In
Halle fand vor sieben Jahren das rechtsextreme Attentat auf die Synagoge statt. Zwei Menschen waren ums Leben gekommen. Des heutige Gedenken steht unter dem Vorzeichen, dass nun die AfD das Land Sachsen-Anhalt regiert,
schreibt David Muschenich in der
taz. Max Privorozki, Vositzender der Jüdischen Gemeinde in der Stadt will es an diesemTag
um die Opfer gehen lassen und nicht politisieren. "Um 12.03 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten tödlichen Schüsse, soll es eine Schweigeminute geben. Auch die Straßenbahnen und Busse in Halle sollen dafür an geeigneter Stelle
stillstehen, eine Durchsage soll den Passagieren erklären, worum es bei dem Gedenken geht. Dann sollen alle Kirchenglocken der Stadt läuten. Am Nachmittag steht eine öffentliche Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz in Halle an."
Na bravo, in Berlin ist das Problem mit den Juden entsorgt - nun können
Linke,
Grüne und
SPD in Sondierungsgespräche gehen, um dereinst das Regime in der Hauptstadt zu übernehmen. Für
eventuell aufkommenden Antisemitismus hat man eine Prozedur erfunden,
erläutert Uwe Rade in der
taz: "Jede der drei Fraktionen kann bei einer strittigen Äußerung den Mechanismus in Gang setzen, der klären soll, ob es sich bei dieser Äußerung um Israel-Kritik handelt oder um Antisemitismus. Zunächst beraten darüber die
Parlamentarischen Geschäftsführer und - werden die sich nicht einig -
drei Personen des öffentlichen Lebens, die noch benannt werden müssen. Am Ende entscheiden dann die Fraktionen über Sanktionen bis hin zum Fraktionsausschluss. … Auf dieser Leistung können Linkspartei, Grüne und SPD nun aufbauen."
Schon erstaunlich, was es jetzt braucht, um gemeinsam regieren zu können, denkt sich bei
Zeit online Fritz Zimmermann: "Der SPD-Mann
Steffen Krach versichert immer wieder, dass dieses Papier nicht nur ein Bekenntnis sei, sondern eine zukünftige Koalition 'alles' dafür tun werde, dass das Leben für Jüdinnen und Juden in Zukunft sicherer werde. So eine Vereinbarung, sagt Krach, gebe es in keiner anderen Koalition im ganzen Land. Außerdem wolle er auch noch etwas sagen, das ihm nach den letzten Tagen 'wirklich wichtig' sei. 'Die
Gleichsetzung von Linkspartei und AfD halte ich für absolut falsch', sagt Krach. Die AfD sei im Kern eine antidemokratische Partei, hier aber stünden vor den Journalisten '
drei demokratische Parteien'. ... Es ist ein Moment, in dem klar wird, dass die Vereinbarung der drei Parteien nur der Anfang einer größeren Auseinandersetzung werden dürfte. Denn dass die gemeinsame Erklärung überhaupt nötig war, weist auf ein
grundsätzliches Problem der Linken hin, nicht nur in Berlin, aber eben auch hier. Die Partei hat kein Beschlussproblem, sie hat ein Problem, die eigenen Entscheidungen innerhalb der Partei durchzusetzen."
Antisemitismus würde auch nicht das einzige Problem einer regierenden Linken sein, glaubt im Interview mit dem
Tagesspiegel Neuköllns Bürgermeister
Martin Hikel (SPD), der im Herbst nicht wieder antritt, weil seine Partei es ihm verübelt, dass er den Begriff "antimuslimischer Rassismus" ablehnt: "Es würde sehr schnell klar werden, dass auch unter einer linken Bürgermeisterin die Wohnungsbaugesellschaften nicht innerhalb der Wahlperiode vergesellschaftet werden können. Und selbst wenn das gelingen würde, fehlte dem Land Berlin das Geld, um die Mieten auf das suggerierte Niveau zu subventionieren bei gleichzeitig hohem Standard. Der Haushalt ist jetzt schon
über das Limit ausgequetscht. Das Dramatische wird also sein, dass die Mieten auch unter den Linken nicht sinken werden. Das wissen die Linken eigentlich, sagen es den Menschen aber nicht. Das ist das beste Konjunkturprogramm für die AfD."
In der
Welt findet Alan Posener es gefährlich, dass auch
von konservativer Seite eine Rot-rot-grüne Regierung in Berlin unterstützt wird mit dem Argument, dann könne nämlich auch die
Brandmauer gegen die AfD fallen (zum Beispiel
hier in der Welt): "Wenn Grüne und Sozialdemokraten von Konservativen faktisch aufgefordert werden, den Antisemitismus in der Linkspartei nicht als Ausschlussgrund einer Koalition zu betrachten, geben
jene Konservativen auch zu erkennen, dass sie den
Antisemitismus nicht so schlimm finden und den latenten Antisemitismus in der AfD nicht als Hinderungsgrund einer Regierungsübernahme ansehen würden."
Der "
Roten Hilfe" geht's gut,
sagt Vorstandsmitglied Hartmut Brückner im Gespräch mit Pascal Maier von der
taz. Nachdem
Elif Eralps ehemalige Mitgliedschaft in dem Verein bekannt wurde, der linken Aktivisten Rechtshilfe gibt, ist die Mitgliederzahl
noch mal gewachsen. Brückner bestätigt, dass der Verein seine Hilfe in Frage stellt, wenn Angeklagte mit den Behörden kooperieren: "Wir lassen in der Regel keine Beschuldigten fallen, aber kürzen zum Beispiel Mittel. Wir sehen
Distanzierungen nicht gerne, weil es meistens dazu führt, dass Mitangeklagte im Regen stehen gelassen werden. Wir sind ein
Solidaritätsverein und erwarten, dass sich Angeklagte so verhalten, dass niemand anderes reingeritten wird."
In der
SZ ist es dem Historiker
Volker Weiß unbehaglich, dass einzelne Kommentatoren - wie Jürgen Kaube kürzlich in der
FAZ - der Linken vorwerfen, den "Sturz des kapitalistischen Systems
mithilfe von Migranten" erreichen zu wollen: "Kaubes Behauptung, die Linke setze nun auf Migranten und Clans für den Umsturz, bauscht nicht nur die sozialpolitischen Forderungen der Partei auf. Sie nimmt auch das
Neuköllner Milieu für die Mehrheit, eine klassische Verzerrung des ethnisierenden Blicks." Weiß fände es wichtiger, über die Nähe der Linken "zu jenen Gruppen zu reden, die sich unter dem Banner der '
Palästina-
Solidarität' versammeln. Schon die Parolen, mit denen diese in vielen Städten ausgerechnet zum Jahrestag des palästinensischen Massakers an Kibbuzniks und Festivalbesuchern für ihre Demonstrationen mobilisieren, zeugen weder von Frieden noch von Versöhnung. Sie zeugen vom Willen zu einem globalen 'Volkskrieg' gegen den jüdischen Staat. Wer die antisemitischen Semantiken dieser Propaganda nicht erkennt, hat sich offensichtlich nie mit der Thematik befasst und nicht nur in Berlin lässt die Linkspartei
jeden Abstand zu diesem Milieu vermissen."
Solche Vorbehalte würden
Zack Polanski, den Chef der britischen Grünen, wohl nicht anfechten. "Polanski hat die Grünen vom Öko-Milieu
auf Gaza-
Aktivismus umgepolt", berichtet Henry Donovan in der
Welt. Und ihm geht es dabei sehr wohl um Wählerstimmen von Migranten: "Die alte Landlinke und wohlhabende Bourgeoisie, mit Lastenrad und Wildblumenwiese, ist nicht mehr die Zielgruppe. Die Blaupause dafür lieferte die Nachwahl in Gorton and Denton: Im Februar gewannen die Grünen dort ihre erste Nachwahl, in einem Wahlkreis, in dem mehr als
jeder vierte Einwohner Muslim ist. Ein Flugblatt auf Urdu forderte auf,
Labour '
für Gaza zu bestrafen'. Es funktionierte. Also wird es wiederholt. Zum Kommunalwahlkampf forderte Polanski prompt, das Handelsabkommen mit Israel aufzukündigen. Kein Wort zu China, kein Wort zum Iran. Immer nur Israel. Das Problem sind dabei nicht die muslimischen Wähler. Die meisten von ihnen wählen nach Themen wie Jobs, Schulen und Mieten - wie alle anderen. Das Problem ist eine Partei, die britische Bürger nicht als Briten anspricht, sondern als
Glaubensgemeinschaft - und zwar aus Anlass eines Krieges, der Tausende Kilometer entfernt geführt wird. Großbritannien ist als multiethnische Gesellschaft erfolgreich, weil bisher ein stiller Vertrag galt: Egal, wo man herkommt -
an der Wahlurne ist man Brite und streitet über britische Dinge."
Die britischen Grünen haben sich übrigens in einer Mehrheitsentscheidung dafür ausgesprochen,
Zionismus als Rassismus zu behandeln. Das ist vereinfachend und leugnet die ursprüngliche Idee des Zionismus, "dass das jüdische Volk ebenso wie jedes andere Volk, einschließlich des palästinensischen, das Recht auf einen Staat hat", meint der Historiker
Michael Brenner im Interview mit der
SZ. "Man muss kein großer Schelm sein, um zu erahnen, dass die britischen Grünen damit eine
legitime Kritik, wie sie die aktuelle israelische Regierung unbedingt verdient,
umlenken auf das gesamte historische Projekt eines jüdischen Staates, um dann diese komplette Idee zu delegitimieren."
Jannis Koltermann staunt in der
FAZ über
Juli Zehs Kunst der "
Recusatio". So nannte man es im Mittelalter, wenn ein Fürst aus ostentativer, aber berechnender Bescheidenheit die ihm
angetragene Kaiserkrone zunächst zurückwies. Bei Zeh, die in vielen Interviews erklärt, warum sie
nicht Bundespräsidentin werden wolle, obwohl sie sehr wohl dafür geeignet sei, ist der Unterschied allerdings, dass niemand ihr das Amt antrug: "So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr durch Journalisten befeuertes Liebäugeln mit der eigenen Eignung und Weigerung vor allem dem Zweck dient, sich in der Öffentlichkeit
noch stärker ins Spiel zu bringen."