Das vielschichtige Spannungsverhältnis zwischen Polen und dem Osten prägt das politische Denken und die Kultur des Landes. Einige Stichworte: Russifizierung und imperiale Machtpolitik, kommunistische Bedrohung, neue osteuropäische Nationalismen, Bürgerkriege, Flucht und Vertreibung, die Zugehörigkeit zum "Ostblock" und die Auflösung desselben, Polens Sehnsucht nach dem Westen und der Sehnsuchtshorizont der verlorenen Ostgebiete, die neuen Nachbarschaften nach der politischen Wende mit Rußland, Ukraine, Weißrußland und auch Litauen. Andrzej Chwalba zeichnet in seiner Anthologie die komplizierte Geschichte und Gegenwart nach und erhellt anhand ausgewählter Texte der letzten hundert Jahre, wie Polen sich den Osten denkt. Der Band enthält Texte von Pawel Jasienica, Jozef Pilsudski, Aleksander Hertz, Paulina Watowa, Gustav Herling, Stanislaw Vincenz, Adam Zagajewski und anderen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.02.2007
Authentisch findet Ulrich M. Schmid diese Anthologie zur Geschichte des polnischen Russlanddbildes nur insofern, als sie die alte Mythenwelt polnischer Historiografie samt "holzschnittartigem Russenbild" bestätigt. Die Dokumentation russischer Gewalttaten will Schmid dem Herausgeber Andrzej Chwalba jedoch keineswegs ankreiden. Ein ausgewogeneres Bild der Verhältnisse, das etwa die unrühmliche Rolle Polens im Polnisch-Sowjetischen Krieg deutlich macht und dem "romantischen Opfermythos" entgegenwirkt, hält der Rezensent allerdings für zeitgemäß. Gleiches gilt für die von ihm schmerzlich vermisste Erwähnung kultureller und politischer Bemühungen prominenter Russen wie Piotr Wjasemski oder Joseph Brodsky.
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