9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Überwachung

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2019 - Überwachung

Der Essenslieferant Deliveroo gibt überraschend seinen Rückzug aus dem deutschen Markt bekannt. Es bleibt nurmehr der Konkurrent Lieferando, der sämtliche weitere Konkurrenten geschluckt hat. Maximilian Henning und Ingo Dachwitz fragen bei Netzpolitik, was nun mit den Daten der Deliveroo-Kunden geschieht: "Schon heute gibt Deliveroo einige Daten an Werbepartner weiter, 'damit diese sicherstellen könnten, dass Sie Werbung angezeigt bekommen, die für Sie relevant ist und die Ihnen E-Mail-Werbung in unserem Namen zusenden', so die Datenschutzbedingungen. Aber was ist eigentlich, wenn die Mutterfirma irgendwann mal pleite geht? Dann sind die umfangreichen Datensätze über Millionen Kundinnen ein wertvolles Asset, für das sich auch Versicherungen, Gesundheitsfirmen oder Datenhändler interessieren könnten." Die Netzpolitik-Autoren empfehlen Deliveroo-Kunden ihre Konten zu löschen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2019 - Überwachung

Amazon, Google, Apple und Microsoft haben Assistenzsysteme entwickelt, die erlauben, dass Menschen mit ihnen sprechen. Bei allen vier Konzernen hat sich herausgestellt, dass sie ihre Kunden auch von Menschen abhören lassen, um die "Qualität zu verbessern". "Schmeißt die Assistenzwanzen aus dem Fenster", ruft Markus Reuter bei Netzpolitik: "Das Abhören der Mitschnitte durch Menschen ist nur das panoptische Sahnehäubchen dieser Systeme. Interessant ist auch, dass nur dieser Aspekt für einen Aufschrei sorgt. Das ganze System der Assistenzwanzen ist perfide: Die Geräte hören in der Regel Geräusche und Gespräche mit, laden diese auf Server der Datenkonzerne, speichern diese Mitschnitte und Anfragen, werten die Aufnahmen mit Software aus und legen Profile an. Das alles dient dem Ziel, die Kund:innen des Systems noch besser zu kennen, ihnen mehr zu verkaufen und ihnen dabei einen Komfortgewinn vorzugaukeln."
Stichwörter: Assistenzsysteme

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2019 - Überwachung

Die EKG-Kurven des Herzschlags sind so individuell wie ein Fingerabdruck und können zur Identifizierung von Personen eingesetzt werden. Geheimdienste, Armeen und Konzerne entwickeln Verfahren, den Herzschlag per Laser auf Distanz zu analysieren. Die Überwachung wird immer unausweichlicher, schreibt Daniél Kretschmar in der taz: "Mit jeder weiteren eingesetzten Technologie wird das Ergebnis eindeutiger, das Restrisiko einer falschen Identifizierung geringer. Das Geschäftsfeld auf dem Markt der Biometrie ist nicht zuletzt wegen des Sicherheitskomplexes riesig; und so ist es nicht verwunderlich, dass alle mitverdienen wollen."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2019 - Überwachung

Im 5G-Netz wird Telefonieren deutlich sicherer, schreibt Matthias Monroy bei Netzpolitik, denn die Gespräche sind viel besser verschlüsselt als im jetzigen Handynetz: "Damit haben Polizeien und Geheimdienste ein Problem. Das Bundesinnenministerium kündigt deshalb mögliche Änderungen des Telekommunikationsgesetzes und der Telekommunikations-Überwachungsverordnung an. Mobilfunkanbieter in Deutschland wie O2, Vodafone und Telekom sollen dafür sorgen, dass die Metadaten entschlüsselter 5G-Verbindungen an den Netzknoten gespeichert werden."

Der Tagesspiegel bringt einen Essay, den der Web-Entwickler Maciej Ceglowski zunächst auf seinem Blog idlewords.com veröffentlichte. Wir leben längst in einer Überwachungsgesellschaft, schreibt er und fordert, dass Datenschutz nicht nur bestimmte Kategorien von personenbezogenen Daten, sondern auch die "Umgebungsprivatsphäre" schützt, also dafür sorgt, dass "unsere täglichen zwischenmenschlichen Interaktionen außerhalb von Überwachungsreichweiten stattfinden." "Ich bin überzeugt davon, dass die Umgebungsprivatsphäre eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben spielt. Wenn alle Debatten unter dem Radar einer Software stattfinden, also unter Beobachtung durch ein gewinnorientiertes Medium, dessen Ziel ist, Nutzerverhalten zu beeinflussen, kann das dazu führen, dass das Entstehen eines gemeinsamen Realitätsbewusstseins verhindert wird. Das ist aber Voraussetzung für eine gesellschaftliche Selbstverwaltung. So gesehen wäre das Ende der Privatsphäre eine unumkehrbare Veränderung, denn wir wären nicht länger imstande, als Demokratie zu funktionieren." "Wir sind definitiv auf dem direkten Weg in eine Ära des digitalen Polizeistaates", schreibt auch Slavoj Zizek in der Welt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2019 - Überwachung

Amazon bietet nicht nur Sicherheitstechnik für Häuser, sondern drängt sie der amerikanischen Polizei geradezu als Überwachungsinstrument auf, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik: "Amazon hat mit seiner Überwachungsfirma 'Ring' eine Partnerschaft mit mehr als 200 Polizeidienststellen in den USA. Die Dienststellen bewerben das Heimüberwachungsprodukt Ring und die dazugehörige App, verteilen kostenlose Exemplare und erhöhen so die Videoüberwachungsrate in den Gemeinden. Derart angefertigte Aufnahmen lassen sich anschließend über ein spezielles Portal mit dem Namen 'Law Enforcement Neighborhood Portal' bei den Ring-Kunden anfragen."
Stichwörter: Amazon, Überwachung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2019 - Überwachung

Der Überwachungskapitalismus schlägt zu. Caroline Haskins berichtet bei Vice, was der Vice-Dienst Motherboard herausgefunden hat: "Ring, die Home-Security-Firma von Amazon hat lokale Polizeibehörden in den USA aufgefordert, ihre Überwachungskameras zu bewerben. Zum Austausch dafür soll es kostenlose Ring-Produkte und ein 'Portal' geben, das es der Polizei erlaubt, Daten aus diesen Kameras abzurufen. So lautet eine Geheimvereinbarung, die Motherboard vorliegt. Die Vereinbarung fordert die Polizei auch auf, 'die Regelungen dieses Programms geheimzuhalten'."

Nicht nur die automatische Gesichtserkennung, sondern auch die Stimme bietet perfekte Überwachungsmöglichkeiten, schreibt der Philosoph und Physiker Marco Wehr in der NZZ: "Sie verrät dem Computer zum Beispiel, ob der Observierte depressiv ist oder Gefahr läuft, an Parkinson zu erkranken. Es gibt bereits Algorithmen, die Probanden umfassend charakterisieren und säuberlich in Schubladen einordnen. Die deutsche Firma Precire will die gesamte Persönlichkeit auf der Grundlage von Sprachdaten entschlüsseln. Sie ordnet Probanden in Kategorien ein wie 'selbstorganisiert', 'ausgeglichen' oder 'autonomiebedürftig' und verteilt Punkte. Es gibt bereits Unternehmen, welche die Software verwenden, um Bewerber zu bewerten. Wann werden Krankenversicherungen solche Mittel für ihre Zwecke nutzen? Laut der Informatikerin Julia Hirschberg von der Columbia State University ist die Bewertung der Persönlichkeit auf der Basis von Sprachdaten seriöse Wissenschaft. Sie selbst hat ein Programm entwickelt, das Lügner besser enttarnt als jede andere Methode."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2019 - Überwachung

Die Meldung geht durch viele Medien: Die Assistenzsysteme von Google werden auch von Menschen abgehört. Herausgefunden haben es Journalisten des belgischen Senders Vrt Nws. Unter anderen berichtet Markus Reuter in Netzpolitik: "Laut den Daten, die Vrt Nws vorliegen, sprang in etwa 15 Prozent der Fälle der Mitschneidemodus des Systems an, obwohl die Nutzer:innen nicht 'OK, Google' sagten. Das ist insbesondere bedeutsam, da für den Google Assistant gar kein Endgerät wie der Amazon Echo Dot nötig ist, sondern die App auf dem Mobiltelefon einfach mitschneidet. Bei den unaufgefordert mitgeschnittenen Konversationen handelte es sich unter anderem um Bettgespräche, Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern sowie berufliche Telefongespräche." Wir wünschen uns nun einen zweiten Artikel,der erklärt, wie man diese Systeme auf Computern und Smartphones zuverlässig deinstalliert.

Google steht dazu, schreibt Bavo Van den Heuve bi Vrt Nws: "In einer Reaktion auf den Vrt-Bericht, gesteht Google ein, weltweit mit Sprachexperten zu arbeiten, um die Sprachtechnologie zu verbessern. 'Dies geschieht, indem wir Transkripte einer kleinen Zahl von Audiosateien anfertigen', sagt der belgische Google-Sprecher. Er fügt hinzu, dass 'diese Arbeit von entscheidender Bedeutung ist, um Produkte wie google Assistent zu entwickeln'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2019 - Überwachung

Mit der "E-Evidence-Verordnung" möchte die EU-Kommission Strafbehörden Zugriff auf Daten aus europäischen Nachbarländern geben, außerdem wollen die amerikanischen Strafbehörden leichter an die Daten europäischer Bürger, berichtet Alexander Fanta in der taz. Aber im EU-Parlament wird's darüber noch Ärger geben: "Ein zentraler Kritikpunkt ist die Aufweichung des Territorialprinzips. Eine Behörde muss nach dem E-Evidence-Vorschlag der Kommission bei Beschlagnahme von Daten weder den Sitzstaat des Anbieters noch das Wohnsitzland des Betroffenen oder gar diesen selbst informieren. Das mache es schwer, selbst gegen offenkundig fragwürdige Datenabfragen Beschwerde einzulegen. Der Entwurf setze zudem kaum Hürden für den Datenzugriff. Datenabfragen über Teilnehmerdaten wie Namen, Anschrift und IP-Adresse sind dann in Ermittlungen bei allen Straftaten möglich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2019 - Überwachung

Weltweit - oder naja, in einigen Ländern der westlichen Welt - entstehen Bewegungen, Gesichtserkennung durch Überwachungskameras zu verbieten. Leon Kaiser schreibt bei Netzpolitik über Versuche der Londoner Polizei, die tatsächlich an einigen Standorten Kriminelle per Gesichtserkennung aus der Masse herausfiltern wollte, dabei aber nicht sehr erfolgreich war: "Die Erkennungsraten in London sind noch nicht sehr hoch: Bei den sechs Testläufen zwischen Juni 2018 und Februar 2019, die die Forscher beobachten konnten, lieferte das System 42 Treffer. Nur bei acht davon handelte es sich auch um polizeilich gesuchte Personen. Doch für diese magere Ausbeute wurden Tausende Passanten automatisch erfasst und ihre biometrischen Merkmale in Echtzeit mit jenen von gesuchten Personen auf verschiedenen polizeilichen Listen abgeglichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2019 - Überwachung

Alles steht zum Besten mit dem Eintreiben der Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender, freut sich Steffen Grimberg in der taz. Dass dabei ein Datenimperialismus betrieben wird, der Google vor Neid erblassen lassen könnte, fällt nicht so ins Gewicht: "Der wiederholte Meldedatenabgleich - einen ersten hatte es 2013 zur Umstellung von der Gerätegebühr auf den Rundfunkbeitrag gegeben - war .. deutlich unaufwändiger und damit billiger als geplant. Hier wird mittels aller Daten der Einwohnermeldeämter vom Beitragsservice gegengecheckt, ob sich hinter jeder der gemeldeten Wohnungen auch eines der rund 45 Millionen Beitragskonten verbirgt. Fallen unklare Verhältnisse auf, werden die betreffenden Personen angeschrieben."

Auf der Seite 3 der SZ berichtet ein Reporterteam über eine Polizei-App, die sich Touristen an der Grenze zur Provinz Xinjiang von den chinesischen Sicherheitsbehörden auf ihr Handy spielen müssen. "Die App greift auf etliche Informationen auf dem Smartphone zu, darunter auf Kontakte, Kalender, SMS, Standort oder Anruflisten und überträgt diese an einen Computer der Grenzpolizei. Außerdem sucht die App auf dem Handy nach Dateien, die aus Sicht der chinesischen Regierung verdächtig sind - dazu gehören Pamphlete von Islamisten, aber auch harmlose religiöse Inhalte sowie Dateien mit Bezügen zu Taiwan oder Tibet. Betroffen sind Reisende, die im Westen über den Landweg in die chinesischen Provinz Xinjiang einreisen", heißt es in einer die wesentlichen Punkte zusammenfassenden Kurzversion des Artikels.

Was die Touristen erleben ist aber noch nichts gegen die Überwachung der muslimischen Uiguren in Xinjiang, erklärt im Interview mit SZ online Adrian Zenz, Wissenschaftler aus Stuttgart und laut SZ "einer der führenden Xinjiang-Experten weltweit": "Die Überwachung in Xinjiang ist allumfassend. Es geht darum, dass man für jeden Menschen zweifelsfrei nachweisen kann, was er macht, was er sagt, was er denkt. Einerseits nutzt der Staat die digitalen Möglichkeiten. Es hat aber auch die Anzahl der Polizeikräfte erhöht. Regierungsbeamte fahren regelmäßig die Dörfer ab und besuchen die Menschen zu Hause in ihren Wohnungen."