9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2019 - Kulturpolitik

Dass gerade so viele internationale Museumsdirektoren Italien verlassen, liegt vielleicht nicht nur am wachsenden Nationalismus, meint Dirk Schümer in der Welt. Entsprechende Mutmaßungen (mehr hier oder hier), findet er sogar etwas ungehörig: "Wenn Kulturminister Alberto Bonisoli von der Fünf-Sterne-Bewegung sagt, dass er in Zukunft lieber gut qualifizierte Italiener auf solchen Posten sehen möchte, könnte das demnach weniger mit Faschismus, sondern eher damit zu tun haben, dass manche Ausländer die prominenten Jobs in Italien für einen schnellen Sprung auf der Karriereleiter nutzen - wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, wenn sie wie Schmidt oder Aufreiter nobel dankend weiterziehen und nicht wie Assmann das Gastland als üblen Brutkasten des Faschismus denunzieren. In der linken Repubblica jedenfalls wurden die wegziehenden Museumsleute bereits mit Fußballtrainern verglichen, die eilig dem jeweils besten Angebot ins Ausland folgen."
Stichwörter: Italien, Museumsdirektoren

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2019 - Kulturpolitik

Vergangene Woche erklärte Thomas Steinfeld in der SZ die große Kündigungswelle in italienischen Museen, die die erst seit 2015 erstmals tätigen zahlreichen internationalen MuseumsdirektorInnen ereilte, mit dem wachsenden Nationalismus der Italiener. (Unser Resümee) Im Gespräch sagt die deutsche Historikerin Cecilie Hollberg, die als Chefin der Galleria dell'Accademia ebenfalls überraschend abberufen wurde: "Man hat den Eindruck, dass der gesamte italienische Museumsbetrieb nun mit Gewalt zentralisiert und vielleicht auch politisiert werden soll. Museen aber brauchen Beständigkeit und Freiheit, auch im Denken und Forschen." Ob die Kündigungen tatsächlich mit dem Nationalismus zu tun haben, vermag sie nicht zu sagen, aber: "Es werden allerdings in aller Eile Maßnahmen durchgeführt, die vermutlich damit zusammenhängen, dass diese Regierung befürchten muss, nicht mehr lange im Amt zu sein. Da will man vielleicht noch einmal alle Errungenschaften der Vorgänger zunichtemachen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2019 - Kulturpolitik

Nach nur vier Jahren nehmen viele der internationalen Museumsdirektoren, die 2015 vom italienischen Kulturministerium erstmals als Leitung der größten italienischen Museen eingesetzt wurden, teils freiwillig den Hut, meldet Thomas Steinfeld in der SZ und glaubt, dass dies mit dem wachsenden Nationalismus zu tun haben könnte. Im Gegensatz zum Amt eines Museumsdirektors in Deutschland handele es sich bei dem Amt in Italien um eine hochpolitische Angelegenheit, erläutert er: Der Kulturminister verfügt "über einen Generalsekretär und ein Amt mit fast zwanzigtausend Angestellten, in dem im Bereich der 'beni culturali', der Kunst- und Kulturschätze, nahezu alle Aktivitäten von überregionalem Interesse zusammengefasst und kontrolliert werden. Auch deswegen bedeutete die Berufung von Ausländern einen radikalen Wandel: So, wie man es sich in Deutschland nicht vorstellen könnte, einen Ausländer zum Direktor einer großen Polizeibehörde zu ernennen, so erschien es in Italien als unmöglich, einen Ausländer zum Leiter eines großen Museums zu machen."
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Stichwörter: Italien, Museumsdirektoren

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2019 - Kulturpolitik

Vergangene Woche erst bat die NZZ Hermann Parzinger zum Restitutions-Gespräch (unser Resümee), jetzt wiederholt Parzinger im Zeit-Interview mit Werner Bloch nochmal seinen Standpunkt - Zusammenarbeit, ja, aber "man kann nicht einfach Dinge einpacken und zur Post bringen" und verteidigt die "Sammelwut der Europäer": "Ich habe einmal die Südseeinsel Vanuatu besucht und wurde von dem dortigen Museumsdirektor ins Depot geführt. Er sagte: 'Keines dieser Objekte ist älter als 30 oder 40 Jahre. Wie gut, dass ihr in Europa das gesammelt habt und die Dinge viel weiter zurückverfolgen könnt. Wir haben das alles nicht gesammelt.' Das waren Ritualobjekte, Gebrauchsgegenstände, wenn die schadhaft waren, hat man sie durch ein Ritual entweiht und neue produziert. Dank der Sammelwut der Europäer können wir in Europa die Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Was die Kollegen in der Südseeregion fordern, ist freier Zugang, auch digitaler Zugang, zu den Objekten. Dass sie nach Deutschland kommen können, um mit diesen Dingen zu arbeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2019 - Kulturpolitik

Amerikanische Museen mit ihrem Chor aus Förderern sind unabhängiger als europäische Museen, die immer auch vom Bürgermeister und Kulturdezernenten einer Stadt gegängelt werden können, meint Max Hollein, seit einem Jahr Direktor des Metropolitan Museum in New York, im Interview mit der SZ. Über Sponsoren wie die Sacklers müsse man natürlich reden - im Museum. An der Idee vom enzyklopädischen Museum will Hollein aber festhalten: Das heißt auch, Rückgabe von Kulturgütern nur, wenn sie illegal erworben wurden. "Prinzipiell halte ich es auch für einen wesentlichen Teil unserer kulturellen Geschichte, dass Kulturgüter nicht nur geteilt werden, sondern dass sie auch an ganz anderen Orten ihre Wirkung entfalten. Afrikanische Kunst zum Beispiel trifft in Amerika auf eine große afroamerikanische Bevölkerung und wird so auch ein Teil des kulturellen Erbes. Die Frage des Eigentums stellt sich dann noch einmal ganz anders."

Manuel Wischnewski (Welt) lernt aus einem Buch der Juristin Sophie Schönberger, "Was heilt Kunst? Die späte Rückgabe von NS-Raubkunst als Mittel der Vergangenheitspolitik", dass es nicht ausreicht, Raubkunst einfach zurückzugeben. Das sehe man deutlich bei der Rückgabe von den Nazis geraubter Kunst, die auf der Grundlage der Washingtoner Erklärung erfolge: "Die Versuche Deutschlands, die Rückgabe von NS-Raubkunst nicht mit hartem Recht, sondern mit den weichen Schlichtungsmechanismen der 'Washingtoner Prinzipien' und der lediglich 'Beratenden Kommission' umzusetzen, sieht Schönberger nicht zuletzt deswegen kritisch, weil sie keine überzeugende Erzählung haben stiften können, der sich die Erben im Zweifelsfall anschließen wollen. Die reine Berufung auf eine moralische Verpflichtung Deutschlands, deren Fundamente für selbsterklärend gehalten und scheinbar deswegen nicht mehr explizit formuliert werden, hat ein fatales gedankliches Vakuum entstehen lassen: 'Dieses Schweigen dröhnt im gegenwärtigen Restitutionsdiskurs besonders laut.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2019 - Kulturpolitik

In der NZZ hofft Constanze Letsch auf eine neue, fortschrittliche Kulturpolitik des Wahlsiegers um das Bürgermeisteramt von Istanbul, Ekrem Imamoglus. Einfach wird das nicht: "Der Autor Uyurkulak hat Vertrauen in die Wahlversprechen des ambitionierten Politikers, aber er will die Realität dabei nicht aus dem Blick verlieren. 'Ich bin optimistisch und denke, dass etwas Positives passiert.'" Aber er "'bezweifle auch, dass er das Geld finden wird, um jedem Viertel der Stadt ein Theater zu garantieren.' In der Tat hinterlässt die scheidende AKP-Stadtverwaltung dem neuen Bürgermeister einen Schuldenberg von rund 22 Milliarden türkischen Lira und eine Stadt, die mit weitaus dringenderen Problemen zu kämpfen hat als einem fehlenden Festivalprogramm."
Stichwörter: Türkei, Istanbul

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2019 - Kulturpolitik

Deutsche Museen haben schon Kulturgüter restituiert, französische nicht, erinnert Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, im Interview mit der NZZ seine Kritiker, denen alles nicht schnell genug geht. Überhaupt findet er manche Pauschalforderung völlig übertrieben. Er würde lieber auf eine Zusammenarbeit mit den jeweiligen Herkunftsländern setzen: "Ein Beispiel: Vertreter der Chugach aus Alaska haben in unserer Sammlung an Objekten ihrer Vorfahren gearbeitet. Sie haben rund 200 Objekte digitalisiert. Und am Ende haben sie uns darauf hingewiesen, dass darunter neun Objekte sind, die - laut Auskunft der Erwerbungsunterlagen - aus Gräbern entnommen worden sind. Und zwar nicht im Rahmen von archäologischen Ausgrabungen, sondern aus Gräbern einer damals bestehenden Dorfgemeinschaft. Deshalb baten sie um Rückgabe genau dieser Objekte. Dem haben wir sofort zugestimmt. So stelle ich mir eine Zusammenarbeit vor: Zugang ermöglichen, gemeinsam forschen und gemeinsam entscheiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2019 - Kulturpolitik

Der Historiker Christoph Stölzl soll im Streit um das Jüdische Museum Berlin als "Vertrauensperson" vermitteln. Im Tagesspiegel-Interview mit Udo Badelt erklärt er äußerst diplomatisch, wie er auf Kritiker zugehen wird und antwortet Michael Wolffsohn, der ebenfalls im Tagesspiegel die Idee eines eigenen Jüdischen Museums problematisch nannte, weil es Juden einmal mehr "ghettoisiere": "Ich schätze Michael Wolffsohn für seine pointierten und leidenschaftlichen Stellungnahmen, aber das halte ich doch für falsch. Dafür ein paar Beispiele: Verstehen wir Heinrich Heine mehr als literarisches Genie oder als bewegendes Schicksal in der Emanzipationsgeneration? Kann man James Simon eher als preußischen Pionier der Ägyptologie sehen oder als jüdischen Philantropen? Walther Rathenau mehr als deutschen Politiker oder als jüdischen Märtyrer in der Epoche des Antisemitismus? Else Lasker-Schüler mehr als Figur der Avantgarde oder als jüdische Poetin? Bei all diesen Biografien mischt sich das eine mit dem anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2019 - Kulturpolitik

Der polnische Kulturminister Piotr Glinski hat eine nach 1989 nicht gekannte Machtfülle, berichtet Tomasz Kurianowicz in der FAZ, und er nutzt sie, um die Agenda der Kaczynski-Regierung durchzusetzen, etwa, indem er sich weigert, den Vertrag des Gründungsdirektors Dariusz Stola im Warschauer Museum 'Polin' zu verlängern: "In rechtsnationalen Kreisen ist das Polin-Museum als Brutstätte antipolnischen Gedankenguts verschrien. Vor allem eine Ausstellung über die Situation der polnischen Juden um 1968 sorgte für Proteste. Die Schau zeigte die Gründe für eine antisemitische Welle in Polen im Frühjahr 1968, die zum Exodus vieler jüdischer Intellektueller führte. Rechte Ideologen wie der Politiker Grzegorz Braun argumentieren, dass nicht die Polen als Volk, sondern kommunistische Funktionäre die antisemitische Kampagne zu verantworten gehabt hätten. Folglich würde die Ausstellung als Propagandainstrument antipolnischer Klischees dienen."

Man mag über die Forderungen der Hohenzollern den Kopf schütteln, eine Sache für das Gericht ist sie trotzdem nicht, meint Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Was Geschichte ist und wie sie bewertet wird, sollte vor allem aus den Deutungsangeboten einer Geschichtsschreibung erfolgen, die sich in der öffentlichen Debatte bewähren müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2019 - Kulturpolitik

Deutschland verhält sich seit der von ihm und Benedicte Savoy angestoßenen Restitutions-Debatte vorbildlicher als Frankreich, dort sei bisher fast nichts geschehen, sagt Felwine Sarr im Zeit-Interview mit Werner Bloch. Er äußert scharfe Kritik an Macron: "In seiner berühmten Rede in Ouagadougou hat er mein Buch Afrotopia zitiert. Dort steht, dass man Afrika keinen Weg zu weisen braucht, sondern dass es seinen Weg selbst finden muss. Macron hingegen fragte in seiner Rede: Können wir, Franzosen und Afrikaner, diesen Weg Hand in Hand gehen? Als ich das hörte, ging ich sofort auf Distanz. Ich war von Macron überhaupt nicht überzeugt, ich hatte übrigens gerade mit meinem Freund Achille Mbembe einen sehr kritischen Artikel über den Einfluss Frankreichs in Afrika geschrieben. Als Macrons Mitarbeiter mich anriefen, wollte ich gar nicht antworten. Meine erste Reaktion war sehr vorsichtig. Ich fragte mich: Meinte Macron das ernst, oder war das nur eine politische Rede?"

In der Berliner Zeitung erläutert Jens Blankennagel nochmal, weshalb die Hohenzollern keinen Anspruch auf Entschädigung haben (Unser Resümee): "Die Ablehnung des Landes beruht darauf, dass Enteignungen durch die Sowjets im Rahmen der 'Bodenreform' erfolgte. Diese Enteignungen wurden offiziell anerkannt, als die DDR der Bundesrepublik beitrat. Dafür können zwar Entschädigungen gezahlt werden - müssen allerdings nicht, wenn die Betroffenen einst als Kriegsverbrecher enteignet wurden. Und genau das war bei den Hohenzollern der Fall. Als Kriterium galt, dass Mitglieder der Familie den Nazis willentlich zur Macht verholfen haben oder das NS-Regime aktiv unterstützt haben."

Amerikanische Autoren müssen zunehmend "Moralklauseln" unterschreiben, so behalten sich Verlage das Recht vor, Verträge mit den Autoren bei Fehlverhalten zu kündigen, schreibt Kerstin Kohlenberg im Aufmacher des Zeit-Feuilletons: "Die Moralklauseln werden oft als Verhaltensregeln kritisiert, mit denen Verlage ihre Autoren kontrollieren und zensieren wollen. Eine Art Sittenkontrolle. Doch das führt in die Irre. Deutlich wird das an der Tatsache, dass jedes große Verlagshaus einen Ableger besitzt, mit dem es den lukrativen Markt der jungen Rechten bedient. (...) Auf Literaturfestivals sieht man diese Bücher nicht, dafür findet man sie in den Regalen von Walmart und Target im konservativen Amerika. Das Skandalöse an den Klauseln ist nicht moralischer, sondern ökonomischer Natur. Denn die Klauseln sind eine ziemlich krasse Art der Risikoabsicherung. Mit ihr schützen sich die Verlage gegen den scharfen Wind der öffentlichen Meinung, der durch einen von den sozialen Medien befeuerten moralischen Populismus gekennzeichnet ist. Das Risiko trägt der Autor ganz allein."