Magazinrundschau
Der Kommandant wollte sich betrinken
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.08.2024. Takie Dela porträtiert eine der letzten unabhängigen Redaktionen Russlands, Swobodnyje Nowosti aus Saratow. Der New Statesman schildert die Geschichte des islamischen Hasspredigers Anjem Choudary, der jahrzehntelang unbehelligt in UK agitieren durfte. Walrus besucht den Chemiker Frederik Vanmeert, der weiß, mit welchen Substanzen Jan Vermeer die Glanzlichter auf der Perle und im Gesicht des Mädchens mit dem Perlenohring setzte. New Lines trifft sudanesische Flüchtlinge in Kenia. "We have a Historikerstreit on our hands!", ruft Engelsberg Ideas. Und die New Left Review sucht nach der siebten Generation des chinesischen Kinos.
Engelsberg Ideas (Großbritannien), 19.08.2024

Takie Dela (Russland), 25.07.2024
New Lines Magazine (USA), 26.08.2024
Kang-Chun Cheng beleuchtet die Schicksale dreier Familien, die vor dem Bürgerkrieg im Sudan nach Kenia geflohen sind. Hoyam Babiker zum Beispiel, die im Sudan Jura studierte, hoffte, nach Ägypten oder Kanada fliehen zu können, berichtet Cheng, doch als der Krieg ausbrach, verloren die sudanesischen Bürger die Pass-Privilegien vieler Länder. Ihre Anträge auf Visa wurden abgelehnt. Nachdem sie mit ihren Kindern von einer vermeintlichen sicheren Zone zur nächsten und dann nach Uganda geflohen war, wo die Lebensumstände unerträglich waren, kam sie endlich im Januar 2024 als Flüchtling in Kenia an, das Schätzungen zufolge in den letzten drei Jahrzehnten mehr als 750.000 Flüchtlinge aufgenommen hat, so Cheng. In Nairobi hatte "Babiker die Idee, ein kleines Café zu eröffnen. Im Kilimani-Viertel der Hauptstadt eröffnete sie in diesem Frühjahr 'Mazaj' (arabisch für 'Stimmung'). Wir sitzen auf der Terrasse des Cafés, als sie erzählt, wie sie das Geschäft eröffnete. 'Ich wollte etwas haben, das mich beschäftigt', gibt die junge Mutter zu, damit ihre Gedanken nicht ständig zu den Gräueln in ihrem Heimatland abschweifen. In Kilimani sind die meisten Cafés äthiopisch, aber 'ich wollte einen Ort schaffen, an dem alle Sudanesen zusammenkommen', erklärt sie. 'Vielleicht können wir hier eine gemeinsame Basis finden, da wir uns alle in der gleichen Situation befinden. Während wir plaudern, kommen Stammgäste auf ein heißes Getränk hereinspaziert. Der Geruch von Bakhoor, einem traditionellen Weihrauch, liegt in der Luft. Kinder, manche auf Rollschuhen, kommen vorbei, um ihre Bilder zu verkaufen oder mit Babiker zu plaudern, die offensichtlich die geliebte Tante der Nachbarschaft ist. 'Es ist ein Ort, an dem wir uns wiederfinden. Hier können wir uns treffen und uns gegenseitig über die Situation in Nairobi und zu Hause informieren', sagt Yousif Mohammed Ahmed, 38, der im Juli letzten Jahres in Nairobi angekommen ist. 'Wir unterstützen Hoyam', fährt er fort, 'aber es ist auch ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen und sudanesisch sprechen können. Hier findet man jeden, ob er in der sudanesischen Botschaft arbeitet oder neu in der Stadt ist.' Das Einkommen, wenn auch klein, hilft natürlich auch, denn die Lebenshaltungskosten in Nairobi sind sehr hoch. 'Die meisten Leute, die hierher kommen, haben kein Geld.' Eine kleine Tasse Tee kostet an den meisten Orten etwa 75 Cent, aber bei Mazaj kostet sie nur die Hälfte - selbst in den Wirren des Neubeginns hofft Babiker, anderen zu helfen."Walrus Magazine (Kanada), 26.08.2024
Der Chemiker Frederik Vanmeert hat mit der makroskopischen Röntgendiffraktometrie eine Methode entwickelt, die chemische Beschaffenheit von Farbpigmenten zu untersuchen, ohne Gemälde zu beschädigen, berichtet Adnan R. Khan für The Walrus. Sein besonderes Interesse gilt Vermeer: Welche Pigmente hat er benutzt, was wollte er damit zum Ausdruck bringen - das sind so die Fragen, die er sich stellt. "Vanmeert und sein Team haben zwei Arten von Bleiweißpigmenten im 'Mädchen mit dem Perlenohrring' gefunden. Der vorherrschende Typus bestand aus einem kristallinen Bleicarbonat names Hydrocerrusit. Es wurde in den Glanzlichtern im Gesicht des Mädchens, ihrer Kopfbedeckung und ihrem Kragen gefunden, aber auch in der Grundierung des Gemäldes, wo es mit Kreide vermischt war. Hydrocerussit, das im Delft des 17. Jahrhunderts das am breitesten erhältliche Bleiweißpigment war, besteht aus relativ großen hexagonalen Kristallen, die sich, wie Vanmeert mir erklärt, gut ausrichten, wenn sie auf die Leinwand gebracht werden. 'Das ist der Schlüssel zu Vermeers Glanzlichtern', meint er. 'Je nachdem, wie groß die Kristalle sind, und wie gut sie sich auf der Oberfläche des Gemäldes ausrichten, können sie mehr Licht reflektieren, um ein strahlenderes Weiß abzubilden.' Vermeer konnte natürlich nicht über dieses Detailwissen über Hydrocerussitkristalle verfügen. Er wusste auch nicht, dass man, wenn man Hydrocerussit mahlt und wäscht, ein weiteres Bleicarbonat namens Cerussit produzieren kann. Was Vermeer aber wahrscheinlich wusste, ist, dass diese Form von Bleiweiß eine feinere, durchscheinendere Farbe produziert. Diese hat er für die halbschattenen Übergänge zwischen Licht und Schatten benutzt."New Statesman (UK), 26.08.2024
Shiraz Maher erzählt die Geschichte des Anjem Choudary, der nach jahrzehntelangem prominenten Wirken in schlimmsten islamistischen Organisationen nun endlich von einem britischen Gericht wegen Führens einer Terrororganisation zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. "Als 'bekanntester islamischer Extremist Großbritanniens' war er eine Art Anti-Celebrity. Fast zwei Jahrzehnte lang war er regelmäßig auf unseren Kanälen zu sehen. Nach fast jedem Terroranschlag erschien er, um eine unsensible, empörende oder anderweitig irritierende Botschaft zu verbreiten." Maher konzentriert sich in seinem Artikel mehr auf Choudarys Geschichte selbst, als auf die britischen Institutionen und eine Öffentlichkeit, die ihn gewähren ließen und möglich machten. Eine Episode aus der frühen Zeit seines Wirkens zeigt, welchen Freiraum er und seine Mitstreiter hatten. Damals war er noch an der Seite des ebenso prominenten Omar Bakri Muhammad. Man wollte 1993 im Wembley-Stadion eine Art großes Islamisten-Event veranstalten, zu dem man auch hoffte, Osama bin Laden einladen zu können. Das Wembley-Stadion machte allerdings so teure Sicherheitsauflagen, dass das Festival nicht zu organisieren war. "Für Bakri und Choudary spielte das alles keine Rolle. Die abgesagte Veranstaltung hatte bereits genau das erreicht, was sie wollten - Aufmerksamkeit für ihre Sache auf globaler Ebene. Bemerkenswert ist jedoch, dass es die Wembley-Arena war, die die Absage der Veranstaltung erzwang, nicht die Behörden. Als der damalige Außenminister Malcolm Rifkind zu der Konferenz befragt wurde, stellte er lapidar fest: 'Leute, die Konferenzen abhalten wollen, brauchen natürlich keine Erlaubnis der Regierung einzuholen.' Diese scheinbare Gleichgültigkeit verärgerte Verbündete im Ausland, die glaubten, dass das Vereinigte Königreich gegenüber dem islamistischen Extremismus absichtlich einen weichen Ansatz wählte. Der britische Staat schien zu kalkulieren, dass wir zu Hause sicher seien, solange diese Welle reaktionärer Wut ins Ausland gelenkt würde."In der Titelgeschichte des New Statesman fragt sich Madeleine Davies, wie damit umgegangen werden soll, dass sich auf der einen Seite immer weniger Menschen als Christen bezeichnen, auf der anderen aber Personen wie Elon Musk und Jordan Peterson eine Art Kulturchristentum hochhalten. Vorschläge bietet der Schriftsteller Tom Holland, dessen Buch "Dominion" in England für Furore gesorgt hat: "Sein Vorschlag für die Church of England ist, dass sie die 'seltsame' Natur des Glauben betonen sollte. Er kritisiert die Führung dafür, das nicht zu tun. 'Anstatt mit der Stimme der Prophezeiung zu sprechen, anstatt trauernden und ängstlichen Menschen zu erklären, wie die Toten in das Licht des ewigen Lebens schweben, anstatt Wunder und Geheimnisse zu verkünden, die nur sie verkündet, scheint sich die Kirchenführung entschlossen, wie ein mittleres Management aufzutreten,' schrieb er während der frühen Wochen der Corona-Pandemie. Die Kirche sei 'zu erfolgreich', meinte er. Die Gaben des Christentums an die Kultur, verankert im Glauben an die Gleichheit aller, Bildung, Gesundheits- und Sozialfürsorge, würden nicht mehr als solche anerkannt. 'Die Zukunft der Kirchen liegt darin, die Menschen daran zu erinnern, woher diese Ideen kommen', behauptet Holland. 'Sie kommen daher, an verrückte Dinge zu glauben, daran, dass es einen Gott gibt, der alle Menschen gleichwertig geschaffen hat, der ihnen ihre Würde gegeben hat, weil sie als Abbild Gottes geschaffen wurden. (…) Es sind, objektiv, aus einer rationalen Perspektive, verrückte Dinge. Aber ihre Verrücktheit ist genau der Grund, warum sie so machtvoll sind.'"
New York Times (USA), 20.08.2024
New Left Review (UK), 23.08.2024
Die fünfte Generation im chinesischen Film, das waren Regisseure wie Chen Kaige und Zhang Yimou, die in den Achtzigern auf den internationalen Festivals von sich reden machten und seitdem dort ihren festen Platz haben. Die sechste bildete sich in den frühen Nullern rund um Jia Zhangke heraus - erst in Anlehnung an die fünfte, später in kritischer Distanzierung. Aber wo bleibt die siebte, fragt sich Leo Robson im Sidecar-Blog der New Left Review. Spuren und Anzeichen einer solchen sind zwar zu verzeichnen (Robson nennt etwa den 31-jährigen Wei Shujun als eine Art Einzelgänger, dessen Filme regelmäßig international gezeigt werden), aber die Hindernisse, die die Herausbildung einer solchen Generation erschweren, sind enorm. "Jüngere Regisseure mit einer Abfolge ähnlicher oder ähnlich bemerkenswerter Debüts sind nicht gerade in Massen aufgetreten. Die Beijing Film Academy hat ihr Prestige und ihre Rolle als Masseninkubator neuer Talente verloren. Und die sechste Generation - oder die Prominenz ihrer ursprünglichen Mitglieder - hat einen langen Atem. Dies ist zum Teil auch die Folge einer kulturellen Lethargie. Auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach 'Pickpocket' gilt Zhangke immer als 'Wunderknabe' des chinesischen Kinos." Seinem Generationsgenossen "Guan Hu glückte erst in diesem Jahr mit 'Black Dog' sein Cannes-Debüt, er wurde dafür in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet. Außerdem hat das chinesische Kino aufgehört, ein Regiekino zu sein (auch in dem spärlichen Rahmen,in dem es das überhaupt gewesen ist), da die chinesische Filmindustrie zu Beginn des neuen Jahrhunderts sich kommerzialisieren musste, zum Teil, um mit importierten Produkten mithalten zu können. 'The Five Hundred', der Film, den Guan Hu vor 'Black Dog' gedreht hat, war ein auf IMAX-Kameras gedrehter Kriegsfilm. ... Und auch wenn bestimmte Mitglieder der sechsten Generation heute Märchenfilme - oder zumindest kommerzielle Frivolitäten - ihrer eigenen Art drehen, sind die industriellen Bedingungen einfach nicht stark genug, um eine Bewegung zu unterstützen, die aus der daraus resultierenden Desillusionierung oder Verachtung hervorgehen könnte."The Insider (Russland), 20.08.2024
Unherd (UK), 23.08.2024

Der französische Autor Emmanuel Carrère hatte einst einen ganzen Roman über den russischen Punk, Politiker, Bolschewist und Nazi Eduard Limonow verfasst, der seinen (Carrères) Ruhm begründete. Der Roman wurde inzwischen von Kirill Serebrennikow verfilmt - "Limonov - The Ballad" mit Ben Whishaw lief letztes Jahr in Cannes. Grigor Atanesian kommt auf die irre Karriere dieses Springteufels zurück, der seine Karriere wie Alexander Dugin im Zwielicht des Moskauer Untergrunds in den Siebzigern begonnen hatte: "Sein Leben lässt sich am besten als abschreckendes Beispiel für den Niedergang des Bohemiens und Provokateurs verstehen, als Illustration dessen, was mit einer Politik geschieht, die auf Vibes und nicht auf Prinzipien basiert." Limonow, der von Putin verschmäht und hofiert wurde, verkörpert wie kein andere die Verschmelzung linker und rechte Elemente. Die Sowjets hatten ihn ins Exil vertrieben, aber er kehrte zurück: "Und fast sofort übernahm er die Rolle des obersten Revolutionärs und gründete 1993 die Nationalbolschewistische Partei (NazBol). Ihr Manifest war eine grobe Mischung aus russischem Chauvinismus, Vulgärkommunismus, italienischem Faschismus und den geopolitischen Weisheiten von Ayatollah Khomeini, während ihr Logo eine Mischung aus Kommunismus und Nazismus darstellte. Er forderte die Schaffung eines neuen russischen Imperiums mit verstaatlichtem Land, die Abschaffung der Menschenrechte und die Annexion aller von Russen bewohnten Nachbarländer von der ukrainischen Krim bis Nordkasachstan und weite Teile der baltischen Staaten. Bald befehligte er eine Armee von jungen Burschen, Idealisten und Schlägern, die sich 'Nazbols' nannten und bereit waren, für ihn auf die Barrikaden zu gehen." Kurz, niemand hat die Zukunft vorgelebt wie Limonow.
Harper's Magazine (USA), 01.09.2024
Mit Sorge beobachtet Jasper Craven, dass private Sicherheitsunternehmen in den USA immer mehr wachsen - insbesondere, was Wachschutzpersonal betrifft, dem jedoch "das dafür nötige Training und sowieso die rechtliche Authorität fehlt, um nennenswert etwas unternehmen zu können. Trotz dieser Ineffizienz ist private Sicherheit eine rasant wachsende Industrie." Doch wieso "haben wir so eine Armee an Papiertigern hervorgebracht? Vielleicht ja, weil selbst eine illegitime Truppe dazu in der Lage ist, irrationalen Ängsten zu begegnen. ... Die Angst der Amerikaner vor Verbrechen ist ganz besonders von der Realität abgekoppelt. ... Edward Day, der als Soziologieprofessor an der Chapman University die Ängste der Amerikaner erforscht, sagte mir, dass diese fehlgeleiteten Ängste von der Politik und den Massenmedien geschürt werden, aber auch durch die zunehmende Präsenz von Polizisten und Wachpersonal, die sowohl eine Aura des Schutzes verbreiten, aber auch das Schreckgespenst von Kräften, vor denen man beschützt werden muss. In dieser Logik rechtfertigt das Schutzpersonal seine Existenz alleine schon durch die eigene Präsenz - was zugleich den Bedarf nach immer noch mehr von ihnen nahelegt. Dieser sich selbst verstärkende Zirkel hat dazu geführt, dass Sicherheitsfirmen wie Allied explosiv gewachsen sind. Je nach Maßstab gilt Allied bereits als Nordamerikas drittgrößter privater Arbeitgeber, gleich hinter Walmart und Amazon, und als siebtgrößter in der Welt."
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