9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2026 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut feiert seinen 75. Geburtstag, ringt derzeit aber um seine Rolle in der Welt, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. So sei das Institut mit Mittelkürzungen und der wachsenden internationalen Unbeliebtheit der deutschen Regierung aufgrund ihrer Position gegenüber Israel konfrontiert. Deshalb scheint Goethe-Chef Johannes Ebert darum bemüht, sich von seinem Geldgeber namens Auswärtiges Amt abgrenzen zu wollen - und das im Mailverkehr mit Christina Beinhoff, zuständig für Auswärtige Kulturarbeit im AA. "Die Mails verraten aber auch, wie sehr das Goethe-Institut bemüht ist, seine Verbindung zum AA herunterzuspielen: 'Unser gemeinsames Ziel ist es, Nennungen des Auswärtigen Amts in der offiziellen Berichterstattung zu vermeiden', schreibt Ebert an Beinhoff. Die Absicht ist klar: Je stärker Goethe als Regierungsveranstaltung wahrgenommen wird, desto mehr verliert es in weiten Teilen der Welt an Glaubwürdigkeit. Man kann deshalb kaum umhin, einen gewissen Trotz mitzuhören in dem Motto der 75-Jahr-Feier, 'Wir in der Welt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2026 - Kulturpolitik

In der taz schaffen es Ann Toma-Toader und Uta Schleiermacher, Kritik an der vermutlichen Berufung von Mehmet Can zum Antisemitismusbeauftragten auf Formalien zu reduzieren, ohne den Hauptkritikpunkt zu erwähnen: "Der Tagesspiegel hatte in seinem Text (unser Resümee) Interna aus dem Bewerbungsverfahren zitiert und dabei suggeriert, dass die Verwaltung sich für Can entschieden hätte, obwohl es fähigere Bewerber gegeben habe. Doch die vermeintlichen Belege sind dünn. So heißt es dort etwa, die 'politische Hausspitze habe sich direkt ins Verfahren eingemischt', weil der Staatssekretär die Gespräche in der zweiten Auswahlrunde geleitet habe. Die journalistisch korrekte Einordnung wäre allerdings gewesen, deutlich zu machen, dass dies Teil des normalen Verfahrens ist." Was die beiden nicht erwähnen: Laut Tagesspiegel wurde Can zum Favoriten, weil dem ursprünglich im Auswahlverfahren auf dem ersten Platz gelegenen Bewerber vorgeworfen wurde, "sich zu stark auf die Opfer von Antisemitismus zu konzentrieren. Die Auswahlkommission vermerkte, dass er die 'Interessen der von Antisemitismus betroffenen Personen nach vorne gestellt' habe."

Verena Mayer ist sich in der SZ nicht so ganz sicher, ob die Stadt Wien wirklich den besten Umgang mit einer umstrittenen Karl Lueger-Statue gefunden hat: Der Künstler Klemens Wihlidal hat die Statue um 3,5 Grad nach Rechts gekippt, um quasi einen "Denkmalsturz in Zeitlupe" zu symbolisieren. Etwas subtil ist das schon: "Luegers Kopf scheint durch die Neigung nun in den Blättern des Baumes zu schweben, was der Figur etwas Entrücktes gibt. Und ganz generell erfährt das Denkmal durch die Bearbeitung und nicht zuletzt durch die sorgfältige Säuberung von den Graffiti-Spuren eher Auf- als Abwertung. Das sieht auch eine Gruppe von Protestierenden so, die laut pfeifen und Schilder mit den Worten 'Feige Lösung' hochhalten." Die "zuständige Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begründet ihre Entscheidung für die 'Schieflage' damit, dass es niemandem helfe, wenn man historische Tatsachen einfach ausblende: 'Über Leerstellen kann man nicht sprechen.' Die Statue in der jetzigen Form sei ein Mahnmal." Der Streit wird wohl weitergehen, meint Mayer.
Stichwörter: Lueger, Karl

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2026 - Kulturpolitik

In Berlin wurde die Stelle eines Antisemitismusbeauftragten für die dortigen Hochschulen ausgeschrieben, nachdem es dort eine ganze Reihe antisemitischer Ausschreitungen gegeben hatte. Gewonnen hat die Ausschreibung der Oberstudienrat Mehmet Can, dessen Antisemitismusprojekt auf dem Rütli-Campus als Vorbildprojekt gilt, berichtet im Tagesspiegel Alexander Fröhlich. An der Person Can entzündet sich kein Streit, jedoch an der Art des Auswahlverfahrens, so Fröhlich: "Der am Ende Zweitplatzierte, ein promovierter Wissenschaftler mit langjähriger Erfahrung in der Antisemitismusprävention, hatte in den Fachkompetenzen die höchste Bewertung aller Kandidaten erhalten" und lag damit auf Platz 1. In der zweiten Runde dann "wurde eine Fachkenntnis gar nicht mehr geprüft - nämlich Antisemitismus", außerdem wurde dem später Zweitplatzierten "im Verfahren vorgehalten, sich zu stark auf die Opfer von Antisemitismus zu konzentrieren. Die Auswahlkommission vermerkte, dass er die 'Interessen der von Antisemitismus betroffenen Personen nach vorne gestellt' habe." Can hingegen "wurde im Auswahlverfahren zugutegehalten, auch palästinensische Studierende 'mit ihren jeweiligen Hintergründen und Bedarfen ausgewogen' zu berücksichtigen".

Jahrelang haben Leiter von Kulturinstitutionen Druck auf die Politik gemacht, damit sie Israelboykottpositionen präsentieren können, ohne selber angekratzt zu werden - das ganze wurde in einem "Weltoffen"-Papier präsentiert (unsere Resümees). Umgekehrt scheint es aber kein Problem für ein Kölner Theater wie das Comedia zu sein, eine Autorin auszuschließen, die mit Israel solidarisch ist und die Gefahren des islamischen Antisemitismus benennt. Die Autorin Mirna Funk sollte im Rahmen des Festivals "phil.Cologne" in diesem Haus sprechen. Er habe lediglich von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht, betont der Theaterchef Manuel Moser gegenüber Johannes Mönch vom Kölner Stadtanzeiger. "Mehrere ihrer Äußerungen seien pauschalisierend und aus Sicht der Hausleitung bestimmten Menschengruppen gegenüber diskriminierend. Als Beispiel nannte Moser unter anderem eine Welt-Kolumne Funks vom 4. Dezember 2024, in der sie schrieb, dass 'die größte Gefahr für die jüdische Community aktuell von den in Deutschland lebenden Arabern, Türken' und deren Sympathisanten ausgehe." Hier das Perlentaucher-Resümee zu Funks Kolumne.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2026 - Kulturpolitik

"Wir werden international sehr stark wahrgenommen", beteuert Hartmut Dorgerloh, Chef des Humboldtforums im Gespräch mit Nicola Kuhn und Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel. Das Forum feiert in diesen Tagen seinen fünften Geburtstag. "Weltweit ist das Humboldt Forum inzwischen eine Marke, nicht nur in den einschlägigen Fachkreisen der großen Museen. Es wird als wichtigster innovativer Kulturort in Deutschland gesehen."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2026 - Kulturpolitik

Die Stadt Düsseldorf stoppt ihre ambitionierten Pläne zum Neubau eines Opern-Gebäudes (unser Resümee) durch das norwegische Architekturbüro Snøhetta, weil sich die Stadt einen Neubau bei einem mit 1,8 Milliarden Euro belasteten kommunalen Haushalt nicht leisten kann, konstatiert Christian Wildhagen in der NZZ. "In diesen Fällen rächt sich, dass Infrastruktur und Bühnentechnik der meisten städtischen Theater in Deutschland seit Jahrzehnten vernachlässigt oder auf Verschleiß gefahren werden. Hinzu kommen stetig weiter verschärfte gesetzliche Bestimmungen beim Brand- und beim Arbeitsschutz." In Düsseldorf soll in den alten Gebäuden weitergespielt werden. "Eine Lösung, alles andere als visionär, die längerfristig zu noch höheren Kosten führen könnte. Als Ersatz für den kulturellen Leuchtturm von Snøhetta soll in Düsseldorf das marode Opernhaus an der Heinrich-Heine-Allee 'ertüchtigt' werden - der Stadtrat will dafür zunächst 25 Millionen Euro bewilligen. Heine, der große Sohn der Stadt, hätte wohl einen spöttischen Reim darauf gemacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2026 - Kulturpolitik

Dass die Stadt Düsseldorf nach großsprecherischen Ankündigungen den Neubau der Oper stoppt, obwohl man bereits das Areal eines ehemaligen Kaufhauses am Wehrhahn gekauft hatte, ist für Hubert Spiegel in der FAZ ein Zeichen: Große Kulturpolitische Projekte lassen sich heute finanziell kaum mehr stemmen. "Auch andere Großprojekte stagnieren oder werden infrage gestellt. Was geschieht mit Frankfurts Opern- und Schauspielplänen, mit Bonns Opernvorhaben in Beuel, mit dem Migrationsmuseum Selma in Köln? In Düsseldorf kommt man mit dem großspurig angekündigten Deutschen Fotoinstitut nicht vom Fleck, der Abriss der Kunsthalle droht am Horizont, und jetzt ist auch noch der Opernneubau futsch."

In Halle soll bis 2032 und für 280 Millionen Euro das "Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation" entstehen (unser Resümee), das sich den "Umbruchserfahrungen der Ostdeutschen" widmen will, wie wir im SZ-Interview mit der Programmdirektorin Uta Bretschneider lesen. Sie erklärt, warum ein solches Zentrum als Ausstellungs- und Forschungsort gebraucht wird: "Transformationszeit ist keine Epoche wie Barock oder Mittelalter, die bereits abgeschlossen ist. Es gibt weiter kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West und strukturelle Ungleichheiten. Bevor man Umbrüche analysieren kann, muss man sie erst mal bewältigen. Es dauert oft eine Generation, bis sich neue Fragen an Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stellen. Auch viele Archivfristen lassen jetzt erst eine Öffnung zu. Viele Menschen hätten sich das schon eher gewünscht, aber notwendig ist dieser Ort gerade jetzt."

Außerdem meldet Patrick Bahners in der FAZ, dass Kulturminister Wolfram Weimer eine Äußerung über drei Buchhandlungen, denen er eine Subvention verweigerte, weil sie "extremistisch" seien, nach einem Gerichtsentscheid nicht wiederholen wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2026 - Kulturpolitik

Auch als Kulturnation sind die USA unwichtiger geworden, notiert die in London lebende Autorin Katharina Volckmer in der FAS: "Den Begriff 'Soft Power' hat der amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph Nye geprägt, vor allem bekannt als prominenter Neoliberaler. 'Soft Power', so führte Nye aus, müsse man es nennen, 'wenn ein Land andere Länder dazu bringt, auch das zu wollen, was es selbst will - im Kontrast zur harten oder herrschaftlichen Power, anderen zu befehlen, was sie tun sollen'. Schaut man heute auf die Vereinigten Staaten, wirkt es, als wären sie von diesem Ziel weiter entfernt als je zuvor und als ob selbst Trump international selbst mit Befehlstönen auf taube Ohren stößt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2026 - Kulturpolitik

"Der Alex gilt als kriminalitätsbelasteter Ort, seit 2017 gehören Kameras, Polizeipräsenz und Kontrollen zur Kulisse", konstatiert Susanne Messmer in der taz. Vielleicht könnte ein Umzug der Zentralen Landesbibliothek Berlin in die bald leerstehenden Gebäude der Galeria Kaufhof den Standort ja aufwerten? Noch vor wenigen Monaten wurde darüber diskutiert, jetzt erlahmen die Gespräche wieder. Dabei hätte das große Vorteile, so Messmer, nicht nur für die Bibliothek selbst: "Genau darin läge die eigentliche Kraft des ZLB-Projekts. Die Bibliothek wäre am Alexanderplatz nicht bloß neuer Nutzer, nicht bloß Frequenzbringer, nicht bloß Rettungsanker für ein Warenhaus. Sie könnte dem Platz etwas geben, was er seit Langem vermissen lässt: ein Innenleben, eine Adresse, einen Anlass zu bleiben. Sie könnte Stadtreparatur betreiben. Wie stark so etwas wirken kann, zeigt Birmingham. Dort wurde die neue Zentralbibliothek zum Anker einer größeren Reparatur eines beschädigten Stadtraums: Verkehrsschneisen, Betonarchitektur und dunkle Unterführungen wichen besseren Wegebeziehungen, einem neuen Platz, Bäumen, Sitzkanten und einem flachen Wasserfeld. Die Bibliothek stand nicht einfach an diesem Platz. Sie half, ihn wieder zu einem Ort zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2026 - Kulturpolitik

In Deutschland werden rund 1,4 Millionen Wohnungen gesucht, zwei Millionen stehen frei - manche von ihnen werden als sogenannte Schrottimmobilien bezeichnet. Diese könnten durch Pflege noch gerettet werden, schreibt Dankwart Guratzsch in der Welt. Doch im "Baugesetz-Update" der Bauministerin wird die Pflege mit keinem Wort erwähnt. "Fortschritt kann nur eingepreist werden, wenn die Kosten der Bestandspflege eingerechnet sind. Aber von Pflegeprogrammen, Pflegehilfen, Pflegemoral steht in dem famosen Baugesetz-Upgrade der sozialdemokratischen Bauministerin Verena Hubertz nichts. Und was ist mit Ästhetik, historischer Verantwortung, Architektur? Die Architekturplattform Marlowes widmet dem Thema 'Pflege' ihre ganze jüngste, noch ohne Kenntnis des großen Upgrades veröffentlichte Ausgabe. Und sie kommt zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: 'Dass uns beim Blick auf gegenwärtiges Bauen in Deutschland kaum der Begriff Baukunst einfällt: geschenkt, darüber berichten und beraten wir Woche für Woche.'"

In der Welt kritisiert der Althistoriker Michael Sommer, die Abhängigkeit der deutschen Universitäten von Drittmitteln, also von externen Geldgebern, wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder Stiftungen: "Wer an einer deutschen Universität etwas gelten will, wirbt Projekte ein. Nicht Bücher, Entdeckungen oder Ideen begründen in der schönen neuen Wissenschaftswelt den Ruf eines Forschers, sondern die Millionen, die er seinem Institut zuführt." Die projektbezogene Forschung widerspricht der Idee der modernen Universität, so Sommer, basierend auf der "der unablässigen, ergebnisoffenen Suche nach Erkenntnis, die ihren Wert schon in sich trägt." Diese der Wissenschaft eingeschriebene Planlosigkeit sperrt sich gegen die Projektlogik, die deutsche Hochschulen heute beherrscht. Projekt: Das Wort klingt harmlos, aber das Prinzip ist es nicht. Denn es wurde der Wissenschaft von außen
übergestülpt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2026 - Kulturpolitik

Ohne Sanierung sei die die Urania in ihrer Existenz gefährdet, warnt deren Geschäftsführerin Johanna Sprondel gegenüber Petra Ahne von der FAZ. Dabei steht die Kofinanzierung von Bund und Berlin für die Sanierung und Neugestaltung durch das Architekturbüro rw+ und Daniel Libeskind eigentlich - allein Berlin liefert nicht, so Ahne: "Denn der eine Partner der geplanten Kofinanzierung liefert nicht. 32,75 Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss des Bundes längst freigegeben. Das Geld kann nur abgerufen werden, wenn Berlin bereit ist, die gleiche Summe zu zahlen. Es steht zudem weiterhin nur zur Verfügung, wenn bis Jahresende die sogenannte Planungsleistung mit einer Grobkostenschätzung eingereicht ist. Davor steht eine gründliche Begutachtung der Bausubstanz. Diese Vorleistungen von etwa zwei Millionen Euro, sagt Johanna Sprondel, könne die Urania nur erbringen, wenn sicher ist, dass sie zurückerstattet werden - Berlin also zahlt."
Stichwörter: Urania