Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

572 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 58

Magazinrundschau vom 27.02.2024 - Elet es Irodalom

In einem Werkstattgespräch der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom und des Buchladens Írók Boltja spricht die Übersetzerin und Autorin Lídia Nádori (u.a. überträgt sie Hertha Müller und Terézia Mora ins Ungarische) über die Notwendigkeit eines Kontrolllektors bei literarischen Übersetzungen. "Natürlich soll der Übersetzer allein und einsam arbeiten, es gibt keinen anderen Weg. Das heißt aber nicht, dass man keinen Partner braucht, der den Text mit einem guten Auge durchschaut. Darüber gibt es zwar geteilte Meinungen, aber es gibt eben auch die Realität. Einige Verlage senken die Kosten für die Herstellung von Büchern so stark, dass sie nur noch selten einen Korrekturleser beschäftigen, der die Ursprungssprache gut kennt und das Original mit der Übersetzung vergleichen kann. Man muss auch sehen, dass in der Verlagswelt die Lektoren meist nur Englisch sprechen, und das ist zumindest problematisch. Inzwischen bin ich auch der Meinung, dass ein guter Lektor ein Auge für Übersetzungsfehler haben sollte, auch wenn er oder sie die Originalsprache nicht versteht. Ich stimme also absolut der Ansicht zu, dass ein Kontrolllektor benötigt wird."
Stichwörter: Nadori, Lidia, Übersetzungen

Magazinrundschau vom 20.02.2024 - Elet es Irodalom

Der Philosoph András Kardos sieht durchaus selbstkritisch die Mitverantwortung der Intellektuellen für die Orban-Regierung durch ihren Verrat an den Werten der Wende. "Die einzige Theorie, die einen echten Versuch darstellt, diesen verbrecherischen Staat, den Mafia-Staat, ja die gesamte postkommunistische Welt umfassend im Sinne der Freiheit und der liberalen Werte zu verstehen, ist die von Bálint Magyar, der zusammen mit Bálint Madlovics versucht hat, die Schande der Intellektuellen zumindest etwas zu lindern: Durch sie wissen wir genau, was aus der Wende geworden ist, und ich füge hinzu, dass die Intelligenz, zwar nicht nur in unserem Land, aber vor allem hier, eine große Verantwortung dafür trägt, dass sie nicht einmal zu verstehen wagte, 'warum wir es zugelassen haben'. Die konkurrierenden Systemtheorien, von der illiberalen Demokratie, dem hybriden System über die Wahlautokratie bis hin zum faschistischen Mutanten, sind allesamt gescheiterte Versuche, die Orbán-Diktatur zu verstehen. Und unter diesen Theorien gibt es zwar einige mutige, wenn auch falsche Theorien, (...) aber die meisten Konzepte sind leider im Geiste der Legitimierung der Diktatur geboren. Hinzu kam der apokalyptische Antikapitalismus der Linken, vor allem der von Miklós Tamás Gáspár, der natürlich die Diktatur nicht legitimierte, aber die linke Kritik ohne wirkliche Alternative oder Erklärung ließ."
Stichwörter: Ungarn, Kardos, Andras, Mafia

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - Elet es Irodalom

Der in Los Angeles lebende Regisseur und Drehbuchautor Gyula Gazdag betrachtet sich außerhalb der gegenwärtigen ungarischen Filmindustrie und spricht  darüber, wie er Kontakt zu Filmemachern in der Region hält: "Ich habe Kontakte, und zwar nicht nur zu Ungarn. Ich sehe mir gerade zum zweiten Mal den zweiten Schnitt des ersten Spielfilms eines albanischen Regisseurs aus dem Kosovo an. Ich arbeite auch mit vielen Filmemachern in der Region zusammen, und es gibt einige, die mir regelmäßig ihre Arbeiten in verschiedenen Stadien des Filmprozesses zeigen. Darunter gibt es auch manche Ungarn. Das ist wichtig für mich, denn ich interessiere mich dafür, wie verschiedene Generationen über die Welt denken und welche Art von Filmen sie machen wollen, was jedoch nicht stammes- oder nationenspezifisch ist. Ich treffe junge Filmemacher und ihre Arbeiten an vielen Orten, und darunter sind freilich auch Ungarn. Was ich jedenfalls sehe ist, dass heutzutage ein talentierter Filmemacher in Ungarn zu sein, gleichbedeutend mit einem an die Unmöglichkeit grenzenden schwierigen Leben ist."

Magazinrundschau vom 06.02.2024 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller und Dramaturg László Garaczi spricht unter anderem über mögliche langfristige Auswirkungen von COVID-19, sowie über Stimmenvielfalt in der ungarischen Öffentlichkeit: "COVID ist in die Reihe von schlimmen Krisen eingetreten: Bankenkrise, Flüchtlingskrise, COVID, Ukraine. Krisen hat es immer gegeben: 1956, drei Monate nach meiner Geburt, gab es eine ernste Krise in Ungarn, dann Vietnam, wirtschaftliche Zusammenbrüche, linker Terror, Afghanistan (der Sowjets), die Wende und so weiter, aber jetzt ist es wie ein Konglomerat verschiedener Arten von Krisen. (…) Nun, der Wangenkuss ist (durch COVID) vorbei. Wir wissen nicht, inwieweit sich dies auf die Geschichte auswirken wird, ob es eine Zivilisationskrise auslösen wird. Aber was mir wirklich wichtig ist, dass COVID zu Kooperationen geführt hat, die vorher undenkbar waren, zum Beispiel zum Informationsaustausch zwischen rivalisierenden Pharmaunternehmen während der Impfstoffproduktion. Dies ist eine gute Konsequenz, auf die wir bauen könnten. (...) Die meisten Stimmen der Gegenwart zeichnen ein sehr düsteres Bild von der Gegenwart und der Zukunft der Welt. Aber ich denke manchmal, wie Cărtărescu, dass wir den Menschen nicht ständig Angst vor der Apokalypse machen sollten. Ich zeige gerne eine Sichtweise, die nicht so typisch für das Denken in der ungarischen Öffentlichkeit ist, dass es nicht unbedingt das Ende von allem ist."
Stichwörter: Garaczi, Laszlo, Covid-19, Ungarn

Magazinrundschau vom 30.01.2024 - Elet es Irodalom

Eher skeptisch sieht der Publizist István Váncsa die Verabschiedung des European Media Freedom Act durch die EU zum Schutz der Pressefreiheit, von Journalisten und ihren Quellen (mehr hier): "Zweifeln am guten Willen der EU soll man nicht, das Problem ist allerdings, dass unsere apostolische Regierung sich nicht durch schöne Worte, Vogelgezwitscher oder wilde Blumen stoppen lässt. Die EU ist jedoch unermüdlich in ihren Bemühungen, und probiert es weiter, sei es nur, weil sie im Moment keine bessere Idee hat, und wer weiß, eines Tages, in einer fernen Zukunft, die unserer Gegenwart in keiner Weise ähneln wird, könnte sie sogar Erfolg haben." Oder auch nicht, "laut Freedom House ist Ungarn bereits schlechter dran als Albanien, und die Tatsache, dass Ungarn der einzige EU-Mitgliedstaat ist, in der die Presse nur 'teilweise frei' ist, ist ein weiteres Indiz dafür. Im Moment. Wahrscheinlich wird es später nicht mal mehr 'teilweise frei' sein, und längerfristig gesehen ist die Grenze nicht der Himmel, sondern der Boden der Hölle."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - Elet es Irodalom

Der Publizist János Széky denkt über die Verantwortung der Demokraten in einer Demokratie nach und über das Fehlen von Demokraten in Ungarn. Die Antwort auf die Frage, warum die Ungarn eine Aushöhlung ihrer Demokratie durch Orban zugelassen haben, "liegt meines Erachtens darin, dass uns die Instrumente fehlten und fehlen, um Schurkerei, Verrat und politische Verleumdung zu erkennen. Ein zu großer Teil der politischen Öffentlichkeit weiß nicht, wie eine Demokratie aussieht, also kann es keine Demokratie geben. Abstrakter ausgedrückt: Timothy Snyders Buch über Tyrannei zeigt den Irrglauben auf, dass die Institutionen der Freiheit sich automatisch selbst verteidigen, sowie das falsche Vertrauen, dass die Kräfte, die die Freiheit beseitigen wollen, sich an die Spielregeln halten. Mitnichten! Die Institutionen der Freiheit, wie freie und faire Wahlen, Gewaltenteilung, eine freie Presse und die Organisation der Zivilgesellschaft, müssen mit ständiger Anstrengung, Wachsamkeit und Bewusstsein verteidigt werden. Von diesem Bewusstsein und dieser Anstrengung ist in Ungarn wenig zu spüren. Vielleicht schwächt der Durchbruch von allerlei Populismen zusammen mit der Entwicklung der Informationstechnologie die Position der Freiheit in der ganzen Welt auf fatale Weise. Aber 'wir Ungarn', um die vom ersten Mann des Landes so geliebte Wortbildung zu verwenden, geben bereits ein Beispiel."

Magazinrundschau vom 09.01.2024 - Elet es Irodalom

Die Nachdichtungen Franz Fühmanns von ungarischer Poesie ins Deutsche gelten in vielen Fällen als die am besten geglückten Lyrikübersetzungen. Doch liegen sie inzwischen teilweise mehr als 50 Jahre zurück und damit stellt sich die Frage nach Neuübersetzungen und veränderten Zusammenstellungen. So beschäftigt sich der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Gábor Schrein mit der neuen deutschen Übersetzung der ungarischen Dichterin Ágnes Nemes Nagy zu ihrem 100. Geburtstag ("Mein Hirn ein See") durch Orsolya Kalász und Christian Filips: "Die Grundfrage für Orsolya Kalász und Christian Filips muss gewesen sein, was es braucht, um die Poesie von Ágnes Nagy Nemes aus dem respektablen Schweigen, das am Rande der Anerkennung liegt, herauszuholen. Ihre Antwort ist eindeutig und klar. Sie sahen die Übersetzungsmöglichkeiten als eine Quelle der Freiheit. Sie fühlten sich der Rezeption von Nagy Nemes in Ungarn in keiner Weise verpflichtet und wollten daher nicht auf Deutsch darstellen, wie Nagy Nemes heute von der ungarischen literarischen Öffentlichkeit verstanden wird, was keineswegs eine naheliegende Entscheidung ist (…). Orsolya Kalász und Christian Filips haben also nicht nur versucht, die einzelnen Gedichte im Kontext der zeitgenössischen poetischen Situation neu zu interpretieren, sondern auch die Lyrik von Nemes Nagy als kulturelles Phänomen neu zu interpretieren. Das bedeutet auch, dass ihre Perspektive nicht die von Franz Fühmann angesprochene, in ihrer konkreten Ausprägung schwer fassbare Universalität der Weltpoesie einschließt und dass in ihrer Übersetzungspraxis die Balance zwischen Original- und Rezeptionssprache zugunsten der letzteren verschoben wird. Sie verstanden die Praxis der Nachdichtung radikaler als Fühmann, und in dieser Hinsicht erweisen sie sich als seine Nachfolger."

Magazinrundschau vom 19.12.2023 - Elet es Irodalom

Bei der diesjährigen Verleihung des Europäischen Filmpreises in Berlin wurde der Regisseur Béla Tarr mit dem Ehrenpreis des EFA ausgezeichnet. Auch seine Rede war eine der besten auf dieser Veranstaltung, lobt der Kritiker György Báron: "Tarr war der Einzige auf dieser Messe der Eitelkeiten, der ernsthaft sprach, und das gab der leichtgewichtigen Gala unerwartetes Gewicht und Bedeutung. Zunächst sprach er darüber, warum zum Teufel man Filme macht, und dann, damit zusammenhängend, welchen Rat er jungen Menschen gibt: Sei du selbst, finde deinen eigenen Weg. Das sei das Einzige, was zähle, nicht das Geld, schließlich könne man auch mit dem Handy drehen, auf dem Heimcomputer schneiden und die Zuschauer im Internet erreichen. "Scheiß auf die Industrie", sagte er auf einer Veranstaltung, bei der es naturgemäß mehr um Industrie und ums Geschäft als um Kunst ging. In der heutigen Krise erinnerte er die Zuschauer in ihren schwarzen Krawatten und kleinen und großen Schwarzen daran, worum es beim Film geht und was zu verblassen scheint: dass er einst Kunst war und nicht verschwinden darf. Seid frei! - beendete er seine Rede über die Verantwortung der Schreiber, gefolgt von einer stehenden Ovation, die noch länger war als die erste. In diesen kurzen drei Minuten spürte die sich selbst feiernde Filmgemeinde und mit ihr die seriöse, zum Teufel geschickte Branche etwas von der Größe, die sie einst angestrebt und dann auf dem roten Teppich zurückgelassen hatte."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - Elet es Irodalom

Die aus Siebenbürgen stammende Dramaturgin und Dichterin Ágnes Kali spricht im Interview mit Nikolett Antal u.a. über Wege, die klassische Rolle des Theaters aufzubrechen. "Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass ein Kulturschaffender daran arbeitet, in die kulturelle Elite hineinzukommen, oder aber, wenn man schon drin ist, aus Elite herauskommen will. Ich befinde mich in einem Ausstiegskampf, und das schon seit drei Jahren. Es liegt nicht daran, dass ich die Menschen nicht mag oder die Leute, mit denen ich zusammenarbeite oder die Art von Aufführungen, die wir machen. Es ist das System, mit dem ich ein Problem habe und das ich in Frage stelle (...) Ich frage mich oft, was eine Aufführung einem geben kann, außer sich an einem Samstagabend fein zu machen, eine Karte für zwanzig Euro zu kaufen, sich hinzusetzen und die Aufführung zu sehen. Es ist eine schöne Zeit und stärkt unsere eigene intellektuelle Position. Aber dann gehen wir genauso nach Hause und es passiert nichts. Ich denke, das ist immer noch ein passiver Zustand. Die Aha-Erlebnisse und -Momente erfordern auch eine passive Zuschauerposition. Aber als Kulturschaffende habe ich ständig das Gefühl, dass wir etwas gegen diese Passivität tun müssten."

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - Elet es Irodalom

Vor zwei Wochen wurde an der Budapester Corvinus Universität ein Hochschullehrer fristlos entlassen, weil er in einem Prüfungsfall eine ethische Untersuchung forderte. In besagtem Fall wurde einem Kind eines regierungsnahen Geschäftsmannes eine unbeaufsichtigte Prüfung abgenommen, bei der der Kandidat die Prüfung bestand. Die Budapester Corvinus Universität war die erste Universität, die von der gegenwärtigen Regierung in eine Stiftungsuniversität umgewandelt und dessen Kuratorium mit Regierungsvertretern und regierungsnahen Oligarchen aufgefüllt wurde. Zwar gab es Proteste seitens einiger Studenten und Dozenten gegen die Entlassung, sowie gegen die Prüfungspraktiken, die aber ohne jegliche Konsequenzen verhallt sind. Der Rechtssoziologe Zoltán Fleck erklärt, wie es zu diesem Erodieren der Werte an Universitäten kam: "Nur der totale Rückzug aus allen Wertentscheidungen, Weltanschauungen und aus der Verantwortung führt zum Verderben der ursprünglichen und heute noch wesentlichen Aufgabe der Universität. Es sind nicht die Wertediskussionen in den Klassenzimmern, die heutzutage das Problem darstellen, sondern eine alltäglich spürbare gravierende intellektuelle Demotivation sowie die Gleichgültigkeit gegenüber Werten. Die Erziehung zu einem bewussten und verantwortungsvollen Staatsbürger, die Stärkung demokratischer Attitüde und die Verbindung mit der Welt zersplittern das sklerotische Skelett der heutigen Universität. Ein furchtloses, kritisches Verständnis von Werten, der Erwerb des für eine professionelle und verantwortungsbewusste Meinungsbildung erforderlichen Wissens und ein Bewusstsein für die Bedeutung dieser Prozesse für das Leben und das Wohlergehen menschlicher Gemeinschaften - das ist es, was Hochschullehrer (auch) fördern sollten. Dies kann sicherlich nicht an Orten geschehen, an denen Möglichkeiten für moralisches Verhalten eliminiert und durch Angst ersetzt werden."