9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Überwachung

500 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 50

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2019 - Überwachung

Gestern warnte Edward Snowden im Guardian vor "Hintertüren" in verschlüsselten Nachrichten, die amerikanische Sicherheitsbehörden von Facebook und Co fordern (unser Resümee). Aber auch hierzulande gibt es starke Bestrebungen, die Überwachung der Bevölkerung möglichst lückenlos zu gestalten. Auf Zeit online fordern der Jurist Ulf Buermeyer und der Cyber-Sicherheitsexperte Sven Herpig deshalb in einem lesenswerten Text ein Moratorium und die Evaluierung der bereits bestehenden Gesetze. Sie erinnern daran, dass nach dem Urteil des Bundesverfassungsgericht von 2010 immer eine Art "Überwachungsgesamtrechnung" aufgemacht werden muss: "Denn mit dem Menschenbild des Grundgesetzes wäre es schlicht nicht zu vereinbaren, wenn immer mehr sogenannte 'Sicherheitspakete' in Bund und Ländern aufeinandergestapelt werden, die es in der Summe ermöglichen, die Bevölkerung nahezu vollständig auszuforschen. Statt also reflexhaft immer neue Gesetze zu fordern, die in einer Art Salamitaktik die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger sukzessive schrumpfen lassen, wäre ein rationaler Ansatz erforderlich. Es wäre relativ einfach: Bund und Länder müssten in einem gemeinsamen Gremium mit unabhängiger wissenschaftlicher Begleitung prüfen, welche Befugnisse Sicherheitsbehörden bereits haben. Dann könnte anhand konkreter Vorfälle analysiert werden, ob tatsächlich mangelnde rechtliche Spielräume Ursache des Problems waren - oder ob die Gründe nicht eher in mangelnder Nutzung bestehender Befugnisse oder in schlechter Abstimmung zwischen den zahlreichen Stellen in Bund und Ländern zu suchen sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2019 - Überwachung

Nachrichten aus der real existierenden Dystopie namens China: Wer dort einen Telefon- oder Internetanschluss haben will, muss künftig sein Gesicht scannen lassen, berichtet Moritz Tremmel unter Bezug auf Gizmodo (hier) und Quartz (hier) bei golem.de: "Um einen Internetanschluss oder eine Telefonnummer zu bekommen, müssen Menschen in China künftig ihren Ausweis vorlegen und mittels Gesichtserkennung ihre Identität bestätigen. Damit soll sichergestellt werden, dass Nutzer nur noch unter ihrem echten Namen Anschlüsse registrieren können. Auch bereits angemeldete Anschlüsse sollen von den Telefon- und Internetanbietern überprüft werden."

Die USA, Britannien und Australien setzen sich vehement für Hintertüren in Verschlüssselungstechniken der großen Internetkonzerne ein. Auch die Bundesregierung hat kürzlich Facebook kritisiert, weil es eine end-to-end-Verschlüsselung für die Kommunikation der User einführen will. Im Guardian warnt Edward Snowden vor den Konsequenzen: Hintertüren würden das ganze Internet unsicher machen. Dass Verschlüsselung die Ermittlungen gegen Kriminelle unmöglich machen würde, nimmt er den Regierungen nicht ab. Die "bad boys, ziehen es in Wirklichkeit eh vor, ihre Verbrechen nicht auf öffentlichen Plattformen zu planen, insbesondere nicht auf amerikanischen Plattformen, die einige der fortschrittlichsten automatischen Filter und Warnsysteme einsetzen. Die wahre Erklärung dafür, warum die Regierungen der USA, Großbritanniens und Australiens die End-to-End-Verschlüsselung abschaffen wollen, ist weniger die öffentliche Sicherheit als die Macht: E2EE gibt Einzelpersonen und den Geräten, mit denen sie Kommunikationen senden, empfangen und verschlüsseln, die Kontrolle, nicht den Unternehmen und Spediteuren, die sie weiterleiten. Dies würde also erfordern, dass die staatliche Überwachung zielgerichteter und methodischer wird und nicht wahllos und universell."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2019 - Überwachung

Die Marionettisierung des chinesischen Volks schreitet voran. Schüler werden versuchsweise mit elektronischen Stirnbändern ausgestattet, die sie den ganzen Tag tragen müssen und die die Hirnströme messen, berichtet Oliver Nickel bei golem.de unter Bezug auf eine nicht online stehende Recherche des Wall Street Journal: "Die Gehirnwellensensoren werden in China selbst hergestellt und sind mit jeweils drei Elektroden ausgestattet. Kinder tragen die Geräte wie Stirnbänder den ganzen Tag lang. Die Daten sendet das System an den Hostcomputer der Lehrkraft. Diese kann damit etwa herausfinden, welche Schüler sich konzentrieren und welche nicht bei der Sache sind. In einer Zusammenfassung wird die Leistung der gesamten Klasse zusammengefasst, inklusive der Konzentrationslevel einzelner Kinder."

Da klingt Dorian Linkeys Guardian-Bericht über Risiken und Fehler der Alexa-Lautsprecher, mit denen sich Konsumenten freiwillig abhören lassen, fast harmlos.
Anzeige

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2019 - Überwachung

Edward Snowden hat ein autobiografisches Buch geschrieben. Deshalb erscheinen überall Interviews mit ihm und jede Zeitung tut so, als hätte sie ihr Interview weltexklusiv. In der Süddeutschen sagt er: "Wir sehen einen neuen Aufstieg des Autoritarismus. Verbunden mit immer neuen Überwachungsmethoden ist das eine gefährliche Entwicklung." Das Interview im Guardian darf man online lesen.
Stichwörter: Snowden, Edward

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2019 - Überwachung

In den USA mehren sich die Stimmen, die ein Verbot von Gesichtserkennung, besonders durch Behörden, fordern, berichtet Maria von Behring bei Netzpolitik. "Zuletzt verbat San Francisco die Anwendung von automatisierter Gesichtserkennung für städtische Behörden. Auch die Bundesstaaten New Hampshire und Oregon verbaten bereits ihren Einsatz." Gebündelt werde der Widerstand von der Plattform "Ban Facial Recognition": "Die über 30 mitgründenden Organisationen vertreten mehr als 15 Millionen Mitglieder. Ihr Argument: Automatisierte Gesichtserkennung sei eine der autoritärsten und am stärksten in die Intimsphäre eingreifenden Formen der Überwachung. Sie sei ungenau, diskriminierend gegenüber ohnehin benachteiligten Gruppen, angreifbar und gefährlich."
Stichwörter: Gesichtserkennung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2019 - Überwachung

Der Essenslieferant Deliveroo gibt überraschend seinen Rückzug aus dem deutschen Markt bekannt. Es bleibt nurmehr der Konkurrent Lieferando, der sämtliche weitere Konkurrenten geschluckt hat. Maximilian Henning und Ingo Dachwitz fragen bei Netzpolitik, was nun mit den Daten der Deliveroo-Kunden geschieht: "Schon heute gibt Deliveroo einige Daten an Werbepartner weiter, 'damit diese sicherstellen könnten, dass Sie Werbung angezeigt bekommen, die für Sie relevant ist und die Ihnen E-Mail-Werbung in unserem Namen zusenden', so die Datenschutzbedingungen. Aber was ist eigentlich, wenn die Mutterfirma irgendwann mal pleite geht? Dann sind die umfangreichen Datensätze über Millionen Kundinnen ein wertvolles Asset, für das sich auch Versicherungen, Gesundheitsfirmen oder Datenhändler interessieren könnten." Die Netzpolitik-Autoren empfehlen Deliveroo-Kunden ihre Konten zu löschen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2019 - Überwachung

Amazon, Google, Apple und Microsoft haben Assistenzsysteme entwickelt, die erlauben, dass Menschen mit ihnen sprechen. Bei allen vier Konzernen hat sich herausgestellt, dass sie ihre Kunden auch von Menschen abhören lassen, um die "Qualität zu verbessern". "Schmeißt die Assistenzwanzen aus dem Fenster", ruft Markus Reuter bei Netzpolitik: "Das Abhören der Mitschnitte durch Menschen ist nur das panoptische Sahnehäubchen dieser Systeme. Interessant ist auch, dass nur dieser Aspekt für einen Aufschrei sorgt. Das ganze System der Assistenzwanzen ist perfide: Die Geräte hören in der Regel Geräusche und Gespräche mit, laden diese auf Server der Datenkonzerne, speichern diese Mitschnitte und Anfragen, werten die Aufnahmen mit Software aus und legen Profile an. Das alles dient dem Ziel, die Kund:innen des Systems noch besser zu kennen, ihnen mehr zu verkaufen und ihnen dabei einen Komfortgewinn vorzugaukeln."
Stichwörter: Assistenzsysteme

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2019 - Überwachung

Die EKG-Kurven des Herzschlags sind so individuell wie ein Fingerabdruck und können zur Identifizierung von Personen eingesetzt werden. Geheimdienste, Armeen und Konzerne entwickeln Verfahren, den Herzschlag per Laser auf Distanz zu analysieren. Die Überwachung wird immer unausweichlicher, schreibt Daniél Kretschmar in der taz: "Mit jeder weiteren eingesetzten Technologie wird das Ergebnis eindeutiger, das Restrisiko einer falschen Identifizierung geringer. Das Geschäftsfeld auf dem Markt der Biometrie ist nicht zuletzt wegen des Sicherheitskomplexes riesig; und so ist es nicht verwunderlich, dass alle mitverdienen wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2019 - Überwachung

Im 5G-Netz wird Telefonieren deutlich sicherer, schreibt Matthias Monroy bei Netzpolitik, denn die Gespräche sind viel besser verschlüsselt als im jetzigen Handynetz: "Damit haben Polizeien und Geheimdienste ein Problem. Das Bundesinnenministerium kündigt deshalb mögliche Änderungen des Telekommunikationsgesetzes und der Telekommunikations-Überwachungsverordnung an. Mobilfunkanbieter in Deutschland wie O2, Vodafone und Telekom sollen dafür sorgen, dass die Metadaten entschlüsselter 5G-Verbindungen an den Netzknoten gespeichert werden."

Der Tagesspiegel bringt einen Essay, den der Web-Entwickler Maciej Ceglowski zunächst auf seinem Blog idlewords.com veröffentlichte. Wir leben längst in einer Überwachungsgesellschaft, schreibt er und fordert, dass Datenschutz nicht nur bestimmte Kategorien von personenbezogenen Daten, sondern auch die "Umgebungsprivatsphäre" schützt, also dafür sorgt, dass "unsere täglichen zwischenmenschlichen Interaktionen außerhalb von Überwachungsreichweiten stattfinden." "Ich bin überzeugt davon, dass die Umgebungsprivatsphäre eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben spielt. Wenn alle Debatten unter dem Radar einer Software stattfinden, also unter Beobachtung durch ein gewinnorientiertes Medium, dessen Ziel ist, Nutzerverhalten zu beeinflussen, kann das dazu führen, dass das Entstehen eines gemeinsamen Realitätsbewusstseins verhindert wird. Das ist aber Voraussetzung für eine gesellschaftliche Selbstverwaltung. So gesehen wäre das Ende der Privatsphäre eine unumkehrbare Veränderung, denn wir wären nicht länger imstande, als Demokratie zu funktionieren." "Wir sind definitiv auf dem direkten Weg in eine Ära des digitalen Polizeistaates", schreibt auch Slavoj Zizek in der Welt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2019 - Überwachung

Amazon bietet nicht nur Sicherheitstechnik für Häuser, sondern drängt sie der amerikanischen Polizei geradezu als Überwachungsinstrument auf, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik: "Amazon hat mit seiner Überwachungsfirma 'Ring' eine Partnerschaft mit mehr als 200 Polizeidienststellen in den USA. Die Dienststellen bewerben das Heimüberwachungsprodukt Ring und die dazugehörige App, verteilen kostenlose Exemplare und erhöhen so die Videoüberwachungsrate in den Gemeinden. Derart angefertigte Aufnahmen lassen sich anschließend über ein spezielles Portal mit dem Namen 'Law Enforcement Neighborhood Portal' bei den Ring-Kunden anfragen."
Stichwörter: Amazon, Überwachung