Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 17.05.2022 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Zoltán Szalay denkt der in der Slowakei geborene und in Warschau lebende Dichter und Literaturhistoriker Zoltán Németh über die Veränderung des Konzepts der ungarischen Literatur nach: "Man kann das gut an der ungarischen Literatur in der Slowakei erkennen. In den neunziger Jahren flammte die Idee einer einheitlichen ungarischen Literatur auf. Politische Grenzen sollten nicht zählen, nur die Poetik. Die ungarischen Schriftsteller nahmen alle an jener Kanonerstellung teil, die sich in Budapest ereignete. Die Leute aus Siebenbürgen hatten daran genauso ihren Teil wie die aus der Slowakei usw. Als sich in Ungarn jedoch 2010 das literaturpolitische System veränderte, wurde jegliche Poetik durch die Frage überschrieben, wer sich wie gegenüber der Macht verhält. Die Idee des Raums einer einheitlichen ungarischen Literatur wurde in Frage gestellt." Németh sieht durchaus Potenzial bei jüngeren Autoren, "doch manchmal habe ich das Gefühl, dass die jungen ungarischen Autoren aus der Slowakei noch zurückgezogener sind als wir früher es waren. Sie begnügen sie mit der Publikation bei Kalligramm (ein Verlag, der meist ungarische Literatur in der Slowakei veröffentlicht - Anm. d. Red.) oder in der Literarischen Rundschau (Irodalmi Szemle - ungarische Literaturzeitschrift in der Slowakei - Anm. d. Red.), obgleich, wenn sie in mehreren Organen erscheinen würden, wäre das eine größere Inspiration für sie. Auch wenn wir nicht (mehr) in einer einheitlichen ungarischen Literatur denken, müssen wir uns irgendwie doch im gemeinsamen Raum der ungarischen Literatur messen lassen." (Hintergrund:  )

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - Elet es Irodalom

Anderthalb Wochen nach den Wahlen verkündete die Medienbehörde in Ungarn, dass die im September ablaufende Sendefrequenz von Tilos Radio (Radio Verboten) nicht verlängert wird. Der Journalist Balázs Weyer war zwischen 1997 und 2003. Vorsitzender des Kuratoriums von Tilos. In den letzten zehn Jahren arbeitete Weyer als Musikproduzent und Musikdirektor bei Filmproduktionen (u.a. Son of Saul) und ist Dozent am Lehrstuhl für Kommunikation und Medien der Universität Pécs. Im Interview mit János Széky spricht er u.a. darüber, was Tilos ausmacht und ob das Radio ein unabhängiger oder gar oppositioneller Sender ist. "Ein schlagkräftigeres Medium als Tilos ist schwer zu finden. Das bedeutet auch, dass wir den Sender sehr günstig betreiben können, wobei Freiwillige dabei helfen, dass dieses Radio alles überleben kann. Sein Überleben ist auch deshalb wichtig, weil jeder weiß, dass so etwas nie wieder entstehen wird. Ich war jahrelang Vize-Präsident des Weltverbands der Gemeinschaftsradios (AMARC - Anm. d. Red.) aber auch dort galten wir als Ausnahme. Während wir über Gemeinschaftsradios von Afrika bis Südamerika zahlreiche wunderbaren Geschichten hörten, wurde unser Existenzmodell stets als 'Einhorn' bezeichnet. Immerhin hat es seit 1991 sieben oder acht Regierungen überlebt. Während jeder Regierung gab es irgendeine Krisensituation, aber wir konnten stets weitermachen. Nicht nur technisch, sondern auch wegen der Unterstützung unserer Hörer konnten wir die Krisen überleben. Oppositionell würde ich uns keineswegs nennen und selbst unabhängig ist nicht das beste Wort. Tilos ist ein Outsider-Radio."

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - Elet es Irodalom

Die Literaturhistorikerin und Russistin Zsuzsa Hetényi (ELTE Budapest) spricht im Interview mit Benedek Várkonyi u.a. über die veränderte Bedeutung der Slawistik in den westlichen Ländern, auch in Deutschland, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. "Die westliche Welt hat kaum einen Schimmer davon, was in Russland passiert und ein eindeutiger Beweis dafür ist die Sprache der Verhandlungen und der Gedankengang der Abmachungen. Als ich jung war, in den siebziger und achtziger Jahren, existierten große Slawistik-Lehrstühle, es gab ernsthafte Forschung zum Kreml und der Sowjetunion, mit Wissenschaftlern, die über die russische Kultur und ihrer Geschichte Bescheid wussten. Sie konnten die aktuellen Ereignisse ihrer Zeit begreifen. Nach der Wende wurden viele dieser Lehrstühle eingespart. In Deutschland, wo es ja Geld für die Wissenschaft gibt, wurden Slawistik-Lehrstühle zusammengelegt, die Anzahl der Wissenschaftler drastisch gesenkt. Die postsowjetischen Emigranten, die massenhaft anfingen an diesen Institutionen zu arbeiten, sind nicht im Stande, das heimische System von Außen zu betrachten. Der späte Sozialismus und die Zeit der Wende verstärkten lediglich die Ansicht, dass ein Literaturhistoriker oder ein Historiker sich weder mit gesellschaftlichen noch mit aktuellen Fragen beschäftigen muss."
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Stichwörter: Hetenyi, Zsuzsa, Slawistik

Magazinrundschau vom 26.04.2022 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Nikolett Antal spricht der Schriftsteller Ákos Kormányos u.a. über die Darstellung körperlicher Versehrtheit in der Literatur. Kormányos erhielt für seinen Gedichtband "Töredezettségmentesítés" (Defragmentierung) ein Literaturstipendium von zwei unabhängigen Literaturorganisationen für 2021/22. Der Dichter thematisiert in diesem Band seine eigene körperliche Behinderung. Außerhalb der literarischen Welt arbeitet er als Psychologe auf der Onkologiestation des Klinikums der Universität Szeged. "Ich wollte nicht 'alles ist immer gut' schreiben. In der Psychologie mag ich es auch nicht, wenn jemand sagt, dass in allem immer etwas Gutes steckt und das muss um jeden Preis erkannt und gesehen werden. Es nervt mich auch total, wenn ich höre, dass man auch als Behinderter ein volles Leben leben kann. Ich lebe ein rundes Leben, voller von Freude und Glücksmomente, doch ich denke auch, dass ein volles Leben etwas Anderes ist. Dazu kommt noch, dass ich als Psychologe in der Onkologie arbeite. Dort ist es wichtig, auch über Traurigkeit und Schmerz zu sprechen. ... Es ging um die Frage: wie man dieses Thema zur Belletristik formen kann. Dafür war die Distanz gut, denn ich dachte, dass wenn ich Distanz wahren kann, wenn ich mechanisch anatomische Abläufe schildern kann, was wiederum Empathie weckt, dann funktioniert das Thema, über das ich wirklich sprechen will. Ich wollte nicht schreiben, dass es mir weh tut, denn der Leser muss dieses Gefühl selbst entwickeln." (Hintergrund:  )

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - Elet es Irodalom

Der aus der Vojvodina stammende Soziologe György Szerbhorváth fühlt sich in Élet és Irodalom durch den Ukraine-Krieg nicht nur an die Belagerung von Sarajewo vor dreißig Jahren erinnert. "Entgegen einer weit verbreiteten Meinung denke ich, dass der Krieg in der Ukraine nicht der erste nach 1945 in Europa ist. Es ist kennzeichnend für die Erinnerungskultur, dass 1956, die erste sowjetische 'besondere Militäroperation' verdrängt wird, genauso wie die Belagerung der Tschechoslowakei von 1968. Als wären sie nie passiert. Auch die südslawischen Kriege werden bemäntelt, obwohl der internationale Strafgerichtshof in Den Haag die Haupttäter zur Rechenschaft zog - die kleineren Kriegsverbrecher wurden jedoch laufen gelassen. Dies gilt besonders für die serbischen Kräfte, die an der Belagerung Sarajewos beteiligt waren. Die bizarrsten dabei sind vielleicht die Fälle jener Gastarbeiter im Westen, die an den Wochenenden in die Berge am Rand der Städte fuhren, um als Scharfschützen die dortigen Einwohner zu terrorisieren. (…) Man ließ sie laufen, so wie die russischen Verantwortlichen des gegenwärtigen Krieges entkommen werden, im Zeichen eines noch scheinheiligeren Weltfriedens."
Stichwörter: Erinnerungskultur

Magazinrundschau vom 08.03.2022 - Elet es Irodalom

In einem Essays für das Berliner Haus der Poesie blickt László Garaczi deprimiert auf die Lage Ungarns unter Viktor Orbán und träumt von einer künftigen Weltregierung: "Fast hätte ich's vergessen: Die erste Verordnung der neuen Regierung wird sein: täglich eine Stunde Lesen. Gedichte, Erzählungen, Romane. Alte und neue, heimische und Weltliteratur. Lesen heißt, jemandem Aufmerksamkeit zu schenken. Sein selbstsüchtiges, introvertiertes, unwissendes, krankes, vorurteilsvolles, scheuklappenbehaftetes, ungebildetes, hasserfülltes, tobendes, stumm schreiendes, verkommenes Selbst zu suspendieren und wieder (miteinander) sprechen zu lernen. Zu lernen, gedeihen, sich verfeinern, spielen, seinen Geist zu bereichern, sich verschönern. Die lesende Person ist zahm, großzügig und meditativ. Ein energieeffizienter und klimaneutraler Buddha. Beim Lesen ist es nicht möglich sich gegenseitig zu ohrfeigen, die europäischen Aufbauhilfen zu stehlen, um die Wähler aufzuhetzen. Im Ernst: Eine Stunde am Tag, das lässt sich aushalten.
Stichwörter: Orban, Viktor

Magazinrundschau vom 01.03.2022 - Elet es Irodalom

János Székely kommentiert die recht deprimierenden Reaktionen in der ungarischen Öffentlichkeit auf die russische Invasion der Ukraine: "Viktor Orbán summierte am Dienstagabend, was der gute, wahre Durchschnittsungar wissen muss: die Sicherheit Ungarns sei das wichtigste, was sicherlich wahr ist. Allerdings heißt das Opfer der kriegerischen Aggression Ukraine, was wiederum in den meisten Ländern der Welt auch erkannt wurde und was die Welt mit Solidarität für die Ukraine beantwortete. Außer die ungarische Regierung. Und nicht nur die Regierung. Undank der sozialen Medien haben wir Einblick in die Gedanken politisierender ungarischer Durchschnittsbürger, die kaum Solidarität mit der Ukraine und den Ukrainern erkennen lassen, wie man das von Vilnius bis Prag sieht, sondern Hass und Verachtung. Ausführungen wie: 'Diese verrückten, elendigen terroristischen Ungarnhasser sollen die Städte Uschhorod (Ungvár) und Berehowe (Beregszász) zurückgeben; man darf den russischen Bären nicht verärgern' sind nicht nur das Produkt der russischen und ungarischen Staatspropaganda. Doch beide Propagandaapparate sind darüber im Klaren, an welche tiefverankerten Denkmustern man in Ungarn appellieren kann: an das aus der Kádár-Ära geerbte falsche Überlegenheitsbewusstsein gegenüber den Nachbarvölkern und an den auf Trianon fokussierten Verletzungsnationalismus. Beide sind ungarische Besonderheiten."
Stichwörter: Orban, Viktor

Magazinrundschau vom 22.02.2022 - Elet es Irodalom

Der in Siebenbürgen lebende Dichter László Szűcs berichtet in Élet és Irodalom über die kollektive Kündigung der Redaktion des transsilvanisch-ungarischen Onlineportals Transindex, nachdem die Eigentümerin, die RMDSZ - eine Partei der ungarischen Minderheit in Rumänien und Verbündete bzw. Satellitenorganisation der ungarischen Regierungspartei Fidesz - wohl aufgrund der ritischen Berichterstattung die Einstellung des Portals in Aussicht gestellt haben soll. Damit verhielt sich die Redaktion von Transindex ähnlich wie zuvor Index bei ihrer anstehenden Veräußerung. Die Redaktion von Index gründete damals unter dem Namen Telex ein neues Online-Portal, die Redaktion von Transindex will nun unter dem Namen Transtelex weitermachen und mit Telex aus Ungarn kooperieren. "Die gemeinsame Kündigung kam unterwartet und wurde damit begründete, dass die Arbeit bei Transindex gänzlich unmöglich geworden sei und die Redaktion die Aufgabe, welche Voraussetzung für jede freie Presse wäre, nicht mehr ausüben könne. Den auslösenden Impuls für den Abschied sieht die Redaktion darin, dass sich der Mehrheitseigentümer für den Verkauf der Zeitung entschied (...) und sie mit der kollektiven Kündigung der Veräußerung auf dem politischen Markt zuvorkommen wollte, aber auch einer etwaigen Auflösung, wie dies zuvor mit anderen Organen passierte."

Magazinrundschau vom 15.02.2022 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Andrea Lovász spricht der Dichter, Schriftsteller, Redakteur und Publizist Dénes Krusovszky u.a. über die Rolle der Schriftsteller in der Öffentlichkeit: "Ich betrachte mich in erster Linie als Dichter und Schriftsteller, wobei ich das öffentliche Schreiben oder das Schreiben über öffentliche Themen nicht streng getrennt von der Belletristik betrachte. In der ungarischen Literatur ist es Tradition, dass Autoren gleichzeitig Schriftsteller und öffentliche Intellektuellen sind, womit ich mich recht gut identifizieren kann. ... Es gibt Autoren, die ihre Bücher publizieren, doch die Kritik nicht mehr lesen, der Kontext des ganzen interessiert sie überhaupt nicht. Unter Kontext verstehe ich hier ganz banal ein Land oder die ungarische Gesellschaft. Ich sehe mich nicht als Ausnahme und bin genauso Teil der Suppe wie ein Ingenieur oder ein Sozialarbeiter. Meine Instrumente, aber auch meine Möglichkeiten, sind vielleicht andere und ich möchte diese Instrumente soweit wie möglich verantwortungsvoll und konsequent nutzen. So gesehen hängt es auch von mir ab, in was für einem Land meine Kinder leben werden und man sollte das nicht bagatellisieren, andererseits sollte man sich die Rolle des Schriftstellers auch nicht dogmatisch vorstellen."

Magazinrundschau vom 25.01.2022 - Elet es Irodalom

Der Ökonom István Csillag nimmt mit einem Aufsatz an der seit längerer Zeit anhaltenden Debatte teil, wie nach einem eventuellen Sieg der vereinten Opposition bei den kommenden Parlamentswahlen (am 3. April), das System Orbans durch eine neue Verfassung abgelöst werden kann. "Die Wiederherstellung der rechtstaatlichen Verfassung darf kein 'kaukasischer Kreidenkreis' sein, die Opposition darf der autoritären Orbán-Regierung nicht nacheifern und wie Orban das Land entzweien. Sie kann selbst dann den für die neue Verfassungsgebung benötigten Frieden nicht garantieren, wenn sie eine Zweidrittelmehrheit erlangt. Mit dem Sieg der Opposition ist lediglich das Erlangen der Regierungswerkzeuge und die Neutralisierung des Orbán-Systems möglich, was allerdings nicht konfliktfrei sein wird. Man kann nicht davon ausgehen, dass der Lautsprecher die nächste Haltestelle ansagt, wo dann die Fahnenträger des Orbán-Systems aussteigen und die bisher Unterdrückten einsteigen."