9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2020 - Kulturpolitik

In der SZ beschreibt die Wissenschaftshistorikerin Felicity Bodenstein am Beispiel der Benin-Bronzen, die Nigeria immer deutlicher zurückfordert, wie sich der Diskurs in den letzten Jahren geändert hat: Als 2008 die Direktorin des Hamburger Völkerkundemuseums, Barbara Plankensteiner, eine deutsch-nigerianische Arbeitsgruppe zum Thema gründete, ging es vor allem um Informationsaustausch. Von Restitution wollten die Europäer nichts wissen, so Bodenstein. "Als sich die Gruppe 2017 und 2018 nach langer Pause wieder traf, einigte man sich darauf, dass europäische Museen in Zukunft wechselnde Benin-Objekte an ein neues Museum verleihen, das der bekannte Architekt David Adjaye auf dem Gelände des früheren Palasts von Benin-City bauen soll. Auch wenn dieser Kompromiss vielen nicht weit genug ging, ist der Wandel unübersehbar. Lagen die Positionen der Museumsleute anfangs zwischen Behalten und Zirkulation, liegen sie heute zwischen Zirkulation und Rückgabe. Den Status Quo kann niemand mehr verteidigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2020 - Kulturpolitik

Die polnische Kulturpolitik unter dem stramm reaktionären Kulturminister Piotr Glinski produziert immer neue Opfer. FAZ-Korrespondent Gerhard Gnauck gibt im heutigen Feuilletonaufmacher einen Überblick. Als jüngstes Beispiel nennt er das Museum der Geschichte der polnischen Juden, mit einem hebräischen Wort auch "POLIN" genannt, dessen Gründungsdirektor Dariusz Stola jetzt seinen Amtsverzicht anbot: "Die Regierenden werfen Stola vor, sich geweigert zu haben, eine Konferenz über das Erbe des 2010 bei einem Flugzeugabsturz in Russland ums Leben gekommenen Staatspräsidenten Lech Kaczynski auszurichten. Er war der Zwillingsbruder des PiS-Chefs. Das Museum erwidert, es sei offen gewesen für eine solche Konferenz, habe jedoch darum gebeten, einen Mitorganisator zu benennen. Inzwischen ist Stola des monatelangen Kampfes müde geworden."
Stichwörter: Glinski, Piotr, Polen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2020 - Kulturpolitik

Die Zeit-Redakteure Alexander Cammann und Thomas E. Schmidt unterhalten sich, ohne allzu schmerzhafte Fragen zu stellen, mit den sozialdemokratischen Kulturpolitikern Ina Hartwig und Carsten Brosda. Die Frankfurter Kulturdezernentin Hartwig findet, dass sich ausgerechnet bei den Debatten um Peter Handke und um die das Kopftuch als Mode-Accessoire feiernde Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst eine "neue Lust am Verbot" artikulierte. Zu Handke sagt sie: "Dort wird ein Schriftsteller auf ein moralisches Fehlverhalten reduziert, das Werk droht zu verschwinden. Das ist eine neue Qualität. Wenn wir über die gespaltene Gesellschaft sprechen, müssen wir auch über eine überhitzte Identitätspolitik sprechen."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2020 - Kulturpolitik

Düsseldorf hat seine Straßennamen gründlich überprüfen lassen, doch in der FAZ wundert sich Patrick Bahners über die angelegten Kriterien. Porsche und Gurlitt gelten sind belastet, Gustav Gründgens und selbst Wilhelm Kreis können bleiben: "Wenn sogar der oberste Kulturfunktionär des Hitlerstaats nur als teilweise belastet geführt wird, wer soll dann überhaupt weichen? Es fällt ins Auge, dass sechs der zwölf Anträge auf Verbannung Akteure der deutschen Kolonialherrschaft betreffen, obwohl diese Gruppe nur einen kleinen Teil der geprüften Fälle ausmacht. Hier zeichnet sich eine vielleicht überraschende Konsequenz der Aufwertung der kolonialen Episode im deutschen historischen Gedächtnis ab, wie sie ein Bündnis von Wissenschaftlern, Aktivisten und Kulturpolitikern betreibt: Was deutsche Beamte und Offiziere in fernen Weltgegenden taten, wird viel rigider bewertet als die gut erforschte Geschichte der Organisationen in der nationalsozialistischen Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2020 - Kulturpolitik

Laut Tagesspiegel möchte Tansania viele der Objekte zurück, die während des Maji-Maji-Krieges aus der ehemaligen Kolonie nach Deutschland gebracht wurden und in deutschen Museen lagern, darunter der Brachiosaurus brancai im Naturkundemuseum. Im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel fordert der tansanische Botschafter Abdallah Possi zunächst einmal freien Zugang zu Informationen, auch zum Dinosaurier, um dann "Gespräche über Wiedergutmachungen" zu führen: "Wurden die Leute, die die Knochen ausgegraben und getragen haben, bezahlt? Waren sie in der Lage, zu verhandeln? Waren sie einverstanden damit, dass die Deutschen die Knochen mitnahmen? Wussten sie von ihrem Wert? Je mehr wir über ihn in Erfahrung gebracht haben, desto klarer wurde uns, dass außer den Dinosaurier-Knochen eben auch viele, viele kulturelle Objekte in deutschen Museen liegen müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2020 - Kulturpolitik

Die Stadt Essen hat beschlossen, die Dauerausstellung im Museum Folkwang auf Dauer kostenlos zu machen. Zur Zeit ist sie es schon, weil die Krupp Stiftung noch zwei Jahre den Eintritt fördert. Bravo, ruft in der SZ Kia Vahland, die das für die richtige Entscheidung hält: "Denn der Erfolg ist überragend: Seit 2014 haben sich die Besucherzahlen auf knapp 116.000 verdreifacht; besonders viele Kindern und Jugendliche aus Essen kommen, um die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Moderne zu erfahren. Vorbild für Museen ohne Eintrittsgelder sind die staatlichen Museen Großbritanniens, deren Dauerausstellungen seit 2001 kostenfrei zu besichtigen sind. Was dazu führt, dass man in der National Gallery oder der Tate Modern nie leere Säle erlebt wie in vielen deutschen Museen unter der Woche."
Stichwörter: Museumseintritt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2020 - Kulturpolitik

Niklas Zimmerman denkt in der FAZ über die zukünftige Gestaltung und Funktion der Frankfurter Paulskirche nach: "Der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann wollte schon in den achtziger Jahren den Bundespräsidenten in Frankfurt wählen lassen. In einer Zeit, in der die liberale Demokratie unter Druck steht, sollte man die Idee neu prüfen. Nichts würde die Paulskirche stärker aufwerten als eine wirkliche Funktion für das demokratische Gemeinwesen. Aber reicht dazu ein Staatsakt alle fünf Jahre?"

Richard Wagner oder Franz Mehring dürfen bleiben. Aber Paul Hindenburg wird im Rahmen einer Berliner Geschichtssäuberung die Ehrenbürgerwürde abgesprochen. Götz Aly ist in seiner Berliner-Zeitungs-Kolumne nicht einverstanden: "Ich verteidige ihn, und zwar wegen seiner humanen Haltung, die er 1914 nach dem Sieg in der Schlacht von Tannenberg gegenüber den 95.000 gefangenen russischen Soldaten zeigte und seinen Soldaten sofort befahl, im 'gewesenen Feind den Kameraden zu sehen'. Selbstverständlich war das im 20. Jahrhundert nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2020 - Kulturpolitik

Nicht nur dass in Frankfurt in dieser Woche ein Wolf von einem Auto überfahren wurde (ehrlich, mehr hier).Die Stadt verliert auch außerdem die Internationale Automobilausstellung. Und die Stadtverordnetenversammlung hat nun tatsächlich den Abriss von Oper und Schauspiel Frankfurt beschlossen. Die knappe Meldung dazu in der FAZ beginnt mit dem Satz: "Das war keine gute Woche für Frankfurt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2020 - Kulturpolitik

Im Interview mit der FR verteidigt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig die Kosten von über 800 Millionen Euro für einen Neubau von Oper und Schauspiel, den kürzlich Niklas Maak in der FAZ kritisiert hatte (unser Resümee): "Dass es sich gleich um zwei große Bühnen handelt, relativiert ein Stück weit die Kosten. Man muss außerdem bedenken, dass wir in Zeiten eines Baubooms leben, der die Baukosten in die Höhe treibt. Und es gibt unzählige Vorschriften, die das Bauen verteuern. Die uns jetzt vorliegenden Zahlen sprechen eine klare Sprache: Eine Sanierung dieser Anlage, an der ich und viele andere Menschen durchaus hängen, ist nicht sinnvoll. Die Kosten sind zu hoch, die Vorteile zu gering. Ich kann eine Sanierung daher nicht empfehlen. Nur der Neubau gibt uns die Möglichkeit, die Bedingungen der Bühnen entscheidend zu verbessern und die Kosten im Griff zu behalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2020 - Kulturpolitik

In der FAZ ist Andreas Kilb nicht unbedingt glücklich, wie klassenkämpferisch die Linkspartei im Kulturausschuss gegen die Hohenzollern agiert, aber die Monarchiefreundlichkeit der CDU geht ihm auch gegen den Strich. Die Besitzansprüche der Familie setzen die Freiheit der Museen aufs Spiel, warnt Kilb: "Um so wichtiger ist es für den Bund, die Unabhängigkeit staatlicher Museen und Schlösser bei der Darstellung deutscher Geschichte sicherzustellen. Ein Bundesmuseum zum höheren Ruhm des Hauses Hohenzollern darf es vernünftigerweise nicht geben. Aber auch einer hälftigen Besitzteilung der strittigen Bestände, wie sie die Anwälte der Familie vorschlagen, kann die Bundesregierung nicht zustimmen, weil sie damit die geschichtspolitische Position der Hohenzollern bestätigen würde."

Und noch mehr royale Unbill: Gina Thomas kann, ebenfalls in der FAZ, über die Unbedarftheit von Prince Harry und Meghan Markle nur den Kopf schütteln, mit dem sie den Kapitalismus gegen die Monarchie eintauschten: "Der von langer Hand mit Hilfe einer kanadischen Kreativagentur geplante Coup, mit dem es die königliche Familie überrumpelt hat, ist ihm aus den Händen geglitten."