaffeesatz kümmert, der nach der Arbeit tief in der Seele hängen bleibt, dessen Beseitigung regelmäßig ausbleibt, und man die angestaute Angst in die nächste Arbeit, in die eigene persönlichen Beziehungen, sofern vorhanden, schiebt. (...) Es schafft eine prekäre Situation, wenn man die Demut gegenüber einer Person mit der Demut gegenüber der eigenen Arbeit verwechselt."

Le Grand Continent (Frankreich), 14.11.2025

Wer Spaß hat an düsteren Voraussagen, wird in diesem Interview mit einem der berühmtesten Wirtschaftswissenschafler der Welt auf seine Kosten kommen. Auf die Frage Louis de Catheus, warum die Börsen Trumps chaotische Wirtschaftspolitik und die Zölle so gut wegstecken, antwortet Kenneth Rogoff: Es liege daran, dass Trump der Künstlichen Intelligenz schrankenlose Freiheit gewährt. "Er sagte der Industrie: 'Macht, was ihr wollt. Wenn Kenneth Rogoff ein Buch schreibt und ihr ihm alles stehlen wollt, macht euch keine Sorgen um ihn, um keinen Wissenschaftler und keinen Künstler: Macht euch um niemanden Sorgen.' KI stiehlt die Stimmen, Gesichter und Ideen von Menschen. Trump sagte auch: 'Die globale Erwärmung ist mir egal. Verbraucht so viel Strom, wie ihr wollt', und kündigt an, dass er unsere Stromproduktion verdoppeln werde. Diese beiden Veränderungen - die unter einer Präsidentschaft von Harris nicht stattgefunden hätten - haben KI begünstigt. Darüber hinaus zeigt die Industrie nun, dass sie Personal abbauen kann, um ihre Gewinne zu steigern. Wir treten in eine Ära ein, in der die Gewinne steigen, während die Arbeitseinkommen sinken. Die Vereinigten Staaten werden daher Massenarbeitslosigkeit erleben. Es gibt viele Schätzungen, aber ich glaube, dass dies schneller geschehen wird, als wir denken." Und was passiert als nächstes? Die Republikaner "erkennen nicht, dass sie in vier Jahren einen Präsidenten Mamdani oder jemanden dieser Art haben könnten, der die gesamte Macht erbt, die Trump für das Präsidentenamt aufgebaut hat. Denn Trump verändert nicht nur seine eigene Macht, sondern das Amt des Präsidenten selbst."
Stichwörter: Rogoff, Kenneth

The Abrahamic Metacritique - Substack, Hussein Aboubakr Mansour (USA), 12.11.2025

"Nazi", "Völkermord", "Siedlerkolonialismus". Die Begriffe sind zwar entleert, treffen auf die so bezeichneten Umstände längst nicht zu wie einst auf die historischen Ereignisse, die sie prägten. Aber die moralische Wucht, die sie ausstrahlen, ist auf jene übergegangen, die sie heute gebrauchen, um sich selbst eine moralische Lizenz zu erteilen. Wir leben in einer Epoche des moralischen Sadismus. Wer ein Nazi ist, der verdient alle Grausamkeiten. Pardon zu geben, wäre eine moralische Verirrung: So funktioniert laut dem Ideenhistoriker Hussein Aboubakr Mansour das Muster des Postkolonialismus - Mansour spricht in seinem Substack-Blog The Abrahamic Metacritique von "Fanonischer Rache" -, aber es lässt sich ebenso sehr auf den Islamismus oder die Maga-Rechte übertragen. Diese Muster der absoluten moralischen Lizenz entdeckt Mansour geradezu paradigmatisch in den Filmen Quentin Tarantinos: Zwar gab es auch in klassischen Tragödien Rechtfertigungen für grausame Strafe, aber meist wurden jene, die Rache übten, ihrer selbst nicht froh. "Die Befriedigung wurde durch die Konsequenzen getrübt. Tarantinos Filme beseitigen diese Komplikation." Es "erotisiert die Rache", so Mansour, "und erlaubt es dem Publikum, sich an pornografischer Gewalt zu ergötzen. Seine Filme bieten das ästhetische Regime für eine neue Art von Vergnügen: den langsamen, qualvollen Tod des Nazis, die langwierige Folter des Sklaventreibers, die kreative Brutalität gegenüber jenen, deren Benennung die Aufhebung aller Hemmungen rechtfertigt, ja sogar verlangt. Gewalt wird schön, sogar sexy, wenn sie mit ungezügelter Wut gegen die richtigen Ziele gerichtet ist. Das zugefügte Leiden wird für den Zuschauer zum Vergnügen. Folter verwandelt sich in Katharsis, wenn das Opfer richtig kategorisiert wird. Rache ist nicht länger die Fortsetzung des Kreislaufs des Blutes, sondern die therapeutische Vollendung, der moralische Höhepunkt, die befriedigende Auflösung, bei der du dich gut fühlst, während der Abspann über eine Leiche läuft."

The Insider (Russland), 10.11.2025

Die Russisch-Orthodoxe Kirche unterstützt den russischen Krieg gegen die Ukraine und betet für die russische Armee in der Ukraine, schreibt Valentina Matrenina in The Insider. Trotzdem gibt es noch Klerikale und Priester, die sich diesem Kurs widersetzen, zum Beispiel der Priester Daniel, der seine Eindrücke schildert: "Der FSB handelt nicht direkt, sondern zieht es vor, über die Kirchenverwaltung zu agieren. Wenn die Behörde mit Ihnen unzufrieden ist, erhalten Sie keinen Anruf von einem FSB-Beamten, sondern von einem Kirchenbeamten - einem bevollmächtigten Sachbearbeiter. Und sie werden Sie nicht wegen Ihrer politischen Haltung konfrontieren, sondern wegen etwas anderem. So wie sie es Vater Alexey Uminsky gesagt haben: 'Sie sprechen Gebete falsch und verstoßen damit gegen die Kanones.' Alles wird mit den Händen anderer Menschen getan. Sie zerstören Menschenleben, Herzen und Gewissen, verursachen Schmerz und treiben Menschen von der Kirche weg - und manchmal sogar von Gott. Letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass ich die Kirche als Institution nicht ändern kann. Ich kann sie nicht reformieren, selbst wenn ich mich mit aller Kraft dagegen wehren würde. Aber ich kann einen parallelen Raum der Kommunikation, des Vertrauens und der Einheit schaffen. (...) Ich persönlich habe noch nie eine Soldatenformation gesegnet - ich bin kein Militärseelsorger. Aber manchmal kommen Menschen zu mir, um sich vor dem Kriegseinsatz segnen zu lassen. Oder eine Frau bringt ihren Mann in die Kirche, bevor er einen Vertrag beim Militär unterschreibt. Er ist kein Gläubiger, aber sie macht sich Sorgen um ihn. Sie sagt: 'Segnen Sie ihn wenigstens, damit alles gut für ihn läuft ...' Meine Haltung ist folgende: Ich segne Menschen nicht für den Krieg, aber ich kann mit ihnen beten. Ich kann beten, dass Gott ihre Überheblichkeit brechen möge. Ich verstehe, dass ein Mensch in etwas festgefahren sein kann - man kann ihn nicht einfach umstimmen. Aber es ist wichtig, ihn daran zweifeln zu lassen, dass er auf dem richtigen Weg ist. Manchmal sage ich unverblümt: 'Du bist zu mir gekommen und hast mich um meinen Segen gebeten, damit du dorthin gehen kannst, in den Krieg. Aber verstehe eines: Ich habe Verwandte auf beiden Seiten. Und du wirst mit ihnen in einen Schusswechsel geraten.' Die Leute sind manchmal überrascht und beginnen nachzudenken. Sie sagen: 'Dann bete wenigstens für mich.'"
Archiv: The Insider

Equator (USA), 17.11.2025

Der Schriftsteller Amitav Ghosh macht sich im Magazin Equator Gedanken, wie wohl die unzähligen dystopischen Katastrophenromane unsere Sicht auf das formen, was wir tun müssen, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Der Westen scheint oftmals sein Katastrophendenken auf Länder wie Bangladesh übertragen zu wollen, aber die Länder des globalen Südens haben einen Vorteil: "Den Pessimismus über die Zukunft, der im Westen so prävalent ist, teilen sie nicht. In der Tat ist die Schwarzmalerei in Europa und Amerika so verbreitet, dass es schwer ist, zu wissen, ob es eine rationale Auslegung der relevanten Daten repräsentiert oder nur ein Nebeneffekt eines generellen Gefühls politischer Dysfunktionalität und historischem Niedergang ist. In meiner Erfahrung ist es ziemlich selten, solchen Erwartungen imminenter Bedrohung in Indien, Kenia oder Indonesien zu begegnen. Die Abwesenheit dieser generalisierten Nervosität ist wahrscheinlich der Grund, warum apokalyptische Fiktion in Indien oder sonst wo im globalen Süden nie richtig gezündet hat. Es ist aber auch möglich, dass asiatische und afrikanische Schriftsteller dem Weltende-ismus aus anderen Gründen abgeschworen haben. 'Schlussendlich ist diese Obsession (mit der Apokalypse) womöglich spezifisch für die westliche Metaphysik', hielt der kamerunische Philosoph Achille Mbembe in 'Necropolitics' (2019) fest. 'Für viele menschliche Kulturen endet die Welt schlicht und ergreifend nicht.' Ich persönlich kann sagen, obwohl ich ein eifriger Leser von Apokalypse-Büchern bin, habe ich mich früh entschieden, nie einen Roman mit einer Apokalypse zu beenden, selbst wenn die Geschichte dies zu erfordern scheint. Etwas gab mir das Gefühl, dass eine Apokalypse zu imaginieren gleichbedeutend damit wäre, sie einzuladen."
Archiv: Equator