9punkt - Die Debattenrundschau

Die Substanz der Frage

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.04.2014. Die Welt sucht nach dem Kern deutscher Russophilie. In der FAS bekennt der ukrainsiche Autor Serhij Zhadan seine Fassungslosigkeit über den Lauf der Ereignisse. Im Guardian antwortet Edward Snowden auf Kritik an seinem Auftritt bei Putin - und betont, dass er seine Fragen an Putin so gestellt hat, dass Putin lügen musste. Techdirt beschreibt russische Überwachungspraktiken. Und warum will der Bayerische Rundfunk ausgerechnet seine Klassikwelle ins Internet verbannen, fragt die SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2014 finden Sie hier

Europa

Bewegend liest sich der Essay des ukrainischen Autors Serhij Zhadans in der FAS, der fassungslos vor dem Lauf der Ereignisse steht: "Ich glaube, dass vor anderthalb Monaten kaum jemand solche Entwicklungen voraussehen konnte. Die Anhänger vom 'Majdan', also Menschen, die die ukrainische Revolution unterstützt haben, darunter auch ich, konnten sich Folgendes jedenfalls nicht vorstellen: Dass sie sich nun gegen ihre eigenen Landsleute wehren müssen, die die neue Regierung in Kiew nicht anerkennen und es für möglich halten, im Nachbarland um militärische Unterstützung zu bitten."

Als Kern deutscher Russophilie macht Jörg Himmelreich in der Welt einen Russland und Deutschland gemeinsamen, aggressiv kompensierten Komplex gegenüber dem Westen aus: "Demokratie, moderner Fortschritt, Zivilisation und Politik sind Ausdruck westlicher Dekadenz; demgegenüber sind in Russland die Kraft des Volkes und der unberührten Natur und die Autarkie als eine besondere Form der Gemeinschaft von Herrscher und Volk dem Westen überlegen."

(Via Slate) Elliott Hannon enthüllt in der Bloomberg Businessweek Moskaus Pläne für die Krim: Putins will ein Las Vegas am Schwarzen Meer errrichten und damit die Casinos bauen, die er vor einigen Jahren im Rest des Landes verbieten ließ: "Es gehört zu einem Plan, der die Krim weniger abhängig von Beihilfen aus Moskau machen soll. Die Region wird wahrscheinlich ein Haushaltsdefizit von 55 Milliarden Rubel (1,5 Milliarden Dollar) in diesem Jahr aufweisen und ungefähr 2,8 Milliarden Dollar Nothilfe bekommen, eine Ausgabe, die sich Russlands Wirschaft kaum leisten kann."

Weiteres: Es gibt nicht nur ein Europa der zwei Geschwindigkeiten, sondern auch ein Europa der zwei Intensitäten, stellt Isolde Charim in ihrer taz-Kolumne fest: Das auf dem Maidan und das der anstehenden Wahlen - "also zwischen dichten Leidenschaften und einer Emotionalität, die gegen null tendiert". Sonja Vogel meldet zudem in der taz, dass Belgrad schon seit Monaten das "serbisch-russische Festival der volkstümlichen und künstlerischen Kreativität" feiert. Und Gerhard Gnauck besichtigt in der NZZ den Maidan, über dem noch immer der Brandgeruch hängt.
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Überwachung

(Via techdirt) Edward Snowdens Auftritt in Putins Propaganda-Fernsehshow hat weltweit für Irritation gesorgt . Im Guardian äußerte sich Snowden schon am Freitag zur Kritik und unterstreicht, dass er die Frage an Putin nicht nur ernst gemeint, sondern so gestellt hat, dass Putin gar nicht anders konnte als zu lügen: "Ich war überrascht, dass Leute, die gesehen haben, dass ich mein Leben riskiere, um Überwachungspraktiken anzuprangern, nicht glauben können, dass ich auch die Überwachungspolitik Russlands kritisieren würde... Ich bedaure, dass meine Frage fehlinterpretiert werde konnte und dass sie viele dazu verleitete, die Substanz der Frage - und Putins ausweichende Antwort - zu ignorieren, um statt dessen in wilde und falsche Spekulationen über meine Motive zu verfallen." Snowden hofft, dass Putins Antwort (die ihn an Obamas erste Reaktion auf ähnliche Fragen erinnert), Journalisten ermuntert, ihm auf den Zahn zu fühlen.

Eli Lake zitiert in The Daily Beast den russischen Journalisten Andrei Soldatov, der die Überwachungspraktiken des russischen Geheimdienstes FSB angeprangert hat: "Soldatov hofft, dass Snowdens Frage in Russland ein Gespräch über die staatlichen Überwachungsverbot anregt, wider ein De-Facto-Verbot, darüber zu sprechen. 'Vor dieser Frage haben sich sowohl Snowden als auch Greenwald geweigert, über Überwachung in Russland zu sprechen', sagt er, 'Nun können wir Greenwald darüber befragen. Wir können die Debatte eröffnen.'"

Tim Cushing kommt in Techdirt auf Putins "lachhafte Antwort" zurück und erinnert an die Überwachungspraktiken in der Sowjetunion: "Seitdem hat sich nicht viel geändert, auch wenn Russland nominell ein 'freies' Land ist. Der russische 'Föderale Dienst zur Telekom-Beaufsichtigung' (Roskomnazdor) dehnt seine Versuche zur Internetzensur immer weiter aus, und russische Geheimdienste haben ihre Überwachungspläne öffentlich verlautbart, etwa die Sammlung sämtlicher ausländischer Kommunikationen während der Spiele von Sotschi."
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