9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2026 - Internet

Der Journalismus baut mit an einer Infrastruktur, die ihn am Ende selbst verschlingt, schreibt in der taz der Medienwissenschaftler Stephan Weichert mit Blick auf Journalisten und Mediennutzer, die KI-Systeme mit Interviewtranskripten, Kommentaren oder Reportagen füttern. Ganz verschwinden wird der Journalismus freilich nicht, glaubt Weichert, bezugnehmend auf Jim VandeHei, Gründer des US-Nachrichtenportals Axios: "Während KI den Durchschnittsjournalismus zunehmend automatisiere, steige der Wert derjenigen, die über Expertise, Quellenkenntnis und Glaubwürdigkeit verfügten. In dieser Stringenz führt das zu einer radikalen Zweiteilung des Marktes. Auf der einen Seite entsteht eine unausweichliche Flut seelenloser Inhalte - schnell produziert, billig, blutleer. Auf der anderen Seite bleibt ein kleiner Kern journalistischer Arbeit übrig, der sich durch Exzellenz und persönliche Autorität von der Masse abhebt. Für viele Medienhäuser bedeutet das, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Die eigentliche Konkurrenz für Journalismus ist nicht die generative KI. Es ist der mittelmäßige Journalismus, den die Maschinen problemlos ersetzen können."

So ganz fair findet es Ex-FAS-Hospitant Paul Pfaffel nicht, dass Politik und Pädagogik das Thema "digitale Unmündigkeit" nur mit Blick auf Kinder und Jugendliche betrachten. Denn ältere Erwachsene seien im Netz mitunter genauso gefährdet wie Jüngere: "Der Harvard-Forscher Ben Lyons hat in einer Untersuchung mit rund 10.000 Menschen und Onlinenutzungsdaten von etwa 4500 Personen beschrieben, dass Menschen über 60 häufiger mit Falschinformationen in Berührung kamen und sie eher teilten und verbreiteten. Als treibenden Faktor benennt er dafür die sinkende digitale Kompetenz im Alter. Das ist eine hübsch unangenehme Pointe: Besonders die, die sich wegen ihrer Lebenserfahrung zu den Selbstgewissen zählen, sind anfällig für die Tricks aus einer Welt, mit der sie kaum richtig Erfahrung haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2026 - Internet

Es gibt in Deutschland bisher kein Gesetz, das explizit das Verbreiten von Deepfakes unter Strafe stellt - stattdessen müssen sich Opfer mit anderen Paragrafen wie dem Kunsturhebergesetz behelfen, erklärt im ZeitOnline-Gespräch die Juristin Ronja Sanow: Dieses "Gesetz stellt wörtlich das unbefugte Verbreiten von Bildnissen unter Strafe. Das kann alles Mögliche sein: eine Zeichnung, eine Karikatur oder eben etwas, was mit künstlicher Intelligenz generiert wurde." Dabei "wird komplett verkannt, dass hier eine Person in ihren Persönlichkeitsrechten und vor allem in ihrer sexuellen Selbstbestimmung verletzt wurde." Deutschland hinke hier mal wieder hinterher: "Eigentlich fordert die Richtlinie der EU zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt seit fast zwei Jahren, dass sexualisierte Deepfakes reglementiert werden müssen. In Deutschland ist aber bisher nichts passiert, anders als zum Beispiel in Italien, wo vergangenes Jahr ein entsprechendes Gesetz verabschiedet wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2026 - Internet

Buch in der Debatte

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"Das Internet muss wieder allen Menschen gehören und nicht nur den Techkonzernen und den rechtspopulistischen Polarisierungstrollen", fordert der Medienwissenschaftler Martin Andree in der FAZ, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat. So hat die von Vance, Musk und Co und hier von der AfD geforderte "Meinungsfreiheit" den ganz gegenteiligen Effekt im Netz, erklärt er: "Eine unbegrenzte Meinungsfreiheit hat paradoxerweise negative Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit selbst. Umfragen zeigen, dass unter den Bedingungen von Hatespeech und Shitstorms auf Plattformen je nach Fragestellung zwischen 20 Prozent und 50 Prozent der (moderater eingestellten) Bürger und Bürgerinnen so eingeschüchtert sind, dass sie im Netz zunehmend verstummen. Zuletzt führt die verbale Gewalt auf den Plattformen dazu, dass Politiker und andere öffentliche Akteure aufgeben (wie zuletzt Kevin Kühnert)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2026 - Internet

Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman erzählt ihre Geschichte nun mit Hilfe ihres Enkels Aron Goodman auf TikTok. Im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen erzählen die beiden, wie es dazu kam. Goodman erklärt, warum er TikTok als Medium nutzt: "Das hat mehrere Gründe: Erstens kenne ich den Algorithmus gut und weiß, was funktioniert und was nicht. Zweitens habe ich auf TikTok extrem viel Antisemitismus gesehen. Es wurde wenig dagegen unternommen. Und drittens beziehen viele aus meiner Generation ihre Informationen nunmal von TikTok. Hinzu kommt: An vielen Schulen in den USA wird der Holocaust kaum oder gar nicht unterrichtet - besonders im Süden des Landes, aber auch in New Jersey. Diese Jugendlichen wollen wir erreichen und ansprechen. Und schließlich wollen wir Werbung machen für einen besseren Schulunterricht in punkto Holocaust."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2025 - Internet

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Der Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales, der vor Kurzem ein Buch veröffentlicht hat, weist im SZ-Interview mit Andrian Kreye auf die Gefahr hin, die ein zum überbordenen Teil nicht faktengeprüftes Internet für die Demokratie haben kann. Gleichzeitig gehe es auch darum, Plattformen wie Wikipedia finanziell unabhängig zu halten, damit sie diese Aufgabe erfüllen können. "Abos helfen. Reine Werbefinanzierung erzeugt Druck zu Clickbait. Um Vertrauen wieder aufzubauen, braucht es Transparenz - so wie Wikipedia oft einen Hinweis einblendet, dass die Neutralität eines Artikels umstritten ist. Manchmal wünschte ich, Zeitungen würden das auch machen. Außerdem ist es wichtig, weniger parteiisch zu sein. Medien gewinnen sonst vielleicht kurzfristig Publikum, können aber selbst bei Menschen, die ihrer politischen Linie zustimmen, Vertrauen verlieren, weil die sich fragen, ob sie wirklich die ganze Geschichte hören. Die Leute wollen Objektivität, Neutralität und gründliche Berichterstattung." Was in diesem Interview nicht gefragt wird: Was der Wikipedia-Mitbegründer zu den Vorwürfen gegenüber der englischsprachigen Wikipedia hält, diese sei israelkritisch bis israelfeindlich (hier mehr dazu).
Stichwörter: Wales, Jimmy, Wikipedia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2025 - Internet

Elon Musk hat seine eigene Version einer Wikipedia gegründet: Grokopedia. Diese soll nur von der Grok-KI, die zuletzt  durch antisemitische Ausfälle und Lob für Hitler aufgefallen ist (dazu hier mehr), editiert werden - Mitbestimmung von Nutzern ist nicht gestattet, schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Sämtliche Texte werden von der Grok-KI geprüft und editiert. Stichproben ergeben, dass die Grok-KI da durchaus an manchen Stellen eingreift. Bei Donald Trump fehlen ein paar der Skandale, so wie sein legendärer Spruch, dass er Damen gerne in den Schritt greift. Bei Musk selbst fehlt sein Engagement für rechte Parteien wie die AfD oder Nigel Farages Reform UK. Sein Hitlergruß zur Feier von Trumps Amtseinführung wird nicht erwähnt. Bei Wikipedia steht ein Video dieses Auftritts an erster Stelle. Die Einträge über Pornografie und trans Menschen haben einen moralischen Unterton."
Stichwörter: Musk, Elon, Wikipedia, Grok

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2025 - Internet

Wir brauchen einen "digitalen Postkolonialismus", fordert Andrian Kreye in der SZ. Das heißt: Europa muss sich unabhängig machen von amerikanischer Technologie, was ihm auch die Ausstellung "City in the Cloud. Data on the Ground" in der Pinakothek der Moderne in München vor Augen führt. Der Medienwissenschaftler Martin Andree von der Universität Köln erklärt Kreye, dass "60 bis 75 Prozent der öffentlichen Debatten von digitalen Medien bestimmt sind. Doch 86 Prozent aller digitalen Güter, also Medieninhalte, Cloud Services und generative KI, kommen aus den USA. Nur zwei Prozent aus Europa." Ein Infrastrukturplan ist "für Europa der einzige Weg, sich daraus zu befreien. Eigene Rechenzentren, Serverfarmen, KI-Modelle, all das, was in der Pinakothek der Moderne gerade gezeigt wird. Eine digitale Welt, die auf einem Fundament aus Stahl, Beton und seltenen Rohstoffen ruht. Gar nicht so anders als im 19. Jahrhundert, nur unsichtbarer. Die US-Konzerne reagieren auf solche Sorgen und gründen lokale Firmensitze mit eigenen Infrastrukturen in Europa. Die Abhängigkeiten bleiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2025 - Internet

Schlechte Nachrichten für alle, die noch per Modem ins Internet gehen (deutsche Behörden, Stellwerke der Deutschen Bahn?)

Stichwörter: Künstliche Intelligenz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2025 - Internet

Nicht nur in den USA werden "Influencer" oder "Creators" zu einer "fragwürdigen politischen Supermacht", hält in der taz Timo Hoffmann fest. Charlie Kirk mit seinen 27 Millionen Followern und tiefem Einfluss auf Trump war nur ein Beispiel. Ein Beispiel aus der EU? "Er heißt Fidias Panayiotou, ist 25 Jahre alt und stammt aus Zypern. Der Youtuber kam zu Internetberühmtheit, als er sich die Aufgabe stellte, Tesla-Chef Elon Musk zu umarmen. Er wartete monatelang vor dessen Firmen - bis es ihm schließlich 2023 gelang. 2024 ersann Panayiotou einen neuen Stunt und kandidierte für das EU-Parlament. Über Politik wusste er nach eigenen Angaben nichts. Doch dann passierte, womit niemand gerechnet hatte. Panayiotou wurde gewählt. Nun ist er einer von 720 EU-Abgeordneten und hat über vier Millionen Social-Media-Follower. Im Parlament fällt er vor allem als Verteidiger des Kremls auf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2025 - Internet

Mit KI entlasten wir uns vom Denken, warnt in der taz der Politikwissenschaftler Udo Kords: "Geistige Bequemlichkeit führt zu einer technologisch induzierten kognitiven Regression. Kognitive Regression bedeutet nicht, dass wir über Nacht dümmer werden. Es ist ein subtiler und schleichender Prozess: Wir verlernen, komplexe Sachverhalte selbstständig zu strukturieren, zu durchdringen und in Worte zu fassen. Wir verlernen, Widersprüche auszuhalten. Wir verlernen, schöpferisch zu denken. Ein Forscherteam am Massachusetts Institute of Technology (MIT), das sich mit den Folgen der Nutzung von KI auf das menschliche Gehirn beschäftigt, spricht von 'kognitiven Schulden', die wir mit jeder Verwendung externer KI-Anwendungen machen. 'Kognitive Schulden verschieben mentale Anstrengung kurzfristig, führen aber zu langfristigen Konsequenzen wie verringertem kritischem Denken, erhöhter Anfälligkeit für Manipulation und verringerter Kreativität.'"