9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2022 - Kulturpolitik

"Wir sind in Mali, Bamako, Baco Djocoroni", leitet Jonathan Fischer sein Welt-Interview mit Abdel Kader Haidara ein, dem Mann, der die Manuskripte von Timbuktu außer Landes schmuggelte, als die Islamisten dort einfielen. Einen großen Teil kann man jetzt im Original und englischsprachiger Kurzzusammenfassung jetzt im Internet einsehen (immerhin 40.000 Seiten). Das Geld für die Konservierung dieser Manuskripte ist richtig angelegt, betont er, auch wenn Mali eins der ärmsten Länder der Welt ist: "Wir können bis heute viel aus diesen alten Schriften lernen. Sie sind - weil sie bisher in Familienbesitz waren und weder Universitäten noch Bibliotheken zur Verfügung standen - eine noch nicht erschlossene Fundgrube für die Wissenschaft. Und dann korrigieren sie auch ein Weltbild: Lange glaubte man im Westen, dass das präkoloniale Afrika ein unzivilisierter Flecken auf der Landkarte war. Nun wird klar: Wir besitzen eine reiche Schriftkultur, Afrikaner haben schon seit einem Jahrtausend ihre Geschichte und Wissenschaft in Büchern festgehalten." Eines der eindruckvollsten Manuskripte, erzählt er, sei ein "medizinisches Buch aus dem 15. Jahrhundert: Es handelt von der Kunst des Operierens, speziell Operationen der Geschlechtsorgane. Das hatte ich nicht erwartet. Die Beschreibungen gehen bis hin zu Analysen der Gewebezellen und der Blutwerte..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2022 - Kulturpolitik

In der SZ beklagt Jörg Häntzschel, dass Kulturinstitutionen nicht zur "kritischen Infrastruktur" gezählt werden, wenn das Gas so knapp wird, dass es rationiert werden muss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2022 - Kulturpolitik

In der Welt kann sich Carl von Siemens nicht mit dem Berliner Stadtschloss anfreunden. Für ihn ist es eine Missgeburt: Ausdruck eines preußischen Antidemokratismus, der mit der Bezeichnung Humboldt-Forum und den ethnologischen Sammlungen übertüncht werden soll. Vielleicht hätte man sich an diesem Ort mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen sollen, statt fremde Kulturen herbeizukarren: "Die Geschichte, die der Neubau des Stadtschlosses symbolisiert, ist die Geschichte zweier verlorener Gebäude, des Hohenzollernschlosses und des Palasts der Republik. Es ist die Geschichte eines Orts, an dem deutsche Staatsgebilde einander mit der Abrissbirne begegnet sind. Es ist eine Geschichte von Preußensehnsucht, Preußenhass und Preußenangst. Es ist eine Geschichte von Narrativen, die nicht miteinander vereinbar sind - und gerade deswegen wäre es reizvoll gewesen, diese Narrative gegeneinander antreten zu lassen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, zu recherchieren, welche möglichen Gegenstände einer solchen Ausstellung heute noch vorhanden sind, welche verloren gegangen sind und welche in Lagern vor sich hin dämmern. Die preußischen Kronjuwelen etwa und der Balkon, von dem Karl Liebknecht die Republik ausgerufen hat. Der 'runde Tisch' und der Saal, in dem die einzige frei gewählte Volkskammer der DDR den Beitritt zum Grundgesetz beschloss. Lithographien von Burgen, Schlössern und Adelssitzen aus der Werkstatt von Alexander Duncker , gerettetes Interieur - natürlich beleuchtet von den berühmten Lampen des Palasts der Republik. DDR-Bürgerrechtler im Preußenschloss, das hätte mir gefallen!"
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2022 - Kulturpolitik

Wie können die Länder am südlichen Rand Europas mehr Anerkennung erwarten, wenn sie mit ihrem eigenen kulturellen Erbe so nachlässig umgehen? In einem kummervollen Text klagt der serbische Schriftsteller Bora Cosic in der NZZ, dass in Mostar gerade das Geburtshaus des Gelehrten Predrag Matvejevic abgerissen wurde: "Es scheint im Übrigen gar kein Krieg notwendig zu sein, um das Leben der Menschen zu ruinieren, es reicht, dass ein übler Bursche mit viel Geld mitten im Frieden ein Auge auf ein bestimmtes Stück Land wirft, aber dass dort etwas aus der Geschichte desselben Landes steht, interessiert ihn nicht! Ich höre jetzt, dass sich diese Stadt Mostar, die größte in der Herzegowina und vielleicht die schönste, um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt bewirbt. Diese Nachricht zeigt an sich schon, dass hier jemand ziemlich viel Courage hat. Wovon kann eine Stadt Hauptstadt sein, die zuerst in einem wahnsinnigen Krieg ihr emblematisches Wahrzeichen zerstört und dann, was noch verrückter ist, in der Stille des Friedens das Geburtshaus ihres Dichters beseitigt hat?"
Stichwörter: Mostar

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2022 - Kulturpolitik

Gedenkkopf einer Königinmutter (Nigeria) im Ausstellungsbereich "Benin-Bronzen in Berlin" des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum © Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Alexander Schippel

Es ist so weit: Das Humboldt Forum öffnet die letzten Pforten, ab heute ist neben dem Asiatischen Museum auch das Ethnologische Museum geöffnet. In der SZ traut Jörg Häntzschel direkt am Eingang seinen Augen kaum, wenn in einem Wandtext die Worte "Erwerbungen" und "Sammlungen" in Anführungszeichen gesetzt sind. Radikaler kann man seine gesamte Existenz nicht als "fragwürdig bis verlogen" bloßstellen, meint er. Immerhin, der Benin-Saal, der vierzig Bronzen zeigt, sei als einer der wenigen Säle nicht von "Ratlosigkeit und Verzagtheit" erfüllt. Der Rest: "Konzeptuell verloren". "Warum ist ein Saal achselzuckend mit 'Aspekte des Islam' überschrieben, statt dort zum Beispiel eine Geschichte der Islamophobie oder des radikalen Islamismus zu erzählen? 'Wir sehen die Sammlung nicht als Last, sondern als Chance', verkündete Parzinger bei der Pressekonferenz am Donnerstag - und gab damit ungewollt zu, wie schwer es ihm und seinen Mitarbeitern offenbar fällt, die tausenderlei alten Dinge mit dem 'neuen Diskurs' zu vereinbaren, den er 'wagen' will - in jener Zukunft, die das Humboldt-Forum nun schon seit seiner Erfindung vor zwanzig Jahren vor sich herschiebt."

Als das Humboldt-Forum vor zwanzig Jahren konzipiert wurde, sollten die Schätze des Ethnologischen und des Asiatischen Museums die Weltoffenheit der neuen Institution mitten in der restaurierten Mitte Berlins unterstreichen, erinnert Andreas Kilb in der FAZ. Und resümiert in drei Sätzen, was danach kam: "Inzwischen hat sich die Beweislast zuungunsten der Museen umgekehrt. Jetzt hängt ihre Zukunftsfähigkeit an ihrer Bereitschaft, ihre Stücke zurückzugeben oder von Kuratoren aus den Herkunftsländern neu deuten zu lassen. Das Humboldt-Forum ist, wie es Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bei der Vorstellung der neuen Museumssäle im Ostflügel ausdrückte, vom Ausstellungs- zum Aushandlungsraum geworden." Aber die Fokussierung auf Afrika drängt auch andere Höhepunkte der Schau in den Hintergrund, versichert Kilb und rät zum Besuch.

In der Welt streift Matthias Busse an leeren Vitrinen vorbei und notiert, was fehlt. Neben einigen eingeplanten Objekten vor allem im Benin-Saal auch Informationen: "Der Saal soll angeblich ein in Nigeria herrschendes Museumsverständnis vermitteln. Auf Zetteln werden lediglich technische Daten zum Objekt geliefert: zum verwendeten Material und dem Sammler. Dürftige, über die Objekte gepinnte Erklärungen bleiben weit dahinter zurück, was Stand der 120 Jahre andauernden Benin-Forschung ist. Es stellt sich daher die Frage, welche neuen Erkenntnisse die zehnjährige Zusammenarbeit des Museums innerhalb der Benin-Dialoggruppe mit nigerianischen Wissenschaftlern und Vertretern des Hofes brachten?" Versöhnlicher klingt Nicola Kuhn bei Tagesspiegel+: "Der Geschichte Benins wird sichtbar Respekt gezollt, und auch die kümmerlichen Reaktionen des Berliner Völkerkundemuseums auf die ersten Restitutionsersuchen in den 1930er Jahren werden ungeschönt dargestellt."

Maritta Adam-Tkalec hat für die Berliner Zeitung unter anderem mit Wynema Morris, die dem indianischen Volk der Ohama gesprochen, die viele Ohama-Werke erstmals in Berlin sah. "'Der Wunsch, das kulturelle Erbe wieder zu erobern, ist erwacht', berichtet Wynema Morris von den Omaha, 'aber es tut sich ein Schlachtfeld auf.' Die amerikanische Regierung habe zwar die Möglichkeit eröffnet, Objekte zurückzufordern - jedenfalls von den großen, föderalen Museen wie dem Smithsonian oder dem in Berkeley, die über entsprechende Sammlungen verfügen: 'Das Gesetz ist auf Seiten der Indianer, die spannen die Muskeln. Doch die Museen kooperieren nicht.' Noch komplizierter liegt die Frage der sogenannten Repatriierung im Falle privater Museen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2022 - Kulturpolitik

Dass die Infragestellung des Existenzrechts Israels auch von links antisemitisch ist, hat die Documenta jetzt amtlich (mehr in efeu). Aber die Documenta-Leitung ist nicht allein verantwortlich für den neuen Dammbruch. "Ist der Satz 'Man hat uns versprochen, dass es keinen Antisemitismus geben werde' das neue 'Wir haben es nicht gewusst'?", fragt Claudia Schwartz in der NZZ mit Blick auf Kulturministerin Claudia Roth und Bundeskanzler Olaf Scholz: "Im Kanzleramt nutzte in diesen Documenta-fifteen-Zeiten gleich auch noch Mahmud Abbas die ihm gebotene Bühne: Statt für das Olympia-Attentat in München vor 50 Jahren um Verzeihung zu bitten, bezichtigte der Palästinenser-Chef Israel der '50 Holocausts' an 50 palästinensischen Orten. Daneben stand wortlos der deutsche Bundeskanzler. Später sagte dieser dann doch noch etwas, nämlich: Er sei überrumpelt worden. Hat Herr Scholz so etwas von Sabine Schormann und Claudia Roth gelernt? Oder hat ihm Abbas vielleicht versprochen, es werde bei dem Treffen keine antisemitischen Bemerkungen geben?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2022 - Kulturpolitik

Der Orientalist Stefan Weidner hatte gestern in der FAZ die geplante Schließung des vom Auswärtigen Amt finanzierten, dem "Dialog der Kulturen" verpflichtete Magazin qantara.de kritisiert, wie auch Kürzungen beim Goethe-Institut, dessen Budget um 10 Prozent gestutzt werden soll (unser Resümee). Heute antwortet in der taz Andreas Fanizadeh auf Weidner: "Wie so manch anderes verschweigt der paternalistische Herr Weidner, dass dem gesamten Haushalt des Auswärtigen Amts 2023 eine Budgetkürzung um 10 Prozent droht. Also eine keineswegs nur dem Goethe-Institut und anderen vom Auswärtigen Amt geförderten Kulturprojekten."
Stichwörter: Goethe-Institut

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2022 - Kulturpolitik

Die Gelder für die Goethe-Institute sollen gut zehn Prozent gekürzt werden. Auch dem DAAD, der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und dem Institut für Auslandsbeziehungen drohen kräftige Streichungen. In der FAZ versucht Paul Ingendaay mit Matthias Lilienthal zu erklären, welche Bedeutung auswärtige Kultur- und Bildungspolitik hat: "Der Dramaturg Matthias Lilienthal, der seit dreißig Jahren mit dem Goethe-Institut kooperiert, sagte der FAZ, an manchen Orten bestehe die Leistung der Institute vor allem darin, die intellektuelle Zivilgesellschaft aufrechtzuerhalten. In Myanmar zum Beispiel. Oder in Jekaterinburg. Überall sieht die Aufgabe anders aus. Eben deshalb muss man persönlich an Ort und Stelle sein. 'Das Goethe-Institut', sagt Lilienthal, 'ist das Zentrum des freien Denkens, in vielen Fällen der 'safe space' einer ganzen Stadt. Das sind genau die Freiheitsräume, die wir in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen brauchen.'" Und dann hat Ingendaay noch einen Gegenvorschlag: "Wie wäre es, wenn der Bundestag, der über die Kürzungen demnächst zu beschließen hat, mit dem Schlankwerden bei sich selbst anfinge?"

In Spanien haben die Rückgabe zweier Gemälde an die Familie eines Opfers der Franco-Diktatur und ein Buch des Madrider Universitätsprofessor Arturo Colorado, "Arte, botín de guerra" ("Kunst, Kriegsbeute"), eine Restitutionsdebatte ausgelöst, berichtet in der NZZ Ute Müller. "Colorado hat in seinem Werk den Werdegang von rund 15 000 Kunstwerken untersucht, die nicht nur aus Museen, sondern auch aus privaten Gemäldesammlungen stammten. Er kam zu dem Schluss, dass seit dem Bürgerkrieg fast 5500 Gemälde nicht an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden waren. Viele hängen bis heute in Kirchen, Ministerien oder anderen staatlichen Einrichtungen... Raubkunst ist auch in 37 Museen ausgestellt. Laut Colorado hat sogar das Prado-Museum rund zwei Dutzend Kunstwerke, die während der Franco-Zeit geraubt wurden. Im Museum wollte man sich dazu nicht äußern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2022 - Kulturpolitik

Die Zeit erscheint heute mit einer Museumsbeilage (mehr in Efeu). Den Auftakt macht Ijoma Mangold, der in einem Text, den die Zeit mit zehn Minuten Lesezeit angibt, noch einmal die ganze Debatte um die Benin-Bronzen (Unsere Resümees), die ab dem 17. September im Humboldt-Forum zu sehen sein werden, nachzeichnet. Der Krieg in der Ukraine war offenbar ein "unfreiwilliger Beschleuniger" für die Rückgabe, meint er: "Plötzlich wird Nigeria furchtbar interessant wegen seiner Öl- und Gasvorkommen." Mangold resümiert: "Das postkoloniale Denken ist offenbar immer dort fruchtbar und befreiend, wo es Komplexität erhöht. In der Praxis erweist es sich leider viel zu oft als auftrumpfender, erkenntnisblinder Moralismus, für den nur und ausschließlich Weiße als Täter gelten. Dafür musste vieles ausgeblendet werden, was für die historische Rekonstruktion unerlässlich ist: vor allem die vielfachen Kooperations- und Komplizenverhältnisse oder der schon bestehende Sklavenhandel Westafrikas, auf den der transatlantische dann so bequem aufsetzen konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2022 - Kulturpolitik

"Kolonialismus und Holocaust sind unvergleichlich. Das macht es aber nicht unmöglich, sie in Bezug zu setzen, um sie in ihrer Unvergleichlichkeit besser zu verstehen", sagt Generalintendant Hartmut Dorgerloh im Gespräch mit Nicola Kuhn (Tagesspiegel+), in dem er auch kritisiert, dass der Förderverein des Stadtschlosses bis heute über die Herkunft der Spenden schweigt. Und er erklärt noch einmal, weshalb er die Initiative GG5.3 Weltoffenheit unterzeichnet hat: "Wir müssen diese Räume verteidigen, in den Medien, Kultureinrichtungen und der Wissenschaft. Ansonsten öffnen wir populistischen, autoritären Strukturen Tor und Tür. Deshalb finde ich den kuratorischen Ansatz der Documenta auch prinzipiell richtig, nicht länger nur den Meistererzählungen zu folgen. Kollektive sind eine Alternative. Ähnlich verstehen wir uns als Humboldt Forum, wenn wir Gäste einladen."