9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Europa

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2019 - Europa

Auf einen erfreulichen Aspekt der ukrainischen Präsidentschaftswahlen macht David Stern in politico.eu in einer ersten Analyse aufmerksam: "Moskau hat die Ukraine immer wieder beschuldigt, von einer Juden hassenden 'faschistischen Junta' regiert zu werden. Aber im Moment sind die beiden mächtigsten Leute in der Ukraine, der gewählte Kandidat Wolodimir Selenski und der Premierminister Wolodimir Groysman, jüdischer Herkunft. Eine derartige Konstellation wäre bei den meisten Nachbarn der Ukraine, inklusive Russland, undenkbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2019 - Europa

Politische Analysen zur Lage in Nordirland, wo pünktlich zu Ostern Gewalt verübt wird, gibt es in den britischen Zeitungen nicht so recht. Die Reporterin Lyra McKee wurde in Derry offenbar von einem maskierten New-IRA-Mann bei Aussschreitungen gegen die Polizei getötet. Ihre Kollegin und Freundin Susan McKay schreibt den Nachruf für den Guardian: "Ich bin sicher, sie hätte mit Mitleid auf diese maskierten jungen Männer in Derry geschaut und hätte ihnen gesagt, dass sie nicht nur Feuerwerkskörper und Molotow-Cocktails, sondern ihr Leben wegwerfen. Sie hätte auch die alten Heuchler attackiert, die immer nur junge Leute aussenden, um ihre Schlachten zu schlagen."

Politischer liest sich das Editorial der Irish Times, das auf die seit Monaten in in Nordirland herrschende politische Blockade anspielt: "Die Verantwortung für McKees Tod liegt bei demjenigen, der den Abzug auslöste, bei denen, die ihn und seine Gefährten anleiten oder beeinflussen. Aber der politische Stillstand hat ein Vakuum geschaffen, das ihren Zwecken dient. Die wichtigsten politischen Parteien des Nordens haben zugunsten ihrer eigenen Interessen ihre Verantwortung für die Allgemeinheit und die Gesellschaft vernachlässigt. Das Versagen der politischen Institutionen hat den politischen Fortschritt und eine wirkliche Antwort auf die Hoffnungslosigkeit, die von den Extremisten ausgenutzt wird, gestoppt."

Emmanuel Macron will eine schnelle Wiederherrichtung von Notre Dame. Dann müsste er aber auch große bauliche Veränderungen akzeptieren, schreibt Rudolf Balmer in der taz, der den Religionshistoriker Jean-François Colosimo zitiert: "Er glaubt, schon deshalb sei es vorschnell, wie Macron von ein paar Jahren zu reden. 'Wenn man einen Dachstuhl aus Eichenholz [wie beim zerstörten Original] reparieren will, dauert das sehr viel länger als fünf Jahre. Wenn man dagegen ein Dach mit Stahl und Beton wählt, wie bei der Rekonstruktion der im Ersten Weltkrieg bombardierten und danach wiederaufgebauten Kathedrale von Reims, geht das effektiv viel schneller.'"

Auch Joseph Hanimann berichtet in der SZ von einsetzenden und möglicherweise schwierigen Debatten über die Art der Rekontruktion: "Im Mittelpunkt der Diskussion steht dabei die Zukunft des zerstörten Spitzturms von Viollet-le-Duc aus dem 19. Jahrhundert."

Arno Widmann denkt unterdessen in der Berliner Zeitung über die schmerzhafte Meldung nach, dass es eine bloße zu verhindernde Nachlässigkeit war, die die Katastrophe auslöste: "Die Meldung aber, dass die Ursache des Menetekels der brennenden Kathedrale von Notre-Dame ein Kurzschluss war, erhellte mit einem Schlag unsere wirkliche Situation. Wir mögen in einer Welt von Zwecken leben, die aber sind eingebettet in die Sinnlosigkeit des Ganzen." In der NZZ schreibt Alex Capus über seine Kindheitserinnerungen an Notre Dame: "Kein gebürtiger Pariser ist jemals auf dem Eiffelturm gewesen, keiner würde sich auf Montmartre blicken lassen; diese Orte überlässt man den Touristen... Notre-Dame hingegen kennt jeder. Sie ist das alte, große Herz dieser herrlichen Stadt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Europa

Und was ist mit dem Jemen?, schallt es ziemlich erwartbar heute aus den Zeitungen, nachdem bekannt wurde, dass in kürzester Zeit 880 Millionen Euro für den Wiederaufbau von Notre Dame gespendet wurden. "Schon das Wort 'Trauer' klingt wie Hohn für echte Verluste und echtes Elend", schreibt Sabine Thomas etwa in der FR und ergänzt: "Diese unverhältnismäßige 'Trauer' um ein Gebäude, lässt tief in die Seele unserer Gesellschaft blicken. Ein Steingebäude ruft mehr Emotionen hervor, füllt mehr Zeitungsseiten, führt zu mehr Spenden, als es die im Elend lebenden Menschen dieser Welt tun." Während Sabine Thomas wahrscheinlich auch sonst den ganzen Tag lang weint.

"Gibt es nicht gravierendere Probleme als Steine?", fragt auch Fabian Löhe im Tagesspiegel und meint: "Wer gibt, kann auch wieder nehmen." Die Spendenbereitschaft französischer Milliardärsfamilien sieht er kritisch: "Die Grundlage dafür bilden ihre persönlichen Werte, die nicht mit denen der Allgemeinheit zusammenfallen müssen. Oftmals können sie es sogar gar nicht, weil das Geben von persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Reiche aber machen völlig andere Erfahrungen als die Feinmechanikerin und der Mann hinter der Supermarktkasse."

Im Aufmacher der SZ denkt Sonja Zekri über Wiederaufbau im Allgemeinen nach: "Eine Rekonstruktion, und sei es die gelungenste, kann die Tatsache einer Beschädigung oder Zerstörung nicht zum Verschwinden bringen. Die intakte neue Fassade kann im schlimmsten Fall sogar wie ein Vertuschen wirken, das hat die Debatte um die Frauenkirche in Dresden gezeigt."

Außerdem zu Notre Dame: FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube mokiert sich böse über die AfD, die es "nicht gewundert hätte, wenn Notre-Dame von Muslimen in Brand gesteckt worden wäre". Sascha Lobo zitiert in seiner Spiegel-online-Kolumne ähnliche verschwörungstheoretische Äußerungen von Rechtsextremen, notiert aber auch hämische Reaktionen von einigen Muslimen.

Der Komiker Wolodimir Selenski wird in der Ukraine wohl die Präsidentschaftswahlen gewinnen, glaubt der ukrainische Schriftsteller Nikolai Klimeniouk in der NZZ, dem dabei nicht ganz wohl zumute ist. Von Gesetzen halte wohl auch Selenski nicht viel, immerhin forderte er Poroschenko zu "Debatten in einem Stadion auf, kam aber selbst nicht. Dabei sind Debatten zwischen Präsidentschaftskandidaten im ukrainischen Gesetz verankert, und allein schon diese demonstrative Missachtung der Gesetze ist kein gutes Zeichen. Die Ukraine ist wahrlich nicht zu beneiden. Es gibt dort zwar freie Wahlen, aber von einer Demokratie ist sie noch weit entfernt."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2019 - Europa

Die Titelseite von Libération, die wie immer die besten Fotos zum Thema bringt.
Brandstiftung scheint es nicht gewesen zu sein. Ein Funke, ein Feuerzeug, ein schon abgestellter, aber noch heißer Schneidbrenner können das Feuer in Notre Dame ausgelöst haben, sagt Richard Marlet ehemals Leiter der auf solche Untersuchungen spezialisierten Polizeistelle in Paris im Interview mit Nicolas Chapuis von Le Monde: Er ist relativ optimistisch, dass die Ursache für das Feuer gefunden werden kann. Die Experten "werden auch versuchen herauszufinden, ob das Feuer lange gebrütet hat oder nicht. Es ist wie in einem Kamin: Wenn Sie versuchen einen Scheit mit einem Streichholz anzuzünden, wird das nicht funktionieren. Man braucht einen Brennstoff wie Papier oder Kleinholz, der es erlaubt, die Temperatur so weit ansteigen zu lassen, dass der Flammpunkt des Scheits erreicht wird. Man wird also herausfinden müssen, was die Temperatur so weit hat ansteigen lassen, um das Eichenholz des Dachstuhls in Brand zu versetzen." Marlet will aber die Möglichkeit von Brandstiftung noch nicht völlig ausschließen und sagt eine sehr lange Untersuchung voraus.

Die berühmte Orgel von Notre Dame wurde zum Glück nicht beschädigt. Der Organist der Kirche, Olivier Latry, kann seinen Schmerz im Interview mit Marie-Aude Roux von Le Monde dennoch nicht verbergen: "Diese Kathedrale hat achteinhalb Jahrhunderte lang den Wechselspielen der Geschichte, den Revolutionen und Kriegen widerstanden. Und nun sind 850 Jahre innerhalb von vier Stunden in Flammen aufgegangen. Wegen einer Nachlässigkeit. Es hilft nicht, an vorherige Fälle zu denken, die Kathedrale von Nantes, die vor vierzig Jahren aus dem gleichen Grund brannte, La Fenice in In Venedig, das Hôtel Lambert. Das Feuer ist unter dem Spitzturm ausgebrochen, der gerade restauriert wurde: Es ist sicherlich menschliches Versagen."

Sollte das Zerstörte genauso aufgebaut werden, wie es war, fragt der Soziologe Rainer Schützeichel in der NZZ. Es geht nicht darum, Notre Dame als Mahnmal stehenzulassen, sondern "Wunden zu heilen", antwortet er selbst: "Dabei aber sollte man nicht auf ein Imitat des Verlorenen verfallen, wie dies etwa in Dresden bei der Frauenkirche - ohne Frage auch ein Kirchenbau von hohem Symbolwert - geschehen ist. Es wäre vielmehr angebracht zu fragen, wie die Geschichte von Zerstörung und Neuaufbau im Bauwerk selbst erzählt oder zumindest dokumentiert werden kann, ohne dabei in motivische Geschwätzigkeit zu verfallen."

Die SZ-Korrespondentin Laura Weißmüller zitiert die Bauhistorikerin und Architektin Elke Nagel zur Frage des Wiederaufbaus: "Natürlich habe man heute technisch die Möglichkeiten, Notre-Dame zu rekonstruieren. Das Gebäude ist bestens dokumentiert und erforscht, auch dürften industrielle Fertigungstechniken wie die 3-D-Modellierung von Steinquadern den Bauprozess beschleunigen. 'Doch das Gesamtkunstwerk Notre-Dame mit all seinen Bauschichten ist nicht wiederholbar. Es wird nie mehr so werden, wie es einmal war', so Nagel." Eine Rekonstruktion solle auch nicht verbergen, dass sie eine sei.

Notre Dame ist in Frankreich nicht nur ein religiöses Symbol, schreibt Joseph Hanimann in der SZ: "Auch geografisch ist Notre-Dame aber so etwas wie das Herzstück ganz Frankreichs. Auf dem Platz davor ist eine Rosette in den Boden eingelassen, von deren Mittelpunkt aus in alle Himmelsrichtungen die Distanzen der Städte und Dörfer bis an die Ränder des Landes gemessen werden. Der französische Zentralismus hat darin seine materielle Ausprägung gefunden."

Der Wiederaufbau sollte ein europäisches Projekt werden und nicht allein von spendenfreundlichen Milliardärsfamilien finanziert werden, berichtet Zeit online mit Agenturen: "Eine internationale Geberkonferenz soll nun Geld für den angestrebten Wiederaufbau sammeln. Einen entsprechenden Vorschlag verkündete die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo per Twitter. Sie wolle die Spenderkonferenz im Rathaus von Paris veranstalten, um die notwendigen Mittel für den Wiederaufbau der Kathedrale zusammenzubekommen."

Dankwart Guratzsch von der Welt scheint bei Ereignissen wie diesem tatsächlich noch etwas von den öffentlich-rechtlichen Sendern zu erwarten, statt gleich zu BBC und CNN zu zappen. Natürlich liefen auf ZDF nur und ARD nur die üblichen Tierdokus und Talkshows: "In Paris stand eines der Symbolbauwerke des Abendlandes in Flammen - den öffentlichen Sendern war es keine Sondersendung wert. Sie handelten es in ihren Nachrichten wie den Brand in einem Reifenlager oder einer Textilfabrik ab. Das also ist die Europa-Idee, die in diesen Anstalten transportiert wird."

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Am Ostersonntag tritt in der Ukraine der Komiker und Präsidentendarsteller einer Fernsehserie Wolodymyr Selenskyj gegen den amtierenden Präsident Petro Poroschenko zur Stichwahl um das Präsidentenamt an. In der FAZ findet Oksana Sabuschko das nicht lustig. "Wolodymyr Selenskyjs Karriere ist nichts als das Produkt des russischen Showbusiness, das bis zur Einführung der Quoten für russische Sendungen 2015 die ukrainischen Fernsehkanäle vollkommen dominierte. Natürlich sind die fünfeinhalb Millionen Menschen, die im ersten Wahlgang für Selenskyj gestimmt haben, nicht so naiv, dass sie eine Fernsehfigur nicht von einem Menschen unterscheiden können. Allerdings wird während des gesamten offiziellen, als separate Fernsehshow gestalteten Wahlkampfs kontinuierlich daran gearbeitet, die Grenzen zwischen Rolle und Person zu verwischen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2019 - Europa

"Notre Drame", titelt Libération heute morgen ein bisschen flapsig. Gestern ist die Kathedrale von Paris in Flammen aufgegangen. Der Dachstuhl aus dem 13. Jahrhundert - dessen Menge an Holz einem Eichenwald von 21 Hektar entsprach - dürfte größtenteils zerstört sein. "Die Struktur und die beiden Türme sind gerettet", berichtet Libé in ihrem Liveblog. Und auch, dass die Staatsanwaltschaft "wegen fahrlässiger Zerstörung durch Feuer" ermittelt: "Die Hypothese eines durch einen Unfall ausgelösten Brandes 'steht in diesem Moment im Fokus der Ermittlungen', sagt eine Quelle aus dem Umfeld."

"Der Sprecher der Pariser Feuerwehr kündigte gegen 3:30 Uhr morgens an, dass das Feuer 'eingedämmt' und 'teilweise gelöscht' sei. Restbrandherde bleiben aktiv", ergänzt das Livreblog von Le Monde um 3.30 Uhr. Le Monde bringt auf dieser Seite auch erste Fotos von heute morgen, 7 Uhr, auf denen das Gebäude äußerlich fast unversehrt aussieht.

In diesem Videoausschnitt des Infosenders BFMTV sieht man auch erste Bilder aus dem Innern des Gebäudes, das ebenfalls auf dem ersten Blick weniger beschädigt erscheint als angenommen.


Auch die SZ bringt bereits ein Bild aus dem Inneren. Besonders beeindruckend auch einige Bilder aus dem Inneren in dieser Daily-Mail-Bilderstrecke mit Agenturfotos.

Während Emmanuel Macron verspricht, die besten Experten für den Wiederaufbau zu holen und die Milliardärsfamilie Pinault bekanntgibt, 100 Millionen Euro bereitzustellen, zitiert Bernard Henri Lévy auf Twitter Victor Hugo: "Die Zeit ist der Architekt, aber das Volk ist der Maurer."

Dieser Dachstuhl trug nicht nur das Dach und den Spitzturm, schreibt Laurent Joffrin in einem ersten Kommentar für Libération, "sondern auch einen guten Teil der französischen identität, Erinnerungen aus der Kindheit und aus Legenden, an Karl VII. und Jeanne d'Arc, an Henrich IV. und Bossuet, an die Revolution und beide Bonapartes, an die Befreiung, Claudel, den Marschall, den General und vor allem, in der Populärkultur, an Quasimodo, Frollo und Esmaralda, die Helden des Romans von Victor Hugo, der den Ruhm des Denkmals noch vermehrte."

Adam Rogers stellt bei Wired zwei Historiker und Fans von Notre Dame vor, die die gesamte Kirche mit Laser vermessen und gescannt haben und auf diese Weise statische Probleme benennen konnten, Andrew Tallon und Robert Mark (beide jüngst verstorben). Ihre Dokumente könnten beim Wiederaufbau helfen. Rogers zitiert auch den Architekturhistoriker Robert Bork, der auf die Schwierigkeit einer Rekonstruktion hinweist: "Die ursprüngliche Handwerkskunst ist nicht wiederherzustellen. Bei einer Restauration wird nicht dasselbe daraus. Es gehen Informationen verloren." Mehr über die Arbeit der beiden Historiker in einem National-Geographic-Artikel von 2015.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2019 - Europa

Dass in der Ukraine ein Fernsehkomiker echte Chancen hat, Präsident zu werden, während die Bekämpfung der Korruption nicht so weit vorgeschritten ist, wie es wünschenswert wäre, liegt auch an der mangelnden Unterstüzung des Landes durch Europa und Deutschalnd, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Die russische Aggression gegen ukrainische Schiffe Ende vergangenen Jahres am Asowschen Meer blieb vonseiten der EU weitgehend folgenlos. Von der Bundesregierung hieß es dazu im Dezember, vor der Verhängung neuer Sanktionen wolle man zuerst versuchen, durch Dialog mit Moskau die Freilassung der nach Russland verschleppten 24 ukrainischen Seeleute zu erwirken. Die aber sind bis heute in russischer Gefangenschaft, so wie rund 70 ukrainische Staatsbürger, die unter willkürlich konstruierten Anklagen in russischen Straflagern festgehalten werden." In der taz betont Barbara Oertel, dass die Ukrainer anders als ihre Nachbarn aus Weißrussland und Russland immerhin eine echte Wahl haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2019 - Europa

Das Brexit-Spektakel ist nun bis zum Herbst verlängert. Ulrike Herrmann empfiehlt in der taz das Buch "9 Lessons in Brexit" des ehemaligen britischen Botschafters in Brüssel Ivan Rogers, der vor allem die dilettantischen Brexiteers attackiert. Einer seiner Kritikpunkte: "Brexit-Befürworter würden zwar permanent über 'Freihandel' schwadronieren, würden aber 'einen Handelsvertrag noch nicht einmal erkennen, wenn sie ihn in ihrer Suppe finden'. Mit ihren ahnungslosen 'Fantasien' müssten diese Schaumschläger nun gegen die Bürokratie in Brüssel antreten, zu deren Kernkompetenzen es gehört, weltweit Handelsverträge abzuschließen."

Durch die Verschiebung des Brexit hat sich laut einer Analyse von politico.eu, die einen Insider zitiert, im Grunde nicht viel verändert: "Die Frage ist immer noch, wie man einen Deal durch das Parlament kriegen soll." Martin Kettle ist sich dagegen im Guardian sicher, dass "die nationalistische Rechte die Schlacht um den Brexit verloren hat" und dass nun ein zweites Referendum kommen kann.

Die Populisten im Westen haben von Erdogan gelernt, sagt im Standard-Interview mit Dominik Kamalzadeh die türkische Autorin, Journalistin und Juristin Ece Temelkuran, die ein Buch über Populismus geschrieben hat. Dabei sei es unerheblich, dass westliche Populisten mehrheitlich antimuslimisch denken: "Die religiösen Aspekte sind nicht wesentlich für den Rechtspopulismus. Das dient nur als Werkzeug. Wenn es darum geht, an die Macht zu kommen, funktioniert jede Religion gut. Das Christentum genauso wie der Islam. (…) Sie ist nur eine Maske für konservative Werte, für die Identität des Beharrens - 'so wie wir leben'. Es ist nur der Leim, der das Wir zusammenhält."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2019 - Europa

Heute morgen hat man sich also auf die "Halloween-Deadline" bis zum 31. Oktober für den Brexit geeinigt, verhandelt wurde bis 2 Uhr nachts, berichtet unter anderem politico.eu. Emmanuel Macron habe heftig für eine kurze Verlängerung bis 30. Juni plädiert und sei dabei von Theresa May unterstützt worden. "Da eine starke Mehrheit anderer Staatsführer, darunter Angela Merkel, gegen ihn stand, gab er schließlich nach.  Es gelang ihm aber die von anderen EU-Offiziellen vor dem Treffen vorgeschlagene einjährige Verlängerung um ein halbes Jahr zu verringern."

"Es gab immer diesen englischen Nationalismus und der bricht sich jetzt wieder sehr stark Bahn", sagt im SZ-Interview mit Cathrin Kahlweit der britische Historiker Timothy Garton Ash, der noch leise Hoffnung in die proeuropäische Bewegung setzt und sich mehr um Europa als um Großbritannien sorgt: "Wenn man Großbritannien aus dem komplizierten Beziehungsgeflecht mit Deutschland und Frankreich herausschält, aus der Balance von Nord und Süd, Ost und West, dann wird sich die Balance im Rest der Union verändern. Die Angst der Nordländer vor dem 'Club Med' oder anderer vor einer Achse Berlin-Paris wird ein Ungleichgewicht verstärken, das negative langfristige Folgen hätte. Großbritannien wird sich vom Brexit erholen. Aber ich bin nicht sicher, ob die EU langfristig besser dran sein wird." Wird uns Britannien den Brexit je verzeihen?

Außerdem: In seiner FAZ-Kolumne erkundet Bülent Mümay erkundet, was es für Erdogan bedeutet, "Istanbul verloren zu haben, wo er vor 25 Jahren mit dem Regieren begann".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2019 - Europa

"Ungarn ist verloren", schreibt ein ehemaliger Professor der Central European University (CEU), der seinen Namen nicht verraten will (die Redaktion kennt ihn aber), auf Zeit online. Der Autor macht vor allem der EU schwere Vorwürfe, dass sie trotz jahrelanger fortgesetzter Rechtsbrüche in dem Land nie intervenierte. "Mit seinem aktuellen Rechtssystem und Staatsstrukturen hätte Ungarn bei Beitrittsverhandlungen keine Chance."  Ohne die EU hätte Orban in der Demontage des Rechtsstaat gar nicht so weit kommen können, so der Autor: "Der Staat ist ganz auf EU-Subventionen, ein paar deutsche Firmen und offene Grenzen gebaut, die es jedem mit abweichenden Meinungen leicht machen zu gehen. Die EU hätte Ungarns Demokratie, Kultur und Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen, wenn sie rechtzeitig Subventionen gestrichen hätte, vielleicht als die Pressefreiheit im Jahr 2011 abgeschafft wurde und faire Wahlen unmöglich wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2019 - Europa

Jaja, die Briten nerven derzeit, gibt Timothy Garton Ash im Guardian zu - auch wenn das bei ihm wie so oft weniger wie die Anerkennung eines Faktums klingt und mehr wie eine Geste der Höflichkeit gegenüber den Europäern. Für die, fährt er fort, sei es auch wichtig, weiter zu verhandeln und einen Aufschub des Brexit zu ermöglichen: Der Brexit-Hardliner Jakob Rees-Mogg zitierte kürzlich in einem Tweet "zustimmend eine Rede Alice Weidels von der rechten populistischen Alternative für Deutschland im Bundestag. Und das ist der Punkt: Unser Kampf in Britannien mit den Rees-Moggs, Johnsons und Nigel Farages ist nicht anders als der Kampf in Deutschland mit der AfD, in Italien mit dem rechten Innenminister Matteo Salvini, in Polen mit der nationalistischen PiS und Macrons mit der Hardlinerin Marine le Pen. Es ist ein und derselbe Kampf. Es ist der Kampf für Europa."

Inzwischen spüren die Briten, welches Unheil der Brexit bereits jetzt anrichtet, weil alle anderen Themen darüber vernachlässigt werden, berichtet Peter Stäuber auf Zeit online. "Das gesamte soziale Gefüge in der fünftreichsten Volkswirtschaft liegt arg schief. Am frappantesten sind die Statistiken zur Armut. Rund 14 Millionen Menschen in Großbritannien werden als arm eingestuft, 1,5 Millionen gelten als mittellos, das heißt, sie können sich kaum lebensnotwendige Güter leisten. Laut neuen Zahlen des Arbeitsministeriums ist die Zahl der Kinder, die in absoluter Armut leben, im vergangenen Jahr um 200.000 gewachsen; auch steigt die Zahl der Haushalte in relativer Armut: 4,1 Millionen Kinder - das sind 30 Prozent -, leben in Haushalten, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen. Im Dezember warnten Lehrerverbände, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler hungrig und ohne angemessene Winterkleidung zur Schule kommen. ... Diese Probleme sind in Westminster bekannt - aber alle Energie, die darauf verwendet werden könnte, wird von der Brexit-Debatte aufgesaugt."

Dem Brexit kann man doch auch was Gutes abgewinnen, meint in der Welt die italienische Journalistin Tonia Mastrobuoni. Er sei "ein hervorragendes Argument für die Pro-Europäer sein, bei der Erklärung, warum die Abkürzungen der Populisten eben nicht zum Erfolg führen. Auch in Italien gibt es unzählige Anhänger der Lega und Beppe Grillos, die angesichts der Brexit-Idee 'Hurra' brüllten, mittlerweile jedoch ziemlich kleinlaut den Mund halten. Warum sollte man sie also nicht unter Druck setzen, während das ruhmreiche Vereinigte Königreich im schlimmsten Fall herausbekommen muss, wie man zu einer Kreuzung aus einem gigantischen Hedge-Fonds und einer Cayman-Insel mitten im Atlantik wird?"

Die Schriftstellerin Dagmar Leupold beschwört im Freitext auf Zeit online die Kraft der Kultur für ein lebens- und liebenswertes Europa und ermuntert dazu, an der Europa-Wahl teilzunehmen: Wir sollten "Politiker und Parteien wählen und fordern, die sich dafür einsetzen, dass Argumente, nicht Behauptungen zählen, dass Einsicht, und nicht Angst, Entscheidungen herbeiführen muss, dass Mitgefühl und Solidarität Gesellschaften befrieden, und nicht egozentrische Interessenvertretung und Abschottung. ... Die wissen, dass Bildung ein Gut ist, das unabhängig von Verwertungszusammenhängen zu würdigen ist und für alle erreichbar sein sollte. Wir müssen Politiker fordern und wählen, die die europäische Idee nicht ausverkaufen als eine Wirtschaftsunion, sondern ihr restituieren, was sie ausmacht: ein Kulturraum zu sein, in dem wir uns nicht nur zollfrei, sondern frei, mündig und schöpferisch bewegen können. "