9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2021 - Kulturpolitik

Der Kolonialismushistoriker Jürgen Zimmerer greift in der taz Götz Alys Recherchen zum im Humboldt-Forum ausgestellten Südseeboot von der Insel Luf auf, das für ihn Symbol eines fortwährenden Skandals der Aufarbeitung ist. Immerhin scheint sich aber eine Einigung in den Verhandlungen über den Völkermord an den Herero und Nama abzuzeichnen, die ihm Hoffnung macht: Für eine echte Dekolonialisierung reiche es aber es nicht, "Objekte zurückzugeben und Kunst zu verteilen - es gilt, Wohlstand und Lebenschancen zu teilen. Vielleicht wäre jetzt der Moment, beide Themen sichtbar zu verbinden. Warum nicht den Schlüterhof mit Sand aus der Omahekewüste auffüllen, wo deutsche Kolonialtruppen 1904 die Herero zugrunde gehen lassen wollten, oder die Barockfassade mit Stacheldraht brechen, der an die damaligen Konzentrationslager erinnert?" Peter Rawert berichtet unterdessen in der FAZ über Diskussionen über die Umbenennungen von Straßen in Berlin, deren Namengeber historisch kontaminiert sind.
Stichwörter: Zimmerer, Jürgen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2021 - Kulturpolitik

Stephan Löwenstein berichtet in der FAZ über eine Petition einer "Europäischen Allianz der Akademien" an die Adresse der EU. Die Allianz protestiert gegen die Kulturpolitik Viktor Orbans, dessen neueste Strategien Löwenstein en passant darstellt: "Statt Zentralisierung und direktem Zugriff der Regierung setzt er auf Auslagerung öffentlicher Institutionen in Stiftungen. Das betrifft derzeit vor allem Hochschulen. Nach Lesart der Regierung werden sie aus staatlicher Abhängigkeit in eine echte Autonomie entlassen. Freilich werden die Kuratorien vom zuständigen Minister besetzt, das bedeutet angesichts der realen Machtverhältnisse: von Orbán selbst, an dem nichts vorbeigeht."
Stichwörter: Ungarn, Orban, Viktor

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2021 - Kulturpolitik

Der Historiker Götz Aly, der gerade ein Buch geschrieben hat über die Raubzüge deutscher Kolonialisten in der Südsee, in deren Folge auch das große Boot von der Insel Luf nach Berlin gelangte, zeigt im Interview mit der Zeit, wie man über Kolonialgeschichte sprechen kann, ohne pausenlos mit dem Finger auf andere zu zeigen. Was also tun mit den Objekten aus der Südsee? "Zunächst sollten wir uns - konkret die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - als Treuhänder und Bewahrer dieser Kulturschätze verstehen. Ich bin unbedingt dafür, dass sie öffentlich gezeigt werden. Ich plädiere aber auch dafür, in den Museen endlich damit zu beginnen, die kolonialen Gewaltgeschichten zu erzählen. Der Betrachter soll mit dem Zwiespalt zwischen jahrtausendealter Hochkultur und moderner Brutalkultur konfrontiert werden. Wie der Staat Papua-Neuguinea auf die Dauer reagiert, das werden wir sehen, aber ich bin dafür, dass wir diesen Staat rückwirkend als Treugeber betrachten und uns nicht als Eigentümer sehen. Wie es dann weitergeht, das ist eine Aufgabe für die nächste Generation. Es sollte nichts übereilt geschehen."

Marc Zitzmann zieht in der FAZ eine sehr kritische Bilanz des noch amtierenden Louvre-Chefs Jean-Luc Martinez. Vor allem wirft er ihm häufiges oganisatorisches Versagen vor, auch in der Organisation des komplexen Hauses: "Mit Abstand am schwersten wiegt hier die Verlegung der zuvor an 68 Orten im und um den Louvre-Palast verstreuten Depots in einen - architektonisch durchaus gelungenen - Neubau bei Lens. Für die Konservatoren stellt der Gang in den unsichtbaren Teil der Sammlung nunmehr eine Tagesreise dar, so sie die entsprechenden Spesen überhaupt bewilligt bekommen. Geleitet wurde das Centre de conservation du Louvre bis vor kurzem durch einen Nicht-Konservator - erklärtermaßen sollen dort keine Konservatoren rekrutiert werden, 'damit eine gewisse Neutralität gewahrt wird'." Der Posten des Louvre-Chefs müsste eigentlich neu besetzt werden, so Zitzmann, aber Emmanuel Macron, der bei solchen herausgehobenen Posten das letzte Wort hat, ist sich wohl noch nicht schlüssig. Nebenbei kritisiert Zitzmann übrigens die französische Presse, die die Missstände zu spät thematisiert habe - Ausnahme ist das Online-Magazin La Tribune de l'Art.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2021 - Kulturpolitik

Eindringlich hat Winfried Nerdinger, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, am letzten Freitag in der SZ gegen die Behandlung der Kunst in der Coronakrise protestiert. Sie werde durch die Politik geradezu zur Disposition gestellt: "Aber zuvor darf die Würde des Menschen durch den Friseur wiederhergestellt werden." Dagegen protestiert heute eine Gruppe prominenter Akademiemitglieder - aber in der FAZ: "Herr Nerdinger tut so - in einer Zeitung, die ihm eine halbe Seite dafür einräumt -, als müssten wir alle vor einer Regierung niederknien, die uns mundtot macht. Von welchem Staat redet er? Mit derart abenteuerlichen Thesen diskreditiert Herr Nerdinger ausgerechnet jenes elementare Recht, auf das wir gerade jetzt unter den Bedingungen der Einschränkung von Grundrechten den allergrößten Wert legen: das Recht auf Kritik."

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die gerade von Götz Aly erfahren hat, dass ihr prachtvolles Südseeboot von der Insel Luf nicht "erworben", sondern geraubt wurde, hat jetzt erklärt, sie wolle "das Boot weiterhin zeigen", meldet Jörg Häntzschel in der SZ, "nur jetzt als 'Mahnmal der Schrecken der deutschen Kolonialzeit'. Auf die Herkunft des Boots und die Strafexpedition, in deren Zuge etwa die Hälfte der Bewohner getötet wurde, soll in der Ausstellung eingegangen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2021 - Kulturpolitik

Jürgen Habermas hat den Sheikh Zayed Book Award wegen der undemokratischen Politik der Arabischen Emirate letztlich abgelehnt (unser Resümee). Andreas Fanizadeh ist ihm in der taz dafür dankbar und kritisiert eine auswärtige Kulturpolitik, die gern mit solchen Regimes kooperiert und auch Habermas drängte, den Preis anzunehmen: "Wo politisch nichts mehr geht, da geht oft noch etwas mit Kultur, so das Credo der mit auswärtiger Kulturpolitik Beschäftigten. Und sie haben oftmals recht. Das Goethe-Institut bietet in manchen Ländern tatsächlich Oasen für einen freieren Kulturaustausch. Die Softpower Kultur unterschätzen autoritäre Regimes häufig, die jeweiligen Zivilgesellschaften schätzen sie um so mehr. Habermas' Schriften zirkulieren im Arabischen. Sollten sie wegen seiner Ablehnung in den Emiraten nun unterm Tisch gehandelt werden, wäre die Wirkung aufgrund seiner Redlichkeit nur um so größer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2021 - Kulturpolitik

Noch immer wird um Franz Marcs Gemälde "Füchse" gestritten. Patrick Bahners und der Richter Friedrich Kiechle lehnten eine Rückgabe ab, weil das Bild nach der Emigration des Besitzers Kurt Grawi frei verkauft worden sei (unser Resümee). Hans-Jürgen Papier, Mitglied der beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, erklärt heute in der FAZ, warum die Kommission anders entschied: "Nach Ansicht der Kommission war das keine freiwillige Entscheidung, sondern ein Verkauf unter dem unmittelbaren Druck der Verfolgung, auch wenn das Rechtsgeschäft letztlich in New York abgewickelt wurde. Deshalb hat die Kommission eine Rückgabe des Bildes empfohlen."
Stichwörter: Restitution, Raubkunst

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2021 - Kulturpolitik

Götz Alys kommendes Buch heißt "Das Prachtboot". Es erzählt, wie eines der Glanzstücke des kommenden Humboldt-Forums, das große Südseeboot von der Insel Luf, durch Gewalt in den Besitz der Berliner Museen kam, was auch für sehr viele andere Exponate des Humboldt-Forums aus ehemals deutsche Kolonien in der Südsee gilt. Der Perlentaucher druckt ein Kapitel des Buchs vorab. Die Angaben der Museen zu den Exponaten sind in dem Punkt der gewaltsamen Herkunft auch heute noch sehr schüchtern, kritisiert Aly hier: "Die originalen Eingangsbücher und Inventare enthalten wesentlich deutlichere und zahlreichere Hinweise auf das Sammeln wertvoller Ethnographica mit Hilfe von Kanonenbooten und im Kontext ungezählter sogenannter Strafexpeditionen. Genau deshalb weigern sich die meisten Direktoren ethnologischer Museen bis heute, die großen handgeschriebenen ursprünglichen Verzeichnisse, also die dokumentarischen Grundlagen ihrer Bestände, der interessierten Öffentlichkeit in digitaler Form zugänglich zu machen."

"Der Sinn der Rückerstattung kann (…) nicht sein, dass die Deutschen sagen: 'Wir geben ein paar Kunstwerke zurück und behalten den Rest.' Das wäre keine Wiedergutmachung", sagt mit Blick auf die Benin-Bronzen der nigerianische Künstler Victor Ehikhamenor im FR-Gespräch mit Johannes Dieterich: "Wenn man gestohlenes Gut erwirbt, ist das ein Vergehen: Das gilt so gut wie überall auch heute noch. Wer Hehlerware erwirbt, kann nicht über deren Zukunft entscheiden, er muss sie zurückgeben. Die deutschen Museen wussten von Anfang an, dass sie gestohlene Kunstwerke kauften. Und sie haben Jahrzehnte lang davon profitiert. Sie haben kein Recht, Teile davon zu behalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2021 - Kulturpolitik

In der SZ freut sich Jörg Häntzschel, dass mit der Rückgabe der in Berlin aufbewahrten Benin-Bronzen ein erster Schritt zur Rückgabe von Raubgut gemacht wurde, dem andere deutsche Museen jetzt folgen müssen: "Mit der Entscheidung vom Donnerstag ist endlich eine Tür geöffnet, die sich nun nicht mehr schließen lässt."

In der Welt gratuliert Boris Pofalla Botschafter Yusuf M. Tuggar zur Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria, hätte aber noch eine Frage: "Den Benin-Bronzen aus deutschen Museumssammlungen wird es in Nigeria sicher bestens gehen, es wird für sie ein Museum gebaut. Zugleich lese ich aber auch, dass in den zwölf nördlichen Bundesstaaten Nigerias die Scharia angewandt wird. Ehebrecherinnen und Homosexuelle werden dort zum Tod verurteilt. Seit 2014 ist im ganzen Land nicht nur Homosexualität als solche mit hohen Haftstrafen belegt, sondern auch Treffen von Unterstützern derselben. Muss ich, wenn ich die Benin-Bronzen ab 2022 in Nigeria besuchen will, mit zehn Jahren Haft rechnen, wenn ich mich an der Hotelbar über die Hochzeit meiner lesbischen Freundin freue?"

In der SZ lässt Gerhard Matzig hemmungslos seinem Abscheu vor dem deutschen Eigenheim und seinen Besitzern freien Lauf, vor allem, wenn sie auf dem Land angesiedelt sind, dieses "ökologisch frevelhaft zersiedeln" und sich "wie Eitergeschwüre breiig in den Naturraum ergießen. Immer nach Feierabend zeigen einem die von den Kugelgrill-Gerätschaften in den Dimensionen kleinerer Kraftwerke befeuerten und nach angesengten Brandleichen riechenden Rauchschwaden an, wo das deutsche Herz zwischen Jägerzaun, Buddhafigur, Schweinenackensteak in Bier-Marinade, Kinderhüpfburg und Mährobotergarage schlägt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2021 - Kulturpolitik

Die ersten Benin-Bronzen sollen nach gestrigem Beschluss von Monika Grütters mit Museumsexperten und politisch Verantwortlichen schon kommendes Jahr nach Nigeria zurückgehen, meldet der Tagesspiegel mit dpa. "Wegweisend" nennt Kia Vahland in der SZ die Entscheidung, wendet dann aber ein, es könne jetzt nicht "darum gehen, eine historische Schuld rasch loszuwerden (das wird man sowieso nicht) und sich moralisch auf der richtigen Seite zu fühlen, indem man sich mit Rückgaben vom schlechten Gewissen freizukaufen versucht. Die Kunst aus diesem Impuls heraus schnellstmöglich abzugeben und sich dann nicht mehr drum zu kümmern, wäre fatal. Das würde die Kulturen trennen, die längst, gerade durch die Kolonialgeschichte und ihre Folgen, eng verbunden sind. Es wäre wohl auch nicht im Sinne der Nigerianer, wenn ihre kulturelle und politische Geschichte in Europa nicht mehr sichtbar sein sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2021 - Kulturpolitik

Für den heutigen Donnerstag hat Monika Grütters Museumsleute, Kulturminister und das Auswärtige Amt geladen, um über die Rückgabe der Benin-Bronzen zu diskutieren, melden Jörg Häntzschel und Sonja Zekri, die in der SZ die Debatte resümieren und sich freuen, dass es nun endlich voran geht: "Lange hatten die ehemaligen europäischen Kolonialmächte das Feld anderen überlassen: China hat Senegal in Dakar das Musée des civilisations noires gebaut, das Museum für schwarze Zivilisationen. Südkorea hat das Nationalmuseum in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo finanziert. Erst Ende 2017 wachte Europa auf: Frankreichs Präsident Macron kündigte an, er wolle innerhalb von fünf Jahren die Voraussetzungen für die Rückgabe von geraubtem Kulturgut aus den Kolonien schaffen. Auch den Deutschen wurde klar, dass es außer um historisches Unrecht auch um politischen Einfluss geht." In der taz berichtet Susanne Memarnia.