9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2021 - Internet

Lieferdienste wie die "Gorillas" oder "Wolt" verkörpern mit ihrer Art der Vereinzelung von Arbeitnehmern und neuen Techniken der Ausbeutung eine neue Art von Kapitalismus, schreibt der Berliner SPD-Politiker Yannik Haan in der taz: "Im digitalen Kapitalismus sind der Markt und das Unternehmen oft identisch. Nehmen wir etwa Amazon: Hier werden die Kund*innen systematisch an proprietäre Märkte gebunden. Während es im Fordismus um die effiziente Nutzung von Arbeitskraft ging, geht es in der digitalen Wirtschaft darum, selbst der Markt zu sein. Das erklärt auch die unfassbaren Summen, die diesen jungen Unternehmen zur Verfügung stehen. Gorillas wurde zuletzt mit über 1 Milliarde Euro bewertet. Entsteht ein neuer Markt, wird dort viel Geld hineingepumpt, damit das Unternehmen sehr schnell selbst zum Markt wird."
Stichwörter: Plattformkonzerne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2021 - Internet

"Bitcoin hat das Internetverbrechen globalisiert, befreit", meint in der SZ Philipp Bovermann, der die Existenz der Kryptowährungen auch verantwortlich macht für die Erpressungen mit verschlüsselten Daten. Hinter den Kryptowährungen steht für Bovermann aber auch ein tiefes Misstrauen gegen Banken und Behörden als Intermediäre. Könnte man nicht statt dessen einen Geldwert oder auch eine Identität "in einer offenen Blockchain eintragen, selbst zum Manager seiner Identität werden? Diese Fantasien sind mächtig, sie wurzeln so tief im Zeitgeist, dass sie linken Bankenhassern und libertären Regulierungshassern erstmals eine gemeinsame Sprache gegeben haben: Die Welt soll dezentraler werden, und das tut sie ja auch, so sehr reaktionäre Kräfte sich dagegen stemmen. Krypto ist der Fortschritt in einer Welt, in der das Gefüge des Vertrauens in die Institutionen brüchig geworden ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2021 - Internet

Immer öfter werden Computer von Behörden oder öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen gehackt, verschlüsselt und dann nur gegen Zahlung eines Lösegelds wieder freigegeben, berichtet Kai Biermann auf Zeit online. Das betrifft auch Polizei, Krankenhäuser oder Bürgerämter. Dennoch "gibt es in Deutschland keine gemeinsame Strategie, um etwas dagegen zu unternehmen. Dabei hat das Bundeskriminalamt Ransomware in seinem Bundeslagebild Cybercrime 2020 als 'die Bedrohung für öffentliche Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen' beschrieben und das 'die' in dem Satz unterstrichen. Doch es gibt, wie die Antworten der Bundesländer zeigen, nicht einmal den Versuch, sich einen Eindruck über die Größe des Problems zu verschaffen. Im Bereich Cybercrime bestehe für Betroffene keine Meldepflicht gegenüber staatlichen Stellen, das gelte auch für Ransomware, antwortet das Bundesinnenministerium auf entsprechende Fragen. Daher existiere keine solche Statistik auf Bundesebene." Vor allem die Kommunen fühlen sich allein gelassen mit dem Problem.
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Stichwörter: Ransomware, Erpressung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2021 - Internet

In einem aufwendigen Online-Dossier begeben sich einige New-York-Times-Reporter auf die Spur einer chinesischen Propagandaaktion. In Tausenden von Youtube-Videos beteuern Uiguren, dass sie sich noch nie so frei fühlten. Die chinesische Propagandamaschine hat die sozialen Medien damit förmlich überschwemmt: "Auf Twitter teilte ein Netzwerk verbundener Konten die Videos auf eine Weise, die darauf ausgelegt schien, die Systeme der Plattform zur Erkennung von Beeinflussungskampagnen zu umgehen. Chinas zunehmend Social-Media-affine Diplomaten und staatliche Nachrichtenagenturen haben die Aussagen seitdem an ein Millionenpublikum weltweit verbreitet. Westliche Plattformen wie Twitter und YouTube sind in China verboten, weil man befürchtet, dass sie zur Verbreitung politischer Botschaften genutzt werden könnten - genau so, wie chinesische Beamte diese Plattformen im Rest der Welt nutzen."
Stichwörter: China, Uiguren

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2021 - Internet

Tomas Rudl wirft für netzpolitik einen Blick auf den deprimierenden Stand der seit 2015 geplanten Modernisierung bzw. Digitalisierung der Bundesverwaltung und stöhnt auf: Das wird sich noch bis 2032 hinziehen. Nach vielfachem Zuständigkeitsgerangel liegt die Verantwortung jetzt beim Bundesinnenministerium. Doch "legte das BMI bis heute 'kein finalisiertes Grobkonzept vor', heißt es im der Redaktion vorliegenden Bericht des Bundesrechnungshofs vom April. Stattdessen befinde sich das BMI bis heute 'erneut in der Konzeptionsphase' - seit 2018. Somit ist keine verlässliche Planung möglich, es fehlen Daten, Berichte und Handlungsempfehlungen. Die Folge: Ohne diese Informationen müssen sich Behörden eigene Datengrundlagen für Entscheidungen schaffen. Dies könne Projekte unnötig belasten und zudem für vermeidbare Mehrfachbeschaffungen sorgen, mahnte der Bundesrechnungshof."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2021 - Internet

Überwachung schleicht sich mit guten Absichten ins Netz, warnt Markus Reuter bei Netzpolitik. Früher dienten Kinderpornografie oder Urheberrechtsverstöße den Politikern als Argument, das Netz unter ihre Kontrolle zu bringen: "Heute ist es der 'Hass im Netz', den innenpolitische Hardliner wegen der allgemein akzeptierten Wichtigkeit des Themas als Vehikel nutzen, um ihre Ziele durchzusetzen. So auch beim neuerlichen Vorstoß für eine so genannte 'Identifizierungspflicht', die auf der Agenda der Innenministerkonferenz steht. Mit dieser sollen Menschen gezwungen werden, ihren Klarnamen und ihr Geburtsdatum bei sozialen Netzwerken zu hinterlegen und dies mit den Daten ihres Ausweises zu verifizieren."

Außerdem: Im SZ-Feuilleton begrüßt Andrian Kreye das von 14 Tech-Koryphäen verfasste Manifest "Zur Verteidigung der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im Zeitalter der künstlichen Intelligenz", das vor allem die Wirtschaftsmacht der Digitalkonzerne kritisiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2021 - Internet

Natalie Mayroth porträtiert für die taz den Karikaturisten Manjul, der wegen seiner Zeichnungen kaum noch für Zeitungen arbeiten kann und sich darum per Patreon über seine Leser finanziert. Wegen dieses Tweets

hat die Regierung Modi im Juni Strafanzeige gegen ihn gestellt: "In vier Bildern ist zu sehen, wie sich der Regierungschef vor der zweiten Coronawelle versteckt und erst nach deren Abklingen wieder auftaucht.Twitter Indien erklärte, dass es keine Maßnahmen gegen Manjuls Account ergriffen habe: Das Unternehmen sei überzeugt, 'die Stimme unserer Nutzer zu verteidigen und zu respektieren'."

Pressefreiheit, Internet und die so unbeliebten sozialen Medien - das hängt irgendwie zusammen. Gestern erhielt die nigerianische Journalistin Tobore Ovuorie einen Preis der Deutschen Welle für ihre Verdienste um die Pressefreiheit. Bei ihrer Rede kritisierte die Preisträgerin laut DW "auch die unlängst verhängte Twitter-Sperre in Nigeria. 'Ich nutze diese Gelegenheit, um die verschiedenen Regierungen der Welt aufzufordern, auf die nigerianische Regierung einzuwirken, das Twitter-Verbot zu beenden. Demokratie sollte vom Volk und für das Volk sein - und nichts weniger', sagte sie." Ovuorie erläutert im Gespräch auch die wirtschaftliche Bedeutung, die Twitter in Nigeria hat: "Es sind nicht nur Journalisten, die die Auswirkungen dieses Verbots spüren werden. Ich weiß von jungen Nigerianern, die lange keinen Job finden konnten. Also haben sie kleine Unternehmen gegründet. Ich war sogar schon Kunde bei einigen dieser jungen Menschen. Ich gehe auf Twitter und sehe dort ihre Produkte und Angebot. Wenn mir etwas gefällt, gehe ich einfach auf die Webseite, bestelle etwas und bekomme es geliefert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2021 - Internet

Gestern vor 32 Jahren richtete die chinesische Regierung das Massaker am Tien-am-Men-Platz an. Und gestern meldete Vice: Microsofts Suchmaschine Bing bringt bei der Bildersuche nach "Tank Man" die Antwort "kein Ergebnis", und zwar selbst in der amerikanischen Version der Suchmaschine. Inzwischen gibt es wieder eins:
Bildersuche nach "Tank man" in Microsofts Suchmaschine Bing.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2021 - Internet

Mag sein, dass hinter Blockchain und Kryptowährungen auch der Anarchismus der Cypherpunks steht, schreibt Andrian Kreye in der SZ nach dem großen Crash der vergangenen Woche (mehr hier), aber vor allem steht da der alte Hass auf den Staat von Amerikas libertärer Rechte: "Ein Web 3.0 soll entstehen, in dem Digitalgiganten wie Amazon, Google und Facebook zu Datenasche zerfallen. Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum sollen Geld ersetzen und so das Monopol der Banken brechen. Bunt schillernde Kunstwerke erheben sich als NFTs befreit von Materie und Material in die kybernetischen Sphären, um das Tor zum Kanon und zum Kunstmarkt für alle aufzustoßen. Investmentmilliarden schwirren durch diese Welt wie Meteoritenstaub. Und tief in der digitalen Ursuppe der Blockchains stecken die Cypherpunks, die sich von Anfang an als digitale Guerilla stilisierten. Die prophezeiten schon Anfang der Neunzigerjahre, dass nur die Kryptografie die Menschen von der Herrschaft der Staaten und Konzerne befreien kann."
Stichwörter: Bitcoin, Kryptowährungen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2021 - Internet

Für politische Werbung, etwa im Wahljahr 2021, gelten in den traditionellen Medien recht strikte Regeln. Sie betreffen aber noch nicht die großen Internetplattformen. David Werdermann sieht hier bei heise.de eine Lücke: "Angesichts der Wirkmacht von Google, Facebook & Co muss auch hier politische Werbung stärker reguliert werden. Ansonsten können finanzstarke Akteure durch massenhafte Anzeigen den politischen Diskurs im Netz an sich reißen. Eine Regulierung könnte sich an den Vorschriften orientieren, die für den Rundfunk gelten. Parteien dürften dann nicht mehr unbegrenzt Anzeigen schalten, sondern hätten ein festgelegtes Kontingent. So ließe sich auch vermeiden, dass die Digitalkonzerne Unmengen an Steuergeldern aus der Wahlkampfkostenerstattung erhalten oder sogar selbst in den Wahlkampf eingreifen, etwa indem sie bestimmte Parteien bevorzugen oder benachteiligen."
Stichwörter: Wahljahr 2021