Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

436 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 44

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Elet es Irodalom

Für den Soziologen und Publizisten Márton Kozák war das Scheitern der neuen Republik durch die Wende-Verfassung von 1989 vorprogrammiert: "Es hätte Sinn und Ziel der Verfassung von 1989 sein müssen, dass auch dann niemand die Möglichkeit bekommt, unbeschränkte Macht zu gewinnen, wenn das Volk aus Gewohnheit dem nicht widerspricht", schreibt er. "Die ikonischen Figuren der Wende haben die Rechtsordnung der Republik ungewollt selbst mit dem tödlichen Virus infiziert. ... Es ist wenig beruhigend, dass für dieses ungeheure Versagen keine außenstehenden Kräfte (historische Bestimmtheit, Fluch, Schicksal, Gott etc.) sondern die von uns verursachten Fehler verantwortlich sind. Beim nächsten Mal, wenn es ein nächstes Mal geben wird, muss es besser gemacht werden."
Stichwörter: Ungarn, Wende, Kozak, Marton

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - Elet es Irodalom

János Széky porträtiert den gescheiterten Kandidaten für den Posten des EU-Kommissars für Erweiterung und humanitäre Hilfe, László Trócsányi: "Er ist ein exemplarischer Vertreter der in drei Jahrzehnten kristallhart gewordenen ungarischen 'rechten' Elite. Trócsányi ist kein Ringer, der den Pansen-Gulasch mit dem Löffel isst, sondern ein feiner Herr, ein Wissenschaftler, Lehrer, Verfassungsrechtler, Rechtsanwalt und Diplomat, der in mehreren Sprachen liest und publiziert (...). Genau das ist der ureigene ungarische Konservativismus, der gerne der bestehenden Macht dient. Je stärker die Macht, desto lieber, denn sie ist dann umso stabiler und kann umso länger Dienste honorieren. Wahrheit, Ethik und politische Werte sind Störfaktoren. Überparteilich, über den Kuhhändeln der Tagespolitik stehend, kann dieser Konservatismus jeder politischen Schweinerei mit professioneller juristischer Arbeit dienen. Objektive Wahrheit existiert nicht, lediglich das rechtskräftige Urteil. Und solange es dieses nicht gibt, ist A nicht gleich A."

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Elet es Irodalom

Der Soziologe Iván Szelényi (Prof. em. der Yale University) erinnert sich an den kürzlich verstorbenen György Konrád, dessen Coautor er bei dem Buch "Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht" war. "Ich habe mich vor gar nicht so langer Zeit mit Gyuri unterhalten: ob das 'Intelligenz-Buch' ein liberales Buch gewesen sei. Ich sagte: nein. Am Anfang der 1970ern Jahre stand uns noch kein kohärenter liberaler Diskurs zur Verfügung. Wir schufen einen breiteren Raum für diejenigen, die anders denken wollten. Darum wagte ich vorhin den Namen von Laci Rajk zu nennen, der wesentlich jünger war als wir, doch er schloss sich selbstverständlich der neuen Denkweise an. (…) Heute senst der Sensenmann in der Generation, die am Ende der 60er, Anfang der 70er eine neue Sprache suchte. (…) Ich trauere um die Pioniere jener Zeit, vor allem um György Konrád, der wohl am meisten für das tat, was wir heute als Systemwende in Ungarn bezeichnen. Doch ich trauere mehr um Gyuri, der mein Freund war. Es gibt zahlreiche geschichtsgestaltende Nationalhelden, doch es gibt nur einen besten Freund."
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Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Elet es Irodalom

Am Ende vergangener Woche trat der verantwortlicher Chefredakteur der Wochenzeitschrift 168 óra, Ákos Tóth wegen unüberbrückbarer Konflikte mit der Eigentümerin der Zeitschrift von seinem Posten zurück. Mit ihm gingen auch seine zwei Stellvertreter, der Politologe Zoltán Lakner und Gyula Krajczár. Eigentümerin der Zeitschrift ist die Firma Brit Media, die wiederum mit dem ungarischen Ableger der orthodoxen Chabad Lubawitsch Gemeinde und insbesondere mit Rabbi Slomó Köves in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. Die Gemeinde von Köves wurde von der gegenwärtigen Regierung als offizielle Kirche anerkannt und im Gegensatz zu der traditionellen jüdischen Gemeinde, der eher regierungskritischen MAZSIHISZ wird sie großzügig vom Staat unterstützt. Rabbi Köves fungierte in den vergangenen Jahren des Öfteren als Apologet der Orbán-Regierung, zumal bei umstrittenen Kampagnen wie die gegen Georg Soros. Zoltán Kovács, Chefredakteur von Élet és Irodalom fragt sich, in welche Richtung sich 168 óra wohl entwickeln wird: "Wie aus der veröffentlichten Abschiedsrede des scheidenden Chefredakteurs Ákos Tóth ersichtlich wurde, hatte er unüberbrückbare Konflikte mit den Eigentümern der Wochenzeitschrift, doch über Einzelheiten und Inhalt wurde nichts gesagt. Wie es informell hieß, wurde die Köves-Linie erdrückend. Wohin all dies führt, kann noch nicht gesagt werden. (…) Die wichtigste Frage ist, ob es inhaltliche Veränderungen geben wird, ob die politische Linie der Zeitschrift bleibt, und ob sie das, was die Leser am meisten mochten, nämlich niveauvolle Interviews und ideenreiche Publizistik verlieren wird. Oder all dies bleibt, nur das, was informell angedeutet wurde, noch stärker wird, dass die Zeitschrift sich zunehmend zum religiösen Traktat wandelt. Auch das kann passieren, nur dann soll nicht so getan werden, als ginge es um etwas Anderes."

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - Elet es Irodalom

Der im siebenbürgischen Odorheiu Secuiesc (Odorhellen, Székelyudvarhely) geborene Literaturhistoriker, Übersetzer, Redakteur und Dichter Imre József Balázs spricht im Interview u.a. über den Einfluss der rumänischen Avantgarde-Literatur auf sein Schaffen. "In meiner Gymnasialzeit blitzten inselartig bessere Sachen auf, beispielsweise die Gedichte von Nichita Stănescu oder die Prosa von Mircea Eliade, obwohl der Unterricht der rumänischen Literatur in jener Zeit ziemlich veraltet war. Das Gute an der Avantgarde ist, dass sie eine internationale Bewegung und in jeder Literatur aufzufinden ist. In der rumänischen Kultur ist sie stärker, markanter und nachhaltiger. Auch auf internationaler Bühne ist sie bekannter - dazu gehören Autoren wie Tzara oder Brâncuși, doch auch die weniger bekannten wie Gherasim Luca oder Victor Brauner sind interessant. Ich hatte eine Idee, als ich im Jahre 2000 anfing mich mit der Avantgarde zu beschäftigen: So untersuchte ich auch mit komparativen Methoden, mit wem ungarisch-stämmige Dichter auf internationaler Ebene verbunden sein könnten. Ich fing damals bereits an rumänische Autoren zu übersetzen und plante eine Anthologie zur rumänischen Avantgarde auf Ungarisch, was genauso in Bearbeitung ist, wie die siebenbürgische Literaturgeschichte. Solche Gedichte wurden auf Ungarisch ganz einfach nicht geschrieben, und dadurch, dass ich sie übersetzte, entstand auch auf Ungarisch eine Dichtung dieser Art. Gellu Naum, und was die Bilderwelt betrifft Victor Brauner hatten große Wirkung auf mich, ich kann mir die literarische und visuelle Welt, die für mich essentiell ist, ohne sie immer weniger vorstellen."

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - Elet es Irodalom

In Kürze erscheint in Ungarn das achtzehnte Buch des neunzigJährigen Publizisten Paul Lendvai (Die Verspielte Welt, Ecowin-Verlag), der in einem ausführlichen Interview mit Peter N. Nagy unter anderem über das Wesen des seit 2010 in Ungarn ausgebauten Regimes spricht. "Dieses auf ungarischem Boden geborene System ist etwas Besonderes. Diener findet natürlich jede Politik und eine dünne Schicht profitiert auch sehr. Insgesamt aber ist ein System entstanden, das die Dummheit belohnt. Es ist unglaublich, was für Menschen sich zum Beispiel über Literatur äußern, während diejenigen, die unangenehm sind, sorgfältig beiseite geschoben werden. Den wenigen (...) bürgerlichen Kritikern missfällt es, dass der zunehmende Reichtum weniger Menschen über allem stehen soll. Es ist wie nach der französischen Revolution, als Minister François Guizot verkündete: Werdet reich! Hier wird ergänzt: und schweigt! Wer das befolgt, dem geht es gut. Aber viele talentierte Menschen in den Medien, den Künsten und in der Literatur haben sie nicht. (...) Vor kurzem ist eine wunderbare Figur der ungarischen Gesellschaft, Ágnes Heller, gestorben, was ein größeres Echo im Ausland hatte als in Ungarn. Die Macht schwieg. Dummheit und Provinzialismus grassieren. Je größer die Lüge, desto glaubhafter ist sie. Dieses Propagandasystem war im Stande aus einem György Soros, einer herausragenden Figur der ungarischen Geschichte, einen Feind zu kreieren. Das funktioniert. Es bedarf auch keiner Gewalt dafür, zumindest bis es keine Wirtschaftskrise gibt. Die Zukunft der ungarischen Gesellschaft hängt im Augenblick vom gesundheitlichen Zustand des Viktor Orbán ab."

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - Elet es Irodalom

Der ehemalige Chefredakteur der von der Regierung geschlossenen Tageszeitung Népszabadság, András Murányi, erinnert an die Ereignisse von vor vier Jahren, als die Eigentumsübertragung über einen Strohmann an einen Regierungsoligarchen erfolgte, die letztlich die Schließung der Népszabadság ermöglichte. Auch er spricht über die sich ausbreitende Apathie seiner Mitbürger. "Man schaudert über die immer mehr 'nicht veröffentlichten Bücher, nicht veranstalteten Ausstellungen, nicht entstandenen Werke', über immer mehr auswandernde Intellektuelle, Pflege- und Baufachkräfte. Es wäre einfach, nach Revolution zu rufen, man muss aber einsehen, dass dieses System weder von den verängstigten, nörgelnden Intellektuellen, noch von der besiegten Arbeiterschaft oder von den unabhängig-liberalen-linken (gibt es sie noch?) reichen Schichten, oder durch sonst-jemandem von sich aus geändert wird. Und genauso wenig macht es Sinn, auf die europäischen Checks and Balances zu hoffen. Gegen die Zerschlagung der Forschungsinstitute der Ungarischen Akademie der Wissenschaften haben vielleicht nur die Lebertranproduzenten von Grönland nicht protestiert, und dennoch wird der Plan der Regierung Schritt für Schritt präzise umgesetzt. Den verzweifelten Staatsbürgern bleibt nur, in einer Menschenkette die Zerstörung aus nächster Nähe zu betrachten und sich die Schlagzeilen aus FAZ und Guardian vorzulesen: dies sei aber wirklich der Skandal der Skandale!"
Stichwörter: Nepszabadsag, Ungarn

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - Elet es Irodalom

Der in Österreich lebende Publizist Paul Lendvai schreibt im Nachruf auf die kürzlich verstorbene Philosophin Ágnes Heller: "In einem vor kurzem veröffentlichten Interview antwortete Ági Heller auf die so oft gestellte Frage, ob sie denn nach so vielen scharfen Aussagen keine Angst habe in Ungarn zu leben, mit 'Nein', weil sie (neunzig Jahre alt und) weltbekannt sei. Ehrlich gesagt hielt ich ihre Antwort zunächst für seltsam, ja sogar arrogant. Wenige Wochen später löschte die Nachricht ihres plötzlichen Todes diesen Eindruck. Am nächsten Tag, als ich auf meinem Laptop die Weltpresse durchstöberte, dachte ich erneut an diesen Satz, der ein Schlüssel beim Verstehen des Heller-Phänomens ist. (...) Ich habe Ági Heller nicht nur wegen ihres Ausnahmetalents bewundert, sondern auch für ihren ungebrochenen Mut und ihre unerschöpfliche Energie. Sie tat ungeheuer viel für die ungarische Kultur und für den Erhalt der liberalen Traditionen aber auch für die internationale Enttarnung der demokratischen Maske des Orbán-Systems. Ihr Leben in Ungarn war deshalb fast immer von Beleidigungen und verdecktem Neid begleitet."
Stichwörter: Heller, Agnes, Ungarn

Magazinrundschau vom 09.07.2019 - Elet es Irodalom

Die Theaterkritikerin Noémi Herczog und die Dramatikerin Zsófia Molnár betrachten die ausklingende Theatersaison aus der Sicht des neuen Finanzierungssystems, das insbesondere die unabhängigen Theater und Ensembles trifft, aber auch Auswirkungen auf die Theaterkritik hat. "Man kann dem neuen System trotzen - sowohl von der Theater- als auch der Kritikerseite. Wer etwas Neues will, der kann seine Wohnung öffnen, kann einen Antrag auf öffentliche Platznutzung stellen und kann im Freien ohne Technik wichtige Dinge tun, kann für einige Jahre den Gürtel enger schnallen. Oder man kann nach dem Rettungsring greifen, den gegenwärtig der Privatfond Summa Artium mit seinem Programm "Autonome Kultur" darstellt (mehr dazu hier). Und die Kritik? Sie wird immer mehr zur wertneutralen Chronik, nur ist sie dann keine Kritik mehr, sondern ein theaterhistorisches Memento. Wie kann man denn normale Kritiken schreiben, wenn man befürchten muss, dass eine negative (oder positive) Meinung wichtige Akteure in schwierige Situationen bringen kann?"

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Elet es Irodalom

Modest Mussorgsky hat seine Oper "Die Fürsten Chowanski" nie fertiggestellt, Nikolai Rimski-Korsakow, Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch haben später an dem Werk gearbeitet. Jetzt hat er der ungarische Musikwissenschaftler János Bojti eine neue Fassung vorgelegt, die im kommenden Jahr in Berlin aufgeführt werden wird. Im Interview mit László J. Győri  spricht Bojti über seine akribische Restaurierungsarbeit: "Ich selbst bin kein Komponist, doch ich beschäftigte mich sehr viel mit Mussorgsky, ich studierte das Arrangieren und von Beruf bin ich Aufnahmeleiter. In meinem ganzen Leben hatte ich Partituren in der Hand, ich spiele mehrere Instrumente, also habe ich eine gewisse Vorstellung davon, wie sich eine Mussorgsky-Oper anhören kann, doch für lange Zeit traute ich mich trotzdem nicht an die Oper, andererseits aber konnte ich sie auch nicht so belassen. Dass sich niemand an diese Arbeit traute hängt sehr mit der Unantastbarkeit von Schostakowitsch zusammen, den niemand zu hinterfragen wagte. Dennoch reicht es aber nicht, wenn du lediglich arrangieren kannst, man muss auch viel über Mussorgsky wissen: Wie hat er arrangiert, welche Instrumente hat er verwendet? Man muss all seine Partituren kennen und lesen, was ich auch tat. Lediglich aus dem Klaviernachlass kann man nicht erraten, wie er Chowanschtschina arrangiert hätte."