Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Elet es Irodalom

Der Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler László F. Földényi leitete bis Ende Februar den Lehrstuhl für Kunsttheorie an der Universität für Theater- und Filmkünste (SZFE). Mit Ende Februar kündigte er seine Stelle mit weiteren 25 Hochschullehrern aufgrund der vor sechs Monaten von der Regierung verordneten Umwandlung der SZFE in eine regierungsnahe Stiftungsuniversität (mehr dazu hier). Földényi nimmt nun auf den Seiten von Élet és Irodalom Abschied von der SZFE. "Die Zerschlagung der SZFE und das Einverleiben der Ruinen ist ein trauriges Kapitel in der ungarischen Theatergeschichte. Doch ist es lediglich ein Baustein in einem System, das auch in anderen Bereichen systematisch zerstört. Sei es den Denkmalschutz, die Landwirtschaft, Umweltschutz, den Plattensee, das Bau- oder das Gesundheitswesen, das Netzwerk der öffentlichen Kulturinstitutionen, die Selbstverwaltungen, das Vereinswesen, den sozialen Schutz, die CEU, das Bildungswesen, die Kirchenförderung - die Reihe kann beliebig fortgesetzt werden. Überall passiert, was an der SZFE geschah. Nach der Logik: 'Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns' hält die gegenwärtige Regierung Zerstörung für Aufbau. Und schlägt erbarmungslos dort zu, wo es noch eine Lücke aufspürt. Es gibt keinen Kompromiss, keine Verhandlungsbereitschaft, keine Flexibilität. Es gibt nur alles oder nichts."

Magazinrundschau vom 23.02.2021 - Elet es Irodalom

Im Interview mit László J Győri spricht der Schriftsteller László Krasznahorkai über seinen neuen Roman mit dem Titel "Herscht 07769", der in einer Siedlung in Thüringen spielt und in dem der Bach-Kult auf Neonazis trifft. Bei knapp 440 Seiten besteht der Roman - nicht untypisch für Krasznahorkai - aus einem einzigen Satz, "jedoch nicht im herkömmlichen Sinne, wie auch in meinen früheren Büchern folgte ich nicht der Schreibweise, die üblichweise für einen Satz gilt. In meinen Romanen und Erzählungen verwende ich Schreibweisen, die keine Rücksicht nehmen auf die Tradition der letzten paar hundert Jahre. Der Grund dafür ist, dass ich mich nicht verpflichtet fühle, einen Filter zu verwenden oder die auf mich einströmenden Monologe in irgendeine disziplinierende Form zu zwingen. Die strömenden Dinge und die Gespräche der Personen erreichen mich mit einer überwältigenden Kraft, wer bin ich denn, dass ich diesen unüberwindbaren Kräfte Hindernisse entgegenstelle? Ich schreibe die Monologe genauso auf, wie diese in mein Gehirn donnern, ich schneide sie nicht in kleine, nette Teilchen. Habe ich zu viele Kommata und nur einen Punkt? Nun, ich denke, dass man sich an meine Kommata gewöhnen kann, so wie man sich an das Atmen gewöhnen kann, das die lebendige Kraft der aufrechterhaltenden Mitteilung nicht anhalten und erträglicher machen will, sondern eben aufrechterhalten und schwungvoll weiterleiten. Die Musik von Bach ist ebenfalls sehr komplex, doch wir hören sie uns an, ohne sie an den Taktgrenzen anzuhalten, nur weil wir so die Zeit hätten zu überdenken, wo wir uns eigentlich befinden."

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - Elet es Irodalom

Der ehemalige Kriegsberichterstatter und Schriftsteller Sándor Jászberényi, der heute in Kairo lebt und arbeitet, veröffentlichte im vergangenen Jahr seinen dritten Erzählband mit dem Titel "Rabenkönig" (Varjúkirály). Im Interview mit Csaba Károlyi erzählt er vom Leben als Schriftsteller in einer fremdsprachigen Umgebung. "Wenn deine muttersprachliche Umgebung fehlt, wird deine Sprache automatisch sakral. Auf Englisch könnte ich Prosa schreiben, trotzdem habe ich Übersetzer. Es geht einfach darum, dass ich Ungar bin und je weniger ungarische Einflüsse mich erreichen, umso mehr nimmt dieser Zustand zu. Ich teile hier die Ansicht von (Noam) Chomsky: mit einer Sprache lernst du eine komplette Nation. Ungarisch ist meine Muttersprache und weil ich nicht bilingual bin, bleibt mir die ungarische Sprache heilig und intim. Auf einem ungarischen Markt inspiriert mich die Sprache kaum, aber hier hier in Kairo zum Beispiel bildet meine Sprache eine Art Enklave, als würde ich an Gott schreiben, wenn ich auf Ungarisch schreibe."
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Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Elet es Irodalom

Im vornehmen Budapester 12. Bezirk steht ein Mahnmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs in Gestalt eines sogenannten Turulvogels. Das Mahnmal war wiederholt Gegenstand kontroverser Debatten, weil der Turulvogel als Symbol u.a. von den ungarischen Nazis verwendet wurde, weil das Mahnmal ohne Genehmigungen errichtet wurde und auch, weil bei den Namen der aufgeführten Bezirksbewohnern mehrere Täter aufgeführt werden, die an Massenmorden an Juden beteiligt und später von den Sowjets hingerichtet wurden (So auch der Großvater eines prominenten Politikers der Regierungspartei Fidesz.). Ein in der vergangenen Woche präsentierter Dokumentarfilm des Regisseuren Dániel Ács mit dem Titel "Das Denkmal der Mörder" (A gyilkosok emlékműve) brachte das Mahnmal erneut in den Fokus von Debatten, nachdem absurderweise verkündet worden war, dass das Mahnmal doch bleiben und lediglich als eine 'Vogel-Statue' fungieren solle. Der Historiker László Karsai fasst die Debatte aber auch die Stärken sowie Schwächen des Dokumentarfilms zusammen: "Es ist ein Eckpfeiler des ungarischen Holocaust-Gedenkens, wer die Täter waren, ob wir sie benennen, wer die Opfer waren und ob wir sie auch benennen. Auf den Weltkriegsmahnmalen werden aber 'Verfolgte' aufgeführt und nicht Juden. Auch die Täter werden nicht benannt, der Täter ist der namenslose und unpersönliche zweite Weltkrieg.  (...) Die Verwaltung des 12. Bezirks hätte auch entscheiden können, dass das Mahnmal abgebaut wird, doch in diesem 'herrschaftlichen' Bezirk wäre das politischer Selbstmord gewesen. So bleibt die Turulstatue und die erste Idee war, dass sie 'kastriert' wird, sprich, die Namen der zivilen Opfer, die Namen der Juden und die Namen ihrer Mörder entfernt werden. (...) Dann wollte man die Statue umtaufen zu einem Mahnmal für den Ersten Weltkrieg, aber auch daraus wurde nichts. Gleichzeitig möchte man aber ein neues Mahnmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs errichten. Die Frage bleibt nur: wozu?"

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - Elet es Irodalom

Der 80-jährige Schriftsteller László Végel schreibt über das Verschwinden seiner Heimat, Jugoslawien, das mit dem Aufflammen des ethnischen Populismus einherging, der sich auf dem ganzen Kontinent verbreitete. "War das 20. Jahrhundert wirklich kurz und ist es 1989 wirklich zu Ende gegangen, so wie es Historiker behaupten? Es ist sicher, dass die Wunden nicht verheilt sind, somit blieb das Jahrhundert ein Torso. Die Zeit eilt ohne uns weiter, sie ließ die Menschheit an der Straße liegen. Der Fortschritt hat uns vergessen, was weder eine humane noch eine antihumane Geste ist, wir werden einfach nicht mehr gebraucht, aus diesem Grunde ließ sie uns hilflos zurück. Aus Rache nannten wir ihn das Opium der Aufklärung. Aber was für ein Fortschritt? Die neue Utopie wurde ein konservatives Retro. Im 21. Jahrhundert stiefeln wir, die Stiefkinder Europas, zwischen abgelegenem Strauch und Gebüsch, schlendern in eine unbekannte Richtung, die nicht mehr von uns festgelegt wird."
Stichwörter: Vegel, Laszlo, Jugoslawien

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - Elet es Irodalom

Die Literaturkritikerin und Übersetzerin und ehemalige Vorsitzende der ungarischen Belletristen Anna Gács (Universität BME, Budapest) spricht im Interview mit Erika Csontos u.a. über verschiedene überlieferte und neuere Formen der Erinnerungsüberlieferung - ausgehend von den Erfahrungen beim Holocaust bis zu den heutigen sogenannten Booktubern. "Wenn wir akzeptieren, dass eine Autobiografie von anderer Natur ist als ein fiktionaler Text, dann ist es auch eine spannende Frage, was mit dem auf erlebter Erfahrung basierenden Text während und durch die Adaption geschieht. (...) Die Erzählweise von Nádas zum Beispiel ist eine Art des Zeugnisablegens, bei dem die Erzählung von jenen wenigen, die etwas erlebt haben, gleichzeitig die Wahrheit von allen ist, ist eine Art universelle Wahrheit. (...) Aber es gibt viele Arten des Zeugnisablegens", meint Cacs. Bei den Booktubern zum Beispiel, "jungen Menschen am Anfang ihrer zwanziger Jahren, die sich entschieden haben, dass Lesen ein identitätsstiftender Teil ihres Lebens ist und sie durch die geteilten Videos sich selbst zelebrieren, während sie sich aber mit einer virtuellen Gemeinschaft im Internet verbinden. Sie verwenden diese Videoerzählungen mit autobiografischen Zügen dafür, dass sie vom Leserdasein Zeugnis ablegen. (...) Ob dies eine Art 'Einstiegsdroge' Richtung Eliteliteratur sei, kann bezweifelt werden. Die Booktuber beziehen Informationen grundsätzlich voneinander; mit einem Kanon haben sie nicht viel zu tun."
Stichwörter: Caceres

Magazinrundschau vom 19.01.2021 - Elet es Irodalom

Der britische Historiker Timothy Garton Ash spricht im Interview mit  Tamás Fóti u.a. über die fragwürdige Position Ungarns und Polens nach dem vermeintlich schlechten Kompromiss über den EU-Haushalt, sowie die Verantwortung Deutschlands für die Erosion der Rechtstaatlichkeit bei den östlichen Nachbarn. "Es ist inakzeptabel, dass Länder, die innerhalb der EU sind und diese nicht verlassen, die EU erpressen. Verglichen mit Britannien ist der Unterschied zum Himmel schreiend, wenn wir die sehr magere Übereinkunft betrachten, die London mit dem Brexit bekam und was Ungarn und Polen mit dem überaus vorteilhaften Kompromiss erreichten. Insbesondere ist das Verhalten Deutschlands problematisch im Hinblick darauf, dass Berlin sehr enge, überwiegend wirtschaftliche Beziehungen mit Ungarn pflegt. Ich glaube, dass dies besorgniserregend ist. Denn Deutschland, das Vorbild für Demokratie und Rechtstaatlichkeit, war nicht in der Lage für dieselbe Demokratie und Rechtstaatlichkeit bei den östlichen Nachbarn einzustehen. Dies ist die neue Version von "Mitteleuropa" - eine bedenkliche Version."

Magazinrundschau vom 12.01.2021 - Elet es Irodalom

Pál Mácsai, Direktor des Budapester Örkény Theaters, spricht in einem Interview mit Júlia Váradi u.a. über die mittel- und langfristige Auswirkungen des umstrittenen Theatergesetzes, das im vergangenen Jahr verabschiedet wurde: "Das Ziel des Gesetzes ist nicht künstlerisch sondern künstler-politisch, es geht um die ideologische und geschmackliche Vereinheitlichung der performativen Künste und somit um die Auflösung der Autonomie der Künste auf Landesebene. (…) Die Entstehung und Einführung des Gesetzes ist ein gut dokumentierter Skandal, mittlerweile ist es wichtiger, sich mit dessen Auswirkungen zu beschäftigen. Im Herbst 2020 gab es in drei wichtigen Theaterstädten Ausschreibungen für die Direktorenposten. Alle drei Städte, Pécs, Eger und Szombathely sind oppositionelle Städte. Es gab mehrere Bewerber, die ihr Talent bereits unter Beweis gestellt hatten, doch überall wurde die berechenbare Un-Veränderung gewählt, denn die Macht hatte im Sinne des neuen Gesetzes die eigentlich unabhängigen Selbstverwaltungen finanziell erpresst. Das ist die Erfahrung aus den letzten drei Monaten. Das ist das traurigste Drehbuch: die bewusste Verhinderung der Kreativität und der Erneuerung. In solchen Zeiten verfällt die Bedeutung der Theaterkünste, im besten Fall stagniert sie. Neugierige, erneuernde Künstler können nicht in Positionen gelangen. Das ist zwar kein neues Phänomen, doch das berüchtigte Gesetz meißelt dies mit seinem politischen Hammer in Stein: das ist sein Ziel und seine Wirkung."

Magazinrundschau vom 15.12.2020 - Elet es Irodalom

Die Historiker György Gábor und László Karsai kommentieren in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die unsäglichen Aussagen des Direktors des Budapester Literaturmuseums, Szilárd Demeter, der Europa als Gaskammer des liberalen "Führers" Georg Soros bezeichnet hatte (mehr dazu in der NZZ). "Opferwettbewerb relativiert alles und wirft Ereignisse zusammen, die historisch nicht zusammen gehören. Das Ziel von Demeter ist klar: Wenn es ihm gelingen würde 'uns', die national-christlichen Europäer, oder zumindest die gegenwärtig unter den Regierungen von Populisten lebenden Polen und Ungarn als machtlose Opfer der 'Liberalen' und deren 'Führer' George Soros hinzustellen, dann könnte er das Gefühl des Sieges haben. Denn das Opfer ist stets in moralischer Überlegenheit gegenüber seinem Unterdrücker und Folterer."
Stichwörter: Demeter

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - Elet es Irodalom

Der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Abgeordnete des ungarischen Parlaments Tamás Bauer verweist anlässlich des ungarischen (und polnischen) Vetos bei der Verabschiedung des EU-Haushaltes (der erstmals Auszahlungen mit der Einhaltung von Mechanismen der Rechtsstaatlichkeit verknüpft) auf essentielle Meinungsunterschiede zum Begriff der Freiheit bei der EU einerseits und des gegenwärtigen ungarischen Regimes andererseits. "Der Konflikt, der seit 2010 zwischen dem System von Orbán und der euroatlantischen Welt schwelt, geht in Wirklichkeit darum, dass die euroatlantische Welt, und darin die Europäische Union, seit dem Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung von Faschismus und Kommunismus auf Prinzipien der liberalen Demokratie aufbaut, auf Institutionen des pluralistischen Rechtsstaates sowie auf allgemein für alle geltende Grundfreiheiten. Denn die Mitglieder von in ihren Interessen und ihren Werten fragmentierten Gesellschaften können lediglich in pluralen Systemen frei sein. Dem stellt sich Orbán prinzipiell entgegen, die Vielfältigkeit der ungarischen Gesellschaft sowie den Pluralismus aus zwei Jahrzehnten andauernder Demokratie negierend. Und diesen Gegensatz kaschiert er damit, dass er versucht den Konflikt so darzustellen, dass die Union Ungarn Multikulturalismus, "Gendertheorie" und Migration aufzwingen will, die alle den Intentionen und Neigungen der Ungarn entgegen stünden (...) Für Orbán spielt das Kriterium der Existenz oder des Fehlens der Freiheit der Bürger, was die westliche Welt primär von der sowjetischen Welt unterschied, keine Rolle."