"Die Auferstehung des jüdischen Jesus" handelt von einem Spezialfall des Vergessens und der Wiedererinnerung, dessen Besonderheit darin besteht, daß hier zwei miteinander nicht direkt verknüpfte Sphären - die der Geschichtsschreibung und die der Heilsgeschichte - einander beeinflussen, ohne ihre wesentliche Verschiedenheit zu verlieren. Weder fehlte bisher das Wissen um historische Zusammenhänge, noch sind (beispielsweise) die neuerdings gemachten Handschriftenfunde der Grund für jene neue Art der Erinnerung, deren Genese nachzuzeichnen sich das Buch von Agnes Heller vorgenommen hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2002
Erstaunlich lange, stimmt Jan-Heiner Tück in seiner Rezension der Autorin zu, hat das Christentum die Tatsache verdrängt, dass Jesus Jude war - wie umgekehrt das Judentum Jesus als christlichen Messias niemals anerkennen konnte. Erst im 20. Jahrhundert haben Forscher beider Seiten das "Judesein Jesu" wieder in den Blickpunkt gerückt. Und nur von diesem Ausgangspunkt aus, meint Heller, ist wahre Ökumene vorstellbar. Sie wendet sich dabei, so Tück, vor allem gegen eine "Relativierung der religiösen Wahrheitsansprüche" und wirbt für eine "Hermeneutik der Anerkennung", die der Intoleranz entgegenarbeitet. Der Rezensent stimmt ihr darin ganz ausdrücklich zu.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.09.2002
Friedrich Wilhelm Graf echauffiert sich in der Süddeutschen Zeitung bei der Besprechung von Agnes Hellers "Evangeliums des toleranten Europäers". Heller wolle den Juden Jesus im "kollektiven Gedächtnis der Juden" verankern und hoffe, auf diese Art ein besseres gegenseitiges Verständnis zwischen Christen und Juden zu schaffen. So weit, so gut. Der Haken sei jedoch, dass die Philosophin "jeder wissenschaftshistorischen Reflexivität entbehre" und damit auch der Kenntnis der Debatten um Jesus, die im 19. Jahrhundert geführt worden seien. Und somit merke die "glaubensernste" Autorin auch nicht, dass ihr jüdischer Jesus der "Individualitätsrepräsentant des Kulturprotestantismus um 1900" sei, womit sie sich selbst und dem gequälten Rezensenten das Buch augenscheinlich hätte ersparen können.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…