9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2019 - Kulturpolitik

In der SZ berichtet Jörg Häntzschel von einem Offenen Brief, in dem Postkolonialismus-Forscher und Künstler wie Bénédicte Savoy, Achille Mbembe, Felwine Sarr, Souleymane Bachir Diagne, Wolfang Kaleck, Milo Rau und Kader Attia eine klare Öffnung der Museen fordern, um die Raubkunst-Debatte auf einen anderen Stand zu heben. Leider lässt sich der Brief nicht im Netz finden, Häntzschel zitiert, worüber die Unterzeichner Klarheit haben wollen: "Wie genau sehen die afrikanischen Sammlungen in deutschen Museen aus? Aus welchen Regionen kommen die Objekte? Welche Arten von Objekten sind es? Wir wollen und müssen das wissen, wenn wir die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit gemeinsam betreiben wollen." Auch wenn die Forderungen nach Klärung des Sachverhalts deutlich verhaltener klingen als die nach unbedingter Rückgabe, sieht er einen wichtigen Punkt im Selbstverständnis der Museen berührt, wie er seinerseits schreibt: "Anders als Bibliotheken und Archive, die jedem offenstehen, entscheiden die Museen nach wie vor ganz alleine darüber, wer mit ihren Inventaren forschen darf, und was er zu sehen bekommt."
Stichwörter: Koloniale Raubkunst

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2019 - Kulturpolitik

Das Berliner Abgeordnetenhaus entwickelt zur Zeit ein Konzept zur Rückgabe von Kolonialkunst, das der Grüne Daniel Wesener im Gespräch mit Susanne Messmer im Berlin-Teil der taz vehement verteidigt: "Es gibt Schätzungen, dass ein Großteil des Kulturerbes des afrikanischen Kontinents nicht mehr dort, sondern in europäischen und US-amerikanischen Sammlungen bewahrt wird. Man stelle sich vor, das würde uns, also der Bundesrepublik, so ergehen: Wir würden das sicherlich als einen unerträglichen Zustand empfinden. Die regelmäßigen Diskussionen um deutsche Kunstschätze, die heute in der Eremitage in St. Petersburg lagern, machen deutlich, dass wir in dieser Frage mit zweierlei Maß messen."
Stichwörter: Restitution, Kolonialkunst

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2019 - Kulturpolitik

Eike Schmidt war einer jener internationalen (oft deutschen)) "super direttori", die in Italien die Museen aus dem Dornröschenschlaf wecken sollten. Die waren vom damaligen Kulturminister Dario Franceschini eingesetzt, von der nationalistischen Regierung abgesetzt worden. Aber nun ist Dario Franceschini wieder dran. Und Eike Schmidt sagt den bereits zugesagten Posten bim Kunsthistorischen Museum in Wien ab, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ: "Offenbar hofft auch Eike Schmidt, unter dem neuen alten Regime auf verbesserte und längerfristig geltende Arbeitsbedingungen zu stoßen. Zudem ist er offenbar nicht der 'deutsche Karrierist', den manche in ihm sehen wollen: In Wien sagte er ab, ohne überhaupt gewiss sein zu können, dass sein Vertrag verlängert wird. Man wolle erst einmal sehen, was geschehe, hieß es dazu aus dem Kulturministerium in Rom. Auf keinen Fall beabsichtige man, die österreichischen Kollegen zu verärgern."

Die Österreicher ärgern sich jedenfalls über Eike Schmidt, der sein Amt beim KHM eigentlich in vier Wochen antreten sollte. "Das Ministerium prüft rechtliche Schritte. Sie täten not, schon um das Risiko solcher Possen künftig zu minimieren. Toleranz ist das eine - sich in der internationalen Museumswelt zum nachsichtigen Kasperl zu degradieren etwas völlig anderes", schreibt im Standard Olga Kronsteiner. Im Interview mit der Nachrichtenagentur APA, das der Standard unter Kronsteiners Artikel druckt, erklärt Schmidt, seine Entscheidung sei dem politischen Umschwung in Italien geschuldet sei und bedauert die fehlerhafte Kommunikation mit den Österreichern.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2019 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut veranstaltete im namibischen Windhuk eine Tagung zu Restitution von Kulturgütern und hat auch die taz-Autorin Nina Apin eingeladen. Da keine französischen und britischen Vertreter zugegen waren, bekamen die deutschen Museumsleute den Zorn der afirkanischen Kollegen exklusiv ab. Wie schwierig es mit der Rückgabe ist, erzählt Nina Apin auch: "Im Fall der Ende Februar von Baden-Württemberg zurückgegebenen Witbooi-Bibel und -Peitsche sei die Frage gewesen, ob man an die Nachkommen aus der Nama-Community restituiere - oder an die Regierung. Heute lagern Bibel und Peitsche, unerreichbar für die Öffentlichkeit, im Depot des namibischen Nationalmuseums, dessen naturwissenschaftlich-zoologischer Standort sich schlecht gepflegt und unterfinanziert zeigt."
Stichwörter: Restitution, Kolonialkunst

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2019 - Kulturpolitik

Geschmacklos findet Catrin Lorch in der SZ den Umgang des Bayerischen Nationalmuseums mit den Nachfahren des jüdischen, im Nationalsozialismus enteigneten Kunsthändlers Otto Bernheimer, die trotz klarer Beweislast weiterhin auf die Rückgabe eines Sekretärs warten müssen. Wundern kann sich Lorch allerdings kaum, auch internationale Wissenschaftler schütteln den Kopf über die "mangelnde Aufarbeitung" vor allem in bayerischen Museen, schreibt sie: "Ausgerechnet in Bayern, wo besonders viel Raubkunst nach dem Krieg von den 'Monuments Men' der Alliierten aufgefunden und gelagert wurde, verzögern sich selbst offensichtliche Restitutionsfälle, weil die Provenienzforscher langsam arbeiten. Von den mehr als tausend verdächtigen Werken in den Staatsgemäldesammlungen wurden in der Nachkriegszeit gerade mal ein Dutzend restituiert. Internationale Provenienzforscher sprechen von einer spezifisch deutschen Ignoranz, weil Behörden zu selten die Opfer in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2019 - Kulturpolitik

Das Ethnologische Museum verleiht 23 Objekte nach Namibia, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Hermann Parzinger von der Stiftung Deutscher Kulturbesitz erwartet nicht unbedingt, dass sie alle zurückkommen: "Es sei ein modellhafter Prozess, der hier in Gang gesetzt werde. Das Ende sei offen." Doch Vertreter von "Berlin Postkolonial" und dem "Bündnis Völkermord verjährt nicht!" kritisieren die Verleihung: Ihrer Ansicht nach sollten die Puppen einfach zurückgegeben werden. Und ein in Berlin lebender Herero fragt, ob die Herero denn an diesem Projekt beteiligt seien. Dabei kommt Lenz die Einstellung Parchingers eigentlich ganz vernünftig vor: "Die Idee, sie nach Namibia reisen zu lassen und abzuwarten, welche Diskussionen sich dort an ihnen entzünden, welche Wünsche entstehen, ob etwa die namibische Regierung ein Rückgabe-Ersuchen stellen wird, erkennt zum einen an, dass es in Afrika einen Anspruch auf diese Objekte gibt. Aber vor allem beinhaltet dieser Prozess eine Ermächtigung: Die Antworten auf die Frage, die man sich in Berlin, in Deutschland, in Europa stellt, könnten in Afrika gegeben werden."
Stichwörter: Raubkunst

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2019 - Kulturpolitik

Wie schwierig es ist, sich selbst in afrikanischen Museen vom Kolonialismus zu lösen, zeigt eine Rede von Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, die er bei den "Museum Conversations" in Windhoek, Namibia gehalten hat und die die taz heute veröffentlicht: Einige heutige afrikanische Mueeen, sagt er, seien von den Kolonialmächten gegründet worden. Andere erzählten nurdie Heldengeschichten der Unabhängigkeit. Aber es entstehen auch neue Museen: "Einige der Museen werden mit der Unterstützung ausländischer Staaten gegründet, wie beispielsweise das Zivilisationsmuseum in Dakar. Auch dort, wo der Museumsbau fremdfinanziert wird, arbeiten die Museen beeindruckend unabhängig. Der intellektuelle Kolonialismus hat hier ein Ende gefunden. Das muss die Herangehensweise in der Gegenwart sein, die zentrale Stellung der afrikanischen Experten bei der Erforschung und Präsentation ihrer eigenen Kultur."

Ebenfalls in der taz berichtet Susanne Messmer über die Erfolge des Architekturhistorikers Philipp Oswalt, der mit einem offenen Brief an Schirmherr und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Frieden um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche kräftig störte: "Als Mitinitiator der kulturellen Zwischennutzung des Palasts der Republik 2004 und 2005 sagt Oswalt, dass das Stadtschloss im Vergleich zur Garnisonkirche 'geradezu ein linksliberales Projekt' gewesen sei. In einer Pressemitteilung hat er darauf hingewiesen, dass eine der Glocken des nun abgeschalteten Glockenspiels dem besagten Verband deutscher Soldaten gewidmet sei, eine andere dem Kyffhäuserbund, eine dritte dem Wehrmacht-Luftwaffenoffizier Joachim Helbig, der selbst nach Hitlers Tod noch für die Regierung Dönitz flog." Der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert hat das Glockenspiel der Kirche inzwischen abgeschaltet, Demonstrationen sind geplant.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2019 - Kulturpolitik

Die Kosten für das in Berlin geplante "Museum der Moderne" drohen sich zu verdreifachen. Niklas Maak mag in der FAZ den Dementis von Kulturministerin Monika Grütters nicht recht glauben und vermutet Rücksichtnahme auf den 98-jährigen Sammler Erich Marx, aus dessen Beständen das Museum maßgeblich bestehen soll und dessen große Sorge im Sparen von Erbschaftssteuer zu liegen scheint: "Nach Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, gibt es nämlich eine Klausel im Vertrag, die Marx erlaubt, seine Sammlung abzuziehen, wenn nicht bis zum Ende dieses Jahres der Spatenstich für das neue Museum vollzogen wurde. Dreizehn Werke, darunter neun bedeutende Picassos, hat Marx bereits in die gemeinnützige, damit steuerfreie Anthax Collection Marx AG überführt und als Leihgaben an die Schweizer Fondation Beyeler gegeben; seine Liebe zu Berlin ist nicht bedingungslos."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2019 - Kulturpolitik

Im Interview mit der Berliner Zeitung stellt Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial ein vom Berliner Senat geplantes Fünfjahresprojekt zum Thema Dekolonisierung vor, an dem auch sein Verein beteiligt ist. Dahinter steht die Idee, "dass man sich Gedanken machen muss, welchen Umgang mit den sichtbaren und unsichtbaren kolonialen, aber auch rassistischen Strukturen der Städte man findet. ... Es fällt niemandem leicht, die Geschichte seiner Vorfahren, die ja auch seine eigene Geschichte ist, in Frage zu stellen. So wie man nicht gerne darüber spricht, dass man manchmal rassistische Sachen sagt, weil wir das verinnerlicht haben. Was nicht heißt, dass wir alle Rassisten sind, aber natürlich haben wir bestimmte Vorurteile im Kopf, die wir nur mit großer Mühe loswerden. Und so fällt es eben auch schwer anzuerkennen, dass wir fünfhundert Jahre Ausbeutung durch weiße Europäer hinter uns haben und Europa dafür Verantwortung übernehmen muss, und sei es zunächst auf symbolische Art, indem es seine Kolonialherrschaft zumindest als Unrechtsherrschaft anerkennt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2019 - Kulturpolitik

Andreas Rossmann ist in der FAZ nicht begeistert von der Wiederernennung Dario Franceschinis als italienischer Kulturminister. Er stehe "für eine zentralistische, von ökonomischen Erwägungen bestimmte Kulturpolitik, die wenig Interesse für die vielfältige Museumslandschaft des Bel Paese zeigt, die nationalen Kulturgüter als Kapital evaluiert und von den großen Häusern Blockbuster-Ausstellungen erwartet."
Stichwörter: Italien