Dekoder veröffentlicht einen Briefwechsel des russischen Publizisten
Andrej Archangelski und des russischen Historikers
Sergej Medwedew, die versuchen herauszufinden, welche Denkmuster die russische Führung und russische Gesellschaft
derart kriegerisch werden lässt, wie wir es heute in der Ukraine sehen. So schreibt Medwedew, die russische Propaganda hätte "den Mythos von der Größe Russlands und den Mythos vom Opfer des 9. Mai" kombiniert und miteinander verschränkt. "Herausgekommen ist eine explosive, atemberaubende Mischung: der
Mythos vom Sieg als Hauptparadigma der russischen Geschichte. Oder noch weiter gefasst - der Mythos des Krieges als Basisontologie des russischen Lebens. (...) Archangelski: Aus dem von dir beschriebenen Mythos des 'Krieges als Religion' ergeben sich meiner Meinung nach zwei weitere wichtige Denkmuster: einerseits der Mythos, der uns zu Sowjetzeiten eingetrichtert wurde und der jetzt wiederkehrt - dass die UdSSR den F
aschismus ganz allein besiegt habe (vor allem ohne Großbritannien und die USA). Was dem heutigen Russland und seiner Bevölkerung quasi das absolute moralische Recht für die Zukunft verleiht: 'Wir haben das Böse in der Welt besiegt, darum steht die ganze Welt für immer in unserer Schuld. Also dürfen wir alles.' Wohlgemerkt fehlt diesem 'Wir' der elementare Anstand allein schon dem früheren 'Wir' gegenüber, zu dem ja auch die Bürger der anderen Sowjetrepubliken gehörten. Und das zweite Denkmuster betrifft, was genau 'wir' als 'Unseres' betrachten: 'Uns gehört alles, wo wir
jemals Blut vergossen haben' (und wir haben fast schon überall gekämpft). Wie der Dichter Boris Sluzki schrieb: 'In fünf Nachbarländern liegen unsere Leichen verscharrt.' Das entspricht Putins Formel: 'Russland hat kein Ende.' Die Verluste in den zahlreichen Kriegen über mehrere Jahrhunderte - enorme, unnötige und, wie die Geschichte oft gezeigt hat, sinnlose Opfer - werden jetzt zu einem blutigen, symbolischen Kapital des Putin-Regimes. Je mehr Tote, desto größere das moralisches
Recht auf neue Eroberungen! Es ist zynisch, funktioniert aber."