Jetzt sind wir dran!

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Thekla Dannenberg
21.11.2022. Marie Vieux-Chauvet, die Ikone der haitianischen Literaur, erzählt in "Töchter Haitis" von einer Selbstbefreiung. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die in einer Gesellschaft aus Arroganz und Neid ihr despotisches Erbe abschüttelt.
Es gehört zu den besonders bitteren Ironien Haitis, dass in der ersten schwarzen Republik der Weltgeschichte nicht die Söhne und Töchter Dessalines die Macht übernahmen, sondern die Angehörigen jener hellhäutigen Bourgeoisie, die in Haiti immer noch als Mulatten bezeichnet werden. Die Nachkommen französischer und deutscher Grundbesitzer hielten ein System aufrecht, in dem Wohlstand und Ansehen mit der Hautfarbe engstens verbunden sind. Und selbst innerhalb dieser Bourgeoisie wurde streng hierarchisiert zwischen den Griffes und Grimauds, zwischen Griffonnes und Grimmelles, je nach Teint, krausem Haar und Gesichtszügen.

Von dieser Tragik einer Gesellschaft, die im Grunde genommen seit zweihundert Jahren im Selbsthass gefangen bleibt, erzählt Marie Vieux-Chauvet in ihrem ersten Roman "Töchter Haitis" von 1954. Die 1906 geborene Schriftstellerin ist eine Ikone der haitianischen Literatur, als Frau hatte sie sich in einer patriarchalen Gesellschaft Rang verschafft, als Tochter aus gehobenem Hause gegen die Privilegien der Mulatten gestritten. "Töchter Haitis" ist die Geschichte einer Befreiung, die Emanzipation einer Frau, aber auch die Nobilitierung eines Menschen, der sich von seiner Klasse freimacht. Doch persönlicher Sieg und politische Niederlage gehen hier eng miteinander einher. Der Manesse Verlag bringt "Töchter Haitis" jetzt als Klassiker heraus, in sehr schöner Übersetzung von Nathalie Lemmens, mit hervorragenden Anmerkungen und einem kenntnisreichen Nachwort von Kaiama L. Glover.

Die Geschichte spielt in der Mitte der vierziger Jahre, fernab vom Kriegsgeschehen in Europa. Auf Haiti herrschte zu jener Zeit Élie Lescot, der sich im Verbund mit anderen Familien der mulattischen Oberschicht das Land zur Beute machte. Er war ein Schützling der USA, die während ihrer Besatzung des Landes die rassistischen Hierarchien Haitis noch einmal verstärkt hatten.

Die junge Lotus Degrave, uneheliche Tochter einer Prostituierten, führt in Port-au-Prince das Leben einer wohlhabenden, von Männern umschwärmten Frau. Sie ist die Ich-Erzählerin des Romans. Doch die gesellschaftliche Anerkennung bleibt ihr versagt, ihr Vermögen ist nicht groß genug, um den Makel ihrer fragwürdigen Herkunft wettzumachen. Lotus ist hochmütig und rebellisch zugleich, die "Schönheit aus Bolosse", die tanzen kann wie eine Vodou-Priesterin. Aber sie pflegt auch ihr despotisches Erbe. Wenn sie sich tagsüber in ihren Bettlaken räkelt, hängt sie den banalen Fantastereien verwöhnter Frauen nach: "Ich will mein Leben verschlingen, wie Zuckersirup soll es durch meine ausgehungerte Kehle rinnen: geschmeidig und ungehindert, süß und wohlschmeckend."

Lotus pflegt innige Freundschaft zu dem armen schwarzen Schuster Charles und seiner Familie, doch ihr schwarzes Dienstmädchen kommandiert sie umso herrischer herum, je weniger die einfache Gertrude ihre Verachtung für ihre Herrin verhehlt. Im Gegenzug gönnt sie Lotus nicht den Zugang zum Vodou, über dessen Mächte sie eifersüchtig wacht: "Vodou ist nichts für Mulattinnen. Es raubt ihnen den Verstand."

Zum Wendepunkt wird für Lotus die Begegnung mit dem jungen Revolutionär Georges Caprou, der sie für ihre Schönheit begehrt, doch nur Spott und Geringschätzung für ihre Person und ihren Lebenswandel übrig hat: "Du dummes, dummes kleines Frauenhirn."

Doch Georges, der sich ganz dem edlen Kampf für mehr Freiheit und Gerechtigkeit unabhängig von der Hautfarbe verschrieben hat, weckt in ihr das Mitgefühl für andere: "Sie hin und du wirst begreifen". Lotus beginnt das Elend wahrzunehmen, das außerhalb ihrer Villa herrscht, sie schließt sich den Revolutionären an, die der krassen Ungerechtigkeit im Land ein Ende bereiten wollen, und eröffnet in ihrem Garten eine Schule für die verarmten Kinder der Umgebung.

Lotus' Wandlung von der verwöhnten Erbin zu einer selbst- und verantwortungsbewussten Frau erzählt Vieux-Chauvet als Geschichte einer Neuerschaffung. Dabei schlägt sie einen hohen Ton an: Innere Zerrissenheit wird zur Seelenqual, Emanzipation zu moralischer Erhebung. Beim Ringen mit dem Leben steht ihr der einfache, aber bibelfeste Charles als moralischer Kompass zur Seite. Vieux-Chauvet wechselt vom Bitteren zum Süßen, sprachlich und gedanklich verbindet sie kreolische Alltagswendungen mit Zitaten europäischer Aufklärer, Bibelverse mit den Weisheiten des Vodou. Sie spart auch nicht an Pathos, wenn sie die Abenteuer ihrer Heldin schildert, deren humanistische Wandlung vor immer neue Prüfungen gestellt wird. Mitunter gerät der Roman, der seine Leser sehr eng führt, an die Grenze zum Trivialen: "Meine durch innere Einkehr und Liebe entspannten Züge wurden anmutig und zart."

Seine Kraft zieht Marie Vieux-Chauvets Roman aus dem scharfen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit Haitis, deren Klassen sich durch Neid und Verachtung, Arroganz und Ressentiment gegenseitig in Schach halten. Der Aufstand gegen die selbstherrliche Herrschaft Élie Lescots, von dem "Töchter Haitis" erzählt, brachte nur vordergründig eine Besserung für das Land. Dumarsais Estimé wurde der erste schwarze Präsident des Landes. Aber als Verfechter des Noirisme lenkte er die Wut der verarmten Bevölkerung nicht gegen die Oberschicht, sondern gegen die Mulatten. Ein entscheidender Unterschied. Hass und Rachegelüste richten sich nun gegen die bereits Entmachteten, während sich die neuen Herren bedienen konnten: Jetzt sind wir dran!

Ihr Thema hat Marie Vieux-Chauvet in "Töchter Haitis" schon ganz gefunden, auch wenn der Roman noch nicht ganz die Kraft ihrer großen Romantrilogie "Amour, Colère, Folie" von 1968 hat. Mit dieser wurde sie zur Legende der modernen haitianischen Literatur. Der Roman war ein Angriff auf Haitis Diktator François Duvalier, den berüchtigten Papa Doc, unter dem der Noirisme zum Macoutisme verrohte. Die Tontons Macoutes, die Onkel Menschenfresser, waren die Miliz, auf die Duvalier seine böse Herrschaft ebenso wie auf den Vodou stützte. Aus Angst vor Duvaliers Rache musste Vieux-Chauvet kurz nach Erscheinen des Romans das Land verlassen. Sie ging ins Exil nach New York. Ihr Mann kaufte sämtliche Exemplare des Romans in Haiti auf, ihre Kinder sammelten die Bestände in Frankreich und verhinderten über Jahrzehnte eine Neuauflage. Hoffentlich bringt der Manesse Verlag auch dieses Werk bald heraus.

Marie Vieux-Chauvet: "Töchter Haitis". Roman. Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens. Manesse Verlag, München 2022, 288 Seiten, 28 Euro. (Bestellen)