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1 Presseschau-Absatz

Magazinrundschau vom 10.09.2024 - no future

In den 2000ern gab es in Russland eine große und vor allem gewalttätige, antifaschistische Bewegung, die sich in den 2010ern größtenteils ins bürgerliche Leben verabschiedete. Heute kämpfen manche dieser alten Antifaschisten auf der Seite Russlands gegen die Ukraine. Anna Worobjewa fragt (hier die deutsche Übersetzung von Dekoder) für das unabhängige Online-Portal no Future (hier mehr Informationen) ein paar von ihnen: Warum? "'Wir leben einfach in einer anderen Welt als die Zivilbevölkerung. Vor allem die, die lange an der Front sind. Das verändert das Denken. Und manchmal verstehen wir euch nicht mehr richtig. Wir sind froh, wenn wir noch leben. Und wenn wir von einem Einsatz lebendig wiederkommen, wenn sogar niemand verletzt wurde - weder man selbst, noch ein Kamerad - dann ist das das Größte. Und ihr sitzt einfach rum und beschwert euch', sagt der Antifaschist Sergej Sashin. In seiner 'Straßenkampfzeit' war Sergej oft aktiv auf Neonazis losgegangen, hatte in einer Punk-Band gespielt. 2014 sprach er sich noch öffentlich für den Maidan und die ukrainische Antiterroroperation aus, demonstrierte mit 'No Putin, no War'-Plakaten. 'Ich habe Leute unterstützt, die für die Freiheit und für Veränderungen zum Besseren waren. Die Fortschritt wollten. Ist doch super, oder? Nur, was bringt's im Endeffekt? Das ging vom Regen in die Traufe. Nur, dass die Traufe noch schlimmer war', sagt Sashin. 'Warum haben die Donezker überhaupt rebelliert? Na, fahrt doch mal hin und seht euch an, was sich da seit dem Ende der Sowjetunion getan hat. Gar nichts nämlich! Ich bin vor 2014 in Kyjiw gewesen - da war alles superschick renoviert. Die anderen Städte auch: Tipptopp saniert! Nur Donezk, Luhansk, der ganze Osten, der das Land ja ernährt hat, der hat die Riesenarschkarte gezogen.'" 2022 zog Sashin dann mit der Wagner-Truppe in den Ukraine-Krieg. "'Ich war eigentlich immer gegen Krieg gewesen, aber wenn er, wie man so sagt, nun schon mal da ist - sorry, da gibt es kein 'Aaaa, ich will keinen Krieg!' mehr. Die Fahne schwenken, das ist für'n Arsch. Das machen nur Debile.' 'Aber wenn Krieg ist, heißt das doch nicht, dass man unbedingt daran teilnehmen muss?' 'Wie soll man ihn sonst beenden?' 'Darüber könnten wir uns stundenlang unterhalten. Wie hast du dich für die russische Seite entschieden? Du hast sicher keine Münze geworfen?' 'Sorry, aber ich bin in Russland geboren, das ist mein Land… Das war sozusagen nicht meine Entscheidung.'"