9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2022 - Internet

Russlands Präsident Wladimir Putin hat dem ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden am 26. September 2022 die russische Staatsbürgerschaft verliehen, meldet unter anderem golem.de mit Reuters. "Spekulationen, wonach der 39-Jährige nun in die russische Armee eingezogen werden könne, wies dessen Anwalt Anatoli Kutscherena zurück. Snowden könne nicht rekrutiert werden, weil er bislang noch nicht in der russischen Armee gedient habe, sagte Kutscherena laut Medienberichten der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti."
Stichwörter: Snowden, Edward

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2022 - Internet

Christian Geyer verteidigt in der FAZ Twitter gegen seine Kritiker: Ausgerechnet Richard David Precht, der nicht bei Twitter ist, hat gesagt: "Der Begriff Twitter und substanzielle Debatte sind zwei Begriffe, die für mich nicht zusammenpassen." Geyer dazu: "Auf Twitter muss sich Precht dann freilich gefallen lassen, als jemand verhöhnt zu werden, der selbst keine substanzielle Debatte zustande bringe. Hat er etwa keinen substanziellen Begriff von Substanz? In einem Tweet heißt es: 'Etwas ironisch, aber Richard David Precht ist wohl das beste Beispiel dafür, dass 'traditionelle Medien' oder gar das Verfassen von Büchern nicht automatisch zu einer 'substanziellen Debatte' führen.' Hier wird die Stärke von Twitter fassbar: die pointierte Replik, das Luftrauslassen aus hochtrabender Rhetorik, die sprungbereite Geistesgegenwart."
Stichwörter: Twitter

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2022 - Internet

Sam Biddle hat für Intercept das Transkript der Kongressanhörung von Facebook zum Cambridge- Analytica-Skandal  gelesen und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Es ging vor allem um die Frage: "Welche Informationen über uns speichert Facebook genau, und wo befinden sie sich? Die Antwort der Ingenieure wird für diejenigen, die sich um die Verwaltung von Milliarden digitalisierter Leben durch das Unternehmen Sorgen machen, wenig erfreulich sein: Sie wissen es nicht." Facebook "hat so viele Daten über so viele Milliarden Menschen angehäuft und sie so verwirrend organisiert, dass vollständige Transparenz auf technischer Ebene unmöglich ist. In der Anhörung im März 2022 beschrieben die Software-Ingenieure Eugene Zarashaw und Steven Elia Facebook als einen Datenverarbeitungsapparat, der so komplex ist, dass er sich dem Verständnis von innen heraus entzieht. Die Anhörung lief darauf hinaus, dass zwei hochrangige Ingenieure eines der mächtigsten und ressourcenstärksten Ingenieurbüros der Geschichte ihr Produkt als unverständliche Maschine beschrieben. ... Die Bemerkungen in der Anhörung spiegeln diejenigen wider, die in einem internen Dokument zu finden sind, das Motherboard Anfang des Jahres zugespielt wurde... 'Wir haben kein angemessenes Maß an Kontrolle und Erklärbarkeit darüber, wie unsere Systeme Daten verwenden, und können daher keine kontrollierten Richtlinienänderungen oder externe Zusagen wie 'wir werden X Daten nicht für Y Zwecke verwenden' machen', heißt es in dem Dokument von 2021. Das grundlegende Problem, so die Ingenieure in der Anhörung, ist, dass Facebooks Ausdehnung es unmöglich gemacht hat, zu wissen, woraus es besteht; das Unternehmen hat sich nie die Mühe gemacht, institutionelles Wissen darüber zu kultivieren, wie jedes dieser Komponentensysteme funktioniert, was sie tun oder wer sie benutzt."

"Befreit das Internet", ruft Sarah Leonard in The New Republic nach Lektüre von "Internet for the People", einem Buch des Tech-Journalisten Ben Tarnoff. "Es wird heute viel darüber diskutiert, auch im Kongress, warum Teile des Internets so giftig sind und was man dagegen tun kann - bessere Moderation von Inhalten? Aktualisierte Monopolgesetze? - aber es scheint, dass niemand das eigentliche Problem benennen will: Die Kommerzialisierung des Web. ... Tarnoff sagt unverblümt, warum die Dinge so schlecht sind: 'Das Internet', so schlägt er vor, 'ist kaputt, weil das Internet ein Geschäft ist'. Was, wenn es das nicht wäre?"

Das Bundeskartellamt hat eine 232-seitige "Sektoruntersuchung" für den Bereich Online-Werbung vorgelegt. Das ist schön, nützt aber im Grunde wenig gegen die Übermacht der Internetgiganten, meint Digital-Experte Martin Andree in der Welt. Denn am Kernproblem kann nur der Gesetzgeber etwas ändern: "Vereinfacht gesagt, können die Behörden in Deutschland und in der EU nur gegen zukünftige Zusammenschlüsse vorgehen. Dagegen können sie natürlich entstandene Vormachtstellungen wie etwa das Quasi-Monopol der Google Suchmaschine nicht angreifen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch unser deutsches Medienrecht zwar antimonopolistisch ist, es hier aber nur Konzentrationsbeschränkungen für redaktionelle Medien gibt, wie etwa für Presse oder Rundfunk. Angesichts der wuchernden digitalen Monopole ist es absurd: Bis heute existieren weder etablierte wissenschaftliche Methoden zur Messung von Marktmacht bei digitalen Medien, noch gibt es eine zuständige Behörde ähnlich der Bundesnetzagentur oder der KEK."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2022 - Internet

Das Hauptproblem an der Künstlichen Intelligenz ist, dass nur wenige sie haben, sagt die Expertin Meredith Whittaker im Gespräch mit Svenja Bergt von der taz: "Es sind nur einige wenige Konzerne, in deren Händen sich KI-Anwendungen befinden. Nur diese wenigen Konzerne haben die finanziellen und personellen Ressourcen, um die großen Modelle zu bauen, die es für KI braucht. Wir haben also eine immense Marktkonzentration. Und das, was sie programmieren, bildet ein Machtzentrum, das sich über unsere sozialen und politischen Institutionen stellt."
Stichwörter: Künstliche Intelligenz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2022 - Internet

Markus Beckedahl blickt für netzpolitik auf die neue Digitalstrategie der Bundesregierung und seufzt: Das hätte doch alles schon vor Jahren fertig sein können. "In jedem Abschnitt stehen Ziele, an denen sich die Regierung messen lassen will. Das liest man durchgängig im Text. Trotzdem erinnern mich alle Ziele immer an das Versprechen von Angela Merkel, dass alle Haushalte 2018 doch 50 Mbit/s haben sollten oder an das Versprechen des früheren Kanzleramtschef Peter Altmaier, dass die Verwaltung bis 2021 komplett digital sei. Klare Ziele, gut überprüfbar. An allen gescheitert. Das war schon früher Science Fiction und ist es leider heute noch. Die üblichen Durchhalteparolen sind natürlich auch dabei. Immerhin kennen viele Bürger:innen eGovernment, allerdings aus dem Weltspiegel im linearen Fernsehen, weil sie nicht mal Breitbandinternet zuhause auf dem Land haben."
Stichwörter: Digitalstrategie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2022 - Internet

Jacob Mchangama, ein dänischer Menschenrechtsanwalt und Forscher zum Thema soziale Medien und Meinungsfreiheit, warnt in der taz vor zensorischen Folgen des von der EU geplanten "Digital Services Act" (DSA): "Ein von mir mitverfasster Bericht aus dem Jahr 2021 ergab, dass nationale Gerichte in fünf europäischen Demokratien durchschnittlich 778,47 Tage brauchen, um Fälle von Hetzreden abzuurteilen. Die sehr kurzen Löschungsfristen bedeuten, dass Technologieplattformen in wenigen Stunden oder Tagen rechtliche Entscheidungen treffen müssen, für die geschulte Juristen Monate oder Jahre benötigen. Dies wird angesichts der hohen Bußgelder für die Nichteinhaltung fast zwangsläufig dazu führen, dass Plattformen aus Furcht vor hohen Bußgeldern auch rechtmäßige Inhalte löschen."

Ebenfalls in der taz spricht Tobias Schulze mit dem Politologen Tobias Fella über die Selbstdarstellung der Ukraine und Russlands in den sozialen Medien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2022 - Internet

Im Internet gibt es "Bots" und Programme, die sich gegen sie wehren. Beide arbeiten mit künstlicher Intelligenz. Es wird aber immer schwieriger, die Bots zu erkennen, schreibt Andrian Kreye in der SZ, der mit Tilman Pfeiffervon der Cybersecurity-Firma fraud0.com gesprochen hat. "'Früher haben sich Bots noch benommen wie Bots', sagt Pfeiffer. Sie haben eine Webseite zum Beispiel in einer geraden Linie von oben nach unten durchsucht. 'Inzwischen werden sie immer menschenähnlicher.' Sie bewegen sich nicht mehr in geraden Linien, klicken scheinbar wahllos, legen Waren in Warenkörbe."

Wie Bots von Ländern wie China eingesetzt werden, zeigt beispielhaft ein Artikel Patrick Howell O'Neills aus der MIT Technology Review, den heise.de auf deutsch publiziert. Eine  chinesische Online-Gruppe mit dem Codenamen "Dragonbridge" versuchte, mit "micro-targeted Tweets" amerikanische Umweltgruppen zu beeinflussen, gegen das Bergbauunternehmen Lynas vorzugehen, das in Texas seltene Erden abbauen will. China hat sich in den letzten Jahren mit teilweise sehr dubiosen Methoden fast ein Monopol auf diese Rohstoffe gesichert. "Die Dragonbridge-Akteure gaben vor, aus Texas zu stammen, und posteten in einer bereits bestehenden Anti-Lynas-Facebook-Gruppe Besorgnis über die Umweltauswirkungen des Abbaus und der Verarbeitung. Die Gruppe versuchte, Proteste zu schüren, eine Taktik, die sie auch in den ersten Tagen der Coronavirus-Pandemie angewandt hatte." Schon in der Coronakrise hatte die Gruppe die Verschwörungstheorie verbreitet, das Coronavirus stamme aus den USA. Allerdings scheinen beide Kampagnen recht grobschlächtig fabriziert gewesen sein - Google konnte sie schnell aus dem Verkehr nehmen.
Stichwörter: Künstliche Intelligenz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2022 - Internet

Es gibt wieder etwas zu regulieren. Das neue Digitalgesetz der EU fordert, dass jedes Land einen Digitalkoordinator zur Kontrolle der Plattformen benennt. Eine Bundesbehörde, die allzu schnell als Zensurinstanz verdächtigt würde, geht schon vom Grundgesetz her nicht. Die Grünen-Politikerin Tabea Rößner und Karl-E. Hain, Direktor des Instituts für Medienrecht und Kommunikationsrecht der Universität zu Köln, plädieren darum, in der FAZ dafür die Verantwortung bei den Landesmedienanstalten zu belassen. "Sollte die Wahl auf die Landesmedienanstalten fallen, müsste auf interföderaler Ebene entweder eine Dachstruktur für die Übernahme der Koordinatorenrolle geschaffen werden, oder die Länder sollten sich darauf einigen, einer der großen Landesmedienanstalten diese Rolle zuzuweisen." Klingt nach vielen aufregenden Sitzungen.
Stichwörter: Grundgesetz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2022 - Internet

Daten amerikanischer Nutzer von Tiktok werden sehr wohl in China gelagert und möglicherweise auch gesichtet, trotz gegenteiliger Behauptungen des ByteDance-Konzerns, dem Tiktok gehört, berichtet Emily Baker-White bei Buzzfeed: "Trotz der eidesstattlichen Aussage eines TikTok-Managers in einer Senatsanhörung im Oktober 2021, dass ein 'weltbekanntes, in den USA ansässiges Sicherheitsteam' entscheidet, wer Zugang zu diesen Daten erhält, beschreiben neun Aussagen von acht verschiedenen Mitarbeitern Situationen, in denen sich US-Mitarbeiter an ihre Kollegen in China wenden mussten, um herauszufinden, wie die Daten der US-Nutzer fließen. Laut den Tonbändern hatten die US-Mitarbeiter weder die Erlaubnis noch das Wissen, wie sie selbst auf die Daten zugreifen konnten."
Stichwörter: Tiktok

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2022 - Internet

Seit dem Arabischen Frühling plant Russland, sich vom globalen Internet abzukoppeln, sagt Alexey Yusupov, Osteuropareferent der Friedrich-Ebert-Stiftung im Gespräch mit Friedrich Conradi (Berliner Zeitung). Der Arabische Frühling habe gezeigt, mit welcher Wucht sich eine Protestbewegung im Inneren organisieren könne. Aber: "Noch traut man sich … nicht, eine Abkopplung zu vollziehen. Aber man sieht, dass immer mehr Vorbereitungen dafür getroffen werden. So werden russische Internetprovider gezwungen, auszuweisen, wo die Kabel nach Russland hinein- und wo sie hinauslaufen. Die physische Struktur des Internets wurde ganz in russischen Besitz gebracht. Der Krieg war eine Art Trigger, die Voraussetzungen für die Abkopplung schneller zu schaffen." Und bereits jetzt "wurden sogenannte Gummiparagrafen etabliert, mithilfe derer man Dissidenten leicht zum Schweigen bringen kann. Es ist zum Beispiel verboten, 'Unwahrheiten' über das russische Militär zu verbreiten. Diesen Begriff dehnt die Rechtsprechung nach Belieben, und jeglicher Verweis auf einen New-York-Times-Artikel, einen des Spiegels oder auf Inhalte von Exiljournalisten ist schon die Unwahrheit, und man macht sich strafbar."

In der FR erzählt Lisa Berins, wie Recherchekollektive Hinweise auf Kriegsverbrechen in der Ukraine sammeln und auf Echtheit überprüfen. Von Mitarbeitern des Londoner Centre for Information Resilience (CIR), das als unabhängiges Nonprofitunternehmen arbeitet, erfährt sie: "Nachdem sie den Ort eines Geschehens gefunden haben, versuchen sie, den genauen Zeitpunkt herauszubekommen - und anhand des Schattenwurfs sogar die Uhrzeit. Sie analysieren Waffen und Einschusslöcher, rekonstruieren Flugbahnen von Geschossen, gleichen mögliche Abschussorte mit der Stationierung von Brigaden ab. Sie wollen nicht nur herausbekommen, was wo und wann passiert ist. Sie wollen auch Namen nennen können: wer die Toten sind. Und wer die Mörder."
Stichwörter: Russland, Zensur, Kriegsverbrechen