Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 11.02.2020 - Elet es Irodalom

Der Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gábor Schein verortet das neue staatliche Stipendium (mehr hier) für Schriftsteller der mittleren Generation (zwischen 35 und 65 Jahren), benannt nach dem kürzlich verstorbenen János Térey, in der jüngeren Geschichte der staatlichen Literaturpreise in Ungarn seit 1945 und konstatiert, dass sich der Literaturbetrieb vom Staat emanzipieren sollte. "Die ganze Geschichte zeigt haarscharf, wie groß die Misere der ungarischen Literatur ist. Unabhängig von den individuellen Entscheidungen ist die Geschichte des Térey-Preises ein erneuter Beweis dafür, dass sich die Literatur vom System der staatlichen Preise, das nach 1945 entstand und sich nach 1956 gänzlich entfaltete, loslösen muss. Daneben ist es nicht minder wichtig, dass die Erinnerung an das Lebenswerk von János Térey nicht von dem von ihm initiierten und nach ihm benannten, jedoch in seinen Ursprüngen falschen Preis sowie von Téreys Irrtum überschattet wird. Mit den strukturellen Gründen seines Irrtums müssen wir uns noch viel beschäftigen."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Elet es Irodalom

Vergangene Woche wurde die Etablierung eines staatlichen Literaturstipendiums für Schriftsteller der mittleren Generation (zwischen 35 und 65 Jahren), samt einer Liste von dreißig plus 15 Stipendiaten verkündet, die von den unterschiedlichen Schriftstellerorganisationen zwischen Weihnachten und Neujahr nicht öffentlich nominiert worden waren. Das Stipendium wird aus dem Budget des Petőfi Literaturmuseums (PIM) unter der Leitung von Szilárd Demeter finanziert und trägt den Namen des kürzlich verstorbenen Schriftstellers und Dichters János Térey. Ein Stipendiat soll für fünf Jahre etwa 1000 Euro monatlich erhalten. In der ersten Woche haben fünf der Nominierten unter anderem aufgrund der unklaren Vergabekriterien das Stipendium zurückgewiesen. Einige Kritiker, wie der Schriftsteller Gergely Péterfy sprachen einer Ausbezahlstelle für politische Günstlinge. Andererseits gibt es Schriftsteller und Dichter mit beachtlichen Werken, wie etwa István Kemény, Attila Bartis oder Dániel Varró, die das Stipendium schweigend annahmen. In der heftigen Debatte um dieses Stipendium meldet sich jetzt der Lyriker Ferenc Szíjj zu Wort, der seine Nominierung abgelehnt hat: "Es soll dreißig Stipendiaten geben, sie sollen fast genauso viel Geld bekommen, wie die Mitglieder der Digitalen Literaturakademie, sie sollen das Geld für fünf Jahre erhalten, in dieser Zeit werden sie die Nation mit vielen Werken beschenken. Wie die Dreißig ausgewählt werden sollen, ist für einen Direktor kein wirkliches Problem, es sollen sowohl von hier als auch von drüben welche dabei sein, aber von hier sollen es halt mehr sein, das ist ja natürlich. (…) Ich lese weiterhin, dass einige meiner Freunde unter den Stipendiaten sind - ich verdamme sie nicht, ich denke, dass jeder Einzelne seine Gründe hat. Es gibt einige, von denen ich weiß, dass dieses Stipendium ihr Leben retten wird. Doch ich bin der festen Ansicht, dass dieses Stipendium so, wie es verwirklicht wurde, der perfideste Zug der gegenwärtigen Literaturpolitik war. Und ich habe keinen Zweifel, dass weitere perfide Züge folgen werden."

Magazinrundschau vom 28.01.2020 - Elet es Irodalom

Die dem neuen nationalen Curriculum Ungarns zugrunde liegenden Geschichtsnarrative, die von pseudowissenschaftlichen Institutionen der gegenwärtigen Regierung erarbeitet wurden, beruhen zum großen Teil auf historischen Unwahrheiten, und genau deshalb sind sie zum Scheitern verurteilt, meint der Historiker Krisztián Ungváry. "Was die 'hochgezogene Leiter' betrifft: Minister, Staatssekretäre und Institutsleiter können von heute auf morgen ernannt werden, unabhängig davon, ob sie über Abschlüsse verfügen oder nicht und wenn sie welche haben, wie diese aussehen. Aber bei Künstlern und bei Wissenschaftlern geht das nicht. Sie werden durch ihr Talent und durch ihre langjährige, ausdauernde Arbeit zu dem, was sie sind. Und wenn jemand mit überschaubaren Fähigkeiten die Welt erblickte oder faul ist, dann kann er vom Land sein oder aus der Stadt kommen - es hilft keine Leiter. Früher wussten die Entscheidungsträger dies. Ihre Nachfolger scheinen dieses Axiom aber wohl vergessen zu haben. Wir können Milliarden ausgeben für systemkompatible 'wissenschaftliche' Institutionen und Akademien, künstlerische Auszeichnungen und Preise vergeben, doch diese werden genau so auf dem Müllhaufen der Geschichte landen wie die propagandistische Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung vor 1990. Ich bin mir sicher, dass wir darauf nicht so lange warten müssen wie auf das Ende der kommunistischen Diktatur."
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Stichwörter: Ungvary, Krisztian, Ungarn

Magazinrundschau vom 21.01.2020 - Elet es Irodalom

Der aus der Slowakei stammende ungarische Schriftsteller und Dichter Gábor Kálmán veröffentlichte vor kurzem seinen dritten Roman ("Das schöne Leben des Kornél Janega"). Im Interview mit Péter Hományi  beschreibt er den Schreibprozess bei Prosa als eher negative Erfahrung. "Jeder Schreibprozess ist eine Art Loslassen, Auf- und Erlösung. Obschon das nicht auf das Schreiben von Prosa passt. Es kann - für mich jedenfalls - keine Erlösung bringen, und ich mag es nicht, Prosa zu schreiben. Da sitzt du allein. Die Zeit vergeht. Du schaust auf den Monitor. Nichts passiert. Du löscht es. Ein durchschnittlicher Tag. Ich habe in meinem Leben mehr Text gelöscht als ich am Ende behielt. Schreiben ist für mich daher Leiden. Ich kann mich darin nicht wohlfühlen, und damit ich Prosa schreiben kann, muss ich sehr tief fallen und mich auch während dessen und danach schlecht fühlen. Während des Prosaschreibens musst du mit dir selbst arbeiten, und dich selbst nach Möglichkeit besiegen. Es geht darum, dass du erzählst, was du eigentlich nicht sagen möchtest."

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Elet es Irodalom

Der junge Schauspieler-Regisseur Péter Valcz erklärt im Gespräch mit Maja Varga, welche Bedeutung Greta Thunberg für das Gegenwartstheater hat: "Vonnegut sagt, dass es nicht stimmt, dass das Gute nicht über das Böse siegen könne, nur müssten sich die Engel organisieren wie die Mafia. Greta Thunberg hat mit der Organisation begonnen und wir werden mit wunderbar provokativen Fragen konfrontiert, die lauten: Warum Wissenschaft, wenn man ihr nicht glaubt? Was treibt Politiker an? Gibt es wahre Selbstbestimmung? (...) Ob sich Theaterschaffende damit beschäftigen müssen? Selbstverständlich. Genau das ist ja mein Problem, dass ein Theaterabend vergehen kann, ohne dass etwas (mit mir) passiert. Bewegungen entstehen, weil es gesellschaftlichen Bedarf dafür gibt. Greta Thunberg ist ein Katalysator. Eine gute Inszenierung trifft beim Zuschauer genau so einen Punkt, der dann eine ernsthafte Reaktion auslöst. Sicherlich gibt es erklärendes, beruhigendes, zum Lachen bringendes Theater, doch es wäre sehr wichtig, dass das Theater erneut Kontakt zu den Menschen aufnimmt, denn der Elitismus ist langweilig."

Magazinrundschau vom 10.12.2019 - Elet es Irodalom

Fakten sind auch nicht alles! Im Gespräch mit László Kőszeghy hebt die Kommunikationswissenschaftlerin Júlia Sonnevend (New School for Social Research, NY) die Bedeutung von Mythen in der Erinnerung eines Landes hervor - ein Thema, über das sie auch ein Buch geschrieben hat. "Damit ein Ereignis langfristig in der Erinnerung vieler Menschen aufrechterhalten bleibt, müssen wir zahlreiche Fakten davon lösen und ein sauberes, widerhallendes Narrativ aufbauen, also einen Mythos bilden. Obwohl es ein gefährlicher Prozess ist und für viele, die dabei waren und das Ereignis persönlich erlebten oder dessen Komplexität kennen, empörend sein kann, behaupte ich, dass wir ohne zeitgenössische Mythen nicht leben können, was aber seinen Preis hat. Das Buch war grundsätzlich eine Botschaft an die Medienwissenschaften, die die Achtung der Tatsachen und der Objektivität für das höchste Gut der Massenkommunikation hält. Ich konfrontiere diese Aussage radikal und sage, dass Mythen uns - und damit auch die Medien - mindestens genau so bestimmen, wie die Fakten. Es ist eine Illusion zu denken, dass der Mensch grundsätzlich ein rationelles Wesen sei. Der unbedingte Glaube an die Fakten führt wiederholt zu Enttäuschungen, die wir jedes Mal durchleben, wenn wir mit dem Erfolg eines vollkommen anderen Ideensystems konfrontiert werden. Der Wunsch nach Mythen lebt bis heute in uns, was nicht bedeutet, dass Faktenzentriertheit nicht wichtig wäre, aber die Achtung der Fakten allein reicht nicht aus."

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - Elet es Irodalom

Der Historiker und Schriftsteller László András Magyar untersucht in Élet és Irodalom die Beziehung von Angst und Populismus: "Veränderung kann - Versprechen hin oder her - nicht aufgehalten werden, denn Veränderung ist das einzig ewige Gesetz unserer Welt. (...) Der Prozess der Veränderung der Werte ist ebenfalls unaufhaltbar, sogar bei der Geschwindigkeit der Veränderung haben wir kein Mitspracherecht, höchstens können wir vielleicht deren Richtung verändern. Was heutzutage als Populismus bezeichnet wird, ist nichts anderes als eine Lüge, welche die Angst der Menschen bewusst ausnutzt. Es ist eine Lüge, denn er verspricht Unmögliches. Die den Populismus fütternde Angst könnte nur ein Staat - wenn auch nicht beheben, so doch zur Gefahrlosigkeit reduzieren, der sich so um die Ungeschützten und die Verlierer kümmert, dass er dabei nicht lügen muss. Dieser Staat wurde einst Wohlfahrtsstaat genannt und dieser Staat funktionierte auch solange, bis er weggefegt wurde - eben von der Veränderung. Er wurde so sehr weggefegt, dass das Versprechen, ihn wieder auferstehen zu lassen, auch nichts anderes sein kann, als lügnerischer Populismus."

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Elet es Irodalom

Natürlich gibt es Nostalgie, ruft der Historiker und Schriftsteller György Dalos, der gerade seine Erinnerungen "Für, gegen und ohne Kommunismus" veröffentlicht hat. Aber es gibt sie nicht ohne Grund, meint Dalos mit Blick auf das kostenloses Gesundheits- und Bildungswesen in den einst sozialistischen Ländern, auf Vollbeschäftigung und Garantie der Kultur: "All diese funktionierten auf einem sehr niedrigen Niveau, sehr schwach, letztere war an die Zensur gebunden, doch all dies brachte Stabilität in die Gesellschaft - verbunden mit dem Versprechen, dass dies ewig dauern würde… Ich kenne die Literatur der alten DDR ziemlich gut, bin Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, ich treffe regelmäßig Menschen aus der ehemaligen DDR und irgendwie hat jeder eine Geschichte über die eigenen Probleme mit der Zensur oder mit der Stasi. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie alle jene Situation der Ausnahme vermissen, in der die Literatur und die Künste waren, und an der nur derjenige nicht teilhatte, der vollkommen marginalisiert wurde. Heute dagegen gibt es in Gera kein eigenes Theater mehr. In der DDR hatte jede Stadt mit 60.000 Einwohnern ein Theater. Heute muss sich Gera ein Theater mit vier ähnlich großen Städte teilen. Als würde das Wandertheater auf Kutschen zurückkehren. Diese Zerstückelung der Kultur und der Raumgewinn der neuen Medien ist ein allgemeines Phänomen. Für die nicht-intellektuellen Schichten kam die Zeit der Existenzunsicherheit. Es gibt mittlerweile keine dramatische Arbeitslosigkeit, keine Inflation, doch das alte System hatte für viele das Versprechen, dass sich nichts ändern wird. Die Versorgung wird vielleicht ein bisschen besser. Diese innere Sicherheit ist instabil geworden."

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Péter N. Nagy denkt der Rechtssoziologe Zoltán Fleck über ein mögliches Ende der Orban-Regierung nach und über die Aufgaben und auf Konsens zielenden Diskussionen danach: Fortschritt ist undenkbar mit diesem von Orban geprägten System, meint er, weshalb es abgeschafft werden müsse. "Es ist aber auch nicht möglich, einfach zu der Verfassung der Wende zurückzukehren. Aber die historische Leistung, dass in Ungarn zwischen 1990 und 2010 Demokratie herrschte, muss anerkannt werden. Erneut werden die Juristen eine große Rolle spielen, denn es wird um rechtliche und institutionelle Umgestaltungen gehen. Dafür müssen wir uns à la Münchhausen an den eigenen Haaren aus der Kultur zerren, die unsere ist und in der wir uns wohlfühlen. Wir müssen unsere historischen Mentalitäten und Barrieren hinter uns lassen. Wir brauchen in der Tat eine Antwort auf die Frage, wer wir sind. Nicht ohne Grund taucht in Krisenzeiten die Frage auf 'Was ist ungarisch?', die wir uns in dieser Form nicht stellen müssen, sondern 'Warum wir so sind, wie wir sind? Was ist unsere eigene Rolle und was ist Determinierung?' Was heute herrscht, ist die Institutionalisierung des schlechtesten Ichs der ungarischen Gesellschaft. Doch wenn wir nicht erkennen, dass auch diese wir sind, können wir es auch nicht hinter uns lassen."
Stichwörter: Fleck, Zoltan, Ungarn

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - Elet es Irodalom

Der im slowakischen Bratislava geborene Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler Zoltán Csehy spricht im Interview u.a. über die Situation der ungarischsprachigen Literatur in der Slowakei, nachdem einige Schriftsteller aus der "Gesellschaft der ungarischen Schriftsteller in der Slowakei" ausgetreten sind und einen neuen Kreis namens "Basis" gründeten. "Das literarische Leben kann selbstverständlich belebt werden. Für mich ist diese Schriftstellerbund-Angelegenheit keine große Sache, es ist eher wie Mitglied in einer Facebook-Gruppe zu sein. Wenn es mich nicht interessiert oder wenn ich bestimmte Personen nicht in meiner Nähe haben will, dann trete ich nicht ein, ich sehe darin kein großes Thema. Wenn manche Prinzipien mir nicht passen, dann gehe ich leise weiter und die Sache hat sich erledigt. (...) Es wäre gut in größeren gesamtkünstlerischen Dimensionen zu denken, damit die Inspiration stärker wird. Die Zerstreuung der ungarischen Literatur in der Slowakei ist sicherlich ein großer Nachteil. Es gibt wenige, sich gegenseitig stärkende Freundeskreise oder Zellen, es gibt eher vereinsamte Schaffende. Das hört sich vielleicht witzig an, denn heutzutage können Entfernungen leicht überwunden werden, ich denke trotzdem, dass die alltäglichen menschlichen Kontakte fehlen. Auch darum haben wir bei vielen Sachen verspätete und übertriebene Reaktionen."