Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".==================
Die Leseprobe ist dem Interview entnommen, das der Ich-Erzähler zu Beginn mit Thomas führt. Sie verschafft Einblicke in dessen Lebensgeschichte und Weltsicht - und nicht zuletzt vermittelt sie die Dominanz über den Gesprächspartner, die der Denker mit aller Selbstverständlichkeit beansprucht."Sie sagten gerade, dass Ihre frühesten Erinnerungen mit dem Radio zu tun haben?"
"Die ersten Stimmen, die man erlebt, sind körperlos, ja? Stimmen, die man in utero hört: die der Mutter, die des Vaters. Des Postboten. Die Schwester, die 'Ein Männlein steht im Walde' singt. Der Onkel. Sie reden mit einem: 'Hallo da drin', aber man hört auch zufällig mit. Wenn beispielsweise mein Onkel meinen Vater besucht, dann bringt ihnen meine Mutter mit mir auf dem Arm Kaffee. Vielleicht auf diesem Tablett. In utero hört man Neuigkeiten, Witze, Redewendungen. Vielleicht höre ich den Witz, den einzigen Witz meines Vaters, über den Studenten und die Tasse Kaffee. Kennst du den?"
"Ich glaube nicht, dass ich irgendwelche Witze über Studenten oder Kaffee kenne. Sie sind in Augsburg geboren, richtig?"
"Augsburg, ja. Der Witz aus der Zeit der Inflation. Der Student sieht auf der Karte, dass der Kaffee fünftausend Mark kostet. Er trinkt zwei Tassen, doch die Rechnung beträgt vierzehntausend Mark. Der Kellner sagt: Wenn Sie bei dieser Inflation Geld sparen wollen, müssen Sie Ihre Tassen Kaffee gleichzeitig bestellen. Mein Vater hat jedes Mal gelacht, aber in sein Lachen mischte sich Zorn. Möchtest du noch Kaffee? Wein?"
"Wein, danke. Man - die Zeitschrift - möchte Hintergrund, Wesentliches. Wie ihr Vater seinen Lebensunterhalt verdient hat, zum Beispiel. Er war Ingenieur?"
"Ja. Brücken, Dämme. Aber was ich sagen wollte, ist, dass das Radio, dass das eine Wiedergewinnung ist. Der Stimme ohne den Körper. Dass es wie alles Neue auch uralt ist. Das wahrhaft Neue berührt etwas, das vor dem bloß Rezenten liegt. Das gefällt mir an Freud - vieles gefällt mir nicht -, dass jede Entdeckung eine Wiederentdeckung ist. Das Kino entdeckt die Höhle wieder. Das ist auch Plato. Anamnesis. Weil für uns alle die erste Erfahrung von Sprache in Stimmen besteht, die sich durch den Körper der Mutter fortpflanzen."
"Einschließlich deren eigener Stimme."
"Ja. Und wir haben den Drang, dies wiederzugewinnen. Aber verstehst du, im Radio war es Hitlers Stimme, die sich immer höherschraubte. Und das ist meine erste Lauterfahrung. Vielleicht ist das alles, was wir in deinem Interview über Hitler sagen?"
"Sie sind 1933 geboren?"
"34. In meiner Erinnerung schraubt sich seine Stimme endlos höher. Seltsam, dass unser Gehirn das zulässt - dass wir eine Skala als ewig ansteigend hören, als unmögliche Stufenleiter. Das ist ein erstaunliches, aber schreckliches Faktum unserer Verdrahtung, dass die im Uhrzeigerzinn erfolgende Bewegung durch die Tonklasse diesen Eindruck erzeugt. Man spricht von Tonhöhenzirkularität. Oder dem Shepard-Effekt. In der Psychoakustik, die ein großartiges Feld ist, ein Quantenfeld. Du musst lesen, mein Lieber, Diane Deutsch, das habe ich dir schon mal gesagt. Cis wird höher wahrgenommen als C ; D höher als Cis ; Dis höher als D ; und endlos so weiter. Ich glaube, wenn ich mich selbst interviewen würde, ein 'Exit-Interview' führen, wie das in der Geschäftswelt heißt - "
"Das hier ist wohl kaum ein - "
" - dann würde ich zunächst nach den Funkwellen meiner Jugend, nach dem Äther fragen. Dass ich noch ein Kind war, als es diese Engel und Teufel gab, die aus der Ferne sprachen. So neu war es natürlich nicht mehr, das Radio, aber es war alles, was ich kannte, es war nie ausgeschaltet. Und für meine Eltern war das überhaupt nicht so, als sie geboren wurden. Diesen Unterschied mache ich."
"Es war zu Hause immer angeschaltet?"
"Ist es nicht vielleicht ein bisschen albern, jetzt alles wortwörtlich zu nehmen? Ist es für Wortwörtlichkeit nicht ein bisschen spät? Wir praktizieren Literatur, keine Juristerei. Es war auch dann an, wenn es aus war. Weil es die Erfahrung strukturiert hat, auch wenn es still war. Ich werde eine Szene für dich nachstellen, eine Einstellung gestalten. Als ich nach Beginn der Bombenangriffe auf den Bauernhof meines Onkels komme, im Winter, bringen wir den Ziegen - wir werden dafür ausgeschimpft - ein bisschen von dem warmen Wasser. Sie können kein eiskaltes Wasser trinken. Ich gebe dir dieses Bild von mir, wie ich ganz vorsichtig gehe, um das Wasser nicht zu verschütten, und jetzt ist um mich herum die Luft von 1945, als ich so alt bin wie deine Tochter; Stimmen fliegen durch sie, die Luft, vielleicht kräuseln sie die Oberfläche des Wassers, ein anderes Medium, das ich über gefrorenen Boden trage, verstehst du? Wie denkt sich deine reizende Tochter, ihr Name ist mir irgendwie, mir entfallen die Namen - "
"In diesem Buch nenne ich sie Eva."
"Wie denkt sich Eva die Luft, den Äther mit seinen Signalen? Das ist die Frage - der Zustand des Äthers -, die ich in allen meinen Schriften, Filmen, Stücken aufgreife. Die Szene würde also damit beginnen, dass ich mit warmem Wasser zu der Ziege gehe, Amalia, komisch, dass ich ihren Namen noch weiß, und die Luft ist voller Stimmen, ja? Wir fangen mit den Stimmen an, nicht mit den Bomben. Und die Leinwand ist geteilt, auf dem anderen Bild geht mein Vater, ebenfalls mit seinem Wassereimer, über denselben gefrorenen Boden, aber es ist 1901, deshalb ist die Luft deutlich anders. Andere Wellen bewegen sich durch sie hindurch. Wir machen diesen Film, okay? Die Frage ist, wie man die historischen Veränderungen in der Atmosphäre darstellt."
"Okay."
"In dem Film, den ich mir vorstelle, bringen wir in jeder Szene ein Radio unter, vielleicht ein Telefunken, wie das meiner Familie. Abends deckte meine Mutter es manchmal mit einem Tuch ab, wie einen Spiegel während der Trauer. Aber der Junge selbst - der Junge bin ich - kann es in der Einstellung nicht sehen; es ist dort auf dem Bauernhof, halb von Heu bedeckt, und dann in den Trümmern, bei den Sequenzen in der Stadt, aber die Leute können es nicht sehen, weil sie Leichen und Trümmer wegschleppen, aber ihre Hände oder Schaufeln gehen geradewegs durch das Telefunken-Radio hindurch, so wie Engel für die menschlichen Gestalten auf einem Gemälde oft unsichtbar sind. Und dennoch kommt die Filmmusik aus diesem Radio im Bild. Es gibt unterschiedliche Frequenzen."
"Also gab es für Sie schon von Anfang an auch das Kino, schon in ganz jungen - "
"Du solltest mich fragen: Was für eine Filmmusik ist das? Was für eine Musik hören wir, die das Kind nicht hören kann, die die Leute, die in den Trümmern nach Familienerbstücken oder Kartoffeln suchen, nicht hören können? Luftstücke. Tut mir leid, dass ich dir sage, was du fragen sollst. Aber es läuft ständig Musik, die wir nicht hören können: unter zwanzig Hertz oder höher als 20 000. Wir sind taub für die in Ultraschall singenden Fledermäuse oder die Elefanten, die in ihrem Infraschall miteinander sprechen, langsame Wellen, die sich meilenweit fortpflanzen und Fels durchdringen. Dass Elefanten sprechen, haben wir erst erfahren, als jemand eine Feldaufnahme versehentlich zu schnell abgespielt hat - zumindest wir Westler hatten keine Ahnung. Aber keiner von uns weiß wirklich, was in der Luft ist; das ist eine von wenigen Universalien. Eine negative Universalie. Die Luft wimmelt von Botschaften. Von Boten und Engeln."
"Negativen Engeln."
"Ja, gut. Die Frage ist: Haben wir Ohren, mit denen wir hören können? Obwohl wir manchmal auch ohne sie hören. Beethoven pflegte auf einen mit dem Flügel verbundenen Holzstab zu beißen, damit er über die Knochen 'hören' konnte. Das gefällt mir: 'Ode an die Freude', die Hymne Europas, über einen Holzstab. Es gibt ein Zuhören jenseits der Cochlea, ja? Und das alles gilt auch für die Zeit, nicht nur für den Klang. Schwingungen aus der Vergangenheit oder der Zukunft können ebenfalls empfangen werden, vielleicht auch über die Zähne. Oder über deinen Schreibstift, der Dichter als Seismograph. Jedenfalls handelte meine
erste Publikation, wie du weißt, von Filmmusik. Und führte zu Problemen mit Hanns Eisler."
"Helfen Sie mir auf die Sprünge, wer ist Eisler?"
"Wir fangen von vorn an. Heute Abend arbeiten wir uns zur ersten Frage vor. Wenn wir uns sicher sind, dass wir die erste Frage haben, können wir aufhören. Es gibt ein langes Stück schwarzen Vorspann. Wir bleiben im schwarzen Vorspann unseres Interviews. Dann schaut die Kamera ins warme Wasser hinunter, und dann stellst du mir aus dem Off die erste Frage. Du kannst mich noch einmal nach meinem Vater fragen."
"Er war Ingenieur?"
"Er war ein Feigling. Nicht physisch. Metaphysisch. Wie die meisten Leute brauchte er das Radio, um zu wissen, wovon er überzeugt zu sein hatte. Radio-Überzeugungen fegten durch ihn hindurch. Er trat sehr früh in die Partei ein. Meine Mutter fand, er sah aus wie Willy Fritsch. Weißt du, dass Fritsch den ersten Satz des deutschen Films spricht? Des ersten Tonfilms, meine ich. Irgendetwas von wegen, er spare auf ein Pferd. Wie seltsam, der Erste zu sein, der in einem Medium spricht. Angesichts der Inflation ist es sogar für einen Star schwierig, Geld für Pferde zu sparen. Er hatte allerdings schöne Augen, mein Vater. Bei den Augen ist Schönheit nicht nur eine Frage der Farbe. Ihr ferner Blick, wenn er Berechnungen anstellte, wenn er die Augen vom Papier hebt: f ist die Kraft, p die Dichte des Wassers, g die Beschleunigung aufgrund der Schwerkraft, und so weiter. Dieser Ausdruck 'ein ferner Blick' hat mir immer gefallen. Entfernung flutet in Gesichtszüge. Er berechnete immer, was sie aushalten konnten, seine Dämme. Wir wohnten zwischen dem Lech und der Wertach."
"Das sind Flüsse?"
"Ja. Aber es waren die falschen Berechnungen, weil er die Zerstörung aus der Luft nicht in Betracht zog. Auf denGedanken war er nicht gekommen, weil unser Städtchen keinerlei strategische Bedeutung besaß. Wasser war das falsche Medium. Aber eine gute erste Frage für ein Zeitschrifteninterview, nicht? 'Ich komme aus Omaha, ich war viele Jahre unterwegs' - wie alt bist du jetzt?"
"Fünfundvierzig."
"'Ich war fünfundvierzig Jahre zu Ihnen unterwegs', sagt der Interviewer, 'um Sie zu bitten, die Augen Ihres Vaters zu beschreiben.'"
Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags