Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 31.03.2020 - Elet es Irodalom

Das ungarische Parlament hat mit der Mehrheit der Regierungspartei Fidesz eine Notstandsermächtigung erlassen, die es Viktor Orban erlaubt, auf unbestimmte Zeit per Dekret zu regieren. Das Parlament hat sich damit selbst seiner Kontroll- und gesetzgebenden Funktionen entbunden. Die Regierungspartei verfügt im Parlament seit der dritten Legislaturperiode über eine Zweidrittelmehrheit. Auch die während der Flüchtlingskrise 2015 verabschiedete "Migrations-Notstandsregelung" ist bis zum heutigen Tage in Kraft. Das Verfassungsgericht wurde in seiner Kontrollfunktion stark eingeschränkt. Somit ist die Funktion des neuen Notstandsgesetzes, das in der Öffentlichkeit als "Ermächtigungsgesetz" bezeichnet wird, selbst in der gegenwärtigen Pandemie-Krise unklar, denn der Regierung stehen bereits alle ansonsten unüblichen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die gesetzliche Beschränkungen und Kontrollmöglichkeiten von Parlament und Justiz wurden in den vergangenen Jahren konsequent abgebaut. In den Zeitschriften Élet és Irodalom und 168 óra bewerten der Soziologe Márton Kozák und der Kritiker Győző Mátyás die Situation in ihrer Tendenz ähnlich. "Im gesetzgebenden Schwung der Regierung will ich kein Hindernis, sondern Motor sein - sagte vor seiner Wahl Pál Schmidt, der 2012 wegen Plagiats zurückgetretene Staatspräsident", schreibt Marton Kozak. "Und das wurde er auch. Die jetzige Nationalversammlung unterscheidet sich vom ehemaligen Staatspräsidenten nur dadurch, dass die in den letzten zehn Jahre funktionslos gewordene Institution weder Hindernis noch Motor sein möchte - eigentlich will sie gar nicht sein. (...) Mit dem Ermächtigungsgesetz gibt die parlamentarische Mehrheit einem Pyromanen einen Flammenwerfer in die Hand. Dafür wurde sie Kopf für Kopf von Orbán ausgesucht."

Magazinrundschau vom 17.03.2020 - Elet es Irodalom

In der Debatte um das neugegründete staatliche Stipendium für Schriftsteller der mittleren Generation, benannt nach dem kürzlich verstorbenen János Térey, scheint kein Konsens auf. Erneute Kontroversen löste eine Äußerung des Direktors des Petőfi Literaturmuseums aus, der gleichzeitig Initiator des Stipendiums ist: Seiner Meinung nach kann ein Schriftsteller, der übersetzt wird und im westlichen Ausland erfolgreich ist, kein ungarischer Schriftsteller seien. Einigkeit herrscht dagegen in der Beurteilung des Lebenswerks Téreys, worauf der Bibliothekwissenschaftler und Lyriker János Márton (Universität Szeged) hinweist. "Das Lebenswerk des Literaten János Térey ist unantastbar, es gehört uns allen. Man muss allerdings hinzufügen: wer sich heutzutage im kulturpolitischen Sumpf verirrt, der wird heruntergezogen."

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Elet es Irodalom

Das neugegründete staatliche Térey-Stipendium für Schriftsteller der mittleren Generation ist weiterhin Gegenstand heftiger Debatten. Der Schriftsteller Gábor Schein nimmt nun erneut Stellung und präzisiert seine frühere Aussage, warum die Situation für jene schaden kann, die aus unterschiedlichen persönlichen Gründen das Stipendium annahmen. "Zuerst möchte ich erneut betonen, dass für die Annahme des Stipendiums jeder seine eigene Begründung und Überlegung haben kann, welche ich moralisch nicht beurteile. Selbstverständlich möchte ich genauso wenig, dass sich meine Sorgen bewahrheiten. Das Stipendium ... bringt die Stipendiaten zwangsweise immer dann in eine schwierige Situation, wenn sie in den kommenden zwei oder mehreren Jahren etwas hören, was auch für sie inakzeptabel ist.  Es kann auch Freunde eines Schriftstellers in eine schwierige Situation bringen, die noch nicht wissen, ob sie ihr Verständnis für die Annahme des Stipendiums aufrechterhalten können. Doch was schwer ist, ist nicht unmöglich. … Sicherlich verstehe ich auch die Ironie der Debatte. Ein schlechterer Schriftsteller wird durch das Stipendium wohl niemand werden. Aber ein besserer vielleicht. Denn hat die Ästhetik eine Moral? Und wenn ja, wer wird sagen, was sie ist und wie sie existiert? Wir sollen aufregend leben! Arbeiten!"
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Magazinrundschau vom 25.02.2020 - Elet es Irodalom

Nach den jüngsten Äußerungen des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán - "Es gibt keine Liberalen! Der Liberale ist ein Kommunist mit Uniabschluss" - und seinem Memorandum an die Mitglieder der Europäischen Volkspartei (EVP) über eine Richtungsdiskussion und die Öffnung der Partei nach rechts, fragt sich der Publizist János Széky, warum die Institutionen der EU sowie der EVP die Äußerungen Orbáns nicht als offenen Angriff auf die politische Ordnung der EU betrachten. "Viktor Orbán unterstützt jeden, der antiliberal ist. Er sagt vollkommen offen, dass sein Ziel die Auflösung der liberalen Demokratie in der Europäischen Union sei. Er setzt 'Liberale' mit Kommunisten und postmodernen Linken gleich (...). Es lohnt sich sein Memorandum an die Vorsitzenden der EVP zu lesen, in dem diese beschimpft werden, weil sie zur 'liberalen, grünen, sozialistischen' linken Seite abdrifteten. (…) Eine interessantere Frage bleibt, warum Brüssel oder die EVP auf die frontalen Angriffe nicht reagieren, als sei die liberale Demokratie kein zentraler Grundpfeiler der europäischen politischen Ordnung. Und wenn sich angesehene und führende Politiker nicht die Mühe machen, warum sollen wir liberale Schreiberlinge uns sorgen?"

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Elet es Irodalom

Die Literaturkritikerin und Schriftstellerin Eszter Babarczy nimmt ebenfalls an der Debatte um den neu gestifteten Literaturpreis für Schriftsteller der mittleren Generation teil, der nach dem kürzlich verstorbenen Lyriker János Térey benannt wurde (unser Resümee). Babarczy antwortet hier auf den Beitrag von Ferenc Szijj vor zwei Wochen, wobei die kontroverse Debatte durch die Tatsache getreu widerspiegelt wird, dass Szijj und Babarczy miteinander verheiratet sind. "Die Frage ist für mich, ob wir in einem Land leben (in dem es ein Térey-Stipendium gibt) oder in zwei unversöhnlichen Ländern. Der Boykott des Preises suggeriert, dass wir in zwei Ländern leben sollen: wir sollen keine gemeinsamen Institutionen haben, wir sollen überhaupt nichts Gemeinsames mit den Unterstützern der gegenwärtigen politischen Macht haben, weil sie aus diesen und jenen Gründen inakzeptabel sind. (...) Hinter der Vorstellung von den zwei Ländern verbirgt sich die Annahme, dass wir eines Tages in einem sauberen Land unsere Institutionen wieder aufbauen können, wenn auch das literarische Wort sauber sein wird und abgetrennt von jeglicher politischer Sympathie. Doch so ein sauberes Land wird es wohl kaum geben. Wir haben diese Demokratie und müssen das Beste daraus machen (...) Kann ein ungarischer Schriftsteller durch ein staatliches Stipendium beschmutzt werden? Ich denke, dass wir darauf nur dann mit 'Ja' antworten können, wenn wir an die Theorie von den zwei Ländern glauben, was allerdings nicht haltbar ist. Es gibt keine zwei Länder: wir müssen auch mit denen zusammenleben, mit denen wir nicht in allen Punkten oder gar in nichts übereinstimmen."

Magazinrundschau vom 11.02.2020 - Elet es Irodalom

Der Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gábor Schein verortet das neue staatliche Stipendium (mehr hier) für Schriftsteller der mittleren Generation (zwischen 35 und 65 Jahren), benannt nach dem kürzlich verstorbenen János Térey, in der jüngeren Geschichte der staatlichen Literaturpreise in Ungarn seit 1945 und konstatiert, dass sich der Literaturbetrieb vom Staat emanzipieren sollte. "Die ganze Geschichte zeigt haarscharf, wie groß die Misere der ungarischen Literatur ist. Unabhängig von den individuellen Entscheidungen ist die Geschichte des Térey-Preises ein erneuter Beweis dafür, dass sich die Literatur vom System der staatlichen Preise, das nach 1945 entstand und sich nach 1956 gänzlich entfaltete, loslösen muss. Daneben ist es nicht minder wichtig, dass die Erinnerung an das Lebenswerk von János Térey nicht von dem von ihm initiierten und nach ihm benannten, jedoch in seinen Ursprüngen falschen Preis sowie von Téreys Irrtum überschattet wird. Mit den strukturellen Gründen seines Irrtums müssen wir uns noch viel beschäftigen."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Elet es Irodalom

Vergangene Woche wurde die Etablierung eines staatlichen Literaturstipendiums für Schriftsteller der mittleren Generation (zwischen 35 und 65 Jahren), samt einer Liste von dreißig plus 15 Stipendiaten verkündet, die von den unterschiedlichen Schriftstellerorganisationen zwischen Weihnachten und Neujahr nicht öffentlich nominiert worden waren. Das Stipendium wird aus dem Budget des Petőfi Literaturmuseums (PIM) unter der Leitung von Szilárd Demeter finanziert und trägt den Namen des kürzlich verstorbenen Schriftstellers und Dichters János Térey. Ein Stipendiat soll für fünf Jahre etwa 1000 Euro monatlich erhalten. In der ersten Woche haben fünf der Nominierten unter anderem aufgrund der unklaren Vergabekriterien das Stipendium zurückgewiesen. Einige Kritiker, wie der Schriftsteller Gergely Péterfy sprachen einer Ausbezahlstelle für politische Günstlinge. Andererseits gibt es Schriftsteller und Dichter mit beachtlichen Werken, wie etwa István Kemény, Attila Bartis oder Dániel Varró, die das Stipendium schweigend annahmen. In der heftigen Debatte um dieses Stipendium meldet sich jetzt der Lyriker Ferenc Szíjj zu Wort, der seine Nominierung abgelehnt hat: "Es soll dreißig Stipendiaten geben, sie sollen fast genauso viel Geld bekommen, wie die Mitglieder der Digitalen Literaturakademie, sie sollen das Geld für fünf Jahre erhalten, in dieser Zeit werden sie die Nation mit vielen Werken beschenken. Wie die Dreißig ausgewählt werden sollen, ist für einen Direktor kein wirkliches Problem, es sollen sowohl von hier als auch von drüben welche dabei sein, aber von hier sollen es halt mehr sein, das ist ja natürlich. (…) Ich lese weiterhin, dass einige meiner Freunde unter den Stipendiaten sind - ich verdamme sie nicht, ich denke, dass jeder Einzelne seine Gründe hat. Es gibt einige, von denen ich weiß, dass dieses Stipendium ihr Leben retten wird. Doch ich bin der festen Ansicht, dass dieses Stipendium so, wie es verwirklicht wurde, der perfideste Zug der gegenwärtigen Literaturpolitik war. Und ich habe keinen Zweifel, dass weitere perfide Züge folgen werden."

Magazinrundschau vom 28.01.2020 - Elet es Irodalom

Die dem neuen nationalen Curriculum Ungarns zugrunde liegenden Geschichtsnarrative, die von pseudowissenschaftlichen Institutionen der gegenwärtigen Regierung erarbeitet wurden, beruhen zum großen Teil auf historischen Unwahrheiten, und genau deshalb sind sie zum Scheitern verurteilt, meint der Historiker Krisztián Ungváry. "Was die 'hochgezogene Leiter' betrifft: Minister, Staatssekretäre und Institutsleiter können von heute auf morgen ernannt werden, unabhängig davon, ob sie über Abschlüsse verfügen oder nicht und wenn sie welche haben, wie diese aussehen. Aber bei Künstlern und bei Wissenschaftlern geht das nicht. Sie werden durch ihr Talent und durch ihre langjährige, ausdauernde Arbeit zu dem, was sie sind. Und wenn jemand mit überschaubaren Fähigkeiten die Welt erblickte oder faul ist, dann kann er vom Land sein oder aus der Stadt kommen - es hilft keine Leiter. Früher wussten die Entscheidungsträger dies. Ihre Nachfolger scheinen dieses Axiom aber wohl vergessen zu haben. Wir können Milliarden ausgeben für systemkompatible 'wissenschaftliche' Institutionen und Akademien, künstlerische Auszeichnungen und Preise vergeben, doch diese werden genau so auf dem Müllhaufen der Geschichte landen wie die propagandistische Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung vor 1990. Ich bin mir sicher, dass wir darauf nicht so lange warten müssen wie auf das Ende der kommunistischen Diktatur."
Stichwörter: Ungvary, Krisztian, Ungarn

Magazinrundschau vom 21.01.2020 - Elet es Irodalom

Der aus der Slowakei stammende ungarische Schriftsteller und Dichter Gábor Kálmán veröffentlichte vor kurzem seinen dritten Roman ("Das schöne Leben des Kornél Janega"). Im Interview mit Péter Hományi  beschreibt er den Schreibprozess bei Prosa als eher negative Erfahrung. "Jeder Schreibprozess ist eine Art Loslassen, Auf- und Erlösung. Obschon das nicht auf das Schreiben von Prosa passt. Es kann - für mich jedenfalls - keine Erlösung bringen, und ich mag es nicht, Prosa zu schreiben. Da sitzt du allein. Die Zeit vergeht. Du schaust auf den Monitor. Nichts passiert. Du löscht es. Ein durchschnittlicher Tag. Ich habe in meinem Leben mehr Text gelöscht als ich am Ende behielt. Schreiben ist für mich daher Leiden. Ich kann mich darin nicht wohlfühlen, und damit ich Prosa schreiben kann, muss ich sehr tief fallen und mich auch während dessen und danach schlecht fühlen. Während des Prosaschreibens musst du mit dir selbst arbeiten, und dich selbst nach Möglichkeit besiegen. Es geht darum, dass du erzählst, was du eigentlich nicht sagen möchtest."

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Elet es Irodalom

Der junge Schauspieler-Regisseur Péter Valcz erklärt im Gespräch mit Maja Varga, welche Bedeutung Greta Thunberg für das Gegenwartstheater hat: "Vonnegut sagt, dass es nicht stimmt, dass das Gute nicht über das Böse siegen könne, nur müssten sich die Engel organisieren wie die Mafia. Greta Thunberg hat mit der Organisation begonnen und wir werden mit wunderbar provokativen Fragen konfrontiert, die lauten: Warum Wissenschaft, wenn man ihr nicht glaubt? Was treibt Politiker an? Gibt es wahre Selbstbestimmung? (...) Ob sich Theaterschaffende damit beschäftigen müssen? Selbstverständlich. Genau das ist ja mein Problem, dass ein Theaterabend vergehen kann, ohne dass etwas (mit mir) passiert. Bewegungen entstehen, weil es gesellschaftlichen Bedarf dafür gibt. Greta Thunberg ist ein Katalysator. Eine gute Inszenierung trifft beim Zuschauer genau so einen Punkt, der dann eine ernsthafte Reaktion auslöst. Sicherlich gibt es erklärendes, beruhigendes, zum Lachen bringendes Theater, doch es wäre sehr wichtig, dass das Theater erneut Kontakt zu den Menschen aufnimmt, denn der Elitismus ist langweilig."