9punkt - Die Debattenrundschau

Witz, Selbstvertrauen, Charme

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2019. Großer Jubel in Istanbul: Ekrem Imamoğlu gewinnt haushoch die Bürgermeisterwahlen und verabreicht Präsident Erdogan eine historische Niederlage. ZeitOnline schöpft wieder Hoffnung, dass Demokratien nicht so leicht totzukriegen sind. Wenn Politik keine Rolle mehr spielen soll, zählt der Charakter, reibt der Guardian dem ausgerasteten Boris Johnson unter die Nase. In der FAZ erklärt Mona Sloane, wie KI als Medium der sozialen Organisation Diskriminierung verstärkt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2019 finden Sie hier

Europa

In Istanbul herrschte heute Nacht großer Jubel. Ekrem Imamoğlu von der konservativ-säkularen CHP hat die Bürgermeisterwahlen gegen Erdogans Parteifreund Binali Yildirim haushoch gewonnen, weil er die gesamte Opposition und die Kurden hinter sich einigen konnte. Auf ZeitOnline stimmt das Ergebnis Hasan Gökkaya sehr hoffnungsfroh: "Die Türkei musste oft für Schlagzeilen herhalten, wenn es darum ging, die Demokratie im Land für tot zu erklären. Nun ist sie ein Beispiel dafür, dass Demokratien nicht so leicht totzukriegen sind wie viele denken. Fotos vom Wochenende zeigen leere Strände im Süden der Türkei, auch sind Menschen zu sehen, die in Reisebusse steigen. Sie sollen Istanbuler zeigen, die ihren Sommerurlaub unterbrochen haben, nur um an der Bürgermeisterwahl teilzunehmen."

Jetzt rächt sich für Erdogan, dass er die Wahlen vom März annulieren ließ, schreibt Mesale Tolu auf t-online: "Nach der Ankündigung der Neuwahl brach die Lira weiter ein, die Lebensmittelpreise stiegen. Erdogan wollte mit allen Mitteln an seiner Macht festhalten, nicht seine Herrschaft und schon gar nicht die Millionenmetropole Istanbul teilen ... Weil Erdogan so viel aufs Spiel setzte, verlor er am Abend auch mehr als nur eine Stadt. Die AKP hat sich blamiert und kann nach dieser Niederlage nicht mehr umsteuern. Nach und nach wird, wie Imamoglu sagte, die Bevölkerung merken, dass sie sich im ganzen Land eine ähnliche Veränderung wie in Istanbul wünscht. Daher bezeichnet Imamoglu das Wahl-Ergebnis nicht als Sieg, sondern als den 'Anfang der Veränderung', die sich von Tag zu Tag ausbreiten wird."

In Libération erklärt Jérémie Berlioux das Ergebnis zu einer historischen Niederlage für Erdogan. In der SZ kommentiert Christiane Schlötzer mit Genugtuung: "Dies ist eine schallende Ohrfeige für alle, die nicht akzeptieren wollten, dass die größte Stadt des Landes mit ihren üppigen finanziellen Ressourcen von einem Mann der Opposition verwaltet und kontrolliert wird."

In der FAZ berichtet Christian Meier unterdes, dass die türkische Regierung sechs Jahre nach den Gezi-Protesten Anklagen gegen sechzehn Anwälte, Kulturschaffende und Stadtplaner angestrengt hat. Sie stehen jetzt wegen Verschwörung vor Gericht, die Beweise sind hanebüchen: "Die Lieferung von Sandwiches für Demonstranten im Gezi-Park wird als Beweis der Finanzierung der Proteste gewertet. An einer Stelle in der Anklageschrift wird das Foto einer Karte präsentiert, die auf Kavalas Mobiltelefon gefunden wurde und die angeblich einen Plan zur Aufteilung der Türkei darstellt. Nachforschungen eines oppositionellen Nachrichtenportals ergaben, dass es sich um eine Karte aus einem Buch handelt, die die Verbreitung von Bienenarten in der Türkei zeigt."

Die britischen Medien stürzen sich auf den lautstarken Krach, den Boris Johnson mit seiner Lebensgefährtin Carrie Symonds hatte und der solche Ausmaße annahm, dass Nachbarn die Polizei rufen mussten. Im Guardian versichert Matthew d'Ancona, dass es sich nicht um Klatsch handelt, sondern um eine politisch entscheidende Angelegenheit: "Johnsons wiederholte Beteuerung, dass die Leute, 'so was gar nicht wissen wollen', klingt hohl, denn - mehr als jeder andere britische Politiker unserer Zeit - hat er das öffentliche Leben zu einem Schaulaufen von Persönlichkeit gemacht, in dem Witz, Selbstvertrauen, Charme und persönliches Auftreten politische Inhalte und Substanz in den Schatten stellt. Darauf basiert seine Bewerbung für den Top Job: Nur der Charakter zählt." Welt-Korrespondentin Stefanie Bolzen hat sich allerdings informiert, dass der Zoff eher eine Bagatelle entsprang: "Symonds schreit Johnson an, weil er offenbar Rotwein auf ihr Sofa geschüttet hat. 'Dir ist alles egal, du bist so verwöhnt. Dich kümmert weder Geld noch sonst was! Raus hier! Verlass meine Wohnung!' Erneutes Scheppern."

Außerdem arbeitet der Guardian weiter daran, Johnson eine Verbindung zu Steve Bannon nachzuweisen.
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Medien

Turi2 hat im neuen Spiegel nachgelesen, was Markus Brauck und Ulrike Simon über den Rauswurf des FAZ-Herausgebers Holger Steltzner herausgefunden haben: "Der soll mit einem Redakteur über die Vertragsverlängerung von Feuilleton-Herausgeber Jürgen Kaube geprochen und gefragt haben, ob es nicht einen besseren Kandidaten für den Posten gäbe, u.a. mit mehr Digitalkompetenz. Als der Inhalt des Gesprächs den Aufsichtsrat erreichte, sei Stelzners Rauswurf innerhalb von Stunden beschlossen gewesen."
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Stichwörter: FAZ, Steltzner, Holger

Kulturpolitik

Ein gutes halbes Jahr nach der von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr vorgelegten Handreichung zur Restitution von kolonialer Raubkunst herrscht in Österreich nach wie vor betretenes Schweigen, beobachtet Stefan Weiss im Standard und liefert seinen Landsleuten, die ebenfalls am Sammeln von Kulturgütern beteiligt waren, ein paar Fakten. Von "rechtmäßigem" könne in kaum einem Fall die Rede sein: "Selbst der Erwerb kann aufgrund damals herrschender Machtgefälle als illegitim erachtet werden. Sarr/Savoy rechnen vor, dass für eine heute im Pariser Musée du quai Branly ausgestellte Maske aus der Region von Ségou im Jahr 1931 sieben Franc bezahlt wurden, was dem damaligen Gegenwert von einem Dutzend Eiern entsprach. Am Markt lag der damalige durchschnittliche Auktionspreis für afrikanische Masken in Frankreich bei 200 Franc, der Rekord gar bei 2300 Franc."

Tim Caspar Boehme referiert das Kultursymposium des Goethe-Instituts in Weimar, bei dem sich Intellektuelle aus aller Welt in ihren Gegenwartsanalysen nur schwer zu etwas Optimismus durchringen konnten.
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Internet

In der FAZ setzt die Soziologin Mona Sloane keine große Hoffnungen in eine ethische KI. Künstliche Intelligenz arbeitet mit den historisch und systemisch vorgegebenen Mustern und verstärkt somit auch nur bestehende Diskriminierungen: "Das ProPublica-Team belegte schon 2016, dass automatisierte Risikobewertungssysteme im amerikanischen Strafjustizsystem systematisch Afroamerikaner benachteiligt. Ein Team vom Georgia Institute of Technology veröffentlichte jüngst eine Studie, die belegte, dass automatische Objekt-Erkennungssysteme, wie sie beispielsweise im autonomen Fahren verwendet werden, Fußgänger mit einer dunkleren Hautfarbe mit viel höherer Wahrscheinlichkeit falsch klassifizieren. Aber auch in Deutschland finden sich Bespiele. Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet derzeit mit 'Algorithm Watch' und 'Open Knowledge Foundation' an einem umfangreichen Projekt, welches ähnlich diskriminierende Strukturen in der automatisierten Bonitätsauskunft durch die Schufa belegen will. Diese wichtigen Initiativen zeigen vor allem eines: KI-Systeme werden zunehmend als Medium der sozialen Organisation wahrgenommen. Diese Neuordnung betrifft fast jeden. Sie beeinflusst, ob wir einen Kredit bekommen, welche Krankenversicherungsprämie wir zahlen müssen oder ob unser Lebenslauf im Mülleimer landet." Der Artikel scheint auf einem Vortrag zu beruhen, den Sloane im Mai am Weizenbaum Institut in berlin hielt.

Und auf Politico berichtet Janosch Delcker, dass die KI-Experten der EU darauf drängen, Künstliche Intelligenz zu zähmen und zu verhindern, dass sie für einen Hightech-Überwachungsstaat nach chinesischem Muster genutzt wird: "In einem 48-setigen Entwurf, drängen die Experten die Entscheidungsträger, für riskante KI-Applikationen rote Linie zu definieren, wie Systeme zur Überwachung von Einzelpersonen oder sie nach ihrem Verhalten zu klassifizieren."

Auf ZeitOnline hat Lisa Hegemann das neue Smarthomegerät von Google ausprobiert. Leider hat das Nest Hub einen miserablen Sound und ist extrem neugierig: "Die WLAN-Daten übernimmt das Gerät vom Smartphone, wenn ich zustimme. Ähnlich wie Google Home wünscht sich auch der Nest Hub möglichst viele Datenpunkte von seinen Besitzerinnen: Ich kann ihn nur nutzen, wenn ich meinen Standort freigebe (der ist bei mir standardmäßig ausgeschaltet), und selbst dann will der Nest Hub am Liebsten noch eine genaue Adresse. Die muss ich aber immerhin nicht verpflichtend angeben. Auch sonst will das Gerät auf möglichst viele Smartphonedaten zugreifen und weist darauf hin, dass es sie mit Drittanbietern möglicherweise teile. Alles, was ich sage, wird unter Aktivitäten gespeichert. Das ist so, als würde die neue Mitbewohnerin erst einmal alle meine Passwörter wissen wollen, bevor sie mit mir spricht. Und dann alles aufzeichnen." Und dann kennt es nicht einmal die Heute-Show!
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