Freiheit
Erinnerungen 1954 - 2021

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2024
ISBN
9783462005134
Gebunden, 736 Seiten, 42,00
EUR
Klappentext
16 Jahre trug Angela Merkel die Regierungsverantwortung für Deutschland, führte das Land durch zahlreiche Krisen und prägte mit ihrem Handeln und ihrer Haltung die deutsche und internationale Politik und Gesellschaft. Doch natürlich wurde Angela Merkel nicht als Kanzlerin geboren. In ihren gemeinsam mit ihrer langjährigen politischen Beraterin Beate Baumann verfassten Erinnerungen schaut sie zurück auf ihr Leben in zwei deutschen Staaten - 35 Jahre in der DDR, 35 Jahre im wiedervereinigten Deutschland. Persönlich wie nie zuvor erzählt sie von ihrer Kindheit, Jugend und ihrem Studium in der DDR und dem dramatischen Jahr 1989, in dem die Mauer fiel und ihr politisches Leben begann. Sie lässt uns teilhaben an ihren Treffen und Gesprächen mit den Mächtigsten der Welt und erhellt anhand bedeutender nationaler, europäischer und internationaler Wendepunkte anschaulich und präzise, wie Entscheidungen getroffen wurden, die unsere Zeit prägen.
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Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.12.2024
Erst hat Merkel alles richtig gemacht, und jetzt haben wir den Salat. Man kann nicht behaupten, dass Susanne Gaschke, ehemals SPD-Politikerin, heute nach rechts gerückt, Angela Merkels Autobiografie mit großer Sympathie bespricht. Als leuchtendes Gegenbeispiel hält sie ihr Boris Johnsons Memoiren entgegen, die aber bisher nur auf Englisch erschienen sind. Dröge sind Merkels Ausführungen, so Gaschke, und das auch bei Themen, wo ein bisschen Pathos und ein bisschen Infragestellung der eigenen Person fällig wären. Ein Beispiel ist für Gaschke die Corona-Politik, wo sie wohl Alternativen zu strikten Lockdowns gesehen hätte. Aber substanzieller wird ihre Kritik beim Russland-Thema. Wo Boris Johnson gleich begreift, dass Putin mit der Ukraine den freien Westen angreift, so Gaschke, tut Merkel so, als hätte sie nach der Besetzung der Krim erstmal pädagogisch handeln müssen. Ihr sei es vor allem darauf angekommen, dass sie "nicht diejenigen Kräfte in der ukrainischen Regierung stärkt, die allein auf eine militärische Lösung hofften", zitiert Gaschke. Hier wird für die Rezensentin die notorische Piesepampeligkeit Merkels zu einem historischen Versagen. Am Ende macht Gaschke einen entscheidenden Charakterunterschied zwischen Merkel und Johnson aus: Merkel frage sich immerzu, "warum CDU", während Johnson sich seiner als Tory stets frohgemut sicher sei.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.11.2024
Der Historiker Andreas Rödder widmet sich hier eher einer Kritik von Merkels Regierungszeit als einer Analyse des Textes: "Dahinter ist nichts", hält er mit Bezug auf Merkels unaufgeregte Fassade fest. Er vermisst in ihrem Buch eine aufrichtige Selbstkritik, ist für ihn doch beispielsweise glasklar, dass die angeblich von Merkel verursachte "Hegemonie eines grünen Denkens" mit dem Ausstieg aus der Kernenergie für den Abstieg der deutschen Wirtschaft verantwortlich ist, die sich seiner Meinung nach damit schon sozialistischer Planwirtschaft annähere. Auch in der Migrationsdebatte habe Merkel versagt, der Kritiker meint, die entstandenen Probleme erkenne die Altkanzlerin bis heute nicht. Auch in Bezug auf die Ukraine und die Pandemie wirft er Merkel vor, das Land in einen "Sinkflug" gebracht zu haben, den sie weder in ihrer Politik noch in ihrem Buch einräumt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 28.11.2024
Dezidiert nicht als Angela-Merkel-Fan bespricht Rezensent Navid Kermani die Biografie der ehemaligen Kanzlerin und ist umso erstaunter darüber, wie gut ihm insbesondere deren erster Teil, der sich dem Aufwachsen in der DDR widmet, gefällt. Toll, wie Merkel hier in vielen kleinen Szenen, die zum Beispiel ihre Zahnspange oder Westhits auf Ostpartys behandeln, uns teilhaben lässt an ihrer charakterlichen Prägung, freut sich Kermani, dem auch zusagt, wie ambivalent die Autorin über die DDR schreibt, einerseits die vielen Schwierigkeiten benennt, die das Regime ihr in den Weg legte, andererseits aber dennoch von einer schönen Kindheit berichtet. Auch Merkels Weg in die Politik ist Kermani zufolge sehr schön beschrieben, etwa wenn sie mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann ihr erstes Bundestagsbüro besichtigt und dabei wieder zum Teenager wird. Weit weniger erfreulich sind freilich die Teile, ärgert sich der Rezensent, die sich mit Merkels Kanzlerschaft beschäftigen, Selbstkritik findet er hier nur in Details, keineswegs jedoch, wenn es um strategische Entscheidungen geht, die sich im Nachhinein als fatal erwiesen haben. Als Beispiele nennt er die restriktive Coronapolitik und vor allem die zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland - Merkel setzt sich hier nicht mit Kritik auseinander, sondern beharrt darauf, das einzig mögliche getan zu haben. Gleichwohl stellt Kermani am Ende noch einmal klar, dass dieses Buch eine deutlich reichhaltigere Lektüre ist als die meisten Politikermemoiren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 27.11.2024
Angela Merkels Autobiografie liest sich wie ihre Amtszeit: "lang und kurvenreich", schreibt der durchaus angetane Rezensent Matthias Koch. Besonders würdigt er die detaillierte Selbstreflexion, die Merkel ohne Ghostwriter, aber gemeinsam mit ihrer langjährigen Büroleiterin Beate Baumann, verfasst hat. Ihre "stoische Nachsicht" habe möglicherweise im Elternhaus in Templin ihren Ursprung und sich später auf ihren Regierungsstil übertragen, mutmaßt Koch. Ein "Happy End", so Koch, bleibt jedoch aus: Stattdessen zieht Merkel eine nüchterne Bilanz ihrer Krisenpolitik, in der Teamgeist und Achtsamkeit zentrale Rollen spielten - ob in der Eurokrise, der Corona-Pandemie oder im Umgang mit europäischen Nachbarn. Kritische Punkte, wie ihre Russlandpolitik, sieht Koch gelassener. Merkels integrativer Führungsstil könnte, so der Rezensent, gerade in heutigen turbulenten Zeiten wertvoll sein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2024
Die FAZ bespricht das Buch zweimal, wobei sich Rezensent Michael Martens in seiner Analyse auf einen kleinen Teil des Buches konzentriert, auf Merkels Schilderungen ihres Handelns in der Flüchtlingskrise 2015. Martens schildert, wie Merkel ihren Satz "Wir schaffen das" verteidigt. Entlang des Buches rekonstruiert er die Situation im Jahr 2015, die zu diesem Satz geführt hat, nachdem immer mehr Flüchtlinge über die Balkanroute in Richtung Europa reisten. Später wird auch das Selfie thematisiert, das Merkel mit einem Geflüchteten aufnimmt. Hier macht es sich Merkel zu einfach, findet Martens, wenn sie meint, das Bild habe niemanden nach Deutschland gelockt, in den Augen des Rezensenten kann es bei der Fluchtentscheidung durchaus eine Rolle gespielt haben. Außerdem kritisiert der Kritiker, dass Merkel zwar viel über die Folgen ihres Handeln in der Welt nachdenkt, aber wenig darüber, was die vielen Neuankömmlinge für das Leben der Leute, die schon länger in Deutschland leben, bedeutet. Nicht zuletzt fällt Martens auf, worüber Merkel, die das Jahr 2015 als eine Zäsur in ihrer Amtszeit benennt, nicht schreibt, wie etwa ihre Ablehnung von "Multikulti" im Jahr 2010. Wie vielen Erinnerungsbüchern geht es auch diesem darum, die Vergangenheit nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu verändern, schließt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2024
Die FAZ bespricht das Buch zweimal: Rezensent Günter Bannas erkennt einmal mehr, dass Schweigen zur Machtpolitik dazugehört. Beim Lesen der von Angela Merkel zusammen mit ihrer langjährigen Vertrauten Beate Baumann verfassten Lebenserinnerungen wird Bannas schnell klar, dass Merkel nur wenig bereut, das Rauchen in der Öffentlichkeit vielleicht. Wenn Merkel ihren steinigen Weg nach oben und ihre Zeit an der Spitze beschreibt, gibt es nur wenig Selbstkritik, stellt Bannas fest. Ob und was Merkel bedauert steht nicht im Buch, meint er, genauso wenig wie Abrechnungen. Sogar Merz kommt noch gut weg, staunt Bannas mit spürbarer Enttäuschung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.11.2024
Dieses Buch ist wie seine Autorin, findet Rezensent Stefan Kornelius. Heißt: Genau so sachbetont und nüchtern, wie Angela Merkel Politik gemacht hat, schreibt sie nun auch ihre Erinnerungen nieder. Gemeinsam allerdings mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann, die nun, endlich einmal, ihrer immensen Bedeutung für Merkels Arbeit gemäß, ins Zentrum rückt, freut sich Kornelius. Das Buch selbst ist manchmal freilich schon ermüdend, findet Kornelius, der den uneleganten, staubtrockenen Stil inklusive vieler Substantivierungen moniert, und auch Merkels Detailfreude übertrieben findet, etwa wenn sie die Abflugszeiten ihrer Flüge notiert. Vor allem aber hält sie sich fast durchweg mit Wertungen zurück, nur bei drei Themen wird sie, lernen wir, auskunftsfreudiger: ihr Aufwachsen in der DDR wird mit bisher unbekannten Anekdoten beleuchtet, und wenn sie über die Ukraine-Politik sowie ihr Handeln in der Flüchtlingskrise 2015 schreibt, wird das Buch interessant. Putin wird von Merkel als ihr Gegenspieler beschrieben, heißt es weiter, den sie ihrer Meinung nach so lange im Griff hat, wie sie ihn in kontinuierliche Gespräche verwickeln und damit von einseitigem Handeln abhalten konnte. Merkels Gedanken darüber, wie Deutschland nun sicherheitspolitisch handeln soll, bleiben hingegen blass, findet Kornelius. Insgesamt scheint Kornelius der Lektüre, dem spröden Stil zum Trotz, doch einiges abgewinnen zu können.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 26.11.2024
Rezensent Stefan Reinecke fragt sich angesichts der von Angela Merkel mit Beate Baumann verfassten Autobiografie, warum Macht eigentlich so öde aussieht. Merkels Rückblick auf das Leben in der DDR (anekdotenreich), ihren Aufstieg bis 2005 (verwundert) und die 16 Kanzlerinnenjahre (farbarm) liest Reinecke mit wachsender Beklemmung, weil Merkel, je näher sie retrospektiv der Macht kommt, auch stilistisch immer langweiliger, formelhafter, staatstragender wird. Mit dieser "Funktionärssprache" beschreibt das Buch für Reinecke allerdings ganz gut die Verstaatlichung einer Person Merkel. Was davor kommt, ist weder Blick hinter die Kulissen noch selbstkritisch oder auch nur neu. Für den Rezensenten alles andere als überraschend. Ziemlich "wohlfeil" findet Reinecke allerdings die Forderung nach Selbstkritik der Kanzlerin: KanzlerInnen sind "in dem föderalen bundesdeutschen System schwächer, als sie scheinen: eher Kompromissmaschinen als Machthaber", schreibt er.