Abdulrazak Gurnah

Diebstahl

Roman.
Cover: Diebstahl
Penguin Verlag, München 2025
ISBN 9783328604389
Gebunden, 336 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Eva Bonné. Tansania, heute. Drei junge Menschen wachsen hier auf: Karim, der nach seinem Studium mit Ehrgeiz und großen Ideen in seine verschlafene Heimatstadt Daressalam zurückkehrt. Fauzia, die in Karim nicht nur ihren geliebten Partner, sondern auch die Chance sieht, einer allzu behüteten Kindheit zu entkommen. Badar, ein mittelloser Junge, der in Fauzia und Karim Freunde findet und von ihnen Hilfe erfährt, obwohl nicht klar ist, was und ob die Zukunft überhaupt etwas für ihn vorgesehen hat. Als Fortschritt und Tourismus in ihrem abgelegenen Winkel der Welt Einzug halten, nimmt jeder der drei das Schicksal in die eigenen Hände. Auf der Suche nach Erfolg, Glück und Bedeutung kämpft insbesondere Badar mit den langen Schatten eines Diebstahls.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.12.2025

Rezensentin Sigrid Löffler findet Abdulrazak Gurnahs neuen Roman nicht ganz so anspruchsvoll wie die Vorgänger, zugleich hat sie den sonst so diskreten und bedächtigen Autor nie drastischer erlebt. In seinem elften Roman schreibt Gurnah nicht über plötzliche, gewaltvolle politische Ereignisse und Entwicklungen, nicht über die wechselnden kolonialen und postkolonialen Regimes in seiner Heimatregion oder über Flucht und Migration, sondern über einen schleichenden gesellschaftlichen Umbruch: Den langsamen Kulturwandel, den der Tourismus in Ostafrika mit sich gebracht hat. Anhand seiner drei Hauptfiguren Karim, Badar und Faiza macht Gurnah deutlich, welch ein Segen und welch ein Fluch die Modernisierung für die Menschen in dieser Region bedeutet, lesen wir, welche Verluste und Konflikte einhergehen mit der neuen Freiheit, Offenheit, Emanzipation und Modernität. Die Trauer und Erbitterung der älteren Generation über diese Entwicklung kommt vor allem in einem für Gurnah ganz untypischen Wutausbruch von Faizas Mutter zum Ausdruck, nachdem die Liebesehe ihrer Tochter wegen einer gedankenlosen Touristin in die Brüche geht. Dass Löffler diese neue Schärfe schätzt, können wir nur ahnen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2025

Eine komplexe Figurenkonstellation präsentiert uns Abdulrazak Gurnah in diesem starken Roman, so Rezensent Majd El-Safadi. Die drei Hauptfiguren des in Tansania spielenden Buches heißen Karim, Fauzia und Badar: Karim, zunächst ein ehrgeiziger Student, und die schüchterne Fauzia werden ein Paar, Badar ist mit beiden befreundet. Gut gefällt El-Safadi, wie Gurnah die Liebesgeschichte von Karim und Fauzia darstellt - die Euphorie der beiden klingt allerdings nach der Geburt des gemeinsamen Kindes ab, Fauzia ergeht sich in Sorgen, Karim lernt eine andere kennen. Zu den verhandelten Themen zählen kulturelle Identität und auch der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, letzterer kommt in den Gesprächen ins Spiel, die Fauzia mit ihren Eltern über traditionelle und moderne Ehen führt, erklärt der Kritiker. Gurnas "postkolonialen Duktus" erkennt der Rezensent durchaus im Roman, allerdings bildet der Autor auch die Ambivalenz dieses Erbes ab, ergänht El-Safadi. Wie Gurnah Zwischentöne in seinem klaren Stil abbildet, gefällt dem Kritiker gut.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.10.2025

Kritikerin Katharina Granzin hofft, dass die Aufmerksamkeit, die Abdulrazak Gurnah seit dem Nobelpreis erfährt, dazu führt, dass dieser Roman viel gelesen wird: Er spielt in Sansibar und Daressalam und wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die immer "mit ganz neuer Energie" starten, wenn geschildert wird, was mit den Hauptfiguren Karim, Fauzia und Badar passiert. Das Buch beginnt mit Raya, Karims Mutter, die zwangsverheiratet wird und im restlichen Roman immer nur in ihrer Funktion als Mutter, Schwiegermutter von Fauzia oder Hausherrin von Badar erscheint - hier liest Granzin von Gurnahs meisterhafter Fähigkeit, uns zu zeigen, wie wenig wir voneinander wissen und wie viele Verflechtungen sich an wenigen Figuren entfalten können. Ihr gefällt, wie der Autor diese verschiedenen Fäden spinnt, ohne dass sie sich verheddern, ohne zu sehr zu psychologisieren - so ergibt sich ein interessantes, genau beobachtendes Bild über menschliche Beziehungen und ihre manchmal seltsamen Wege.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.09.2025

Rezensentin Sylvia Staude applaudiert dieser "so stillen wie nüchternen Geschichte über Emanzipation" von Abdulrazak Gurnah: Seine Erzählweise sei von großer Ruhe und Unbefangenheit geprägt, die zugleich die Leser auffordert, eigene Zusammenhänge zu erkennen. Der in Sansibar aufgewachsene, britische Hochschullehrer zeichnet in seinem Roman ein mehrdimensionales Panorama von drei miteinander verwobenen Lebensgeschichten in Tansania. Von Raya, die als junges Mädchen zwangsverheiratet wird, sich später von ihrem Mann löst und ein neues Leben aufbaut, von ihrem Sohn Karim, der Karriere macht, aber durch Egoismus und Untreue seine Ehe zerstört und von Badar, einem Waisenjungen, der als "Boi" in Rayas Haushalt Demütigungen erfährt und mühsam lernt, "das Leben zu ertragen". Der Roman entfaltet seine Geschichte geschickt ohne klare zeitliche Verankerung, wechselt spannungsvoll zwischen Haupt- und Nebenfiguren und zeigt an den Erfahrungen von Frauen und einfachen Arbeitern den gesellschaftlichen Wandel Tansanias, so das Resümee. 

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 06.09.2025

Rezensent Richard Kämmerlings schätzt, wie Abdulrazak Gurnah in seinem neuen, "meisterhaften" Roman das Allgemeine und das Besondere auf raffinierte Weisen, kaum merkliche miteinander verbindet. Es geht um drei parallel erzählte, in den 60er Jahren einsetzende Bildungs- und Aufstiegsgeschichten zwischen Sansibar/Tansania und London, die Gurnah laut Kämmerlings mit viel Geduld vor historischer Kulisse und mit Sinn für Machtgefälle ausbreitet. Darunter aber läuft ein "postkolonialer Subtext" über touristischen Ausverkauf, NGO's und Entwicklungshilfe, den der Nobelpreisträger gekonnt mit seiner Story verbindet, erklärt Kämmerlings begeistert.

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