Andreas Maier

Klausen

Roman
Cover: Klausen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413401
Gebunden, 216 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Eines ist klar: "Klausen ist ein Tatort." Was aber wirklich in diesem Südtiroler Ferienidyll für vor allem deutsche Touristen passiert ist, darüber gehen die Meinungen leidenschaftlich auseinander. Man erzählt von einem Überfall, gar einem gezieltem Schuss aus dem Hinterhalt. Was beginnt wie eine Provinzposse, wächst sich aus: Ist Klausen etwa Umschlagplatz eines internationalen Drogenkartells? Als umweltengagierte Terroristen den Viadukt der Brennerautobahn zu sprengen versuchen (oder handelt es sich doch bloß um einen Unfall?) und über Klausen ein "kurzer Moment der Stille" hereinbricht, recherchieren bald Fernsehteams in großer Zahl vor Ort...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.07.2002

Besonders en vogue ist es gegenwärtig nicht, über Natur zu schreiben, weiß Susanne Messmer und ist davon überzeugt, dass das auch dem 1967 geborenen Schriftsteller Andreas Maier bewusst sei. Der hat mit "Klausen", in dessen Nachbarort Blixen der Autor seit geraumer Zeit lebt, seinen zweiten "Heimatroman" geschrieben, berichtet die Rezensentin. Darin gehe es, so Messmer, um die "uralte Geschichte" einer Heimkehr. Doch handle es sich hier weniger um die Beschwörung alter Vertraulichkeit, sondern um eine recht "böse Provinzsatire". Recht eindringlich lege der Autor nahe, wie schnell sich "dörfliche Gewissheiten" in eine "gefährliche Gerüchteküche" verwandeln können, so Messmer. Und eine besondere Idylle präsentiere Maier mit diesem "klaustrophobischen" Klausen im "engen" Eisacktal in Südtirol auch nicht, warnt die Rezensentin. Lesenswert findet sie den Roman aber trotzdem, und zwar weniger wegen seiner Naturbeschreibungen als wegen Maiers Hang zur Groteske.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.06.2002

Klausen ist ein Ortsname, und das, worauf der Name anspielt - von Klause über Klausner bis klaustrophobisch - ist auch ein, wenn nicht das Thema bei Andreas Maier, sagt Frauke Meyer-Gosau, die sich in eine richtige Begeisterung für diesen Roman hineinschreibt. Eine Provinzposse, ein Gebirglerschwank, heißt es in ihrer Kritik, der in literarisch konventioneller Weise das Provinzleben als einen "Kult der Enge" beschreibt. Das Konventionelle bezieht sich ausschließlich auf die Erzählhaltung des Autors, die Meyer-Gosau als die eines allwissenden Anekdotenerzählers umreißt. Ansonsten mache es Maier seinen Lesern keineswegs einfach, sondern stürze sich begeistert in Konjunktive, verschwiemelte Satzkonstruktionen, Assoziationsgestrüpp. Die Abschottung nach Außen und gegen alles Fremde sei das eine Thema des Buches, das Meyer-Gosau beinahe burlesk abgehandelt findet, wohinter sich aber in Wirklichkeit das Problem der Ausgrenzung des Eigenen, des nicht der Norm Entsprechenden verberge. Begeistert äußert sich die Rezensentin über das Geschick des Autors, die Angst der Dorfbewohner vor Veränderung zu entlarven, die sich in einer Art Gerüchteküche und Gedankenmaschinerie heiß reden, bis dann doch alles haarscharf an ihnen und ihrem Dorf vorüberzieht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.05.2002

Thomas Steinfeld ist das, was Andreas Maier zu bieten hat, etwas zu leichtherzig skurril. Gewiss, Maier sei ein Meister der Andeutungen, der unfertigen, verschränkten Gedanken, der indirekten Rede, so Steinfeld, und all diese munter verwirrenden Brechungen würden eine zeitlang Spaß machen, doch letztlich bleibe nur Raunen. Vielleicht soll das so sein, es geht ja um das Gerücht, aber Steinfeld schmeckt der Roman trotzdem nicht. Vielleicht, vermutet er, weil die Strukturen so unglaublich einfach sind. Auch dass Maier seinen ersten Roman noch einmal geschrieben hat, nimmt Steinfeld dem Autor etwas übel. Und zuletzt irritiert ihn auch die Harmlosigkeit dieser Prosa: Menschen scheinen "Gartenzwerge" zu sein, niemand wird zu Schaden kommen, denn satirisch ist Maier nicht, höchstens grotesk. Wieder ein Exemplar dieser "netten, onkelhaften, schulterklopfenden" Erzählliteratur "für Gemütsmenschen". Doch dieses stille "Einverständnis mit dem Lauf der Welt (...) kann auf die Dauer nicht genügen", meint Steinfeld.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.05.2002

Schon Andreas Maiers erster Roman "Wäldchestag" hat Ulrich Greiner schwer beeindruckt und zu dem Schluss geführt, dass es sich bei Maier um einen der "begabtesten Schwadroneure unter den jüngeren Autoren" handelt. Nach zwei Jahren hat Maier nun seinen zweiten Roman vorgelegt, diesmal angesiedelt im südtirolischen Klausen, und den findet der Rezensent nicht minder gelungen. Den Leser erwarten, verspricht Greiner, 200 Seiten "vergnügter Lektüre", eine Geschichte über ein kleines Städtchen, in der Gerüchte und Verschwörungstheorien zum lebensbestimmenden Moment der Bewohner werden. Doch eine Verschwörung, verrät der Rezensent, findet hier gar nicht statt. Was Maier geschrieben hat, ist ein Lehrstück über das Gerede, denkt der Rezensent. Die Pointen dieses Romans seien "lustvoll" und "wirkungsvoll", auch wenn es Maiers Figuren an "Plastizität" fehlt, meint Greiner. Zwar verstehe der Autor es großartig, mit den Perspektiven zu spielen und seine "Figuren von außen wie von innen" zu lenken, doch bewirke die so erzeugte Distanz beim Leser, dass er von der Geschichte "nicht wirklich" berührt wird. Trotzdem aber, resümiert Greiner, hat Maier die Hürde vom ersten zum zweiten Roman "mit Schwung und Geschick" genommen. Der Rezensent wartet bereits ungeduldig auf das nächste Werk des Autors.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

Den Namen dieses Autors, Andreas Maier mit "ai", sollte man sich merken, empfiehlt Marius Meller. Vor zwei Jahren sorgte er mit seinem Debüt "Wäldchestag" für Aufmerksamkeit. Damals hatte man Maier vorgeworfen, etwas sehr offensichtlich bei Thomas Bernhard abgekupfert zu haben, behauptet Meller. Ähnlichkeiten gesteht auch dieser Rezensent zu, doch nimmt er den Autor nachträglich in Schutz und hat voller Spannung dessen "Zweitling" "Klausen" gelesen. Wieder siedelt Maier seine Geschichte in einem kleinen Dorf an, diesmal in Südtirol. Und wieder begegnet dem Leser ein ganzer Reigen skurriler Gestalten, die sich in dem engen Eisacktal auf kleinem Raum drängen. Doch diesmal hat sich der Autor von Bernhard emanzipiert, findet der Rezensent. Die Erzählhaltung sei eher anonym und auktorial. Ganz und gar kunstfertig und raffiniert spiele Maier sein Talent aus, Gruppenphänomene anschaulich aufs Papier zu bringen, schwärmt Meller. In "Klausen" habe der Autor nicht das Individuum, sondern das Gesellschaftliche ins Visier genommen - und auch hier zeige er, so Meller, Distanz zu Thomas Bernhard.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002

"Glänzend konstruiert" findet Rezensent Hubert Spiegel im Aufmacher der Literaturbeilage diesen Roman: ein lustiges Pamphlet gegen den "Zivilisationslärm", eine Verteidigung der Stille und eine Kriminalgeschichte zugleich. Für Spiegel gehört Autor Andreas Maier seit seinem Debüt "Wäldchenstag" vor zwei Jahren ohnehin zu den "interessantesten" Stimmen unter den jungen Autoren der deutschsprachigen Literatur gehört. Sein damals begonnenes Projekt, die "Erneuerung des Heimatromans als philosophisch-sprachskeptisches Genre", verfolgt Maier dem Rezensenten zufolge auch in diesem Roman weiter. Rückwirkend werde der Zeitraum von drei Wochen beschrieben, in dem die Beteiligten innerhalb kürzester Zeit durch verborgene und erfundene Konflikte immer stärker unter Druck geraten. Der Rezensent beschreibt, wie im kleinstädtischen Klausener Klima Verdächtigungen und Unterstellungen den Druck immer weiter erhöhen. Bei der Beschreibung der daraus resultierenden Missverständnisse, Behauptungen, Halbwahrheiten, Lügen und Spekulationen bescheinigt Spiegel dem Autor "Meisterschaft" und ein feines Ohr für das gesprochene Wort. Das Gerede hülle alle Menschen in einen Sprachnebel und mache Erkenntnis unmöglich, bringt Spiegel schließlich die Moral von Maiers Geschichte auf den Punkt.
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