"Kultur und Ethik", entstanden 1919-1921, skizziert den Beitrag der Weltreligionen zu einer universalen Ethik. Gleichzeitig bietet dieses überaus präzise, meisterhaft geschriebene und in sich geschlossene Werk nicht nur eine dichte Darstellung der Ethik Jesu, sondern auch der theologischen und ethischen Grundansichten Schweitzers...
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.12.2001
Die moderne Religionsgeschichtsschreibung entstand im 17./18. Jahrhundert, schreibt Friedrich Wilhelm Graf einführend - damals entdeckten europäische Gelehrte die Existenz und Vielfalt nichtchristlicher Religionen und Kulturen. Das Christentum galt ihnen natürlich immer als das höchst entwickelte Modell, und erst im 19. Jahrhundert, durch neu entstandene Wissenschaften wie Ethnologie und Sozialanthropologie, wurde der Glaube an die Überlegenheit des eigenen Glaubens erschüttert. Der Arzt und liberale Protestant Albert Schweitzer stieß auch in seinem afrikanischen Alltag immer wieder an die Grenzen des Verstehenkönnens fremden Glaubens, berichtet Graf. Diese Reibung macht seine aus dem Nachlass veröffentlichten Schriften über die Weltreligionen für den Rezensenten besonders fruchtbar. Sehr ausführlich referiert Graf Schweitzers Theorie einer gesellschaftlichen Funktion von Religion, beschreibt seine radikale Selbst- und Modernitätskritik, die stellenweise eine enorme Naivität durchschimmern ließe. Seine Analysen liefen auf die Feststellung heraus, so Graf, den Widerspruch, dass Leben nur auf Kosten anderen Lebens möglich sei, nicht lösen zu können.
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