Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Elet es Irodalom

Modest Mussorgsky hat seine Oper "Die Fürsten Chowanski" nie fertiggestellt, Nikolai Rimski-Korsakow, Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch haben später an dem Werk gearbeitet. Jetzt hat er der ungarische Musikwissenschaftler János Bojti eine neue Fassung vorgelegt, die im kommenden Jahr in Berlin aufgeführt werden wird. Im Interview mit László J. Győri  spricht Bojti über seine akribische Restaurierungsarbeit: "Ich selbst bin kein Komponist, doch ich beschäftigte mich sehr viel mit Mussorgsky, ich studierte das Arrangieren und von Beruf bin ich Aufnahmeleiter. In meinem ganzen Leben hatte ich Partituren in der Hand, ich spiele mehrere Instrumente, also habe ich eine gewisse Vorstellung davon, wie sich eine Mussorgsky-Oper anhören kann, doch für lange Zeit traute ich mich trotzdem nicht an die Oper, andererseits aber konnte ich sie auch nicht so belassen. Dass sich niemand an diese Arbeit traute hängt sehr mit der Unantastbarkeit von Schostakowitsch zusammen, den niemand zu hinterfragen wagte. Dennoch reicht es aber nicht, wenn du lediglich arrangieren kannst, man muss auch viel über Mussorgsky wissen: Wie hat er arrangiert, welche Instrumente hat er verwendet? Man muss all seine Partituren kennen und lesen, was ich auch tat. Lediglich aus dem Klaviernachlass kann man nicht erraten, wie er Chowanschtschina arrangiert hätte."

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Niki Szekeres erklärt die diesjährige Libri-Preisträgerin Edina Szvoren die Geschlechtslosigkeit ihrer Protagonisten und die Herausforderung, die sich daraus für die Übersetzer ergibt: "Wenn ich von einer Person nicht explizit sage, ob sie ein Mann oder eine Frau ist, dann wird sich der Leser auf etwas anderes konzentrieren, hoffe ich. Wir sind geneigt, in unserer täglichen Wahrnehmung eine Reihe von Eigenschaften mit dem Geschlecht zu verbinden. (...) Bei Übersetzungen werde ich über das Geschlecht meiner Protagonisten direkt gefragt und dann muss ich es traurigerweise entscheiden. Manchmal muss ich auch über 'den Erzählenden' entscheiden. 'Geschwister', 'Eltern', 'Arbeitspartner' sind meine Lieblingswörter und wenn ich darüber nachdenke, haben auch diese Wörter eine mir sehr liebe Ungewissheit - auch diese müssten in einer Übersetzung geschlechtsbezogen bestimmt werden. Eine mansische Übersetzung wäre wirklich gut." (Die mansische Sprache - eine mit dem Ungarischen verwandte Sprache aus der finno-ugrischen Sprachfamilie aus Sibirien - hat ähnlich wie das Ungarische keine Geschlechter - Anm. d. Red.)

Das Strache-Video ist auch in Ungarn ein Thema, zumal in dem besagten Video Hans-Christian Strache einen österreichischen Geschäftsmann als Abwickler empfiehlt, der in Ungarn die regierungskritische Tageszeitung Népszabadság sowie 90 Prozent der regionalen Tageszeitungen durch ein Scheingeschäft unter die Kontrolle der ungarischen Regierungspartei brachte. Kommentare in der ungarischen freien Presse besagen, dass Praktiken, die Strache im Video laut in Aussicht stellte - und wofür er seinen Posten räumen musste - in Ungarn seit beinahe zehn Jahren politischer und wirtschaftlicher Alltag seien. Beispielhaft für die Resonanz ist der Kommentar von Zoltán Kovács, dem Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom: "Es ist deprimierend, dass der ungarische Regierungschef hier von 'Menschenjagd' spricht, obwohl ein in jeder Hinsicht durchgefallener Politiker einfach genau das tut, was in so einer Situation jeder halbwegs seriöse Mensch des öffentlichen Lebens tut: er tritt zurück. (...) Darüber kann sich Orbán wundern, doch er muss es wissen, dass der gefallene Strache inhaltlich genau das wollte, war Orbán bereits vollbracht hat. Der ungarische Regierungschef hat seine parlamentarische Zweidrittel-Mehrheit genutzt, um eine Situation zu erschaffen, in der sein unmoralischer und gewalttätiger Wille juristisch derzeit nicht angreifbar ist."

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller János Háy denkt darüber nach, ob man das Werk unabhängig vom Autor betrachten kann: "Trotz aller Bestrebung - wie bei einem exakten naturwissenschaftlichen Experiment - kann das literarische Werk nicht vom Autor abgetrennt werden. Für mich und vielleicht auch für die meisten Leser ist es interessant zu erfahren, was das Geheimnis ist, das ein Werk katalysiert. Dieses in seiner Gänze nie aufdeckbare Geheimnis steckt irgendwo in der Persönlichkeit des Autors, in seinem seelischen und geistigen Zustand. Es ist interessant, sich damit zu beschäftigen, doch es muss betont werden, dass unabhängig von der Persönlichkeit und der Motive, auf die wir dabei stoßen, diese keine Werke adeln können, die ästhetisch untragbar oder schwach sind. Man muss immer vom Werk ausgehen, das Werk berührt, und wenn das nicht passiert, dann ist es uninteressant, wer warum etwas geschrieben hat."
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Magazinrundschau vom 30.04.2019 - Elet es Irodalom

Die Bauarbeiten, mit denen der Budapester Kossuth Platz, der zentralen Platz vor dem ungarischen Parlamentsgebäude, in den Zustand aus dem Jahr 1944 versetzt wurde, waren im vergangenen Jahr beendet worden. Kurz vor Ostern wurden Pläne der Regierung bekannt, die zum hundertsten Jahrestag des Friedensvertrages von Trianon - ein Teil der Versailler Verträge nach dem ersten Weltkrieg, bei dem Ungarn zweidrittel seines Territoriums verlor - von dem Platz aus ein hundert Meter langes und vier Meter breites und tiefes, begehbares Mahnmal des nationalen Zusammenhalts errichten will, an dessen Wände die Ortsnamen Ungarns von 1913 eingemeißelt werden sollen. Der Kunsthistoriker József Mélyi interpretiert den durch dieses Mahnmal entstehenden Raum: "Das Mahnmal des Nationalen Zusammenhalts ist an sich die Illustration des Gesetzes über den Tag des Nationalen Zusammenhalts, welches die Orbán-Regierung nach ihrer Konstituierung 2010 als erstes verabschiedete. Gleichzeitig ist es ein symbolischer Raum, welcher die natürliche Einheit betont und den vor Trianon existierenden 'nationalen Zustand' wiederherzustellen anvisiert, wobei er mit allen neuen und rekonstruierten Symbolen die Opferrolle betont und Ausdruck einer ethnisch begründeten Nationen- und Geschichtspolitik ist. Der Kossuth Platz und seine Umgebung ist die Ableitung einer Ideologie der nationalen Sakralität einer homogenen religiösen Gemeinschaft, die als erstrebenswert, ja gar als gegeben betrachtet wird und deren zentrales Element die im Parlament platzierte Heilige Stephanskrone ist. All dies ist nicht neu, denn das nationale Glaubensbekenntnis, die Präambel des 'granitharten' Grundgesetzes enthält dies ebenfalls."

Magazinrundschau vom 16.04.2019 - Elet es Irodalom

Nachdem beim diesjährigen Nationalfeiertag am 15. März bekennende Rassisten und Antisemiten mit staatlichen Preisen u.a. für Kultur, Literatur und Journalismus ausgezeichnet worden waren, stiftete der Schriftsteller Endre Kukorelly eine Summe, um den früher renommierten, unabhängigen Baumgartner Literaturpreis zu reaktivieren. Im spricht er über seine Beweggründe: "Im realexistierenden Sozialismus hielt die Parteielite die Kultur für wichtig, weil sie in einem breiteren Kreis wirkte und die Kultur sie wiederum legitimierte. Bei den heutigen Entscheidungsträgern scheint es kein Legitimationsdefizit zu geben. (...) Mit einem Kampfbeil wurde die Kultur in Verlierer und Gewinner geteilt. Wer zuvor unter den Sozis genug bekam, der vegetiert heute; der Rest schaut dumm aus der Wäsche. Es ist ein Rätsel, warum sie es so handhaben, sie könnten wesentlich großzügiger sein, ihre Macht wäre auch dann nicht gefährdet. Die Polarisierung wächst damit aber weiter. (...) Jetzt habe ich das Wort ergriffen, wie der stumme Zehnjährige, bei dem die Suppe scheiße ist, aber nicht, weil bis jetzt alles gut war, sondern weil jetzt alles sehr scheiße ist. Es reicht nicht, nur jene zu beschimpfen, die von Rachegelüsten gelenkt ihren Einfluss Geltung verschaffen - wir müssen auch unsere eigene Verantwortung sehen."
Stichwörter: Kukorelly, Endre, Ungarn

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - Elet es Irodalom

In der ungarischen Prosa gab es nach der Jahrtausendwende eine "neonaturalistische Welle", bei der spannende Geschichten an die Stelle filigraner Erzählweisen - wie etwa bei Esterházy, Parti Nagy, Garaczi u.a. - traten, meint der Literaturhistoriker Dávid Szolláth. Das sei auch "in der 'narrativen Planung' sichtbar. Es scheint, dass der Bruch mit der Linearität nicht auf die Befreiung des Textes zielt - wie dies etwa bei den Vorgängern in den 70ern-80ern Jahren - sondern auf das Fesseln der Leser. Denn die einschlägigen Romane vermitteln Erfahrungen, von denen die Gesellschaft meistens lieber nichts wissen möchte. (...) Der Leser findet sich in einer peinlichen Situation wieder, nämlich dass die Gräuel interessant und spannend beschrieben sind. Sie sind so portioniert, dass sie den Leser gefangen nehmen. Das ist nachvollziehbar, denn wer möchte freiwillig das Leiden aus nächster Nähe betrachten, wenn das Werk ihn nicht unwiderstehlich neugierig machen würde? Führt der Weg zur Solidarität des Lesers über seine Neugier?"

Magazinrundschau vom 12.03.2019 - Elet es Irodalom

Erinnerungspolitik a la Viktor Orban erkennt der Kunsthistoriker József Mélyi anhand der in den letzten zehn Jahren in Budapest aufgestellten Skulpturen und Statuen: "Die öffentlichen Plätze der Budapester Innenstadt tragen bereits eindeutig die Spuren der populistischen Politik. Diese Politik behauptet nichts eindeutig: es entsteht kein neues Mahnmal für die Zwischenkriegszeit, weil sie dann sagen müsste, welche Werte sie vertritt. Sie selbst setzt keine erinnerungspolitischen Akzente im öffentlichen Raum, sie lässt es eher den Vertretern der Vorkriegszeit diese indirekt anzudeuten. Sie schafft nichts Neues, sondern rahmt um, packt ein und vernebelt."

Magazinrundschau vom 26.02.2019 - Elet es Irodalom

Der Dichter, Übersetzer und Schriftsteller Dezső Tandori, einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker der Gegenwart, ist am 13. Februar verstorben. Der Literaturwissenschaftler István Margócsy verabschiedet den Dichter. "Schweren Herzens, doch ohne Risiko kann die nicht beweisbare, aber auch nicht unglaubwürdige Aussage getätigt werden: im letzten Viertel- oder halben Jahrhundert war er der größte Dichter, der Initiator und der Vollender, der ununterbrechbare Erneuerer, der mit seinen steten Selbstwiederholungen immer für unerwartete, erstaunliche Überraschungen sorgen konnte. Er war der Unerschöpfliche. (…) Dezső Tandori schuf ein undurchsichtiges und unglaublich umfangreiches Lebenswerk, seine Variationen und Selbstkommentare, die Übergänge in seinen Übersetzungen und eigenen Werken zwingen den Leser zu unglaublichen Fragestellungen, denn Tandori - insbesondere in seinen späten Jahren - tat so, als hätte er sich von einem geschlossenen, vollkommenen, ganzen - wir könnten sagen: kompletten - Kunstwerk losgesagt und er hätte kein Werk mehr geschrieben, sondern der Akt des Schreibens selbst wurde zum Werk: seine Bücher existieren nicht in ihren Einzigartigkeiten, sondern in ihrer Prozesshaftigkeit und Zusammengehörigkeit. Ihre Bedeutung und Stellung steckt in erster Linie (oder ausschließlich?) in ihrem gegenseitigen Verweis."

Magazinrundschau vom 12.02.2019 - Elet es Irodalom

Nach vier regierungskritischen Jahren wurde der Eigentümer der traditionsreichen konservativen Zeitung Magyar Nemzet zur Übergabe des Mediums an die vor kurzem gegründete Medienstiftung gedrängt, in der regierungsnahe Print-, Rundfunk-, sowie Online-Medien zentral koordiniert werden. Die als regierungsnahe Tageszeitung gegründete Magyar Idők wird eingestellt und die Belegschaft wechselt zu Magyar Nemzet. Für Aufsehen sorgte bezüglich dieser Übernahme ein Interview des Vorsitzenden der Medienstiftung, István Varga, der etwas überraschend sagte, dass die Medienorgane der Regierungsseite an der Wahrheitsgestaltung zu arbeiten hätten und dass gute, qualitativ hochwertige und niveauvolle Medien heute regierungskritisch seien. Er selbst liest Élet és Irodalom, Magyar Narancs und HVG. Varga trat am Tag nach der Veröffentlichung des Interviews zurück, mehrere Regierungsvertreter nahmen die Belegschaft diverser regierungsnaher Medien in Schutz. Der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Zoltán Kovács, meint dazu: "Es könnte sogar schmeichelhaft sein, was der Vorsitzender des neugeschaffenen Medienkoloss von sich gab, nämlich, dass die oppositionellen Zeitschriften niveauvoller sind, als die regierungsnahen, doch den eigentlichen Inhalt seiner Aussagen liefert doch die Tatsache, dass er nach der Veröffentlichung seiner Meinung zurücktreten musste. (…) Es gab bis Montag ein niveauloses Agitprop-Organ namens Magyar Idők, was aber auch nicht viel störte. Es war so, wie die Regierung selbst: lautstark und Schund. Die Auflage war so gering, dass manch ein Redakteur einer wettbewerbsfähigen Schülerzeitung erstaunt gewesen wäre. Doch sie es voll mit Anzeigen - was nur zeigt, wie sich Orbán den Wettbewerb vorstellt und wie er diejenigen schätzt, die tatsächlich im Wettbewerb aus eigener Kraft bestehen wollen. Auf diese kaum existierenden Zeitung legen sie die Patina von Magyar Nemzet, was Anbetracht der wendungsreichen, doch alles zusammengenommen progressiven Geschichte der Nemzet grob pietätlos ist (...), woraus aber ersichtlich wird, dass aus diesem Versuch erneut kein Niveau entstehen wird und früher oder später erneut jemand kommen wird, der seine Meinung sagt. Der wird dann anders heißen und er wird auch entlassen werden."

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - Elet es Irodalom

Der aus Siebenbürgen stammende rumänische Dichter und Dramatiker András Visky denkt im Gespräch mit Péter Deményi über die schwierige Angelegenheit nach, sich Tag für Tag der Realität zu stellen. "Die entschlossene Wirklichkeitskenntnis, das Auspacken und Zeigen der Wirklichkeit: das ist und bleibt die Aufgaben der Intellektuellen heute. Ich strebe nach Genauigkeit, nach einer geduldigen, Samuel Beckett´schen Radikalität, oder zumindest danach, dass wir uns nicht selbst etwas vormachen. In der Tat wirkt all das oft defätistisch, was soll ich machen. Die projizierten falschen Hoffnungen in die Möglichkeiten des Menschen und seine gemütliche Güte erscheinen mir eine wesentlich pessimistischere Lebensform zu sein, als die Benennung dieser leeren Hoffnungssurrogate. (...) Es gibt kein Entkommen, wir leben in diesem verfluchten und gnadenlosen Vertrauensvakuum. Zwischendurch glaube ich ans Gespräch - zumindest noch. Daran, dass unsere Angelegenheiten besprochen werden können, dass wir uns gegenseitig in die Augen schauen können und dass der Mensch nicht nur aus der Stärke etwas versteht, sondern auch aus der Liebe. Wir leben hierzulande in einer durch die Politik brutalisierten Kultur, aber auch das sind wir, und wir sehen wie lange es schon so geht - als hätte lediglich unsere Vorstellungskraft und nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit die kleinen Freiheitserfahrungen geboren: sie verschwinden spurlos, als wären sie nie dagewesen. Und dann bricht die Vergangenheit ein, aber auch das ist etwas uns Ähnliches, auch dies können wir nicht einfach abwälzen."