Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 06.08.2019 - Elet es Irodalom

Der ehemalige Chefredakteur der von der Regierung geschlossenen Tageszeitung Népszabadság, András Murányi, erinnert an die Ereignisse von vor vier Jahren, als die Eigentumsübertragung über einen Strohmann an einen Regierungsoligarchen erfolgte, die letztlich die Schließung der Népszabadság ermöglichte. Auch er spricht über die sich ausbreitende Apathie seiner Mitbürger. "Man schaudert über die immer mehr 'nicht veröffentlichten Bücher, nicht veranstalteten Ausstellungen, nicht entstandenen Werke', über immer mehr auswandernde Intellektuelle, Pflege- und Baufachkräfte. Es wäre einfach, nach Revolution zu rufen, man muss aber einsehen, dass dieses System weder von den verängstigten, nörgelnden Intellektuellen, noch von der besiegten Arbeiterschaft oder von den unabhängig-liberalen-linken (gibt es sie noch?) reichen Schichten, oder durch sonst-jemandem von sich aus geändert wird. Und genauso wenig macht es Sinn, auf die europäischen Checks and Balances zu hoffen. Gegen die Zerschlagung der Forschungsinstitute der Ungarischen Akademie der Wissenschaften haben vielleicht nur die Lebertranproduzenten von Grönland nicht protestiert, und dennoch wird der Plan der Regierung Schritt für Schritt präzise umgesetzt. Den verzweifelten Staatsbürgern bleibt nur, in einer Menschenkette die Zerstörung aus nächster Nähe zu betrachten und sich die Schlagzeilen aus FAZ und Guardian vorzulesen: dies sei aber wirklich der Skandal der Skandale!"
Stichwörter: Nepszabadsag, Ungarn

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - Elet es Irodalom

Der in Österreich lebende Publizist Paul Lendvai schreibt im Nachruf auf die kürzlich verstorbene Philosophin Ágnes Heller: "In einem vor kurzem veröffentlichten Interview antwortete Ági Heller auf die so oft gestellte Frage, ob sie denn nach so vielen scharfen Aussagen keine Angst habe in Ungarn zu leben, mit 'Nein', weil sie (neunzig Jahre alt und) weltbekannt sei. Ehrlich gesagt hielt ich ihre Antwort zunächst für seltsam, ja sogar arrogant. Wenige Wochen später löschte die Nachricht ihres plötzlichen Todes diesen Eindruck. Am nächsten Tag, als ich auf meinem Laptop die Weltpresse durchstöberte, dachte ich erneut an diesen Satz, der ein Schlüssel beim Verstehen des Heller-Phänomens ist. (...) Ich habe Ági Heller nicht nur wegen ihres Ausnahmetalents bewundert, sondern auch für ihren ungebrochenen Mut und ihre unerschöpfliche Energie. Sie tat ungeheuer viel für die ungarische Kultur und für den Erhalt der liberalen Traditionen aber auch für die internationale Enttarnung der demokratischen Maske des Orbán-Systems. Ihr Leben in Ungarn war deshalb fast immer von Beleidigungen und verdecktem Neid begleitet."
Stichwörter: Heller, Agnes, Ungarn

Magazinrundschau vom 09.07.2019 - Elet es Irodalom

Die Theaterkritikerin Noémi Herczog und die Dramatikerin Zsófia Molnár betrachten die ausklingende Theatersaison aus der Sicht des neuen Finanzierungssystems, das insbesondere die unabhängigen Theater und Ensembles trifft, aber auch Auswirkungen auf die Theaterkritik hat. "Man kann dem neuen System trotzen - sowohl von der Theater- als auch der Kritikerseite. Wer etwas Neues will, der kann seine Wohnung öffnen, kann einen Antrag auf öffentliche Platznutzung stellen und kann im Freien ohne Technik wichtige Dinge tun, kann für einige Jahre den Gürtel enger schnallen. Oder man kann nach dem Rettungsring greifen, den gegenwärtig der Privatfond Summa Artium mit seinem Programm "Autonome Kultur" darstellt (mehr dazu hier). Und die Kritik? Sie wird immer mehr zur wertneutralen Chronik, nur ist sie dann keine Kritik mehr, sondern ein theaterhistorisches Memento. Wie kann man denn normale Kritiken schreiben, wenn man befürchten muss, dass eine negative (oder positive) Meinung wichtige Akteure in schwierige Situationen bringen kann?"
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Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Elet es Irodalom

Modest Mussorgsky hat seine Oper "Die Fürsten Chowanski" nie fertiggestellt, Nikolai Rimski-Korsakow, Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch haben später an dem Werk gearbeitet. Jetzt hat er der ungarische Musikwissenschaftler János Bojti eine neue Fassung vorgelegt, die im kommenden Jahr in Berlin aufgeführt werden wird. Im Interview mit László J. Győri  spricht Bojti über seine akribische Restaurierungsarbeit: "Ich selbst bin kein Komponist, doch ich beschäftigte mich sehr viel mit Mussorgsky, ich studierte das Arrangieren und von Beruf bin ich Aufnahmeleiter. In meinem ganzen Leben hatte ich Partituren in der Hand, ich spiele mehrere Instrumente, also habe ich eine gewisse Vorstellung davon, wie sich eine Mussorgsky-Oper anhören kann, doch für lange Zeit traute ich mich trotzdem nicht an die Oper, andererseits aber konnte ich sie auch nicht so belassen. Dass sich niemand an diese Arbeit traute hängt sehr mit der Unantastbarkeit von Schostakowitsch zusammen, den niemand zu hinterfragen wagte. Dennoch reicht es aber nicht, wenn du lediglich arrangieren kannst, man muss auch viel über Mussorgsky wissen: Wie hat er arrangiert, welche Instrumente hat er verwendet? Man muss all seine Partituren kennen und lesen, was ich auch tat. Lediglich aus dem Klaviernachlass kann man nicht erraten, wie er Chowanschtschina arrangiert hätte."

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Niki Szekeres erklärt die diesjährige Libri-Preisträgerin Edina Szvoren die Geschlechtslosigkeit ihrer Protagonisten und die Herausforderung, die sich daraus für die Übersetzer ergibt: "Wenn ich von einer Person nicht explizit sage, ob sie ein Mann oder eine Frau ist, dann wird sich der Leser auf etwas anderes konzentrieren, hoffe ich. Wir sind geneigt, in unserer täglichen Wahrnehmung eine Reihe von Eigenschaften mit dem Geschlecht zu verbinden. (...) Bei Übersetzungen werde ich über das Geschlecht meiner Protagonisten direkt gefragt und dann muss ich es traurigerweise entscheiden. Manchmal muss ich auch über 'den Erzählenden' entscheiden. 'Geschwister', 'Eltern', 'Arbeitspartner' sind meine Lieblingswörter und wenn ich darüber nachdenke, haben auch diese Wörter eine mir sehr liebe Ungewissheit - auch diese müssten in einer Übersetzung geschlechtsbezogen bestimmt werden. Eine mansische Übersetzung wäre wirklich gut." (Die mansische Sprache - eine mit dem Ungarischen verwandte Sprache aus der finno-ugrischen Sprachfamilie aus Sibirien - hat ähnlich wie das Ungarische keine Geschlechter - Anm. d. Red.)

Das Strache-Video ist auch in Ungarn ein Thema, zumal in dem besagten Video Hans-Christian Strache einen österreichischen Geschäftsmann als Abwickler empfiehlt, der in Ungarn die regierungskritische Tageszeitung Népszabadság sowie 90 Prozent der regionalen Tageszeitungen durch ein Scheingeschäft unter die Kontrolle der ungarischen Regierungspartei brachte. Kommentare in der ungarischen freien Presse besagen, dass Praktiken, die Strache im Video laut in Aussicht stellte - und wofür er seinen Posten räumen musste - in Ungarn seit beinahe zehn Jahren politischer und wirtschaftlicher Alltag seien. Beispielhaft für die Resonanz ist der Kommentar von Zoltán Kovács, dem Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom: "Es ist deprimierend, dass der ungarische Regierungschef hier von 'Menschenjagd' spricht, obwohl ein in jeder Hinsicht durchgefallener Politiker einfach genau das tut, was in so einer Situation jeder halbwegs seriöse Mensch des öffentlichen Lebens tut: er tritt zurück. (...) Darüber kann sich Orbán wundern, doch er muss es wissen, dass der gefallene Strache inhaltlich genau das wollte, war Orbán bereits vollbracht hat. Der ungarische Regierungschef hat seine parlamentarische Zweidrittel-Mehrheit genutzt, um eine Situation zu erschaffen, in der sein unmoralischer und gewalttätiger Wille juristisch derzeit nicht angreifbar ist."

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller János Háy denkt darüber nach, ob man das Werk unabhängig vom Autor betrachten kann: "Trotz aller Bestrebung - wie bei einem exakten naturwissenschaftlichen Experiment - kann das literarische Werk nicht vom Autor abgetrennt werden. Für mich und vielleicht auch für die meisten Leser ist es interessant zu erfahren, was das Geheimnis ist, das ein Werk katalysiert. Dieses in seiner Gänze nie aufdeckbare Geheimnis steckt irgendwo in der Persönlichkeit des Autors, in seinem seelischen und geistigen Zustand. Es ist interessant, sich damit zu beschäftigen, doch es muss betont werden, dass unabhängig von der Persönlichkeit und der Motive, auf die wir dabei stoßen, diese keine Werke adeln können, die ästhetisch untragbar oder schwach sind. Man muss immer vom Werk ausgehen, das Werk berührt, und wenn das nicht passiert, dann ist es uninteressant, wer warum etwas geschrieben hat."

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - Elet es Irodalom

Die Bauarbeiten, mit denen der Budapester Kossuth Platz, der zentralen Platz vor dem ungarischen Parlamentsgebäude, in den Zustand aus dem Jahr 1944 versetzt wurde, waren im vergangenen Jahr beendet worden. Kurz vor Ostern wurden Pläne der Regierung bekannt, die zum hundertsten Jahrestag des Friedensvertrages von Trianon - ein Teil der Versailler Verträge nach dem ersten Weltkrieg, bei dem Ungarn zweidrittel seines Territoriums verlor - von dem Platz aus ein hundert Meter langes und vier Meter breites und tiefes, begehbares Mahnmal des nationalen Zusammenhalts errichten will, an dessen Wände die Ortsnamen Ungarns von 1913 eingemeißelt werden sollen. Der Kunsthistoriker József Mélyi interpretiert den durch dieses Mahnmal entstehenden Raum: "Das Mahnmal des Nationalen Zusammenhalts ist an sich die Illustration des Gesetzes über den Tag des Nationalen Zusammenhalts, welches die Orbán-Regierung nach ihrer Konstituierung 2010 als erstes verabschiedete. Gleichzeitig ist es ein symbolischer Raum, welcher die natürliche Einheit betont und den vor Trianon existierenden 'nationalen Zustand' wiederherzustellen anvisiert, wobei er mit allen neuen und rekonstruierten Symbolen die Opferrolle betont und Ausdruck einer ethnisch begründeten Nationen- und Geschichtspolitik ist. Der Kossuth Platz und seine Umgebung ist die Ableitung einer Ideologie der nationalen Sakralität einer homogenen religiösen Gemeinschaft, die als erstrebenswert, ja gar als gegeben betrachtet wird und deren zentrales Element die im Parlament platzierte Heilige Stephanskrone ist. All dies ist nicht neu, denn das nationale Glaubensbekenntnis, die Präambel des 'granitharten' Grundgesetzes enthält dies ebenfalls."

Magazinrundschau vom 16.04.2019 - Elet es Irodalom

Nachdem beim diesjährigen Nationalfeiertag am 15. März bekennende Rassisten und Antisemiten mit staatlichen Preisen u.a. für Kultur, Literatur und Journalismus ausgezeichnet worden waren, stiftete der Schriftsteller Endre Kukorelly eine Summe, um den früher renommierten, unabhängigen Baumgartner Literaturpreis zu reaktivieren. Im spricht er über seine Beweggründe: "Im realexistierenden Sozialismus hielt die Parteielite die Kultur für wichtig, weil sie in einem breiteren Kreis wirkte und die Kultur sie wiederum legitimierte. Bei den heutigen Entscheidungsträgern scheint es kein Legitimationsdefizit zu geben. (...) Mit einem Kampfbeil wurde die Kultur in Verlierer und Gewinner geteilt. Wer zuvor unter den Sozis genug bekam, der vegetiert heute; der Rest schaut dumm aus der Wäsche. Es ist ein Rätsel, warum sie es so handhaben, sie könnten wesentlich großzügiger sein, ihre Macht wäre auch dann nicht gefährdet. Die Polarisierung wächst damit aber weiter. (...) Jetzt habe ich das Wort ergriffen, wie der stumme Zehnjährige, bei dem die Suppe scheiße ist, aber nicht, weil bis jetzt alles gut war, sondern weil jetzt alles sehr scheiße ist. Es reicht nicht, nur jene zu beschimpfen, die von Rachegelüsten gelenkt ihren Einfluss Geltung verschaffen - wir müssen auch unsere eigene Verantwortung sehen."
Stichwörter: Kukorelly, Endre, Ungarn

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - Elet es Irodalom

In der ungarischen Prosa gab es nach der Jahrtausendwende eine "neonaturalistische Welle", bei der spannende Geschichten an die Stelle filigraner Erzählweisen - wie etwa bei Esterházy, Parti Nagy, Garaczi u.a. - traten, meint der Literaturhistoriker Dávid Szolláth. Das sei auch "in der 'narrativen Planung' sichtbar. Es scheint, dass der Bruch mit der Linearität nicht auf die Befreiung des Textes zielt - wie dies etwa bei den Vorgängern in den 70ern-80ern Jahren - sondern auf das Fesseln der Leser. Denn die einschlägigen Romane vermitteln Erfahrungen, von denen die Gesellschaft meistens lieber nichts wissen möchte. (...) Der Leser findet sich in einer peinlichen Situation wieder, nämlich dass die Gräuel interessant und spannend beschrieben sind. Sie sind so portioniert, dass sie den Leser gefangen nehmen. Das ist nachvollziehbar, denn wer möchte freiwillig das Leiden aus nächster Nähe betrachten, wenn das Werk ihn nicht unwiderstehlich neugierig machen würde? Führt der Weg zur Solidarität des Lesers über seine Neugier?"

Magazinrundschau vom 12.03.2019 - Elet es Irodalom

Erinnerungspolitik a la Viktor Orban erkennt der Kunsthistoriker József Mélyi anhand der in den letzten zehn Jahren in Budapest aufgestellten Skulpturen und Statuen: "Die öffentlichen Plätze der Budapester Innenstadt tragen bereits eindeutig die Spuren der populistischen Politik. Diese Politik behauptet nichts eindeutig: es entsteht kein neues Mahnmal für die Zwischenkriegszeit, weil sie dann sagen müsste, welche Werte sie vertritt. Sie selbst setzt keine erinnerungspolitischen Akzente im öffentlichen Raum, sie lässt es eher den Vertretern der Vorkriegszeit diese indirekt anzudeuten. Sie schafft nichts Neues, sondern rahmt um, packt ein und vernebelt."