9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2020 - Internet

Fridtjof Küchemann spricht in der FAZ mit der Informatikerin Sina Zarrieß über die Software GPT-3, die die Erstellung erstaunlich perfekter Texte ermöglicht und die KI im Feld der Sprache einen Schritt weiter vorantreibt. Auf die Frage, welche Manipulationen damit möglich werden, antwortet sie: "Ich würde eher sagen, dass es die offensichtlichen und die diffusen Gefahren gibt. Klar ist, dass man mit diesen Sprachmodellen schädliche Bots und Apps bauen kann, die zum Beispiel fake news verbreiten oder Anrufe fingieren, also ganz direkter Missbrauch dieser Technologie. Schwerer zu fassen ist die Gefahr, die von ganz normalen Apps und Tools ausgeht, die unsere sprachlichen Daten auswerten und unser normales Leben beeinflussen und ganz nebenbei vielleicht noch Rückschlüsse auf unsere Persönlichkeitsmerkmale ziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 - Internet

Screenshot aus dem New-York-Times-Artikel.

Es war selten faszinierender, einen Artikel herunterzuscrollen, als bei diesem New-York-Times-Artikel von Kashmir Hill and Jeremy White über Gesichter, die nicht existieren, obwohl sie so echt zu sein scheinen, und über ihre Funktion in der Werbewirtschaft: "Es gibt jetzt Unternehmen, die gefälschte Menschen verkaufen. Auf der Website Generated.Photos können Sie eine 'einzigartige, völlig probemlose' gefälschte Person für 2,99 Dollar oder tausend Personen für 1.000 Dollar kaufen. Wenn Sie nur ein paar gefälschte Personen benötigen - für Charaktere in einem Videospiel oder um Ihre Firmenwebsite diverser zu gestalten - können Sie deren Fotos kostenlos auf ThisPersonDoesNotExist.com erhalten." Die Autorinnen erklären auch, woran man erkennen kann, ob das Foto eines Gesichts gefälscht ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Internet

Adrian Lobe gehört zu jenen Internetkritikern, die die großen Plattformen seit Jahren alles Böse zutrauen, so auch heute in der Welt, nur in eine seltsamen Umkehrung der üblichen Vorwürfe. Wird den Plattformen sonst angekreidet, sie schärften durch ihre Algorithmen die Hassrede noch und seien für alle Übel in der Gesellschaft Treiber und Auslöser, stoßen Lobe nun etwa Aufforderungen bei Twitter auf, einen Artikel zu lesen, bevor man ihn teilt. Das ist nun auch wieder recht: "Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Konzerne gegen Desinformationen oder Cyber-Mobbing auf ihren Plattformen vorgehen. Hass ist das alles zersetzende Gift der Öffentlichkeit. Doch kann ein Nutzer nicht selbst entscheiden, ob er einen ungelesenen Artikel teilt oder andere Nutzer beleidigt?"
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2020 - Internet

Die sozialen Medien müssen dringend stärker reguliert werden, fordern die Rechtsprofessoren Jürgen Kühling und Rolf Schwartmann in der FAZ: "Dass es in einem weiteren Schritt eines der ausgestaltungsbedürftigen Rundfunkordnung vergleichbaren staatlichen Regulierungsrahmens jenseits des bereits im jüngst novellierten Medienstaatsvertrag aufgenommenen Diskriminierungsverbots bedarf, sagt die Datenethikkommission. Damit ist man bei der 'härtesten Nuss' angelangt. Das ist die Pluralismussicherung im Zeitalter personalisierter und algorithmengetriebener Informationen." Na, wenn die Herren ausreichend Forschungsmittel und Personal bekommen, wird das schon klappen.
Stichwörter: Soziale Medien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Internet

Friedhelm Greis beobachtet bei golem.de eine Abmilderung der Diskurse von EU-Digitalkommissar Thierry Breton gegenüber den großen Plattformen, besonders Google, denen er mit Zerschlagung drohte. Diese Drohung werde im kommenden Digitale-Dienste-Gesetz wohl nur eine unwahrscheinliche Ultima Ratio sein, so Greis: "Eine Diskussion wie in den USA, wo schon die Abspaltung des Browsers Chrome von Google ins Spiel gebracht wurde, will die Kommission aber derzeit wohl nicht führen."

Man sollte keine Fotos mehr von sich im Internet posten, meint im Interview mit der SZ die KI-Expertin Nina Schick, die beobachtet hat, wie einfach es heute ist "Deepfakes" zu erstellen. Das sind Bilder, Videos oder Tonaufnahmen, die mittels KI verfälscht wurden. So kann man beispielsweise Fotos bekleideter Personen mittels KI in Nacktbilder verwandeln oder das Gesicht einer Person auf den Körper einer anderen - zum Beispiel eines Pornodarstellers - projizieren. Solche Manipulationen, sagt sie, "werden häufig als Waffe gegen die Frauen benutzt". Sie plädiert deshalb dafür, "eine Verifizierungsebene für das Internet einzurichten, die wie ein Virenscanner funktioniert und automatisch bei algorithmisch veränderten Medien Alarm schlägt. Wenn meine Tochter sieben oder acht Jahre alt ist, reden wir hoffentlich über ein anderes Informationsökosystem, eines mit Sicherheitsmaßnahmen gegen Fälschungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2020 - Internet

Zur Zeit wird viel gestritten darüber, ob die sozialen Medien die Demokratie eher zerstören mit ihrem "anything goes" oder mit ihren jüngsten Warn- und Zensurversuchen. Am Ende entscheiden sie auch, wie "normal und akzeptiert es sein wird, Joe Bidens Sieg infrage zu stellen", meint die amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Whitney M. Phillips im Interview mit Zeit online. Allerdings nicht allein, auch die Zeitungen spielen eine Rolle: "Biden hat deutlich gewonnen. Aber im Moment behaupten republikanische Mandatsträger und Mitglieder der Trump-Regierung ständig, die Wahl sei manipuliert worden. Wenn sich das als Mainstream-Position etabliert, wenn sie es schaffen, den Wahlausgang als eine Ansichtssache darzustellen - dann, fürchte ich, würde das die Krise, in der sich unsere Demokratie befindet, so sehr vertiefen, dass sie sich vielleicht nicht mehr davon erholt. ... Es ist eine Frage der Verstärkung. Es kommt auch darauf an, wie Journalisten über das berichten, was Trump auf Twitter von sich gibt. Erst durch die Berichterstattung befeuern sie seine Lügen. Wenn sich Medien dazu hinreißen lassen, es als offene Frage zu diskutieren, wer der gewählte Präsident ist, als eine Diskussion, bei der es zwei Seiten gibt - dann hat Trump schon gewonnen."
Stichwörter: Soziale Medien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2020 - Internet

Josef Joffe wütet in der NZZ gegen Facebook und Twitter, die sich als Soziale Netzwerke Freiheiten herausnehmen dürfen, wie sie keinem Verlag zustehen und sich dabei auch noch wohltätig gerieren: "Die Herren des Contents sind fein raus. Was wollt ihr? Ich decke doch bloß den Tisch; aufgetragen wird von anderen. Verklagt doch die Köche, wenn die Suppe euch den Magen umdreht. Und wenn ich die Brühe vorauseilend ins Klo kippe, kommt mir nicht mit sakrosankten Verfassungsrechten wie der Redefreiheit. Was 'anstößig ist, bestimme ich! Zahl oder Kopf, ich gewinne immer. Just diese Taktik benutzte beispielsweise Mark Zuckerberg. Erst hat er Holocaust-Leugnern im Namen der Meinungsfreiheit einen Stuhl freigeräumt, dann hat er sie aus dem Speisesaal geworfen. Nur Neidhammel würden nörgeln, dass die weit offene Kantine Teil des Geschäftsmodells sei. Denn je abstruser und niederträchtiger die Posts, desto grösser der Kitzel und zahlreicher die Klicks, die Werbeeinnahmen treiben."

Die moderne Swissness gibt sich versöhnlich, bemerkt NZZ-Kritikerin Sabine von Fischer in der Ausstellung "Wired Nation" in der Zürcher Semper-Sternwarte: In Gais in Appenzell versorgen die gigantischen Rechenzentren die lokalen Sennereien mit ihrer Abwärme: "Nichts wirkt bedrohlich auf diesen Bildern im Eingangsraum der Ausstellung 'Wired Nation' in der Sternwarte im Zürcher Hochschulquartier. Die Schau hat sich vorgenommen, den materiellen Niederschlag der Datenströme zu dokumentieren: gekühlte Kellerräume, Kabel, Kontrolle. Nur die Geräusche eines Festplattenschredders in einer Videodokumentation sind hier unheimlich: Beim Zermalmen der Datenspeicher quietschen, kratzen und knirschen die Anlagen der Firma Reisswolf AG."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2020 - Internet

In europäischen Ländern fällt die "Google News Initiative" dadurch auf, dass sie am liebsten die größten Medien fördert. Heute setzen Alexander Fanta, Ingo Dachwitz, die Autoren des Berichts über den "Medienmäzen Google" (unsere Resümees) ihre Berichterstattung bei Netzpolitik fort und enthüllen, dass Google in Ruanda eine sehr regierungsnahe Zeitung mit 150.000 Dollar förderte. Und "insgesamt verteilte Google bei der Challenge für den Mittleren Osten, die Türkei und Afrika knapp 2 Millionen US-Dollar auf 21 Projekte. Pro Projekt gab es bis zu 150.000 US-Dollar, genaue Summen sind nicht bekannt. Wer zur Jury gehörte ist genau so unbekannt wie die Kriterien, nach denen die Gewinner ausgewählt wurden. Von Pressefreiheit, Unabhängigkeit oder journalistischer Integrität ist auf der Seite der News Initiative jedenfalls nichts zu lesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2020 - Internet

In der taz fordert Svenja Bergt einige grundsätzliche Überlegungen zum Einsatz Künstlicher Intelligenz, die gerade den Markt in so vielen Bereichen umzustülpen droht: Was wollen wir überhaupt von ihr? Was soll sie können? Wem soll sie dienen?  Wer überprüft das? "Es braucht Regulierung. Und zwar dringend, klar und europaweit einheitlich. Denn was passiert, wenn diese zu spät kommt, ist aktuell beispielsweise bei der Plattformökonomie sichtbar und dabei, wie Facebook, Amazon oder Google mit persönlichen Daten umgehen. Sinnvolle Regulierungsvorschläge gibt es eine ganze Reihe: von einem Algorithmen-TÜV bis hin zu öffentlich einsehbaren Registern, in denen die Bürger:innen nachschauen können, welche Unternehmen oder Behörden für welche Zwecke auf algorithmische Entscheidungsfindung setzen und welche Modelle dabei zum Einsatz kommen. so geschaffene Transparenz würde gleichzeitig das Wissen über KI in der Gesellschaft erweitern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2020 - Internet

Leonhard Dobusch berichtet auf Netzpolitik über den Kampf des Wissenschaftsverlags Elsevier, der wegen seiner exorbitanten Preise von vielen Unis und Bibliothken gemieden wird und sich anders als seine Konkurrenten keinem Open-Access-Arrangement fügen will, gegen sogenannte "Schattenbibliotheken" wie Sci-Hub, wo sich viele wissenschaftliche Artikel finden lassen. Der Gebrauch von Sci-Hub hat sich bei Forschern weitgehend durchgesetzt, so Dobusch: "Unter den Sci-Hub-Nutzenden plagt jedenfalls kaum jemand ein schlechtes Gewissen. In einer in Sciencemag veröffentlichten Umfrage bekannten knapp 90 Prozent von über 10.000 Befragten, dass sie es nicht falsch fänden, illegal kopierte Artikel herunterzuladen. Und: über ein Drittel nutzt Sci-Hub bisweilen auch dann, wenn Zugang über die Bibliothek vorhanden gewesen wäre. Die Piratebay für Forschung punktet nämlich auch unter Usability-Gesichtspunkten."

Oppositionelle in Hongkong und Weißrussland, aber auch Terroristen und Verschwörungstheoretiker nutzen zur Kommunikation gern die App Telegram. Jenni Thier erklärt in der NZZ, warum und erklärt dabei gleichzeitig, warum sich Segen und Fluch der sozialen Medien nicht trennen lässt: "Was Telegram als Messenger-Dienst attraktiv macht, sind neben den verschlüsselten Nachrichten die großen Gruppenchats und sogenannten Kanäle, die es etwa bei Whatsapp nicht gibt. Der zu Facebook gehörende Messenger limitiert seine Gruppenchats auf 256 Mitglieder - bei Telegram sind bis zu 200 000 erlaubt. Telegram-Kanäle, die ähnlich wie Blogs funktionieren, haben keine Beschränkung der Teilnehmerzahl. Einer oder mehrere Administratoren können dort Beiträge posten, die - anders als in Gruppenchats - nicht direkt kommentiert werden können. Und im Gegensatz zu anderen Plattformen wie Facebook oder Twitter löscht Telegram nur Inhalte wie Urheberrechtsverletzungen - nicht aber Meinungsäußerungen oder (vermeintliche) Falschnachrichten."