
Die Dichterin
Timea Turi denkt darüber nach, was der Wahlsieg Péter Magyars für die Ungarn bedeutet, welchen Aufgaben sie sich stellen müssen: "Wenn wir die Vorstellung aufgeben, dass sich
ein Mensch ändern kann, dann haben wir alles aufgegeben. Wenn wir glauben, dass jede Entscheidung im Berufs- oder Privatleben den anderen in unseren Augen ein für alle Mal festlegt, dann sind wir nicht einen Deut besser geworden. Niemand hat gesagt, dass es einfach sein wird. Aber man sollte es zumindest versuchen. Wie Esterházy 1993 - also nach einem anderen Systemwechsel - schrieb: 'Frei zu sein bedeutet nicht, im Urlaub zu sein, es ist keine leichte Unbedingtheit, frei zu sein ist schwer. Schwer und gut.' (…) Vor kurzem ist
Ádám Nádasdy gestorben, der nicht nur zwischen Sprachen, sondern auch zwischen verschiedenen Generationen und sozialen Schichten übersetzte. Wir, die wir dabei waren, werden seine Beerdigung nie vergessen, die würdevolle und schweigende Menschenmenge. In mehreren Trauerreden und Rückblicken wurde angesprochen: Wie schade, dass Nádasdy das Wahlergebnis nicht mehr erleben konnte. Ich empfinde diese Aussage zugleich als wahr und als unzutreffend: Denn wenn es
einen autonomen Menschen gab, genauer gesagt einen Menschen, von dem wir Autonomie lernen konnten, dann war er es - Systeme kommen und gehen, das hat er immer angedeutet, Tradition, Kultur und Arbeit bleiben, das wird uns verbinden. Die ungarische Gesellschaft hat ihre Prüfung in Sachen Akzeptanz nicht erst mit Bravour bestanden, als der neu gewählte Ministerpräsident am Abend des 12. April (zu Recht) auch von der
Freiheit der Liebe sprach, sondern als die Haltung der Menschenmenge beim Pride 2025 deutlich machte: Es gibt eine große Gruppe, vor deren gesellschaftlichem Druck die Machthaber zurückweichen. Wir haben die Führungskräfte abgelöst - jetzt kommt der schwierige Teil: Jetzt müssen wir
unsere alten Gewohnheiten ablegen."