Eine Tote lässt ihr Leben Revue passieren, das sie aus ihrer litauischen Kleinstadt ins tiefe Russland verschlagen hat. Sie war überzeugte Kommunistin und ließ sich von ihrem litauischen Mann - einem passiven, an nicht interessierten Alkoholiker - scheiden und folgte dem Russen Anatolij in eine russischen Kleinstadt. In der Partei hatte sie es schwer mit den Männerhierachien, in der Stadt blieb sie eine Fremde, und der Mann ist jähzornig und gewalttätig und hat ihr das Gesicht verbrannt: "Ich bin Blaubarts Frau mit einem Bügeleisen verbrannten Gesicht." Sohn und Tochter kehren nacht Litauen zurück und erleben die ersten Jahre der Unabhängigkeit. Während sich die Tochter von den Erinnerungen an "Blaubart", den aggressiven russischen Stiefvater, befreien kann und vor ihrem ständig betrunkenen liltauischen Vater in die Stadt flieht, studiert und Schriftstellerin wird, findet der Sohn keine Lebensperspektive. Sehr spät kommen beide in Kontakt mit ihrem Halbbruder in Russland. Aus den Erzählungen der vier Personen entsteht nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch ein vielschichtiges Gemälde von Mentalitäten und Milieus, das durch seine bilderreiche Phantasie ebenso fasziniert wie durch seine Ironie. Das Leben in der Provinz und die litauische Hauptstadt Vilnius in den 1990er Jahren werden in vielen authentischen Details in Bild gerückt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.04.2011
Tief ergriffen ist Rezensentin Judith Leister nach der Lektüre von "Blaubarts Kinder". Denn dieses Familiendrama der litauischen Autorin Renata Serelyte lasse wenig Raum für Trost: Die Mutter lässt ihren trinkenden Ehemann in Litauen zurück, um mit ihrem prügelnden Liebhaber nach Russland zu fliehen und stirbt dort bald bei einem Badeunfall. Zurück bleiben drei Kinder, die sich -aufgewachsen in finsteren Milieus litauischer und russischer Kleinstädte- erst spät wiederfinden und ihre Geschichte aufarbeiten. Die Rezensentin sieht die Familiengeschichte immer wieder auch in den Zusammenhang mit dem Kommunismus gesetzt, etwa wenn ein Parteigenosse der Mutter ihren kleinen Sohn nur mit einem lapidaren "Es gibt sie nicht mehr" über ihren Tod in Kenntnis setzt. Durch die vielen Handlungsschilderungen erscheint der Text Judith Leister etwas zu "hyperaktiv", sie rät der "hochbegabten" Autorin deshalb, in Zukunft mehr auf die Stärke ihrer Erzählung zu vertrauen.
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