
In Russland sind nur noch einige wenige Redaktionen verblieben, die versuchen, sich an die Gesetze zu halten und trotzdem kritisch zu berichten. Eine davon, die Redaktion von
Swobodnyje Nowosti aus Saratow,
porträtiert Sergej Stumak für die unabhängige Onlinzeitschrift
Takie Dela (
hier mehr und hier die
deutsche Übersetzung des Artikels bei
Dekoder). "Das letzte Jahr war das schwerste in der Geschichte der Freien. Der Scherz 'wir müssen
den Priester rufen' (damit dieser den Raum gegen den bösen Blick weiht) ist jetzt nicht mehr lustig. 'Das schrecklichste Ereignis des vergangenen Jahres war der Tod Nawalnys', erinnert sich Lena. 'An dem Tag hatten wir [die Politikerin Jekaterina - TD] Dunzowa auf Sendung. Sie war nach Saratow gekommen, um den regionalen Stab ihrer Partei Rasswet zu eröffnen, und wir hatten sie gebeten, davon zu erzählen. Ich las gerade bei mir im Büro einen anderen Text und war weder im Redaktions-Chat noch beim Newsticker. Da kam der Chefredakteur der Videoabteilung reingestürmt und fragte: '
Ändern wir nun das Programm wegen Nawalnys Tod?' Als Lena nach dem ersten Schock wieder zu sich kam, versuchte sie, den Journalisten zu erklären, wie sie angesichts dieser Nachricht weiter vorgehen sollten. Aber ihre Stimme versagte. Und über drei Wochen lang versagte sie wieder und wieder. Und dann, zwei Monate später, verlor das ganze Portal seine Stimme. Die
Freien wurden gesperrt. Die Besucherzahlen der neuen Internetseite lagen gegenüber der alten nur noch bei einem Zehntel. Auch die Erwähnungen und die Suchergebnisse bei Nachrichten-Aggregatoren brachen ein. Yandex nahm die Freien wegen der Sperrung aus dem Nachrichten-Angebot. Das neue Portal würde frühestens nach einem halben Jahr aufgenommen. 'Bislang haben wir auf unserer Seite nichts, was die Leute anlocken könnte', erklärt Marija. 'Zum Beispiel 'Wo kann man in Saratow gut essen gehen?' oder 'Wo kann man in Saratow schwimmen gehen?' Das alles blieb auf der alten Seite zurück.' (...) Bekannte aus Saratow, die jetzt in Moskau lebten, stellten alle dieselbe Frage, erzählt [die Chefredakteurin Lena] Iwanowa: 'Warum haben sie euch noch nicht eingebuchtet?'. 'Das heißt, sie sind uns nicht feindlich gesonnen, sondern sind nur
ganz ehrlich verwundert. Das ist das Alltägliche des Schreckens und des Bösen: Die Gesellschaft ist den Repressionen gegenüber tolerant.'"