Feuerdörfer
Wehrmachtsverbrechen in Belarus - Zeitzeugen berichten

Aufbau Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783351039974
Gebunden, 587 Seiten, 39,00
EUR
Klappentext
Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler. Nach fünfzig Jahren erstmals auf Deutsch: die Überlebenden berichten die Wehrmachtsverbrechen in Belarus. Hier kommen Augenzeugen zu Wort, die die Massaker in den belarussischen "Feuerdörfern" während des Zweiten Weltkriegs überlebt haben. Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik haben sie im ganzen Land ausfindig gemacht und ihre Erinnerungen auf Tonband festgehalten. Behutsam gerahmt und zu Kapiteln geordnet, entsteht aus ihren Stimmen eine verdichtete Erzählung in chorischer Vielstimmigkeit, die über eine Collage weit hinausgeht. Erstmals werden damit die Gräuel der Wehrmacht in Belarus in vollem Ausmaß anerkannt und das menschliche Leid festgehalten, zugleich der Weg geebnet für so etwas wie einen Neuanfang, für eine Zukunft. Ein Buch, das vor dem Hintergrund aktueller Kriege und antidemokratischer Entwicklungen erschreckend aktuell ist und einen "blinden Fleck" der deutschen Geschichte beleuchtet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.05.2025
Für den Rezensenten Ulrich M. Schmid liegt der Verdienst dieses wichtigen Buchs darin, dass der Schriftsteller Ales Adamowitsch gemeinsam mit seinen Kollegen Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik dafür gesorgt hat, dass ein literarisches Dokument jener Menschen vorliegt, die die brutalen Verbrechen der Wehrmacht in Belarus überlebt haben. Offizielles Gedenken gerade an die Dörfer, die als Vergeltungsschläge zu "Feuerdörfern" wurden, war in der Sowjetunion geradezu verpönt. Lediglich im Dorf Chatyn wurde eine Gedenkstätte errichtet, was wohl angesichts der Namensähnlichkeit zu Katyn, wo die Sowjets polnische Offiziere ermordete, kein Zufall, sondern ein Manöver war, mit dem Stalin sowjetische Kriegsverbrechen den Nazis in die Schuhe schieben wollte. In 147 Dörfern waren die Autoren unterwegs, haben sich dort in verschiedenen Sprachen von den Gräueltaten erzählen lassen und dies mit Zitaten aus offiziellen Dokumenten ergänzt, so Schmid. Dass auch die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch sehr beeindruckt von Adamowitschs Werk zeigte, leuchtet ihm völlig ein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2025
Rezensent Felix Ackermann liest gebannt die von Ales Adamowitsch, Jana Bryl und Uladsimir Kalesnik 25 Jahre nach Kriegsende gesammelten Stimmen der Opfer deutscher Besatzungsverbrechen in Belarus. Das erstmals 1975 erschienene Buch in der deutschen Übersetzung von Thomas Weiler findet sein Interesse vor allem wegen der Opferzentrierung, damals ein Novum. Indem die Autoren Zeitzeugen und Überlebende die Gewalttaten der Deutschen schildern lassen und Fotos der Zeugen abdrucken, gestalten sie laut Ackermann ein würdevolles "Dokument des gemeinsamen Innehaltens und Zuhörens". Die Mischung aus Zeugnis und empathischem Kommentar findet Ackermann überzeugend. Die deutsche "Logik der Vernichtung" wird für den Leser sichtbar, stellt er erschüttert fest.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 04.02.2025
Es war wirklich höchste Zeit, findet Rezensent Otto Langels, dass dieses Buch auf Deutsch erscheint. Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik tragen darin, so Langels, Augenzeugenberichte von Menschen zusammen, die die Massaker überlebten, die deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg in Dörfern im heutigen Weißrussland verübten. Das Buch wurde in den siebziger Jahren zum ersten Mal veröffentlich - ungefiltert wird die Sprache der Zeugen auf Papier gebannt, lesen wir, die Autoren selbst liefern kontextualisierende Erklärungen. Den politischen Kontext merkt man dem Buch insofern an, dass bestimmt Erzählungen in diesem Buch nicht vorkommen, beispielsweise von jüdischen Opfern und auch von lokalen Kollaborateuren ist nichts zu lesen, denn die Autoren mussten der sowjetischen Zensur vorbeugen. Langels zitiert einige der Berichte über die in Deutschland viel zu wenig bekannten Untaten und weist abschließend darauf hin, wie wichtig es ist, dass man dieses Buch nun auch hierzulande lesen kann.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 01.02.2025
Ein ungemein beeindruckendes Buch liegt hier nun endlich auch auf deutsch vor, freut sich Rezensentin Jette Wiese. Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik hatten es 1975 in der Sowjetunion veröffentlicht, nachdem sie im heutigen Belarus Dörfer besucht und mit Überlebenden über die Massaker deutscher Soldaten gesprochen hatten, die dort in den Besatzungsjahren 1941-44 zwei Millionen Menschen das Leben gekostet hatten. Erschreckendes erfährt man hier über die Exzesse der deutschen Mörder, beschreibt Wiese, besonders wichtig war damals, dass das Buch die Überlebenden selbst zu Wort kommen lässt und ihrer sehr persönlichen Erinnerung mit all ihren Lücken Raum gibt. Dass die Autoren diese O-Töne mit erzählenden Passagen ergänzen, mag ob einer recht pathetischen Sprache gelegentlich irritieren, meint Wiese, die aber einerseits darauf hinweist, dass das Buch seinerzeit ohne solche einordnende Zusätze an der sowjetischen Zensur gescheitert wäre; und andererseits, meint sie, haben die Kommentare durchaus auch einen literarischen Wert und ermöglichen Einfühlung. Insgesamt jedenfalls, schließt die ausgesprochen positive Rezension, ist das ein wichtiges Buch, das zeigt, wie die Aufarbeitung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit funktionieren kann.