Nava Ebrahimi

Und Federn überall

Roman
Cover: Und Federn überall
Luchterhand Literaturverlag, München 2025
ISBN 9783630877457
Gebunden, 352 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Eine Kleinstadt in der norddeutschen Provinz. Sechs Menschen, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Ein Tag, der alles verändert. Nebel liegt über den Feldern und dem Kanal. Es ist, als ob der Winter nicht zu Ende gehen will in der kleinen Stadt Lasseren im Emsland. Hier auf dem platten Land ist jahrein, jahraus nicht viel los. Wer Arbeit sucht, kommt an Möllring nicht vorbei, dem riesigen Geflügelschlachthof am Stadtrand. Für eine Handvoll Menschen beginnt dieser Montagmorgen mit großen Erwartungen. Sonia, alleinerziehende Mutter, hofft auf einen Job weit weg vom Hühnchen-Zerlege-Fließband. Für die junge Ingenieurin Anna steht mit dem Testlauf eines neuen Automatisierungsverfahrens bei Möllring so gut wie alles auf dem Spiel. Merkhausen wiederum, verlassener Ehemann mit einem Faible für Polinnen und zuständig für die Prozessoptimierung im Schlachtbetrieb, fiebert einem Date am Abend entgegen. Und dann ist da noch der geflüchtete Afghane Nassim, der sich in eine Affäre mit der zwanzig Jahre älteren Justyna verstrickt und fest daran glaubt, dass seine Gedichte die deutschen Beamten erweichen werden. Um diese zu übersetzen, ist Roshi, deutsch-iranische Autorin, extra aus Köln angereist. Als ein rücksichtsloser Fahrradfahrer dem sehbehinderten Mann mitten im Ort den Blindenstock kaputt fährt, bringt Nassim es mithilfe des örtlichen Radiosenders nicht nur zu lokaler Berühmtheit. Er bringt auch die Menschen dazu, der eigenen Wahrheit ins Auge zu sehen. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.11.2025

Hintergründig und unterhaltsam findet Rezensent Hubert Winkels Nava Ebrahimis Roman über Migranten im Dunstkreis einer emsländischen Geflügelschlachterei. Was die Personen (und die Hühner) im Roman umtreibt, davon erzählt die Autorin laut Winkels mit viel Sinn für die Illusionen und Schicksale ihres Personals. Dabei wechseln sich Komik und Tragik ab, erklärt der Rezensent, Slapstick und Gesellschaftskritisches geben sich die Hand. Dass sich die Dramaturgie gelegentlich in den Vordergrund drängt und den psychosozialen Inhalt verdrängt, kann Winkels verkraften. Und wenn Ebrahimi am Schluss die toten Hühner auferstehen lässt, freut sich sogar kurz der Tierfreund im Rezensenten.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 18.09.2025

Nava Ebrahimi hat einen beeindruckenden, perspektivenreichen Roman vorgelegt, der Rezensentin Marie Schoeß zufolge völlig zurecht schon vor Erscheinen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Zuerst nimmt die Autorin darin Nassim in den Blick, einen Afghanen, der nun nach seiner Flucht im Emsland gestrandet ist, eindrucksvoll schildert sie, wie er sich als blinder Lyriker eine Identität verschafft, die ihn davor bewahren soll, wieder abgeschoben zu werden. Der gesellschaftliche Zwang, sich abzuhärten, wird Schoeß zufolge an allen Figuren deutlich, aus deren Perspektiven Ebrahimi schreibt, so auch bei den Mitarbeiterinnen des Schlachthofs, der im Zentrum steht: Die "Kippmomente" sind ihr wichtig, bei denen jemand nachgibt, weich wird, bei denen sich die Vielschichtigkeit der Emotionen und der Perspektiven zeigt. Ein komplexer, in viele Gedankenläufe einführender Roman, hält die Kritikerin abschließend fest. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.08.2025

Rezensentin Judith von Sternburg liest mit Nava Ebrahimis "Und Federn überall" einen brillant konstruierten Schachtelroman, in dem die düsteren Zusammenhänge erst nach und nach aufgedeckt werden - die Zusammenhänge zwischen den sechs Figuren, aus deren Perspektive Ebrahimi erzählt, sowie auch die Zusammenhänge zwischen Flucht, Vertreibung, Entfremdung, Erschöpfung und den ökonomischen Zwängen, unter denen alle Figuren leiden. Kunstvoll und bedacht verknüpft die in Teheran geborene Autorin die Lebensrealitäten und Biografien dieser Figuren, entlang von perfekt gesetzten Leitmotiven wie der "Wooden Breast", ein Phänomen, das bei Hühnern auftritt, die allzu schnell wachsen und unter Stress leiden, aber eben genauso ein Phänomen, zumindest im metaphorischen Sinne, unter den Menschen in diesem Roman, die nicht nur ihre Nähe zur Geflügelfleischverarbeitung gemeinsam haben, wie sich herausstellt, sondern auch ihre Sehnsucht nach Liebe, ihre Entfremdungs- und Entwurzelungserfahrungen und ihren "irren, existenziellen Stress". Es ist eine düstere Geschichte mit einem ebenso düsteren und skurrilen Bild am Ende, ein Bild, das vielleicht für die Ausweglosigkeit steht, vermutet von Sternburg, aber in der Literatur zeitigt Ausweglosigkeit glücklicherweise mitunter grandiose Resultate, wie dieser Roman beweist.

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